Das falsche Pferd

Frankreich Vier EU-Regierungschefs könnten dem Sozialisten François Hollande durch ihren Boykott erst recht zum Wahlsieg verhelfen. Treibt sie die Angst vor seinem Programm?

Auch wenn sich Verschwörungstheorien bei den Franzosen besonderer Beliebtheit erfreuen, handelt es sich im Folgenden nicht um eine solche, sondern um eine Aussage des einflussreichsten deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Dort wird es in der aktuellen Ausgabe ganz deutlich ausgesprochen: Eine Koalition konservativer europäischer Staatschefs hat sich insgeheim zusammengetan, um den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande zu boykottieren.

Die vergangenen Monate waren in der Tat ungewöhnlich. Im November traten Barack Obama und Nicholas Sarkozy gemeinsam zur Primetime im französischen Fernsehen auf, jüngst setzte Angela Merkel sich treu und unmissverständlich für den Kandidaten Sarkozy ein. Gleiches – nur ein wenig nuancierter – tat David Cameron während des jüngsten anglo-französischen Gipfels bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Paris. Kurz gesagt, haben diese Staatschefs unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie für Sarkozy votieren würden, könnten sie bei den französischen Wahlen ihre Stimme abgeben. Das Problem ist nur, dass sie das eben nicht können. Und die Sache hat noch einen anderen Haken – so etwas nennt man Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates.

Sogar Célia

Die Franzosen selbst betrachteten dieses merkwürdige Gebaren zunächst als Zeichen dafür, wie Sarkozy verzweifelt versucht, sie zurückzugewinnen. Sie sehen ein unsicheres Kind, dass all seine Klassenkameraden – auch die, die es gar nicht leiden kann – zu seinem Geburtstag einlädt, um beliebter zu erscheinen, als es wirklich ist. Vor einigen Wochen bat Sarkozy sogar seine Ex-Justizministerin Rachida Dati, mit der er sich überworfen hatte, in Lille eines seiner Wahlmeetings zu eröffnen. Die Anhänger seiner Partei, die davon ausgegangen waren, Dati nie wieder zu Gesicht zu bekommen, staunten nicht schlecht.
Darüber hinaus hat er ausgerechnet seine zweite Frau Célia (die ihm bei ihrer Scheidung vorwarf, keine Würde zu besitzen und seine Kinder nicht zu lieben) dazu bewegen können, ihm im französischen Fernsehen den Rücken zu stärken. Offenbar zählt jedes noch so kleine bisschen Hilfe. Angesichts der Verzweiflung, mit der sich Sarkozy um seine Wiederwahl bemüht, dürfte klar sein, wer die Anti-Hollande-Koalition angeregt hat. Er könnte sie seinen europäischen Partnern sogar abverlangt haben, als Gegenleistung für geleistete und wie auch immer geartete künftige Gefälligkeiten.

Seid nett zueinander

Derweil hat es durchaus Tradition, dass Frankreichs engste Verbündete – zu denen Deutschland, Spanien, Italien Großbritannien, die USA und Japan zählen - während des Wahlkampfes die Präsidentschaftsbewerber der beiden großen französischen Parteien empfangen. 2007 noch wurde der sozialistischen Kandidatin Ségolène Royal ein Treffen mit Angela Merkel gewährt. Helmut Kohl empfing 1995 mit Jacques Chirac, Lionel Jospin und Edouard Balladur die Hoffnungsträger von Gaullisten wie Sozialisten. Hingegen dürfte es noch nie vorgekommen sein, dass ein Kandidat derart geblockt wird wie Hollande, dessen Gesuche um eine Zusammenkunft kürzlich von Mariano Rajoy, Angela Merkel, David Cameron und sogar Barack Obama zurückgewiesen wurden.

Darauf angesprochen entgegnete Hollande lächelnd, ganz der friedliche homme tranquille, er „sehe es immer gern, wenn Staatschefs so nett zueinander sind“. Nichtsdestoweniger braucht es wohl nicht mehr viel, um die 56 Prozent der Franzosen, die Hollande als nächsten Präsidenten haben wollen, ein mehr als nur bisschen zu verstimmen. Sarkozys Blockade könnte für ihn selbst mit Tränen enden. Es ist extrem kurzsichtig von EU-Staatschefs, den Mann auszugrenzen, der seit Monaten die Umfragen anführt. Es wäre in ihrem eigenen Interesse gewesen, ihn zu treffen. Immerhin könnte es gut sein, dass sie bald mit ihm zusammenarbeiten müssen. Einen möglichen künftigen Präsidenten vor den Kopf zu stoßen, ist einfach nicht klug.

Betrachtet man die zurückliegenden 200 Jahre, war Frankreich häufig von feindlichen und reaktionären Koalitionen umgeben. Für den Zusammenhalt des Landes, seine Einheit und sein Identitätsgefühl hat das Wunder bewirkt. Die fünf Jahre unter Sarkozy hingegen haben die französische Gesellschaft gespalten. Da könnte die Koalition der europäischen Sarkozy-Getreuen sich als genau der Kitt herausstellen, den die Franzosen brauchen.

Tatsächlich dürfte Hollande mit seinen Plänen für eine Neuverhandlung des so genannten Fiskalvertrags und einer Besteuerung der Superreichen mit bis zu 75 Prozent einen Nerv getroffen haben. Könnte es sein, dass die Mehrheit der Europäer für ihre Heimatländer ebenfalls an solchen Projekten Gefallen findet? Könnte es sein, dass einige der Vorschläge Hollands den Sparkönigen Cameron, Merkel, Monti und Rajoy zu hitzig sind? Die Antwort werden wir spätestens am 6. Mai erhalten.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

14:45 06.03.2012
Geschrieben von

Agnes Poirier | The Guardian

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