Das Equipment ist endlich Standard

Musik Ein Gespräch mit Kraftwerk-Urgestein Ralf Hütter über Telefone, Laptops und die Möglichkeit eines 168-Stunden-Albums

Ich wähle die vereinbarte Nummer und eine weibliche Stimme sagt mir, dass unsere Konferenz-Schaltung nun beginnt. Mir wird gerade klar, dass ich keine Ahnung habe, wie Ralf Hütters Stimme sich anhört, wenn er spricht, da höre ich sie auch schon. Sie klingt viel jünger als 62 und wesentlich entspannter bezüglich des Interview-Rituals als ich gedacht hätte.

„Hallo, ich bin`s“, sagt er begeistert.
Ich versuche mich ein wenig in meinem Abendschul-Deutsch: „Wie geht`s?“
„Oh, Sie sprechen Deutsch.“
„Ein bisschen.“
„Verstehen Sie die deutschen Texte?“

Ein paar davon, denke ich. Das scheint mir aber keine gute Antwort, also sage ich ihm, dass ich es in jedem Fall vorziehe, die Kraftwerk-Sachen im Original zu hören, auch wenn die Lyrics meinen Kopf weitgehend als Klänge erreichen und nicht so sehr als Worte. Aber nehmen Sie nur einmal Kraftwerks 1981er Nummer 1-Erfolg in Großbritannien Das Model: Das wirkt in der englischen Übersetzung eher klobig, in Hütters Muttersprache ist es so elegant wie präzise.
Kurz reden wir darüber, dass er seine eigenen Texte übersetzt.

„Haben wir uns nicht schon einmal unterhalten?“, fragt er.
„Nein.“
„Wie kann es sein, dass Sie sich für diese Art von Musik interessieren, ohne sich je mit uns getroffen zu haben?“
„Nun, die Sache ist die, dass Sie nicht gerade viele Interviews geben, um nicht zu sagen: so gut wie gar keine.“
Dem letzten verbleibenden Gründungsmitglied der einflussreichsten Gruppe neben den Beatles entfährt der Hauch eines Lachens.

Aus der Deckung

Für gewöhnlich hat Hütter für Journalisten ungefähr so oft Zeit, wie Kraftwerk Platten veröffentlichen, und die kommen sehr unregelmäßig: Abgesehen von ihrer Live-Aufnahme Minimum-Maximum von 2005 war ihr letztes reguläres Album Tour de France Soundtracks von 2003. Vor dieser wagten sie sich 1991 aus der Deckung und veröffentlichten The Mix, eine Anthologie mit Bearbeitungen ihrer besten Songs, die Zeugnis von ihrer hart-erkämpften Konversion von analog zu digital ablegte.

Dieser Prozess, der sich hauptsächlich in ihrem Düsseldorfer Studio und Hauptquarier Kling-Klang abspielte, dauerte ungefähr fünf Jahre, was viel über Kraftwerks verrückte Arbeitszyklen sagt. Hütter spricht von einer ausgeprägten Arbeitsethik und davon, dass er und seine Kollegen die Abgeschiedenheit und Stille brauchen, damit ihre Kunst entstehen kann. Es gehört zum Kraftwerk-Mythos, dass es in Kling-Klang nicht einmal ein Telefon gibt. Weniger anspruchsvolle Menschen würden die ganze Zeit über ununterbrochen Musik produzieren, nicht aber Kraftwerk. Dies könnte auch erklären, warum drei der Bandmitglieder – Wolfgang Flür, Karl Bartos und als letzter der Mitbegründer der Gruppe Florian Schneider s Kling-Klang endgültig den Rücken zugekehrt haben.

Es gibt mindestens drei Gründe für die Annahme, dass Hütter und seine drei neuen Kraftwerk-Kollegen – Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Stefan Pfaffe – nun etwas öfter zu sehen sein werden. Zunächst einmal haben sie eine völlig neue Bühnen-Show, die auch 3D-Elemente enthält (nur mit der obligatorischen Brille zu sehen), die ihre Premiere in Großbritannien beim Manchester International Festival haben wird.

Zweitens sollen im September die endgültigen Fassungen der acht seit 1974 veröffentlichten Alben erscheinen, die den Kraftwerk-Kanon bilden. Und schließlich versichert mir Hütter, dass „bald“ auch mit neuer Musik zu rechnen sei, was auch immer „bald“ bei ihm heißen mag.

