Das Ego ist immer der Motor

Weltrettungspop Die Band U2 ist gerade auf Tour. Ihre Mission dauert schon eine Weile länger: Wie geht man damit um, dass man von anderen angefeindet wird für sein Engagement?

Dienstagnacht in der Amsterdam-Arena. Ein gewaltiges Videobildschirm-Mosaik. Grün überflutet. Darunter die Mitglieder der Band U2. Es ist die dritte Woche ihrer 360-Grad-Tour. Als die Band Sunday Bloody Sunday anstimmt, laufen Bilder von Demonstranten in Teheran neben Versen des iranischen Dichter Rumi in Farsi über die Bildschirme. So erhält ein vor 26 Jahren geschriebener Song über politische Gewalt in Nordirland einen neuen, eindringlichen Kontext.

Die Szene zeigt bildhaft die einzigartige Sorte Stadionaktivismus, den U2 pflegen. Weiterhin gibt es ein Tribut an die inhaftierte burmesische Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi während des Songs Walk on, eine aufgezeichnete Botschaft Desmond Tutus für die One-Kampagne, zu deren Gründern Bono zählt und die sich dem Ziel verschrieben hat, Unterstützung für einen Schuldenerlass an Entwicklungsländer und die Aids/HIV-Bekämpfung zu mobilisieren. Keine andere weltweit erfolgreiche Rockband hat jemals so ausdauernd politische Themen in den Vordergrund gerückt, geschweige denn sich auf den Fluren der Macht herum getrieben, um bei der Aushandlung von Abkommen mitzuwirken. So kommt es denn, dass sich im VIP-Bereich des Konzertes Repräsentanten von Amnesty International oder des Welternährungsprogramms der UNO und Model Helena Christensen und der Fotograf und Videoregisseur Anton Corbijn über den Weg laufen.

Gleichsam demonstriert die Szene die Grenzen des Ansatzes der irischen Band. U2 haben immer nach dem Prinzip gearbeitet, dass im Geschäft des Bewusstschaffens, alles, egal wie unvollkommen, besser ist als nichts. Beobachter der Lage im Iran hingegen könnten mit Fug und Recht behaupten, dass eine emotionsgeladene einminütige Collage die komplexe Situation vereinfachend darstellt oder gar trivialisiert. Es kommt ganz darauf an, wie viel Unvollkommenheit man zu akzeptieren bereit ist.

St. Bono, der Scheinheilige

Für die schärfsten unter den U2-Kritikern jedenfalls lautet die Antwort: nicht viel. Zu Live 8-Zeiten nannte der Reiseautor Paul Theroux Bono einen "Mythomanen – Menschen, die die Welt von ihrem Wert überzeugen wollen." Nachdem die Band ihren Hauptgeschäftssitz in die Niederlande verlegte, um Steuern zu sparen, betitelte die Daily Mail ihren Frontmann als "St. Bono, den Scheinheiligen". Der irische Schriftsteller Eamonn McCann bezeichnete die Musik der Iren vor Kurzem als "giftige Wolke fluffiger Rhetorik, einen Soundtrack für die unheilbar Selbstzufriedenen."

Das Objekt all dieser Schmäh denkt in seiner Amsterdamer Hotel-Suite über einem aus Cornflakes und schwarzem Kaffee bestehenden Frühstück über die Kehrseiten der Existenz als berühmtester Rockstar-Aktivist der Welt nach: "Viele Leute wissen gar nicht, was ich mache und denken deshalb: Er taucht einfach nur mit hungernden Afrikanern oder irgendeinem Präsidenten oder Premierminister auf Fotos auf. Wir mögen es nicht, wenn Rockstars gewählten Volksvertretern erzählen, was sie tun sollen und dann in ihre Villas in Südfrankreich abhauen." Dabei beharrt er: "Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man, dass da ein Typ zweieinhalb Tage die Woche zu Lasten seiner Familie und seiner Band an einer Sache arbeitet, für die er nicht bezahlt wird und es ihm egal ist, wenn er dafür Prügel bezieht."

In den späten 1970ern jung und irisch gewesen zu sein, prägte den politischen Ansatz der Band. Aufgrund ihrer persönlichen Eigenschaften und der Umstände war es ihnen weder möglich, à la The Clash mit Guerilla-Chic zu spielen, noch für eine Seite Partei zu ergreifen: "Die Menschen im Süden waren über die Terrorakte und die Brutalität im Süden immer entsetzt", sagt Bassist Adam Clayton. "Dies zu artikulieren hätte aber geheißen, mit den Briten zu sympathisieren. Die Sache war also kompliziert. Wir gehörten eher zu denjenigen, die versuchten, in dem Ganzen eine spirituelle Dimension zu finden, statt einfach auf die Barrikaden zu gehen."

