Schlaflose Nächte

Ruhe Der Kapitalismus raubt uns den Schlaf, um ihn denen, die es sich leisten können, als teure Schlafhilfen zurückzuverkaufen
Schlaflose Nächte

Montage: der Freitag, Material: Pic_Studio + Zokru/iStock

Wenn er vom Schlafen redet, spricht Rockwell Shah mit nahezu missionarischem Eifer. Er ist der Geschäftsführer von Pzizz, einer App, die „dynamische Audios“ designt, um einen „auf Knopfdruck einschlafen zu lassen“. In seiner Welt legt man sich nicht einfach aufs Ohr, man macht „Schlaferfahrungen“. Benutzt er seine App auch selbst? „Oh, mein Gott! Die ganze Zeit!“ Was macht er als Schlafunternehmer vor dem Zu-Bett-Gehen? Schwört er auf Kamillentee oder einen speziellen Schlafanzug? „Ich habe eine Matratze von Purple. Ich liebe das verdammte Ding; so etwas haben Sie noch nie mit einer Matratze erlebt. Es ist, als würde man auf ihr schweben.“ Er habe nichts mit dem Unternehmen, das dieses Wunderwerk vertreibt, zu tun, stellt er klar. Er sei einfach wirklich begeistert davon, wie gut man auf ihm schläft.

Wer kann es ihm verdenken? Eine gut durchgeschlafene Nacht stärkt unser Erinnerungs- und Lernvermögen und hebt unsere Stimmung. Es ist daher kein Wunder, dass eine ganze Industrie aus ausgeschlafenen Unternehmern sich aufgemacht hat, uns bei unserer Suche nach einem besseren, tieferen und längeren Schlaf behilflich zu sein. Von Schlaftrackern bis hin zu White-Noise-Maschinen und Hightech-Pyjamas bieten sie alles, was unserem Schlaf helfen soll. Die Schlafanzüge sind aus biokeramischem Material, das „die natürliche Hitze des Körpers absorbiert und die Energie zurück in die Haut reflektiert“. Dann gibt es da noch einen neuen Roboter, der in die Geheimnisse „Jahrtausende alter buddhistischer Atemtechniken“ eingeweiht sein soll und verspricht, einen so lange zu beruhigen, bis man eingeschlafen ist. Man muss nur mit ihm schmusen – Kostenpunkt: 539 Euro.

Bloß kein Doppelbett

Das Geschäft mit dem Schlaf boomt: Einem McKinsey-Bericht aus dem Jahr 2017 zufolge wird die Schlaf- und Gesundheitsindustrie – darunter fällt alles von Bettzeug und Geräuschregulierung bis hin zu Schlafberatung und rezeptpflichtigen Schlafmitteln – auf einen Gesamtwert von 30 bis 40 Milliarden Dollar geschätzt und „verzeichnet Wachstumsraten von über acht Prozent pro Jahr, ohne dass es viele Anzeichen dafür gäbe, dass sich dieser Trend verlangsamt“.

In einer Zeit, in der unsere angeborene Schlaffähigkeit von unserer Arbeit oder unseren störenden Partnern zunichte gemacht wird – eine jüngst veröffentlichte Studie ergab, dass 30 Prozent der US-Amerikaner gern von ihrem Partner getrennt schlafen würden; laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin tun dies zehn bis 20 Prozent der Deutschen bereits –, findet der Kapitalismus auf Gedeih und Verderb eine Möglichkeit, ihn uns wieder zurückzuverkaufen.

Man braucht sich nur einmal den Markt für Matratzen anzusehen. In den vergangenen Jahren sind sie zu höchst begehrenswerten Objekten geworden, deren Anbieter sich zunehmend wie Tech-Start-ups gerieren, voll auf Wachstum setzen und häufig auf dem Markt für Venture-Kapital zu finden sind, den man für gewöhnlich eher mit dem Silicon Valley in Verbindung bringt. Der in New York ansässige Online-Matratzenhändler Casper setzte ein Jahr nach Gründung des Unternehmens sagenhafte 100 Millionen Dollar um und das 2016 gegründete britische Unternehmen Simba erwartet im kommenden Jahr Verkäufe über 100 Millionen Pfund. In Deutschland mischen derweil etliche junge Start-ups die Matratzenindustrie auf.

Die Pzizz-App ging im Oktober 2016 an den Markt. Seitdem wurde sie in 160 Ländern über eine halbe Million Mal heruntergeladen. Der Duke of York erklärte sich zum Fan und JK Rowling sagte, es sei „um Längen das Beste, was ich je verwendet habe“.