Ich finde es merkwürdig, dass ich weiß, wie er über Telefone denkt, aber abgesehen von den prophetischen Hinweisen auf Kraftwerks 1981er Album Computer World, habe ich keine Ahnung, was er von der Allgegenwart von Textnachrichten und E-Mails hält. Auch in Bezug auf die Trennung von Schneider gibt es viele ungeklärte Fragen. Hütters berühmte Weigerung, über sein Privatleben oder sein inneres Universum zu sprechen, macht die Sache natürlich nicht leichter. Wenn man ihn fragt, wie sein Tag aussieht, bekommt man folgendes zu hören: „Ich wache morgens auf, putze mir die Zähne, gehe ins Studio, arbeite, gehe wieder nachhause, esse etwas und gehe schlafen.“

Immer neue Projekte

Ich weiß nur, dass er in der Nähe von Düsseldorf lebt, mehrere tausend Kilometer pro Jahr auf dem Fahrrad zurücklegt und offenbar fleißig, aber sehr sorgfältig und langsam arbeitet, während sich die Welt draußen immer schneller dreht. „Wir arbeiten immer an neuen Projekten“, sagt er, bevor er eine wunderschöne Kraftwerk-Einschätzung zum besten gibt, was sie allzu oft in ihrer Arbeit aufgehalten habe. Im Grunde mussten sie einfach zu lange im ausgehenden Dampfzeitalter verbringen und darauf warten, dass endlich das richtige Equipment zur Verfügung steht, vor allem in Bezug auf die Aufführungen.

„Ich erinnere mich daran, wie wir einmal in Paris gespielt haben. Wir fingen ungefähr um acht an. Dann fuhren alle großen Stahlfabriken der Stadt ihre Elektrizitäszufuhr runter oder rauf und es gab einen großen Schock im Kabelsystem und die Sequenzer liefen auf einmal mit doppelter Geschwindigkeit. Wir waren natürlich sehr überrascht.“ Er lacht noch einmal. „Die ganze technische Situation verursachte viele Probleme für uns, so dass wir oft überhaupt nicht spielen konnten. Die ganzen Achtziger hindurch haben wir gar nicht gespielt.“ Dies weist auf ein interessantes Spannungsverhältnis hin: Unter der ruhigen Oberfläche waren die Kraftwerker über weite Strecken ihre Karriere hinweg frustriert. Hütter schätzt, das gehöre zu dem, was er „Psycho-Elektronik“ nennt: „Man durchläuft alle Arten von Gemütszuständen, von Geduld über Wut bis hin zu einem breiten Lächeln, wenn alles funktioniert. Wir haben einfach immer weitergearbeitet und sind der Idee von Man Machine treu geblieben. Für uns funktioniert das immer noch.“
Heute sind ihre engsten Verbündeten die Laptops, die die Essentials ihrer Show enthalten und in unterkühlten Hallen in Tokyo ebenso gut funktionieren wie in überhitzten Festival-Zelten in Australien. Wenn auch mit Verspätung, hat die Technik nun schließlich gleichgezogen. „Das Equipment entspricht nun endlich unserem Standard.“

Ein veraltetes Produkt

In der Vergangenheit hatte er schon einmal einen Satz ausgesprochen, der gerne und oft zitiert worden war und der einmal mehr nach einer Entwicklung zu verlangen schien, die noch nicht eingetreten war. Das Telefon, sagte er, sei „eine Antiquität – man weiß nie, wer anruft, es gibt kein Bild. Das ist ein veraltetes Produkt, das einen ständig bei der Arbeit stört.“

„Ja“, sagt er jetzt. „Das war in den Siebzigern und Achtzigern, aber es gilt auch noch heute. Man ist höflich, nimmt den Hörer ab und ist überrascht, was einen am anderen Ende der Leitung erwartet: Vielleicht bestimmt es die folgenden Minuten, Stunden oder Tage deines Lebens. Deshalb haben wir nie Telefone um uns, wenn wir ins Studio gehen. Wir beweben uns in die Musik, in den kreativen Prozess hinein. Wenn wir damit fertig sind und die Session vorbei ist, kommen wir wieder raus und haben dann genügend Zeit, um mit unseren Freunden in Kontakt zu treten.“

War die Erfindung von Anruferkennung, E-Mail und SMS für ihn eine Befreiung? Machen ihn diese Dinge kommunikativer?

„Ja, meine grundsätzliche Einstellung hat sich dadurch aber nicht geändert. Was er nun sagt, darf man wohl nicht als Urteil über Twitter missverstehen, steht es doch wie kaum etwas anderes für eine Entwicklung im Sinne von Kraftwerk. Oder vielleicht doch? „Jeder wird zu einer Art ...“ Er macht eine Pause „ ... Stasi-Agent, der permanent sich selbst oder seine Freunde überwacht.“

Am zweiten Juli spielen sie in Manchester. Zu Hütters großer Freude findet das Konzert im Velodrome statt, dem nationalen Radsportzentrum, dessen Erwähnung uns zu der Sache bringt, mit der Hütter am liebsten seine Freizeit verbringt. Ungefähr 1978 – zur Zeit der Veröffentlichung von Man Machine – begannen Hütter und Schneider mit dem Radfahren und wurden derart besessen davon, dass Flur und Bartos es für Kraftwerks versiegende Produktivität verantwortlich machten. Hüttner soll einmal 200 Kilometer am Tag geschafft haben, heute, sagt er, seinen noch ein paar tausend Kilometer im Jahr drin.

Steigt er auch immer noch 100 Kilometer vor dem Ziel aus dem Tourbus und fährt das letzte Stück zum nächsten Veranstaltungsort mit dem Rad?