Der Ernst der frühen Jahre

In den frühen 1980ern lastete eine Ernsthaftigkeit auf der Band, die versuchte, freudlosen Themen wie den "Troubles" in ihrer Heimat, der Apartheid und der Bedrohung durch einen Atomkrieg mit einer von der Soulmusik und Bob Marley inspirierten Spiritualität zu begegnen: "Das hört man eindeutig in den Aufnahmen", meint Gitarrist The Edge. "Die sind teilweise überspannt und viel zu intensiv. Wir versuchten manchmal beinahe verzweifelt, da irgendeine Verbindung herstellen zu können, was nicht immer hilfreich war. Unser Leben schien davon abzuhängen. Wir hatten das Gefühl, es gehe um alles oder nichts."

So konnte es nicht weitergehen, weshalb U2 sich darauf verlegten, das Positive zu betonen. Aus Pride (In the Name of Love) wurde statt einer Attacke auf Ronald Reagean ein Loblied auf Martin Luther King. Ein finster humorloses Image hatten sie trotzdem weg. Adam Clayton fasst es trocken so in Worte: "Das sind diese total ernsten Typen aus dem kriegszerissenen Nordirland, die die eine oder andere Sache zu sagen haben." Die 1992er-Tour Zoo TV mit ihren Spaßanrufen, Kostümen und medialer Überladung brachte dann lebensrettende Elemente ironischer Distanz ein. "Zu dem Zeitpunkt war uns klar geworden, dass es manchmal reicht, die richtigen Fragen zu stellen", erinnert sich The Edge. "Man muss nicht unbedingt mit der Antwort ankommen."

In den zurückliegenden zehn Jahren hat sich die Situation, in der die irischen Rocker sich finden, verkompliziert. Der hervorragende Band-Manager Paul McGuiness hatte Bono schon immer gesagt, die Aufgabe eines Künstlers sei es, Probleme zu beschreiben, nicht sie zu beheben. Doch seit seinen ersten Anstalten machte, sich der Jubilee 2000-Kampagne für den Schuldenerlass für Entwicklungsländer anzuschließen, wandelt Bono auf dem Minenfeld des handfesten aktivistischem Kampfes in den obersten Etagen. Der Rockstar-Diplomat: eine beinahe oxymoronische Rolle. "Unsere Aufgabe ist, ihn zurück auf seine Position als Künstler zu holen", bemerkt The Edge. "Künstler müssen sich nicht in der unscharfen Grau der politischen Realität betätigen. Sie können die Dinge in Schwarz-Weiß sehen, in Idealen."

Tête-à-Tête mit dem unbeliebtesten Politiker der Welt

Zudem hatte Bono das Pech, dass er sich zu einer Zeit in Washington für seine Anliegen einsetzte, in welcher der umstrittenste US-Präsident seit Jahrzehnten den umstrittensten Krieg seit Jahrzehnten vorbereitete. Während das Irak-Fiasko immer verheerendere Ausmaße annahm, hielt Bono ein diplomatischen Schweigen bei. Bilder, die ihn neben einen grinsenden George Bush ("dieser Typ da", wie Clayton ihn abfällig nennt) zeigten, suchten ihn nun ein.

Doch selbst nach Bush sucht Bono über Lagergrenzen hinweg Unterstützung für seine Kampagnen. Vor zwei Wochen enthüllte er gegenüber in einer Sendung des britischen Talkmasters Jonathan Ross, dass er 2006 beim eine Fotogelegenheit einer Umarmung George Bushs ausgewichen war, was für einen Schrei der Entrüstung unter rechten Bloggern sorgte und somit wiederum seinen Kampagnenpartnern Probleme bereitete. Er sagt, er sei "im Stillen" als Gegner des Krieges bekannt, weigert sich aber, dessen Architekten zu dämonisieren. "Ich musste meinen Fokus wahren. Sie fragen: 'Warum erheben Sie nicht die Stimme, gehen Sie nicht auf die Straße?' Ich habe dieses recht aufgegeben, seit ich mich in der Position befand, dem Wunsch zu überleben von Millionen Menschen, die keine Stimme hatten, Ausdruck zu verleihen."