Shah arbeitete zehn Jahre lang in einem Unternehmen für medizinische Software, bevor er die App entwickelte. Pzizz lasse „Traumlandschaften“ entstehen, „die dazu entwickelt wurden, den Körper in den Schlaf zu wiegen“, beschreibt er ihre Funktion. Diese Landschaften werden mit Voiceovers kombiniert, die „auf klinischen Schlafinterventionen basieren, Dinge wie progressive Muskelentspannung, klinische Schlaf-Hypnose, Atemübungen und autogenes Training“ – eine Technik, die dem Körper beibringt, auf verbale Kommandos zu reagieren. Die Sprecher werden danach ausgewählt, ob sie „die besondere Qualität besitzen“ und wissen, wie man „auf diese spezielle Art und Weise spricht, die einen … dazu bringt …“ – er spricht immer langsamer – „zu … entspannen“.

Das klingt gut. Doch was sagt der kometenhafte Anstieg der Branche über unser Leben – befinden wir uns in einer Schlafkrise? „Die einfache Antwort lautet: ,Ja‘“, meint Dr. Guy Meadows, Mitbegründer und klinischer Direktor der Sleep School, die im Zentrum von London Kliniken für Menschen mit Schlafstörungen betreibt. „Wir sind umgeben von einer Epidemie der Schlaflosigkeit“. Ein veritabler Sturm habe sich über unseren Schlafzimmern zusammengezogen, der uns am Einschlafen hindere. „Müdigkeit“, sagt er, „ist die neue Normalität.“ Am Max-Planck-Institut in München gibt es eine „Schlafschule“, in der depressive Patienten mit Schlafstörungen in vier Modulen alles von Schlafhygiene über Powernapping bis zu Einschlafhilfen lernen.

Das Internet ist voll von Seiten, auf denen Menschen sich Sorgen über den Schlaf machen. Jüngst veröffentlichte Artikel warnen davor, eine Nacht, in der man schlecht geschlafen habe, könne „den Spiegel des Alzheimer-Proteins erhöhen“; Spätaufsteher trügen ein erhöhtes Risiko, früh zu sterben, und es wird einem erklärt, „Warum der falsche Schlafanzug Ihren Schlaf beeinflussen könnte“.

Rund um die Welt schlafen Kinder immer weniger – in Großbritannien haben sich die Krankenhausaufenthalte von Unter-14-Jährigen, die wegen Schlafstörungen behandelt werden, in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. Die Centers for Disease Control and Prevention berichten, ein Drittel der erwachsenen US-Bürger gebe an, für gewöhnlich weniger als die empfohlene Menge an Schlaf zu erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht, doch eine Studie der National Sleep Foundation aus dem Jahr 2013 kam zu dem Ergebnis, dass Erwachsene im Vereinigten Königreich unter der Woche im Durchschnitt nur sechs Stunden und 49 Minuten pro Nacht ins Reich der Träume abgleiten. Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der FAZ kam 2017 zu dem Ergebnis, dass werktätige Deutsche im Durchschnitt nur sechs Stunden und 50 Minuten pro Nacht schlafen. In der New Yorker U-Bahn nicken so häufig Fahrgäste ein, dass Bürgermeister Bill de Blasio ein Programm unterstützt, um sie rechtzeitig aufzuwecken.

Von Wissenschaftlern bis hin zu Unternehmern sind sich alle einig, dass der digitalen Technik ein Großteil der Schuld zukommt. Sich vor dem Einschlafen mit einem Auge eine Serie auf Netflix anzusehen, während man sich mit dem anderen auf Instagram herumtreibt und gleichzeitig noch die Nachrichten im Blick hat, ist offenbar kein Rezept für einen gesunden Nachtschlaf. Es geht nicht allein um das blaue Licht der Bildschirme, die Wellenlänge, die den Spiegel des schlaffördernden Hormons Melatonin beeinflusst. „Wir sind vernetzter und erhalten mehr Reize – in einem kognitiven Sinn“, sagt Meadows. „Unser Gehirn schaltet nicht ab und verliert zunehmend seine Fähigkeit, schrittweise herunterzufahren.“

Nachtschichtarbeiter

Seit der Entdeckung der Elektrizität können wir abends solange aufbleiben, wie wir wollen. „Wir sind in die Nacht eingedrungen“, sagt Dr. Russell Foster, Direktor des Sleep and Circadian Neuroscience Institute an der University of Oxford, „und wir haben immer mehr in den Arbeitstag hineingepackt. Der Schlaf war das erste Opfer.“