Ein gefährliches Spiel

„Leider nicht. Das haben wir in den Achtzigern gemacht. Heute sind die Tourpläne so dicht, dass wir meistens mit dem Flugzeug fliegen.“ Vor kurzem sei er in New York gewesen und habe es sehr genossen, jeden Tag im Central-Park zu fahren. Die Straßen habe er dabei aber gemieden. „Es sollte kein Wettkampf mit den Autos sein. Ich halte das für ein gefährliches Spiel.“ In den Achtzigern hatte er einen Unfall. Er kollidierte mit einem Sportlerkollegen, brach sich den Schädel und fiel ins Koma. Hat ihn das nicht abgeschreckt, zumindest eine Zeit lang?

„Nein. Darüber wurde viel Unsinn erzählt – von Leuten, die nicht einmal bei dem Unfall dabei waren.“
Hat es seine Einstellung zum Radfahren denn überhaupt nicht verändert?
„Nein, und mich hat es auch nicht verändert. Sie haben mir einen neuen Kopf verpasst und mir geht`s gut damit. Ich war ein paar Tage im Krankenhaus, das ist alles. Ein sehr gewöhnlicher Unfall. Das war ein Fall von der Sorte, dass jemand eine Geschichte erzählt und der nächste etwas hinzufügt, bis am Ende ... Es ist, wie ich sage. Ich wurde operiert und bekam einen neuen Kopf.“

Hütter gibt sein Bestes, um Gespräche über unliebsame Themen so schnell wie möglich zu beenden – eine Neigung, die noch deutlicher wird, als ich ihn nach Schneider frage, der immer so aussah, als wolle er gleich lächeln, dies dann aber doch nie ganz tat und der die subtile emotionale Wärme ihrer Musik zu scheinbar zufälliger Perfektion abrundete. Auch wenn sie nicht noch einmal neu veröffentlicht werden dürfte, so ist es doch ein Indiz für seinen Platz in der Geschichte von Kraftwerk, dass ihr viertes Album den Titel Ralf und Florian trägt.

Im Januar dieses Jahres, kurz bevor Kraftwerk mit Radiohead auf Südamerika-Tour gingen, wurde bekannt gegeben, dass auch er nach 40 Jahren an Hütters Seite die Band verlassen habe. Es ist schwer in Erfahrung zu bringen, was er seitdem macht. Nach ein paar Stunden Recherche ist alles, was ich über Schneider herausbekommen konnte, dass er vor einer Weile bei einer Electro-Convention aufgetaucht ist und so wenig nach Kraftwerk aussah, wie nur irgend möglich.

„Er arbeitete viele Jahre lang an anderen Projekten: Spracherzeugung und solche Sachen. Über viele Jahre hinweg hatte er keinen Anteil an der Arbeit von Kraftwerk.“
„Vermissen Sie ihn?“
„Oh, was soll ich sagen? Das müssen Sie ihn fragen.“
„Spüren Sie, dass er weg ist?“
„Nein, jetzt nicht mehr. Das ist schon so lange her – man neigt dazu, zu vergessen, wenn man eher nach vorne schaut. Und es ist schon so lange her, dass er aufgehört hat, mit uns zusammen zu arbeiten. Was soll ich also sagen?“
„Haben Sie noch Kontakt?“
„Nein.“

Was ist ein Album?

Es versteht sich von selbst, dass seine Laune sich bessert, als wir wieder auf die Technik zu sprechen kommen. Hütter hat zwar selbst keinen Ipod („Ich komponiere Musik, ich höre selbst nicht so viel.“), als ich ihn aber darauf anspreche, zeigt er sich offen für die Möglichkeiten, die sich hier über die CD hinaus eröffnen.

„Was ist ein Album? Bei der Schallplatte waren das 40 Minuten: A-Seite, B-Seite. Dann kam die CD und war etwas länger. Heute, könnte es ewig dauern. Wir könnten ein endloses Album machen ... denn für mich ist Musik eine Sache von 24 Stunden. Für Kraftwerk haben wir die 168-Stunden-Woche eingeführt.“
Theoretisch könnte es also ein Kraftwerk-Album geben, das 168 Stunden dauert?
„Ja, warum nicht.“

Einen Tag später leitet mir Hütters Agent eine E-Mail weiter, die mit Kraftwerk-Titeln gepfeffert und in dem Großbuchstaben-freien Argot geschrieben ist, das auf einen mit der Online-Kommunikation wohl-vertrauten Verfasser schließen lässt:

„hallo john
um an unsere interessante unterhaltung von gestern anzuknüpfen
ein paar gedanken über die kontinuität in der musik von kraftwerk seit den siebzigern
autobahn ... die endlose reise ... die abhängigkeit der kompositionen von den technischen möglichkeiten der vinyl-schallplatte ....
europa endlos ... und die letzte sequenz .... endlos endlos
trans europa express ... sequenzer rhythmen spielen sich selbst ...
und schließlich ... die roboter ... und ... musik ohne ende ...“

Seine letzten Worte klingen ein wenig wie ein Scherz, dürften aber jenen Mut machen, die es gar nicht gerne sähen, wenn Kraftwerk wieder in der Versenkung verschwinden würden:

„... fortsetzung folgt. ralf.“




Übersetzung: Holger Hutt

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16:00 21.06.2009
Geschrieben von

John Harris, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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