Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts

USA Aus Dogmatismus verhilft Präsident Trump einer neuen Weltunordnung zum Durchbruch
Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts
Persönliche Beziehungen auf höchster Ebene verhindern nicht unbedingt Sanktionen

Foto: Thomas Peter/Getty Images

Dem großen viktorianischen Historiker John Robert Seeley zufolge hat Britannien „die halbe Welt in einem Zustand der Geistesabwesenheit erobert“. Die USA verlieren derzeit globalen Einfluss in der gleichen Verfassung. Durch Ignoranz, aber auch mit Vorsatz zerstört Donald Trump den Status der USA, an dem Präsidenten vor ihm ein Dreivierteljahrhundert gearbeitet haben. Wenn es um die sogenannte Soft Power geht, die weichen Machtfaktoren, betreibt er unilaterale Abrüstung – was für Sicherheit und Wohlstand der USA katastrophale Folgen haben wird.

Stattdessen konzentriert sich Trump ganz und gar auf harte Machtfaktoren: Militär und wirtschaftliche Stärke. Ein Vertreter seiner Administration hat die dem zugrunde liegende Weltsicht so beschrieben: „Sein Traum ist eine starke Armee, die unsere Heimat beschützt. Wir würden uns gern einmauern, nach Belieben zuschlagen und sofort wieder auf unsere Verteidigungsposition zurückziehen.“ Das war im 20. Jahrhundert keine tragfähige Politik und wird in der Welt des 21. Jahrhunderts, die durch Kommunikationstechnologien enger zusammenrückt, mit Sicherheit ebenso wenig funktionieren.

Erratische Instinkte

Trump realisiert nicht, dass ein Großteil des Erfolges der USA als Supermacht darauf beruht, von anderen dazu eingeladen worden zu sein: Warum sonst gibt es Allianzen mit mindestens 60 Nationen, die sich von der Macht der USA nicht bedroht fühlen? Sicher ist Anti-Amerikanismus eine Tatsache, doch rufen die USA nicht die gleiche Angst und Abscheu hervor, wie dies einst militaristischere Möchtegern-Hegemone bewirkt haben, denkt man an das napoleonische Frankreich oder das wilhelminische, später das nazistische Deutschland. Diese Mächte provozierten andere Nationen, sich gegen ihre expansionistischen Eroberungen zu verbünden und erfolgreich zur Wehr zu setzen.

Es gibt keine vergleichbaren Koalitionen gegen die USA. Deren Hauptgegner China und Russland konnten bisher allenfalls ein paar Vasallen für Allianzen gewinnen. Nun aber ermöglicht es Trumps Unilateralismus diesen Staaten, sich zu öffnen, um neue Alliierte zu finden und in amerikanische Einflusssphären – nicht zuletzt im Nahen und Fernen Osten – vorzudringen. Und die „Erwachsenen“ in der US-Regierung wie Verteidigungsminister Mattis erweisen sich als nicht in der Lage, Trumps unilateralistischen und erratischen Instinkten Einhalt zu gebieten. Der konnte nicht nur die Transpazifische Partnerschaft (TPP) aufkündigen, auch den Pariser Klimavertrag und den Atomdeal mit Iran. Einem Impuls folgend kündigte er einen Gipfel mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un an, bevor er den – erneut einem Impuls folgend – absagte, um dann wieder zuzusagen.

Nicht einmal engste Verbündete der USA wie Australiens Premier und die deutsche Kanzlerin waren vor verächtlichen Urteilen aus dem Weißen Haus sicher. Im Juni 2017, nach einem Terroranschlag in London, twitterte Trump über Londons ersten muslimischen Bürgermeister Sadiq Khan: „Mindestens 7 Tote und 48 Verwundete bei einem Terroranschlag, und der Londoner Bürgermeister sagt, es gebe keinen Grund, alarmiert zu sein!“ Dabei hatte Trump Khan einfach nur falsch verstanden – dieser hatte gesagt, es bestehe kein Grund, über die erhöhte Polizeipräsenz auf den Straßen alarmiert zu sein, er meinte nicht den Terror. Monate später, im November 2017, rügte Premierministerin Theresa May den Präsidenten, weil der antimuslimische Videos rechtsradikaler Briten gepostet hatte. Trump schlug umgehend zurück und belehrte May: „Kümmern Sie sich nicht um mich, sondern um den zerstörerischen radikalen islamistischen Terrorismus im Vereinigten Königreich. Wir kommen zurecht!“