Früher ließen die Menschen für gewöhnlich nicht zu, dass ihre Arbeit sie bis ins Schlafzimmer verfolgt. Heute ist das Arbeiten dort relativ normal geworden, und das nicht nur in der Form, dass man nachts um zwölf im Bett noch E-Mails schreibt. Shah weist auf die Unsicherheit der sogenannten Gig-Economy hin: „Alle machen sich ständig Sorgen, wo die nächste Überweisung herkommt.“

Denn was bei all dem Gerede um den Schlaf oft in Vergessenheit gerät: Viele Leute können es sich schlicht nicht leisten, ausreichend zu schlafen; eine Nachtlang guter Schlaf ist zu einem Luxus geworden. Wer in reicheren Ländern lebt, bekommt tendenziell mehr, und die Reicheren in diesen Ländern kriegen wiederum mehr ab als die Ärmeren. Laut einer Studie der University of Chicago aus dem Jahr 2006 weisen erwachsene US-Amerikaner eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, mehr Schlaf abzubekommen, wenn sie weiß, wohlhabend und – vielleicht überraschend – weiblich sind. So hat die erwähnte FAZ-Studie ermittelt, dass Nachtschichtarbeiter deutlich weniger schlafen als Berufstätige mit regelmäßigen Arbeitszeiten: Personenschützer bekommen mit sechs Stunden und 16 Minuten etwa rund eine Stunde weniger Schlaf als Hochschullehrer, die im Schnitt für 7 Stunden und 13 Minuten die Augen schließen.

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Auch wenn die Zahlen über Schlaflosigkeit recht alarmierend sind, besteht die gute Nachricht darin, dass unsere Einstellung sich verändert hat. „Und wir tun gut daran, den Schlaf ernst zu nehmen. Obwohl er 36 Prozent unserer Biologie ausmacht, wird er immer noch zu sehr an den Rand gedrängt und ignoriert“, meint Foster.

Als Donald Trump bei einer Wahlkampf-Veranstaltung in Illinois erklärte, er habe so viel Erfolg, weil er kein großer Schläfer sei und nicht mehr als drei oder vier Stunden Schlaf brauche, klang diese Angeberei wie ein Überbleibsel aus der Wall Street der Achtziger, wo das Geld niemals schlief, und Schlafen etwas für Weicheier war. Eine Zeitlang kursierte in Deutschland das Gerücht, Angela Merkel benötige nur vier Stunden pro Nacht, um das Land zu lenken. Auf allgemeine Bewunderung – oder Besorgnis – hin, relativierte sie schließlich: „Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen. Ich kann über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang, mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen. Dann brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden.“ Russlands Präsident Putin hat dagegen einmal über seinen Aliierten und Ministerpräsidenten gesagt: „Medwedew und ich schlafen abwechselnd.“

Persönliches Wiegenlied

Der Kult der „männlichen Wachsamkeit“ – im Gegensatz zum weiblichen „Schönheitsschlaf“ –, wie Prof. Alan Derickson diese Haltung in seinem Buch Dangerously Sleepy aus dem Jahr 2013 nannte, ist überholt; heute finden wir es nicht schlimm, etwas mehr zu schlafen. Vielleicht hat geholfen, dass Bill Clinton, der während seiner Amtszeit auch nur vier bis sechs Stunden Schlaf bekam, später zugab: „Die meisten Fehler, die ich gemacht habe, sind mir unterlaufen, wenn ich zu müde war.“ Mit zu wenig Schlaf auskommen könne jeder, so Meadows, aber nur ein kleiner Teil könne gleichzeitig auch funktionieren.

Meadows’ Sleep School hat seit ihrer Gründung 2008 gewaltig expandiert. Heute besteht der größte Teil der Arbeit darin, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Banken, Kanzleien, Unternehmensberatungen und Werbeagenturen darin zu schulen, wie man richtig schläft. Während Unternehmen ihre Mitarbeiter früher dafür bezahlten, nicht zu schlafen, geben sie nun Geld aus, damit ihnen jemand beibringt, wie sie ihren Schlaf verbessern können. Das ist aber eigentlich wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass jährlich allein in Großbritannien 200.000 Arbeitstage durch die schlafmangelbedingte Abwesenheit von Mitarbeitern verloren gehen und unausgeschlafene Arbeitskräfte die britische Wirtschaft 40 Milliarden Pfund pro Jahr kosten.

