Das Ende der Welt fühlt sich gut an

Krise Die Globalisierung, wie wir sie kennen, hatte ihre beste Zeit in den 1990ern. Sie wird das System Trump nicht überleben
Das Ende der Welt fühlt sich gut an
Donald Trump bei der Eröffnung einer Fabrik des taiwanesischen Elektronikherstellers Foxconn in US-amerikanischen Wisconsin

Foto: Scott Olson/Getty Images

Beim Handelskrieg zwischen China und den USA geht es in Wahrheit nicht um ein aus dem Ruder laufendes Strafzollhickhack, und auch nicht darum, welches Alphatier am Ende als Sieger vom Platz geht. Wie schon in den 1930ern ist der anscheinend unaufhaltsame Schwenk hin zum Protektionismus Teil einer tieferen Krise des globalen Status quo. Als China jüngst die USA beschuldigte, „bewusst die internationale Ordnung zu zerstören“, klang darin an, dass die Hegemonie der USA in Zukunft nicht länger unangefochten sein wird. Das aber heißt: Die Globalisierung, wie wir sie kennen, geht zu Ende. Und das ist eine gute Nachricht.

Einst gepriesen als das Ende der Geschichte, war die Globalisierung in Wahrheit ein auf den Abbau von Kapitalkontrollen und Aufbau globaler Lieferketten gründendes System, das immer wieder zu Finanzkrisen führte, krasse Ungleichheit beförderte und den katastrophalen Klimawandel verschärfte. Es stimmt, dass Millionen von Menschen in den vergangenen 25 Jahren aus bitterer Armut in die Mittelschicht aufgestiegen sind, aber die meisten von ihnen leben in einem Land – China –, das den Markt immer auf Abstand gehalten hat.

Die Börsen fürchten sich vor dem Ende der Globalisierung. Sie geraten jedes Mal in Panik, wenn Donald Trump etwas Protektionistisches in die Welt hinaustwittert. Genauso multinationale Konzerne: Sie sorgen sich um den Schaden, den Handelsbeschränkungen ihren globalen Lieferketten zufügen könnten. Die Reichen und Mächtigen profitieren am meisten von der Globalisierung, sie werden ihre Privilegien nicht kampflos aufgeben: Nichts daran ist neu.

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Wellen der „Globalisierung“, auf welche Rückschläge folgten, wann immer das System sich überdehnt hatte. Solch eine Situation erleben wir derzeit. Jetzt beginnt der Kampf zwischen den Verteidigern des Status quo und denen, die glauben, dass die jüngsten Entwicklungen der Politik, der Technik und des Klimas eine neue Weltordnung erforderlich machen, welche mehr auf lokale Lösungen, eine Stärkung der Nationalstaaten und eine Reform des internationalen Systems ausgerichtet ist.

Auch die Wirtschaftskrise der 1930er führte schließlich, wenn auch erst nach dem Krieg, zu Reformen, die die Welt sicherer und besser machten. Die Herausforderung besteht darin, der Krise auch dieses Mal positive Veränderungen abzutrotzen. Dieser Prozess beginnt mit dem Eingeständnis des Kuddelmuddels, in dem wir uns befinden. Seit mehr als einem Jahrzehnt, seit dem Crash von 2008, haben wir alles versucht, um der Globalisierung wieder auf die Beine zu helfen. Trump ist der Beweis, dass diese Versuche endgültig gescheitert sind.

Im Rückblick markieren die frühen 1990er den Höhepunkt der Globalisierung: Die UdSSR war zusammengebrochen, das Kapital flutete die Staaten des Warschauer Paktes, unabhängige Zentralbanken waren der letzte Schrei und nach siebenjährigen Verhandlungen wurde ein multilaterales Handelsabkommen verabschiedet. Das Projekt der europäischen Integration war in vollem Gange, der Euro in Vorbereitung. Die Politik beherrschten Mitte-links- und Mitte-rechts-Parteien, die weitgehend dieselbe Wirtschaftspolitik verfolgten: Haushaltsdisziplin, Liberalisierung der Kapitalströme, Ausdehnung des Marktprinzips auf bislang unbekannte Bereiche. Egal ob in Europa oder in den Schwellenländern Lateinamerikas: Die kapitalistische Orthodoxie behielt die Oberhand. Der Kalte Krieg war vorbei und die USA sollten fortan ihre unangefochtene militärische Stärke nutzen, um der Globalisierung als Weltpolizist zur Seite zu stehen und die Wirtschaft dadurch florieren lassen, dass sie als „consumer of last resort“fungierten.

