George Monbiot
13.10.2012 | 09:00 23

Das Gift des Empires

Kolonialismus Die imperiale Idee Großbritanniens hat nicht nur in seinen als Kolonien besetzten Ländern zu Folter, sondern auch innerhalb Europas zu Katastrophen geführt

Das Gift des Empires

Folter: Betroffene streiten in Kenya für ihr Recht auf Entschädigung

Foto: Leon Neal / AFP / Getty Images

Über dem Tor von Auschwitz standen die Worte „Arbeit macht frei“. Über dem Tor des Solowezki-Lagers in Lenins Gulag: „Freiheit durch Arbeit“. Über dem Tor des Internierungslagers Ngenya, das die Briten in Kenia betrieben: „Arbeit und Freiheit“. Die Entmenschlichung scheint einem beinahe unaufhaltsamen Kurs zu folgen.

Vergangene Woche setzten drei ältere Kenianer das Recht durch, die britische Regierung zu verklagen für die Folter, die sie in deren Kikuyu-Internierungslagern in den fünfziger Jahren erlitten hatten, darunter Kastrationen, Schläge und Vergewaltigungen.

Mehrere Zehntausend wurden in den Lagern inhaftiert und gefoltert. Ich werde Ihnen die Details nicht ersparen: Wir haben uns die Details viel zu lange erspart. Eine große Zahl von Männern wurde mit Zangen kastriert. Andere wurden vergewaltigt, zuweilen unter Einsatz von Messern, zerbrochenen Flaschen, Gewehrläufen und Skorpionen. Frauen wurden ähnliche Instrumente in die Vagina gezwängt. Die Wächter und Beamten schnitten Ohren und Finger ab, stachen Augen aus, verstümmelten die Brüste von Frauen mit Zangen, übergossen Menschen mit Paraffin und setzten sie in Brand. Unzählige Tausende starben.

Gewalt und Willkür

Das in diesem April enthüllte geheime Regierungsarchiv zeigt, dass der Generalstaatsanwalt, der Kolonialgouverneur und der Kolonialminister wussten, was geschah. Der Gouverneur stellte sicher, dass die Täter rechtliche Immunität genossen. Das schloss jene britischen Beamten ein, die ihm gemeldet worden waren, weil sie Gefangene lebendig verbrannt hatten. Der Kolonialminister log fortwährend öffentlich.

Wenig unterscheidet das britische imperiale Projekt von allen anderen. In allen Fällen bestand der Zweck des Imperiums in Plünderung, Land und Arbeit. Wenn Menschen Widerstand leisteten (wie es einige Kikuyu während der Mau-Mau-Rebellion taten), war die Antwort überall dieselbe: extreme und willkürliche Gewalt, die der Öffentlichkeit durch Distanz und offizielle Lügen verborgen blieb.

Mehrere Regierungen in Folge haben versucht, den Kikuyu Gerechtigkeit zu verwehren. Sie zerstörten die meisten Dokumente, logen über die Existenz der restlichen und versuchten, den Fall aus formalen Gründen abweisen zu lassen.

Ihr Umgang mit dieser Angelegenheit und die weit verbreitete britische Verleugnung der Geschehnisse in Kenia spiegeln wider, wie dieses Land durch seine Kolonialgeschichte brutalisiert wurde. Das Empire fügte den imperialen Nationen beinahe ebenso viel Schaden zu wie den unterworfenen Völkern.

Ausgewachsener Rassismus

Sven Lindqvist zeigt in seinem Buch Durch das Herz der Finsternis, wie die Ideologie, die zu Hitlers Krieg und dem Holocaust führte, von den Kolonialmächten entwickelt wurde. Der Imperialismus bedurfte eines Entlastungsmythos’. Er wurde hauptsächlich von britischen Theoretikern geliefert.

Im Jahr 1799 begann Charles White die Europäer als anderen Völkern von Natur aus überlegen auszuweisen. Bis 1850 hatte der in Ungnade gefallene Anatom Robert Knox dieses Motiv zu einem ausgewachsenen Rassismus entwickelt. Sein Buch The Races of Man behauptet, dass dunkelhäutige Menschen dazu bestimmt wären, von den „helleren Rassen“ versklavt und dann ausgelöscht zu werden. Mit dunkel war fast jeder gemeint: „Welch ein Feld der Ausrottung liegt vor den sächsischen, keltischen und sarmatischen Rassen!“

So merkwürdig sie klingen mag, dominierte diese Sicht doch bald das britische Denken. Gemeinsam mit der Mehrheit der politischen Klasse betrachteten W. Winwood Reade, Alfred Russell Wallace, Herbert Spencer, Frederick Farrar, Francis Galton, Benjamin Kidd und sogar Charles Darwin die Ausrottung dunkelhäutiger Menschen als ein unabwendbares Naturgesetz. Einige von ihnen argumentierten, die Europäer hätten eine Pflicht, das zu beschleunigen: sowohl um die Integrität der Art zu bewahren, als auch um die unterlegenen „Rassen“ aus ihrem Elend zu befreien.