Vor etwas über zehn Jahren kollabierte die berühmte US-Journalistin Arianna Huffington, weil sie chronisch übermüdet war. Als es ihr wieder besser ging, verordnete sie sich acht Stunden Schlaf pro Nacht, sprach öffentlich über das Thema, hielt Vorträge, schrieb Bücher – und machte damit mit der Vorstellung Schluss, dass Geschäftsführer oder eigentlich jeder lediglich mit einem längeren Nickerchen pro Nacht zurechtkommen und funktionieren kann. Viele versuchen, diese Botschaft zu beherzigen, wenn sie es sich leisten können. Und Huffington mit ihren „ungefähr neun“ Assistentinnen kann das zweifellos.

In den letzten Jahren stand ein Kinderbuch an der Spitze der Amazon-Bestsellerlisten: Das Kaninchen, das so gerne einschlafen will. Fokus und Struktur dieser von einem schwedischen Psychologen geschriebenen Geschichte sind speziell dafür entworfen, Kinder sanft einzuschläfern. Von Berlin bis Sydney stehen Erwachsene im Schlafanzug Schlange, um von klassischer Musik in den Schlaf gewiegt zu werden. Max Richters Schlaf, ein achtstündiges „persönliches Wiegenlied für eine hektische Welt“, lässt eine Pyjama-Party zu einem Ausgehevent werden.

Was also hat zu dieser veränderten Einstellung geführt? Eine Antwort darauf findet sich im Labor. „Was sich grundlegend geändert hat“, sagt Foster, ist, dass „seriöse Neurowissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angefangen haben, den Schlaf ernst zu nehmen. Lange stellte er in der Welt der Neurowissenschaften eine Art Friedhof dar, auf dem nicht viel passierte. Aber das hat sich geändert, und die Daten, die dieser Sinneswandel hervorbringt, sind recht spektakulär. Foster rattert ein paar davon herunter, und was er sagt, ist so überzeugend, dass man sich am liebsten sofort schlafen legen möchte: Das „Beautiful Experiment”, das Jan Born 2004 veröffentlichte, zeigte den gewaltigen Einfluss, den Schlaf auf die Lösung von Problemen haben kann. Die „Nice Data” aus Eve Van Cauters Labor an der University of Chicago beweisen, dass Schlafmangel bei gesunden jungen Erwachsenen das Risiko erhöht, an Diabetes Typ 2 zu erkranken.

Ein weiterer Versuch erbrachte den Nachweis, dass die Wahrscheinlichkeit sinkt, positiv besetzte Begriffe (wie Liebe oder Freude) zu erinnern, wenn man nicht ausgeschlafen ist – „unser Schlaflevel spiegelt sehr stark die Art und Weise wider, wie wir positive und negative Erfahrungen erinnern“. Wer ist schon gut drauf, wenn er oder sie nicht (gut) genug geschlafen hat?

„Wenn man nicht voll erholt ist“, fährt Foster fort, „neigt man zu übermäßiger Impulsivität – man fährt bei Rot über die Ampel, denkt nicht über die Dinge nach, die man tut, ist nicht empathisch und kann die sozialen Signale anderer nicht erfassen. Müde Menschen sind nicht nur unfähig, innovative Lösungen für komplexe Probleme zu finden, sie kommen auch ansonsten schneller an ihre Grenzen, verlieren ihren Sinn für Humor und ihre Fähigkeit zu sozialer Interaktion.“ Und dabei, so Foster, handele es sich lediglich um relativ kurzfristigen Schlafmangel.

„Lange Zeit galt Schlaflosigkeit als Anzeichen für eine schlechte psychische Gesundheit“, sagt Meadows. „Heute wissen wir, dass es sich vielmehr um einen Auslöser handelt – Schlaf gilt als frühes Warnzeichen für Angstzustände, Depression und bipolare Störungen.“ Die Wissenschaft des Schlafes belegt, dass Virginia Woolf mit dem Feuer spielte, als sie die Nachtruhe als „bedauerliche Beschneidung der Lebenslust“ bezeichnet hat, von der wir stets fürchten, wir könnten von ihr nicht genug kriegen.

Was ist Orthosomnie?

Viele erhoffen sich Hilfe von sogenannten Schlaftrackern, die angeblich messen, wie lange und wie tief wir schlafen – leicht, tief oder REM-Schlaf. Foster zeigt sich skeptisch: „Sie funktionieren bei Menschen mit sehr stabilen Schlaf-/Wachmustern. Weist jemand aber irgendeine Unregelmäßigkeit auf oder fällt aus dem normalen Bereich heraus – und offen gesagt tun dies die meisten von uns – sind sie ziemlich schnell nicht mehr zu gebrauchen.“ Die Tracker können uns ermutigen, etwas für unseren Schlaf zu tun, er glaube aber nicht, dass sie bereits die Lösung darstellten, so Foster.

