Das Bild ist der Star

Porträt Eleganter Trash: Elizabeth Peytons Malerei wird der Vorwurf gemacht, flach und star-fixiert zu sein. Unsinn, meint unser Autor nach einer Begegnung mit der Künstlerin

Mit Anfang 20 malte Elizabeth Peyton Porträts für 200 Dollar das Stück. „Das tat weh“, sagt sie. „Ich war nicht besonders gut. Eine Sache muss mich schon richtig berühren, damit ich ihr vollauf gerecht werden kann.“ Zwei Jahrzehnte später bringen Peytons nahezu ehrfurchtsvolle Studien von Rockstars, Berühmtheiten und (toten wie lebenden) europäischen Monarchen große Summen ein. 2005 wurde ihr Bild John Lennons bei einer Auktion für 800.000 Dollar verkauft.

Peyton machte 1987 ihren Abschluss an der New Yorker School of Visual Arts. Es war die Zeit der protzigen, hoch-konzeptionellen Kunst – Jeff Koons machte seine Porzellan-Statuen von Michael Jackson und Studenten wurden mehr dazu angehalten, wie Stars zu denken und im Augenblick zu leben, als traditionelle Techniken zu erlernen. Peyton aber wollte einfach nur Menschen malen. „Wenn man damals malte, dann tat man dies auf ironische Art und Weise oder thematisierte, warum es falsch sei zu malen. Ich fand das aber stumpf.“

Wir treffen uns an einem schwülen Nachmittag auf dem Dach von Gavin Brown's Enterprise, Peytons Manhattener Galerie. Die leger in Shorts, Weste, eine teure Sonnenbrille und Sandalen aus pfirsichfarbenem Wildleder gekleidete Lieblingsmalerin des Vogue-Magazins und Vertraute des Designers Marc Jacobs macht einen unprätentiösen und offenen Eindruck. Sie hat ihre Pitbull-Kreuzung Harry dabei und reicht mir die rechte Hand. Etwas verlegen fasse ich sie am Handgelenk: Sie kam mit nur zwei Fingern zur Welt – Daumen und Zeigefinger, mit denen sie die Leinwand hält, während sie mit der linken Hand malt. In den vergangenen Jahren hat sie die Bewohner ihrer Downtown-Szene mit so vielen Falten gemalt, dass die Vermutung nahe liegt, sie habe ihr jugendhaftes Schönheitsideal hinter sich gelassen. Seit dem 9. Juli ist ihre Retrospektive in der Whitechapel Gallery in London zu sehen. Ausgestellt sind unter anderen Porträts von Jacobs, dem Galleristen Gavin Brown, dem Konzeptkünstler Matthew Barney und Peytons Ex-Gatten, dem Künstler Rirkrit Tiravanija.

Elegante Miniaturen

Das mutet alles ein wenig inzestuös an. Die Premiere der Ausstellung im New Museum in Manhattan hatte gewaltigen Andrang, rief jedoch auch Kritiker auf den Plan, die die Bilder als geistlose, Star-fixierte Eintagsfliegen bezeichneten. Das ficht Peyton aber überhaupt nicht an. „Wenn ich jetzt zurück schaue, hatte ich Angst, meine Arbeiten könnten unreif wirken, aber dann wurde mir klar, dass es wirkliche Malereien waren.“ Damit meint sie wohl, dass sie eigenständig funktionierten. „Ein Bild einer Person kann beschreibend sein, mir aber geht es mehr um alles, was ein Bild zu einem Bild macht – die Gefühle, die Pinselstriche – als darum, jemanden zu beschreiben. Die Leute hängen sich immer an den dargestellten Persönlichkeiten auf, wenn sie über meine Arbeit sprechen und vergessen darüber deren anderen Elemente.“

Am Tage nach dem Wahlsieg Barack Obamas wurde der Retrospektive ein Bild hinzugefügt, dass seine Gattin Michelle Obama und die gemeinsame Tochter Sasha als Zuhörerinnen seiner Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Denver zeigte. Peyton hatte sich ursprünglich gewünscht, dass der Präsident selbst ihr Modell sitzen würde, doch als sich abzeichnete, dass er keine Zeit haben würde, arbeitet sie mit einem Foto Michelles – hinzu fügte sie „ein bisschen Gauguin – und meine Gefühle ihr gegenüber und darüber, wie fantastisch das alles war.“

