Das Ende eines Traums

Britannien Gordon Brown ist so angeschlagen, dass ihm von allen Seiten Spott und Mitleid entgegenschlagen. Dabei fürchtet er nichts mehr als den Ruf, ein schlechter Premier zu sein

Als Gordon Brown vor zwei Jahren gerade das Amt des Premierministers übernommen hatte, druckte der Spectator einen langen Artikel. Das rechtsgerichtete Magazin war stets ein unerschütterlicher Kritiker von New Labour gewesen, nun aber schlug es einen erstaunlich neuen Ton an. „Das Gefühl der Befreiung ist bei Brown mit Händen zu greifen“, schrieb Matthew d‘Ancona, der Brown bei einem Besuch der USA begleitet hatte. „Jeden Morgen wacht er mit klarem Bewusstsein auf und denkt sich: Ich bin Premierminister! Sein größter Triumph besteht bis zum heutigen Tag darin, dass er die Welt davon überzeugen konnte, nach zehn Jahren als Schatzkanzler kein erschöpfter, lahmer und ergrauter Reisender zu sein, sondern ein Mann, der seine Reise erst noch vor sich hat.“

Heute liest sich derartiges Lob wie die Botschaft aus einem Paralleluniversum. Brown ist so angeschlagen, unbeliebt und allem Anschein nach erschöpft, so glücklos und ungeeignet für den Job, dass ihm von allen Seiten Spott und Mitleid entgegenschlagen. Die Verfasser von politischen Witzen für Comedy- und Talkshows beschreiben ihn als „gehetzten Bären“ oder „menschlichen Autounfall“, den zu sehen einem Schmerzen bereite. Über mehr als ein Vierteljahrhundert hinweg – von seiner Wahl zum jungen Abgeordneten 1983 bis hin zu den ersten Wochen in Downing Street Mitte 2007 – galt Brown als einer der vorzüglichsten britischen Politiker, der wegen seines Verstandes wie sozialen Bewusstseins verehrt und wegen seiner ­Manöver hinter den Kulissen gefürchtet wurde. Wie konnte er als Premier nur dermaßen scheitern?

Unglückliches Timing

Als er das Amt von Tony Blair übernahm, war Labour schon seit zehn Jahren in der Regierung. Für die britische Politik eine lange Zeit. Nach den Kontroversen um den Irak-Krieg, mancher innenpolitischen Belastung wie der wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft und einer konservativen Partei, die unter David Cameron neuen Aufwind erhielt, schwand die Popularität von Labour. Zur gleichen Zeit ging es mit dem wirtschaftlichen Aufschwung zu Ende, der es der Partei seit 1997 ermöglicht hatte, im Amt zu bleiben. Brown traf ein unglaublich unglückliches Timing.

Aber für einen Teil der Umstände war er selbst verantwortlich. Er hatte sich nicht gegen den Einmarsch im Irak gewandt und es als Schatzkanzler nicht vermocht, mit einer untragbaren Immobilien- und Privatschulden-Blase fertig zu werden. Auch hatte er es in den Jahren vor 2007, in denen die Wirtschaftsdaten wie die Umfragewerte für Labour noch relativ gut waren, versäumt, Blair im Amt des Premierministers zu beerben. Die Beobachter in Westminster debattieren heute noch darüber: Wann wäre für Brown der richtige Zeitpunkt gewesen? In welchem Maße hat ihn Blair ausmanövriert? Die meisten sind sich freilich in einem Punkt einig: Brown ist – wie es einer von ihnen formulierte – „äußerst unentschlossen“.

„Dieser Premier ist ein Opfer seiner eigenen inneren Widersprüche. Auf der einen Seite ist er gerissen und ein großer Taktierer, auf der anderen bemüht er sich um Beständigkeit und Seriosität“, sagt Richard Reeves, Vorsitzender des Thinktanks Demos und früherer Labour-Berater. „Als Regierungschef schwankte er ständig zwischen beiden Verhaltensweisen hin und her. Er wirkte so staatstragend wie Cameron, ohne allerdings dessen Charisma zu besitzen.“

Unfähig zu improvisieren

Der Cambridger Politikwissenschafter David Runciman meint, die moderne Politik bevorzuge Politiker wie Blair oder Cameron, die sich offenkundig „in ihrer eigenen Haut wohl fühlen“. Brown wirke mit seiner altmodischen Trennung von politischer und privater Identität wie jemand, der „ständig etwas zurückhält und ganz glücklich damit ist, seine wahren Gefühle zu verbergen“. In einer Zeit, da beispielsweise im Internet intimste Dinge preisgegeben werden, sei die Zurückhaltung, die Brown in der Öffentlichkeit an den Tag legte, für die Wähler inakzeptabel. Seine Bemühungen, als Premier lockerer zu wirken, hätten die Sache nur noch schlimmer gemacht. „Das größte Vergehen besteht im Medienzeitalter darin, nicht authentisch zu sein“.

Wenn man sich Gordon Browns Reden über den Haushalt aus seiner Zeit als unumstrittener Schatzkanzler heute noch einmal ansieht, fällt einem auf, wie wenig perfekt er schon damals wirkte: die Blässe, die Augenringe, seine Unfähigkeit zu improvisieren. Aber solange die Wirtschaft boomte, machte es nichts aus, dass bei seinen in epischer Breite gehaltenen Vorträgen über Statistiken die meisten Leute auf Durchzug schalteten. Er wirkte wie ein erfolgreicher Vorstandsvorsitzender, der zur Jahreshauptversammlung der Shareholder spricht. Die mussten nicht auf jedes seiner Wort hören, um das Gefühl zu haben, dass er einen großartigen Job machte.