Trumps Verhältnis zu Angela Merkel ist ähnlich gereizt wie das zu May. Warum? Weil in Berlin und London intelligente, willensstarke Frauen regieren? Mit Ausnahme seiner Frau Melania und Tochter Ivanka scheint Trump sich nicht sonderlich wohlzufühlen, wenn er es mit selbstbewussten, unabhängigen Frauen zu tun hat. Während des Wahlkampfs 2016 kritisierte er Merkel scharf, weil sie muslimische Flüchtlinge ins Land gelassen hatte. Er sagte – „ich denke, was sie in Deutschland getan hat, ist eine Schande“ – und fügte hinzu, nicht länger ein „Fan“ von Merkel zu sein. Als sich beide Anfang 2017 im Weißen Haus trafen, weigerte sich Trump ostentativ, der Kanzlerin die Hand zu geben. Im Mai 2017, nach einem G7-Treffen in Italien, bei dem Trump mit den EU-Regierungschefs wegen des Pariser Klimaabkommens aneinandergeraten war, erklärte Merkel, Europa könne nicht länger auf die USA zählen. Ihr Fazit: „Wir Europäer müssen unser Schicksal nun in die eigenen Hände nehmen.“

Ein miserabler Verkäufer

Die einzigen demokratisch gewählten Staatschefs, mit denen Trump anfangs besser auskam, waren Japans Shinzo Abe und Frankreichs Emmanuel Macron – der erste, weil er mit Trump Golf spielte (und ihn wahrscheinlich gewinnen ließ), der zweite, weil er Trump dazu einlud, in Paris eine Militärparade abzunehmen. Doch nichts konnte Japan davor bewahren, auf die Liste der Länder zu geraten, gegen die Trump Stahl- und Aluminiumzölle verhängte; und Macron ist in Ungnade gefallen, seit er die Idee einer europäischen Armee als notwendige Emanzipation von den USA favorisiert.

Während ihm die Staatschefs westlicher Demokratien offenbar suspekt sind, versteht sich Trump irritierend gut mit autoritären Führern. Er fühlte sich geschmeichelt, als die Saudis im Mai 2017 ein über fünf Stockwerke reichendes Trump-Bildnis an der Außenwand seines Hotels in Riad anbrachten. Im Juli 2017 hatte er beim G20-Gipfel in Hamburg ein Tête-à-Tête mit Wladimir Putin, der zu hören bekam, dass es dem amerikanischen Präsidenten eine „Ehre“ sei, ihn zu sehen. Und im November 2017 fand Trump gegenüber Xi Jinping in Peking noch lobendere Worte: Sein Gefühl für Xi sei „ein unglaublich warmes“, er sehe ihn als „hoch angesehenen und mächtigen Vertreter seines Volkes“. Ausgeklammert blieb, dass es um Xi einen Personenkult gibt, wie ihn China seit den Tagen Mao Zedongs kaum mehr gesehen hat. Donald Trump fand es „großartig“, dass Xi sich zum Präsidenten auf Lebenszeit erklärt habe und fügte hinzu (vermutlich scherzhaft gemeint): „Vielleicht sollten wir das eines Tages auch einmal ausprobieren.“ Allerdings hat sich das Verhältnis zu Peking erheblich abgekühlt, seit Trump an einem handelsprotektionistischen Blitzkrieg Gefallen findet. Doch kann das den Eindruck nicht relativieren, dass dieser Präsident stets gute Worte für starke Männer findet, mit denen er plaudert. Dem philippinischen Führer Duterte bescheinigte er, „in Bezug auf das Drogenproblem einen unglaublich guten Job“ zu machen. Eine Anspielung darauf, dass Duterte Todesschwadronen ausgeschickt hat, um Tausende seiner Landsleute zu töten, wenn nur der Verdacht aufkommt, sie seien Drogendealer. Recep Tayyip Erdoğan erhielt sehr gute Noten, während er gegen die türkische Zivilgesellschaft vorging. Trump gratulierte ihm zum Sieg beim Verfassungsreferendum im April 2017, das demokratischen Verhältnissen den Todesstoß versetzte. Auch Ägyptens Staatschef Abd al-Fattah as-Sisi, der Tausende von islamistischen und liberalen Oppositionellen internieren ließ, lobte er für „einen fantastischen Job in einer schwierigen Lage“.