Von dieser utopischen Vision ist wenig übrig. Seit dem Abschluss der Uruguay-Runde 1993 gab es keine multilateralen Handelsgespräche mehr. Dies deshalb, weil es das letzte Mal war, dass die USA und die EU ein Abkommen abschließen konnten, das in beider Interesse lag, um es dann dem Rest der Welt aufzuzwingen.

Umdenken ist wieder erlaubt

Die G7 geben bei internationalen Gipfeln nicht länger den Ton an. Die USA sind nicht mehr bereit, die Überschüsse der Weltproduktion aufzusaugen, und verlangen stattdessen, dass Länder wie Deutschland ihre Exportüberschüsse abbauen. Die Integration Europas ist ins Stocken geraten, die Parteien der Mitte sind ausgehöhlt und haben an Substanz verloren – entweder weil sie es versäumt haben, die Schattenseite der Globalisierung zu erkennen, oder zu ängstlich waren, zu reagieren, wenn sie sie sahen. Der Washington Consensus – wonach es eine Einheitslösung für die Probleme der Entwicklungsländer gab, die aus Privatisierung, Haushaltsdisziplin und dem Ende von Kapitalkontrollen bestand – ist in Verruf geraten. Russland erweist sich nicht als der Rohrkrepierer, für den viele es gehalten hatten. Das Risiko, dass die gegenwärtige Phase der Globalisierung in einem militärischen Konflikt enden könnte, ist sehr viel höher als allgemein angenommen.

Um dies zu verhindern, braucht es Veränderungen auf allen Ebenen, angefangen bei der lokalen. Selbst während ihres Höhepunkts blieben weite Bereiche der Wirtschaft von der Globalisierung unberührt. Dieses Segment dürfte mit der zunehmenden Dominanz des Dienstleistungssektors wachsen. Zusätzlich verlagern Länder wie die USA Teile der Produktion bereits wieder hinter ihre eigenen Grenzen zurück – zum Teil wegen der hohen Kosten, die es verursacht, Güter um die ganze Welt zu transportieren, zum Teil, weil der größere Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz die finanziellen Anreize zur Verlagerung verringert hat.

Der Nationalstaat wird ebenfalls wieder eine größere Rolle spielen. Es wird nicht länger ausreichen, dass Politiker die Wähler mit der Idee abspeisen, bei der Globalisierung handle es sich um eine unaufhaltbare Naturgewalt, gegen die sie machtlos seien: Denn das hieße ja, dass Ungleichheit, der Verfall der Industrie und stagnierende Lebensstandards unaufhaltbar wären.

Chinas Neue-Seidenstraße-Initiative ist ein Beispiel dafür, wie Länder anfangen, auf regionalem Niveau zu reagieren. Pekings Megainfrastrukturprojekt dient einem zweifachen Zweck: einen Markt für chinesische Waren zu schaffen und die Macht Pekings dort zu erweitern, wo Hard- und Softpower der USA schwach sind.

Doch Reformbedarf besteht auch auf globaler Ebene: wirksame Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu erreichen, die Macht der globalen Kapitalströme zu bändigen und ein System des regelbasierten, kontrollierten Handels zu schaffen.

Nichts davon wird einfach – im Gegenteil. Doch drei Entwicklungen geben Anlass zur Hoffnung. Erstens sind die Mängel und Unzulänglichkeiten des gegenwärtigen Systems zu groß geworden, als dass wir sie weiter ignorieren könnten. Zweitens haben derartige Unzulänglichkeiten bislang früher oder später stets zu neuen Ansätzen geführt. Und drittens sind wir schon so weit, dass die Politik diese neuen Ansätze nicht länger beiseiteschieben kann.

Larry Elliott ist Wirtschaftsredakteur der Tageszeitung The Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 03.09.2019
Geschrieben von

Larry Elliott | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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