Ihren Durchbruch erlebte Peyton 1939 im New Yorker Chelsea Hotel. Auf der Einladung wurden Kritiker und Sammler gebeten, nach dem Schlüssel zu Zimmer 828 zu fragen. Es war eine kleine Schau, die einen bewussten Kontrast zu den überdimensionierten, „eventigen“ Eröffnungen darstellte. Noch nicht einmal 50 Menschen sahen Peytons Kohle- und Tintenzeichnungen von Napoleon, Marie Antoinette und Queen Elisabeth II., doch es genügte, die einflussreichen US-Kritiker Roberta Smith und Jerry Salz aufmerksam zu machen. Als Peyton bereit für ihre erste Einzelschau war, war ihr Name bereits ein Begriff.

Ihre kaum mehr als ein DIN A4 großen Öl-auf-Holz-Portraits sind elegante Miniaturen und scheinbar trashiges Fanzine-Futter zugleich. Als illustrierte Edouard Manet den NME. Mit kühnen, breiten Pinselstrichen, die zwischen Realismus und Abstraktion schwanken, stellen sie ihre imaginären Bekanntschaften mit Liam Gallagher, Jarvis Cocker, den Kennedys, Oscar Wilde und seinem Liebhaber Bosie dar. Peyton erzählt, es sei ein Moment der Offenbarung für sie gewesen, als ihr klar wurde, dass sie um gut malen zu können, Begeisterung für ihre Subjekte empfinden muss. Diesen Gedanken untermalt sie gestisch, rahmt sie ihr Gesicht mit den Händen ein und blickt mit weit geöffneten Augen und Mund betört nach oben.

Vage Tiefe

Die Augen der Malerin haben nie gelernt zusammenzuarbeiten, weshalb es ihr schwer fällt, Entfernungen einzuschätzen. „Es ist gar nicht ungewöhnlich, Tiefe nicht wahrnehmen zu können,“ erklärt sie. „Man sieht alles flach. Ich frage mich allerdings, ob die Betroffenen eher zum Malen neigen als andere.“ Entstehen dadurch auch Schwierigkeiten? „Beim Parken. Im Seitwärts einparken bin ich auf jeden Fall mit einem Boot viel besser, wenn um mich herum mehr Platz ist.“

Als Vorlage für ihre Bilder dienen ihr für gewöhnlich Fotos. Bei Kurt Cobain waren es Bilder der Gedenkausgabe, die der Rolling Stone dem Nirvana-Sänger, der 1994 Selbstmord beging, gewidmet hatte. Hat sie schon einmal Gelegenheit gehabt, ihre Idole, zumindest diejenigen, die noch unter den Lebenden weilen, zu treffen und live zu malen? Mit einem leichten Anflug von Ungeduld sagt sie: „Ich nenne diese Bilder nicht 'Rock Star-Bilder'. Ich betrachte die Dargestellten eher als Menschen, die eben Dinge tun.“ Warum malt sie dann keine Schweißer oder Schreiner? „Irgendetwas an der Musik fasziniert mich – die unmittelbare Art und Weise wie Emotionen übermittelt werden. Bei Liam Gallagher zum Beispiel wollte ich das einfangen, was in seiner Stimme war und nicht so sehr sein Aussehen.“

Fühlt sie sich wohl in einer Kunstbranche, die Berühmtheiten braucht? „Was das Wort Berühmtheit betrifft, weiß ich nicht. Doch als Person, die Teil der Kultur ist, warum nicht? Im Frankreich des 19. Jahrhunderts waren Künstler Teil der Regierung. Künstler sind ihrer Zeit gegenüber sehr sensibel. Sie sind sehr nachdenkliche Menschen – es macht Sinn, sich anzuhören, was sie zu sagen haben.“


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09:45 12.07.2009
Geschrieben von

Andrew Purcell, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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