Drummer Larry Mullen hingegen gab Anfang diesen Jahres zu, es bereite ihm Unbehagen, dass Bono mit "Kriegsverbrechern" verkehre. Heute fährt er bei der Erinnerung an diese Freimütigkeit zusammen: "Ich bereue bloß, dass ich es seinen Kritikern vielleicht einfacher gemacht habe, noch mehr Steine nach ihm zu werfen. Das war nicht meine Absicht", seufzt er. "Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich in meinen Ansichten auf die andere Seite wechseln würde, sondern damit, das größere Bild zu betrachten. Man kann hin- und her argumentieren, am Ende muss man doch aufstehen und sich sagen: "So funktioniert es." Wieder kommt es wohl drauf an, wie viel Unvollkommenheit man hinzunehmen bereit ist. "Ich war immer der Meinung, dass das Resultat jeden Weg wert war, auf dem er es erreicht hat", sagt Clayton. "Ich halte es nicht für einen zu hohen Preis, sich mit George Bush oder Tony Blair fotografieren zu lassen."

Bono macht sich Sorgen, sein Aktivismus könne seine Kollegen der Kritik aussetzen. "Sie kriegen einen Teil der Prügel ab, weil sie mich in der Band haben." Zu spüren bekamen sie das beispielsweise beid er Sache mit den Steuern. Bono reibt seine Handgelenke und seufzt: "Es ist nicht einfach. Was ich wohl bereue, ist, mich nicht ausführlicher dazu geäußert zu haben, aber wir hatten uns in der Band dagegen entschieden. Was mich getroffen hat, ist, dass es so war, als hätten wir unser Geld in irgendeiner Steueroase versteckt und die Leute denken gleich an die Kaiman-Inseln. Und dann engagiert man sich für Afrika und Transparenz – natürlich sah das nach Scheinheiligkeit aus. Leute, die ich verärgert hatte oder die uns wünschten, dass wir scheitern würden, erhielten endlich dass, worauf sie gewartet hatten. Es war ein Haken, an dem man mich aufhängen konnte. Er schlägt kraftvoll die Hände zusammen und stößt aus: "Wir haben ihn!" Dann lässt der Anflug von Ärger nach. "Die Menschen versuchen nur, ihr Bestes. Es kann einem nicht alles gelingen."

Der Mann mit dem Nerv-Gen

In Augenblicken wie diesem wird deutlich, dass sogar Bonos berühmt dicke Haut ihre verwundbaren Stellen hat. Auch wenn die Band sich der Widersprüche in ihren Haltungen bewusst ist ("Sich für die Möglichkeit eines Wandels zu öffnen, bedeutet nicht, einen unmöglichen Ideal gerecht werden zu müssen", meint The Edge), können sie es doch nicht umgehen, sich ab und zu darin zu verfangen. Des einen Widerspruch ist eben des anderen Scheinheiligkeit. Also richtet Bono die Schultern auf und versucht, zumindest offen zu sein. Gefragt, warum seine Lieder keine spezifischen Zielscheiben der Kritik beim Namen nennen, antwortet er: "Der bin meistens ich selbst. Die Scheinheiligkeit des menschlichen Herzens ist das Thema Nummer Eins. Wir zeigen selten mit dem Finger auf jemanden außer uns selbst."

Er weiß, warum einige Leute ihn nicht mögen. "Ich kann nerven", sagt er mit einem Grinsen. "Ich scheine eine Art Nerv-Gen zu haben." Doch er scheint nahvollziehbarer Weise den Vorwurf überdrüssig zu sein, er sei lediglich ein messianischer Aufschneider. Er hält es für ein Klischee, sein Handeln auf reine Egogetriebenheit zurückzuführen. "Wie Delmore Schwartz sagte: "Ego is always at the wheel." Das trifft auch bei Rockstars zu, bei ihnen ist es noch offensichtlicher. Das Bedürfnis geliebt und bewundert zu werden, rührt nicht von einem besonders schönen Ort. Anderseits tun die Menschen aus diesen Gründen einige großartige Dinge. Ego, also durchaus, aber das Ego, dass in allem steckt, zu dem menschliche Wesen fähig sind. Ohne Egos wäre alles ziemlich langweilig."

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 09.08.2009
Geschrieben von

Dorian Lynskey, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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