In Deutschland aufgegriffen

Diese Motive wurden von deutschen Theoretikern aufgegriffen. Im Jahr 1893 behauptete Alexander Tille, indem er sich auf britische Autoren stützte, „es ist das Recht der stärkeren Rasse, die niedrigere zu vernichten.“ Friedrich Ratzel argumentierte 1901 in Der Lebensraum, Deutschland habe, wie die Europäer in den Amerikas, das Recht und die Pflicht, die „primitiven Völker“ zu vertreiben.

In Mein Kampf erklärte Hitler, die Ostausdehnung des Deutschen Reiches würde die Erweiterung britischer Interessen nach Westen und Süden spiegeln. Er systematisierte und industrialisierte, was imperiale Nationen seit fünf Jahrhunderten getan hatten. Der Maßstab war größer, der Schauplatz ein anderer, die Ideologie weitgehend dieselbe.

Ich glaube, die Brutalisierung des Empire machte auch das sinnlose Gemetzel des Ersten Weltkriegs möglich. Eine herrschende Klasse, die ihre Gefühle in einem solchen Maße abgeschaltet hatte, dass sie in den 1870er Jahren eine Hungersnot in Indien herbeiführen konnte, bei der zwischen zwölf und 29 Millionen Menschen starben, war zu beinahe allem fähig. Das Empire hatte nicht nur die Langstreckenwaffen erprobt, die in Nordfrankreich eingesetzt werden würden, sondern auch die Ideen.

Koloniales Erbe

Auch haben wir sie nicht völlig aufgegeben. In einem Kommentar zum Kikuyu-Fall in der Daily Mail griff Max Hastings die Kläger an, sie seien nach London gekommen, „um unser geistesschwaches Justizsystem auszubeuten.“ Sie anzuhören „stellt eine Übung in staatlichem Masochismus dar.“ Ich vermute, wären Mitglieder von Hastings Club so behandelt worden wie die Kikuyu, würde er von den Dächern nach Wiedergutmachung schreien. Aber Kenianer bleiben, wie es die koloniale Logik verlangte, die Anderen, bar jener Eigenschaften und Gefühle, die unsere gemeinsame Menschlichkeit begründen.

In den Augen weiter Teile der Elite gilt das auch für Sozialhilfeempfänger, „Problemfamilien“, Muslime und Asylbewerber. Der für das koloniale Projekt so notwendige Prozess der Entmenschlichung verlagert sich nach Innen. Bis diese Nation bereit ist, zu erkennen, was geschah und wie es gerechtfertigt wurde, wird Großbritannien genau wie die Länder, die es besetzte, vom Imperialismus verschandelt bleiben.

Übersetzung: Steffen Vogel

Kommentare (23)

Sisyphos Boucher 13.10.2012 | 10:41

Guter Beitrag. Für den Interessierten nicht wirklich neu allerdings. Und es betrifft Belgien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Portugal und die Niederlanden mindestens genauso.

Die Logik des Kapitalismus - verwertbare und nicht mehr verwertbare Waren - macht vor dem Menschen nicht halt. Eine Kritik an den Umständen muss auch eine Kritik an den Grundlagen beinhalten, die die Umstände erst möglich machen oder schließlich als logische Konsequenz zu erfordern scheinen.

Schauen wir nach Irak oder Afganisthan, sehen wir eine direkte Fortsetzung der Geschichte.

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Ehemaliger Nutzer 13.10.2012 | 16:58

Buchtipp:

Hier wird schön herausgearbeitet wie sich unter der segensreichen „rule of law,“ der Herrschaft des Gesetzes, vor dem alle – Engländer wie Inder – gleich geworden sein sollen, einer der größten und für die Täter einträglichsten Genozide der „Menschheitsgeschichte“ ereignete: durch die geplante und organisierte Vernichtung der noch vorhandenen Subsistenz(wirtschaft) und traditionellen Lebensmittelvorräte, dieser mit imperialer Rechtssicherheit beglückten Barbaren und Eingeborenen.

Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter. Assoziation A, Berlin/Hamburg/Göttingen 2004, ISBN 3-935936-43-5

(man beachte die schambesetzte deutsche „Übersetzung“ des Originaltitels „Late Victorian Holocausts“!)

Hätte es damals schon den Friedensnobelpreis gegeben, wäre dieses ehemalige und erfolgreiche Imperium, ein genauso würdiger wie berechtigter Anwärter dieser Auszeichnung, wie aktuell die Europäische Union!

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Ehemaliger Nutzer 13.10.2012 | 21:32

@Malte Krøgergaard

Im konkreten Falle aus den fünfziger Jahren gebe ich Ihnen ja Recht. Nur daraus eine Generalabrechnung mit Imperialismus zu starten - wie dies der Autor tut - halte ich für übertrieben. Deswegen die "hundert Jahre" und mehr.

Der Fall aus den Fünzigern mag klar liegen und viel Unrecht ist Geschehen, dennoch gehört dieses Thema der Vergangenheit an.

Klaus Rohde 14.10.2012 | 07:15

Es hat ja lange gedauert, bis man in Deutschland dahinter kommt. Australien, wo ich seit langer Zeit wohne: Ausrottung und Unterdruckung der Eingeborenen. Amerika: Ausrottung und Vertreibung der Eingeborenen. Und es geht lustig weiter: Iraq, Afghanistan, vielleicht bald Iran.

Siehe hier: http://krohde.wordpress.com/article/die-ideologie-der-amerikanischen-xk923bc3gp4-123/

Oberham 14.10.2012 | 11:57

Die Zahlen sind immer noch zu milde, aber was sind schon Zahlen - ob nun mehrere Zehntausend, oder mehrere Hunderttausend - oder mehrere Millionen....

Der Artikel passt so wunderbar in den Kontext mit dem Friedensnobelpreis, die letzten Gewaltexzesse im Zivilisierungsprozess der ach so zivilisierten Europäischen Kolonialmächte fanden ja alle innert der friedlichen 60 preigekrönten Jahre statt.

In http://www.amazon.de/dp/1844135489/ref=rdr_ext_tmb (geht wieder nicht - die Umbenennung - Britain´s Gulag, Caroline Elkins 2001) werden andere Zahlen vermutet, vor allem erhält das Grauen viele Gesichter.

Nur --- all diese Wahrheiten lehren uns nichts, wir tappen immer wieder in die gleichen Fallen, die gleiche Barbarei, die gleiche unsägliche, grausame Wucht der menschlichen Gier und Eitelkeit.

Ich persönlich fände dein grelles Licht am Horizont, als letzten Lebenseindruck gar nicht so übel, man könnte dann davon ausgehen dass der sadistische Knabe die Schanuze voll hat, von seinem Experiment.

Diese prinzipiell eher hässlichen buntbehauteten, aufrecht gehenden, Zellkonglomerate führen doch seit Jahrtausenden immer den gleichen Scheißdreck auf, Zeit für einen neuen Anlauf.

Oberham 14.10.2012 | 12:09

Oh, das Prinzip ist doch allgemeingültig, es gilt nun schon etwas mehr als 10 Jahrtausende in diesem Stil für uns Menschen.

Einige Dummerles mögen es sich einfach nicht abschließend eingestehen, und reflektieren über Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität, Güte und Fürsorge etc. - sie subsumieren diese Begriffe in der Menschlichkeit, dabei übersehen sie, das jenes Attribut , das wohl größte Paradoxon in unserer Bewußtseinssphäre darstellt -

die Menschlichkeit ist übergeordnet das genaue Gegenteil davon und gebiert als Gegenpol tatsächlich gelegentlich doch genau diese erträumten milden Interaktionsgaben.

Als Ganzes gilt jedoch das Prinzip des maximal möglich Groben!

Oberham 14.10.2012 | 12:21

.... ich bin sicher wir werden da noch Zeitzeugen - sofern wir es noch zwei Dekaden lang hier verleben, unser ach so bedeutungsvoll, bedeutungsloses Leben.

(Natürlich eurozentrisch betrachtet, blick ich über den Gartenzaun hinaus kann man es immer betrachten, dieses maximal Grobe!)

