Das Bordell soll brennen

Griechenland Für viele Griechen sind die derzeitigen Proteste und Streiks nur ein Vorgeschmack, auf das, was noch kommen wird, wenn die Spardiktate durchgesetzt werden

Gestern um 14.03 Uhr starben im dritten Stock eines klassizistischen Gebäudes im Herzen von Athen drei Menschen. Griechenland ist nicht mehr dasselbe Land wie zuvor. Als die Bankbeamten erfolglos versuchten, die Flammen abzuwehren, deren Ursache eine Brandbombe war, die Demonstranten ins Gebäude geworfen hatten, forderte die Wirtschaftskrise nicht nur die ersten Todesopfer: In diesem Moment wichen Fassungslosigkeit und Enttäuschung einer Gewalt, die von einem unberechenbaren Strom des Zorns getragen wird.

„Wir alle sind sehr wütend“, rief die Beamtin Stella Stamou, die einen Block von der Bank entfernt an einer Straßenecke stand und sich heiser brüllte. „Schreiben Sie das – wütend, wütend, wütend, wütend!“ Stamou nahm an der größten Demonstration in der Geschichte der griechischen Hauptstadt seit der Rückkehr zur Demokratie 1974 teil. „Wir sind wütend auf unsere eigenen Politiker, wütend auf den IWF, wütend auf die EU, wütend darauf, dass wir unser Einkommen verloren haben, wütend, weil uns nie die Wahrheit gesagt wurde.“

In ganz Athen sind Auswirkungen dieser Wut zu sehen: Die zentralen Boulevards und Plätze gleichen Kriegsschauplätzen, man stößt auf brennende Autos, brennende Mülltonnen, brennende Hotels, brennende Regierungsgebäude, zertrümmerte Fensterscheiben und Bürgersteige. Angesichts der Trümmer erscheint dem 28-jährigen irakischen Kurden Karwan Ahmet das Bild, das sich ihm bietet, „wie eine Szene direkt aus dem Irak vor. Das hier erinnert mich an das ganze Elend, das wir in Kirkuk gesehen haben.“

Salve um Salve

Was als Generalstreik begann, zu dem die Gewerkschaften aufgerufen hatten, um gegen die Sparmaßnahmen zu protestieren, wuchs sich aus zu einer Flut des Zorns, als etwa 100.000 Angestellte des privaten und öffentlichen Sektors auf die Straße gingen und riefen „die Plutokratie soll zahlen“. Gegen Mittag nahm der Zorn eine neue, entschlossene Dynamik an, als die Demonstranten – darunter einst treue Anhänger der regierenden sozialistischen PASOK – „Diebe, Diebe“ zu brüllen begannen. Ihr Hass richtete sich schon bald gegen die Sandsteingebäude des griechischen Parlaments. Sie lieferten sich ein Handgemenge mit der Polizei, verscheuchten die Wächter vom Grabmal der Unbekannten Soldaten und versuchten mit Äxten bewaffnet unter dem Schlachtruf „das Bordell soll brennen“ das Gebäude zu stürmen.

Während im Inneren des Parlaments die Abgeordneten über die drakonischen Wirtschaftsreformen diskutieren, die IWF und EU im Gegenzug für die größte Rettungsaktion der Geschichte fordern, feuert draußen die Bereitschaftspolizei Salve um Salve beißenden Tränengases auf die Menge, um sie in Schach zu halten. „Sie haben alle Dreck am Stecken und sich an öffentlichen Mitteln bereichert“, schimpft einer der Demonstranten und schwingt drohend einen Holzknüppel. „Unsere Politiker tragen voll und ganz die Schuld, und die schlimmsten Übeltäter wissen das ganz genau, denn sie haben bereits das Land verlassen.“

Angesichts der Deadline, die Griechenland dazu zwingt, bis zum 19. Mai seine niederschmetternden Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro neu zu finanzieren, haben die EU und der IWF sich vergangene Woche darauf geeinigt, 120 Milliarden Dollar in die hungrige Staatsschatulle zu schaufeln – unter der Bedingung, dass Athen beispiellose Haushaltskürzungen vornimmt. Ein derart strenges Prozedere – vorgesehen ist unter anderem, dass die Löhne und Renten im öffentlichen Sektor eingefroren und die Steuern erhöht werden – hat Griechenland seit es 1949 die Entbehrungen des Bürgerkriegs überstand, nicht mehr gesehen.
„Warum sollte der kleine Mann für diese Krise bezahlen?“ meint Giorgos Didimopoulos, ein 55-jähriger Juwelier, der zur kommunistischen Gewerkschaft gehört. „Was die Leute übersehen, ist, dass wir Griechen keine Autoritäten mögen. Wir haben uns immer widersetzt, wenn uns etwas nicht gerecht vorkam. Wir haben in Marathon gegen die Perser gekämpft und gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und wir werden jetzt gegen den IWF kämpfen. In der Realität haben wir nicht länger eine Regierung. Wir sind jetzt in der Hand ausländischer Mächte.“

Wo liegt die Grenze?

Umfragen belegen, dass Didimopoulos mit seiner Meinung nicht allein dasteht. Die Wahrnehmung breitet sich aus, dass die Geringverdiener, die bereits von den drei vorangegangen Sparpaketen betroffen waren, unverhältnismäßig stark unter dem auf drei Jahre angesetzten Steuer- und Strukturprogramm leiden sollen. Mehrere Umfragen kamen zu dem Ergebnis, dass eine große Mehrheit bereit ist, auf die Straße zu gehen, um sich den „barbarischen“ Maßnahmen zu widersetzen. Für viele sind die Ereignisse des gestrigen Tages nur ein Vorgeschmack, auf das, was kommen wird. Da die Gewerkschaften den Generalstreik unterstützen – der das Land lähmt und vom Rest der Welt isoliert – gelten die Demonstrationen als entscheidende Bewährungsprobe für Premier Papandreous Willen, die Reformen durchzuziehen.

Deutschland, das den Löwenanteil der Nothilfe zahlt, war rasch mir der Warnung zur Hand, die Gelder würden versiegen, sollte Athen vom Kurs abweichen.
Doch Papandreou steht eindeutig ein Kampf bevor. „Sie können nicht länger behaupten, dass es sich um einzelne Gewalttaten handelt, die auf das Konto Steine werfender Anarchisten gehen“, meint Makis Papadopoulos, dem ein beliebter Souvenirladen im historischen Plaka Viertel gehört, wo die Händler ihre Geschäfte aus Angst mit Brettern vernageln. „Die Menschen hier werden immer weiter an die Armutsgrenze gestoßen. Durch die Intervention des IWF hat sich die Situation verändert. Sie ist jetzt explosiv und keiner weiß, wo jetzt noch die Grenzen liegen, wie weit die Griechen gehen werden, um ihrem Ärger Luft zu machen.“ Eine Lösung, meinen einige, könnte es nur geben, wenn Griechenlands korruptes politisches System von Grund auf aufgeräumt würde.

13:45 06.05.2010
Geschrieben von

Helena Smith | The Guardian

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