Schnitt zu einer äußerst modernen Schlafstörung: der Orthosomnie. Dr. Sabra Abbott, Professorin für Neurologie und Schlafmedizin am Northwestern Memorial Hospital in Chicago, prägte den Begriff im vergangenen Jahr zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Kelly Baron. Die beiden schrieben ein Papier mit dem Titel „Are Some Patients Taking the Quantified Self Too Far?“ Also etwa: Treiben manche Patientinnen und Patienten es mit der Selbstvermessung zu weit?

Sie erzählen mir, wie sie die ersten Patienten trafen, die „ursprünglich gar nicht zwingend unter Schlafproblemen litten – ihre Sorge galt in erster Linie dem Umstand, dass ihre Tracker ihnen sagten, sie würden nicht die richtige Menge oder die richtige Art von Schlaf erhalten. Es schien, als würde das Gerät ein Schlafproblem erzeugen, das viele ohne das Gerät überhaupt nicht gehabt hätten“.

Foster vergleicht dieses neu gewonnene Interesse an Schlaftrackern mit der Zeit, in der die Wohnungen zum ersten Mal elektrifiziert wurden. „Viele verkabelten ihre Häuser und ein paar brannten ab, weil die Leute sich mit der neuen Materie nicht ausreichend auskannten.“ Orthosomnie scheint eines der Symptome einer Industrie zu sein, die schnell gewachsen ist und einige Konsumenten mit mehr Daten versorgte, als diese verarbeiten konnten.

Es liegt nahe, eine Parallele zur Welt der sozialen Medien zu ziehen – auch sie nutzen viele äußert intensiv, ohne wirklich zu wissen, was das mit uns macht. „Jede drastische Veränderung hat mit denselben Problemen zu kämpfen”, sinniert Foster. „Die Dinge haben sich so schnell entwickelt, dass ein großes Vakuum entstanden ist.“ Doch in der Schlafindustrie dreht sich nicht alles nur um Gadgets. An dem Ende, das mit angenehm wenig Technik auskommt, findet man die schwere „Gravity Blanket“, eine Decke, erhältlich in drei Schwerestufen: sieben, neu und elf Kilogramm. Dem Geschäftsführer des Unternehmens, Mike Grillo, zufolge „ahmt sie das Gefühl nach, umarmt zu werden“.

Das setze Serotonin im Gehirn frei, was wiederum den Ausstoß von Melatonin stimuliere und helfe, „den Cortisolspiegel zu senken, der mit Stress und Angst in Zusammenhang steht. So entsteht eine beruhigende Wirkung und ein Gefühl des Geerdet-Seins.“ Nicht schlecht für eine schwere Decke.

Wissenschaftlich ist das Ganze noch nicht so recht belegt, räumt Grillo ein – im New Yorker war zu lesen, Gravity habe einen Text auf seiner Crowdfunding-Seite gelöscht, in dem behauptet wurde, mit der Decke könnte eine ganze Reihe von Leiden, einschließlich Schlaflosigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangsneurosen und die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), behandelt werden.

Doch das Unternehmen hat ganz offenbar einen Nerv getroffen: Bis heute hat es per Crowdfunding fünf Millionen Dollar zusammenbekommen. Das ursprüngliche Ziel hatte bei 21.500 Dollar gelegen. Eine Zeitlang hätten nur wenige Patienten die Decke verwendet, sagt Grillo, seit der Wahl Trumps und dem Brexit fühle sich eine breitere Schicht angesprochen.

Die Decke beschäftigt die Intelligenz. In einem weiteren Artikel im New Yorker war über Gravity zu lesen, „sie lasse einem das Gefühl, gleichsam aus der Welt zu sein, was in einer Welt immer weitreichenderer Verpflichtungen – zu arbeiten, Geld zu verdienen, zu handeln und zu performen – besonders reizvoll ist“.

Bei der Schlafindustrie handelt es sich also um die Industrie eines verängstigten Zeitalters, in dem Bildschirme und Arbeit in unsere Schlafzimmer eingedrungen sind und die Regierungschefs von Weltmächten bis in die Puppen Tweets und Nachrichten versenden. So, wo ist jetzt dieser Atemroboter? Gut möglich, dass ich noch ein bisschen mit ihm kuscheln muss.

Ellie Violet Bramley ist freie Journalistin und arbeitet unter anderem für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 05.09.2018
Geschrieben von

Ellie Violet Bramley | The Guardian

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