„Er schien seinen Gegenstand immer völlig zu beherrschen, mit diesen Blöcken von Worten, die nur so aus ihm heraussprudelten“, sagt der Ökonom und unabhängige Sachverständige Lord Skidelsky. „Er beherrschte die Sprache der Wirtschaft. Allerdings hatte ich stets den Eindruck, dass er nicht viel davon verstand. Er hatte den herrschenden Ideen des Tages nichts Wirkungsvolles entgegenzusetzen.“ Während Browns Zeit als Schatz- und Schattenkanzler bestand die herrschende Philosophie darin, für das Business und gegen die Regulierung zu sein. Auch Brown glaubte daran, wie fast alle britischen Politiker.

Für einen, der noch 1989 geschrieben hatte, ein „ungezügelter Kapitalismus“ sei „uneffizient und ungerecht“, verhieß dieser Sinneswandel hin zum Dogma des freien Marktes einen Spagat, auf den Brown von seinem Stab nicht intensiv genug hingewiesen wurde. „Anders als bei Blair konnten Browns Berater ihm intellektuell nicht das Wasser reichen“, sagt Reeves. „Brown ist geistig aufgeschlossen und belesen. Wo aber sind die wahren Intellektuellen in Downing Street? Gordon hat sich nur mit Apparatschiks und Strippenziehern umgeben.“

Jetzt, nachdem die Blasen geplatzt sind und Labours Konversion zum Kapitalismus nicht mehr viel zu taugen scheint, sind die negativen Auswirkungen für Brown kaum zu ignorieren. Es ist fast unmöglich für ihn einzuräumen, dass er im Blick auf den freien Markt und die Führung der britischen Wirtschaft Unrecht hatte. Während er im Herbst als Regierungschef noch mutig und effektiv handelte, um eine Bankenkrise zu verhindern und dafür durch steigende Umfragewerte belohnt wurde, gelang es ihm nicht, langfristigen politischen Nutzen aus der Krise des Finanzkapitalismus und der Ideologie des freien Marktes zu ziehen, die sich für Politiker wie Barack Obama gerade als seltene Chance erweist. „Die Krise hat so etwas wie einen progressiven Konsens geschaffen, aber Brown ist außerstande, diesen zu führen und zu formen“, sagt Reeves, der Ex-Labour-Berater.

Vorliebe für das Globale

Ein ehemaliger Minister, der sowohl für Brown als auch für Blair gearbeitet hat, sagt: „Wenn die Dinge schlecht laufen, neigt Brown dazu, sich einzuigeln. Er arbeitet mehr, schläft weniger und verbringt weniger Zeit mit seinen Beratern. Im Gegensatz zu ihm schien Blair geradezu aufzublühen, wenn er unter Druck stand.“ Der ehemalige Minister führt den G 20-Gipfel von Anfang April als Beispiel dafür an, dass Brown die Politik des großen Ganzen gut gemeistert habe. Jedoch brachte ihm das lediglich im Ausland Anerkennung – zu Hause nur vorübergehende Zustimmung. Das sagt viel über das kurze Gedächtnis der britischen Wähler, aber auch etwas über den Eindruck, dass die Regierung Brown es in manchem vielleicht zu sehr übertreibt. „Es gab zu viele Initiativen“, sagt der Ex-Minister. „Ich glaube nicht, dass er wirklich begreiflich machen konnte, wofür er steht.“

Im Sog des Spesenskandals forderte Brown, eine Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre zu erwägen, am Entwurf einer Bill of Rights (Freiheitsurkunde) zu arbeiten, die auch eine Vervollständigung der Reform des House of Lords sowie eine Ausweitung des Gesetzes zur Wahrung des Rechtes auf Auskunft (Freedom of Information Act) beinhalten solle. Brown ist voller großer ­Ideen: dass der Klimawandel und die Rezession einer neuen Form des Kapitalismus bedürfen, dass die Welt den größten Wandel seit der industriellen Revolution durchlebt und wir uns trotz allem in einem „fortschrittlichen Zeitalter“ befinden (als die konservative Regierung von John Major in den Neunzigern in ähnlicher Bedrängnis war, fiel ihr nichts anderes ein, als eine Hotline für Straßenarbeiten einzurichten). Dennoch hat Browns Vorliebe für das Langfristige und Globale etwas Eskapistisches.

Gordon Brown ist nach allem, was man hört, ein stolzer und hoch emotionaler Mensch. Enge Freunde berichten darüber, wie sehr er sich davor fürchtet, einst als schlechter Premierminister gesehen zu werden. „Er glaubt an sich, selbst jetzt“, sagt ein enger Bekannter. Wenn man ihn im Wahlkampf sieht, fällt auf, dass er oft die Errungenschaften von New Labour aus der Zeit erwähnt, in der er selbst noch Schatzkanzler war – etwa die staatliche Fürsorge für Kleinkinder, die großen Zuspruch fand. Wenn man bedenkt, dass Brown unter Blair in vielen innenpolitischen Belangen der eigentliche Premierminister war, sollte man über seine Karriere in Downing Street nur urteilen, indem die vergangenen zwölf Jahre herangezogen werden, nicht nur die letzten zwei.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 10.06.2009
Geschrieben von

Andy Beckett, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14706
The Guardian

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1