Einen indiustrialisierten Massenmord wie im 20.Jh. kann man einfach nicht täglich - ohne Pausen - exerzieren, manchmal muss man sich aufs Verhungernlassen, aufs Verelenden, auf regional begrenzte Schlachten kaprizieren - zumal diese unerfreuliche Entwicklung der x-fachen Auslöschungsmöglichkeit allen Lebens - auch die vermeintlich bestimmenden Damen und Herren, sammt ihrer Brut in tiefe Löcher ohne schnelle Aussicht auf einen blauen Himmel verbannte.

Ganz ehrlich, ich bin wirklich gespannt, wie die nächste größere Runde exekutiert wird - sekündlich verhungernde Kinder bringen es auf Dauer nicht - aber mir kommt es so vor, als arbeitete man gerade fieberhaft an einer Art globelm Bürgerkrieg - gemäß dem alten Leitsatz Senecas, dass der ehemals Besitzende eine große Wut über plötzlich eintretende Armut empände - da muss sich doch was köcheln lassen.

Wie der Autor oben so schön anklingen lässt, der Boden wird gerade bereitet.

Ich bin mir sicher, schon heute wäre eine Art von Wiedereingleiderungslager in der deutschen Mittelschicht durchaus mehrheitsfähig, noch sind die Arbeitslosen als Freischläfer unterwegs, tagsüber werden sie ja schon bestmöglich betreut.

gelse 14.10.2012 | 14:46

>>Ich bin mir sicher, schon heute wäre eine Art von Wiedereingleiderungslager in der deutschen Mittelschicht durchaus mehrheitsfähig,...<<

Das wurde schon diskutiert. Allerdings wären die Kosten der Internierung zu hoch, billiger ist zur Zeit die Aufstockung der Armutslöhne auf ein "Existenzminimum". Im weiteren Verlaufe des Lohnkrieges werden möglicherweise sogar die lammfrommen Deutschen mal meutern. Deswegen wird ja im Vorfeld der Agenda 2020 schon mit Militäreinsätzen gegen die "industrielle Reservearmee" gedroht. Internierung kommt wahrscheinlich erst infrage, wenn die Militärkosten zu hoch werden. Also mit der Agenda 2030.

Vaustein 14.10.2012 | 17:54

Auch die heutige demokratische Bundesrepublik Deutschland tut sich schwer, die Folgen des deutschen Kolonialismus korrekt und sauber aufzuarbeiten. Ich erinnere an den Fall des Gerson Liebl:

https://www.freitag.de/autoren/vaustein/staatlich-gewollte-familienzerstorung-geschichte-des-gerson-liebl

Seine Ausweisung erfolgte, weil die zuständigen Behörden auf die zutiefst rassistische Gesetzgebung aus Kaisers Zeiten rekurrierten.

Jeder Russe, dessen Schäferhund das einzige Merkmal seines angeblichen Deutschtums ist, kann als Ausssiedler nach D kommen, Gerson Liebls Opa, der deutsche Arzt Dr. Friedrich Karl Georg Liebl, hat sich zur Ehe mit der schwarzen Oma Gerson Liebls bekannt.

Gerson Liebl wurde ausgewiesen, weil Deutschland aus immer noch vorhandenem rassistischem Denken vermeiden will, dass sich noch mehr Nachkommen der deutschen Kolonialbeamten als "Spätrückkehrer melden könnten.

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Ehemaliger Nutzer 14.10.2012 | 19:26

@Gelse

Yes Massa: Nur die Beute ist gegenwärtig, Und die gehört immer noch und auf ewig Ihren Herrchen, gell?


Heute haben sie die "Beute" ja...nur wirtschaften können nicht alle. Aber, es gibt solche und solche Entwicklungsländer. Scheren wir nicht alle über einen Kamm.

Wenn Sie persönlich ein schlechtes Gewissen haben, wieso sind Sie dann nicht Entwicklungshelfer in Afrika??

Blickensdoerfer 14.10.2012 | 20:18

@Oberham:" Nur --- all diese Wahrheiten lehren uns nichts, wir tappen immer wieder in die gleichen Fallen"

"Wir tappen immer wieder . . .", weil "wir" die Frage nicht stellen, geschweige beantworten, warum "wir immer wieder . . . "

"Wahrheiten" lehren nichts. Und zu dem, was als Wahrheit bezeichnet wird, gibt es mannigfaches Verständnis, vor allem von den beschriebenen, geschilderten und angeschauten Erscheinungen und ihren scheinbaren Zusammenhängen.

Diese Art und Weise des zur Kultur gewordenen und vom herrschenden Verständnis damit beherrschten Verstehen zu überwinden - längst "Zeit für einen neuen Anlauf" dazu.