Natürlich haben sich US-Präsidenten selten gescheut, mit Diktatoren zu kooperieren. Man erinnere sich an Franklin D. Roosevelts apokryphen Aphorismus über Anastasio Somoza in Nicaragua: „Er ist vielleicht ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn.“ Aber kein Präsident vor Trump war je so anstößig und übertrieben in seinen Schmeicheleien. Für Trump stellen die Angriffe von Diktatoren auf demokratische Normen kein Problem dar. Er sieht darin eher eine Politik, die zu preisen und der vielleicht sogar nachzueifern ist.

Als Immobilienverkäufer und Reality-TV-Star hat Trump sein Geld jahrelang damit verdient, Kunden zu überzeugen, wenn nicht übers Ohr zu hauen. Seit er aber im Weißen Haus sitzt, erweist er sich als schlechtester Verkäufer, den die USA jemals gesehen haben. Statt andere Länder für sich einzunehmen, arbeitet er aktiv daran, sie abzustoßen. Einer Gallup-Umfrage zufolge hat derzeit die Zustimmung zur Führung der USA in 134 Ländern einen Tiefstwert von 30 Prozent erreicht. Sie liegt damit unter den 34 Prozent in der finalen Phase der Bush-Administration (2001–2009), die für außenpolitische Katastrophen wie den Irakkrieg zuständig war. Noch verhängnisvoller: Die Zahl der arabischen Jugendlichen, die in den USA einen Feind sehen, stieg von 32 Prozent im Jahr 2016 auf momentan 57 Prozent.

Nachdem Trump gegen den Willen der EU das Nuklearabkommen mit Iran aufgekündigt hatte, schrieb deren Ratspräsident Donald Tusk auf Twitter: „Wenn man sich die jüngsten Entscheidungen von @realdonaldtrump ansieht, könnte man geradezu meinen: Wer braucht Feinde, wenn er solche Freunde hat.“ Keine Frage, die Macht der USA begann bereits zu erodieren, bevor Trump ins Amt kam. Zu verdanken war das neben dem Aufstieg Chinas den außenpolitischen Fehlern von George W. Bush, der zu interventionistisch war, und Barack Obama, der zu wenig interventionistisch agierte. Trump hat diesen Niedergang beschleunigt und könnte dafür sorgen, dass er unumkehrbar wird. Welcher Verbündete wird den USA jemals wieder vertrauen? Selbst wenn ein künftiger Präsident zu einer internationalistischen und handelsfreundlichen Politik zurückkehrt, wird sich der Rest der Welt dessen bewusst sein, dass in den USA jederzeit wieder ein isolationistischer und protektionistischer Präsident gewählt werden kann. Es ist gut möglich, dass Trump die Pax Americana beendet und mithilft, ein chinesisches Jahrhundert oder eine globale Unordnung einzuleiten, in der es kein internationales Recht mehr gibt und das Leben „scheußlich, tierisch und kurz“ ist.

Max Boot ist Autor, Hochschullehrer und Militärhistoriker. Er schreibt unter anderen für Christian Science Monitor , Wall Street Journal und Los Angeles Times

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 29.11.2018
Geschrieben von

Max Boot | The Guardian

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