Das Gespenst des Mississippi

Familienbande Jesmyn Ward schickt uns auf einen Roadtrip aus Drogendeals und Tankstellen-Langeweile
Das Gespenst des Mississippi
Der Roman spielt nach Hurrikan Katrina und wird vom Gespenst der großen Mississippi-Flut von 1929 heimgesucht

Foto: Mario Tama/Getty Images

Teenager Jojo findet sich an einem Ort voller Schmutz, Schlamm, Schleim und Blut wieder. Sein Großvater zeigt ihm, wie man eine Ziege schlachtet: ihr die Kehle aufschlitzt, den Magen öffnet, die Eingeweide entfernt. Dabei gibt das tote Tier schrecklich gurgelnde Laute von sich. Der Gestank ist „schlimmer als Schweinekot im Gesicht“. Bussarde schweben am Himmel. Schon bald muss Jojo sich übergeben. Kurz danach hat er Ziegenleber auf dem Teller.

Wenn sich das unheilvoll anhört, dann steht dies für das Unheil des schwarzen Amerikas. Jesmyn Wards rauer, beängstigender Roman ist das Porträt einer zerbrochenen Familie, die an der Golfküste Mississippis lebt. Ihr Oberhaupt ist die drogenabhängige Leonie, die mit einem Weißen namens Michael verheiratet ist, dessen Cousin ihren Bruder getötet hat und im Gefängnis sitzt. Ihr Sohn Jojo – Leonie war 17, als sie ihn bekommen hat – fungiert als Bindeglied zwischen den Großeltern Pop und Mama (er wird von seinen Erinnerungen heimgesucht; sie ist unheilbar an Krebs erkrankt) und seiner kleinen Schwester.

Als sie erfahren, dass Michael freikommt, machen Leonie, ihre Kinder und ihre ebenfalls drogenabhängige weiße Freundin Misty sich auf die Reise Richtung Norden, um ihn aus dem Gefängnis abzuholen. Es ist ein Roadtrip ohne epische Qualitäten: eine oft amüsant-banale Odyssee voller Tankstellen-Langeweile, Drogendeals und Kids zwischen Übelkeit und Heißhunger. Als der bunte Haufen aus Ex-Knackis und Crystal-Meth-Freaks von der Polizei angehalten wird, denkt man, dass einer von ihnen erschossen wird. Später versetzt Michael seinem Vater einen Kopfstoß und wird dafür von seiner Mutter mit dem Besen verprügelt.

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist eine poetische Kritik der US-Geschichte. Die Landschaften, die mit forensischer Grausamkeit beschrieben werden, sind vergiftet. Ein Zwölfjähriger wird erwischt, wie er gepökeltes Fleisch klaut, und zu drei Jahren im Mississippi State Penitentiary verurteilt, der berüchtigten „Parchman Farm“: Der gespenstische Blues der Insassen wurde zwischen 1947 und 1959 vom Volkskundler Alan Lomax aufgezeichnet. Eine Welt, in der Unterschiede zwischen Plantage, Arbeitslager und Strafkolonie verwischen. Ein brutaler „Ort für die Toten“, wo es drei Friedhöfe gibt.

Alles ist vergiftet

Der Mississippi vergiftet Körper und Geist. Erde, Luft, Nahrung sind kontaminiert. Der Roman spielt nach Hurrikan Katrina und wird vom Gespenst der großen Mississippi-Flut von 1929 heimgesucht. Wasser spielt eine große Rolle. Mama, die über eine ganze Welt von Voodoo-Geistern verfügt, ruft gerne eine Göttin des Salzwassers an. Gleichzeitig fühlen die Charaktere sich oft ausgetrocknet, haben eine trockene Kehle. Michael, der früher auf einer Bohrinsel gearbeitet hat, entschuldigt sich schluchzend beim Wasser dafür, ganzen Gruppen von Delfinen das Leben genommen zu haben.

Der Roman gewann in den USA den National Book Award. Allerdings ist er nicht so stark wie Wards vorherige Arbeiten, Vor dem Sturm von 2011 etwa. Sein massiver Gefühlsüberschwang wirkt oft unbeholfen. Der Bezug auf Faulkners Als ich im Sterben lag – sowohl formal als auch inhaltlich – verleiht dem Roman etwas aufgesetzt Literarisches. Der wilde, aber sensible Jojo ist der liebenswürdige Mittelpunkt des Romans; andere Figuren bleiben einem eher fremd.

Die Reise, die die Familie zusammenhält, die dunklen Orte und Geschichten der Region sind eindrucksvoller als die eher ungelenke Inszenierung von Geistern und Erscheinungen. Aber trotzdem bleibt Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt eine grüblerische, schmerzerfüllte Meditation auf das schwarze Amerika.

Info

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt Jesmyn Ward Ulrike Becker (Übers.), Kunstmann 2018, 300 S., 22 €

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 08.04.2018
Geschrieben von

Sukhdev Sandhu | The Guardian

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