Das Glück in Zeiten der ursprünglichen Akkumulation

China Der Reichtum der Chinesen ist gewachsen – im Durchschnitt. Doch das Land muss nun lernen, dass die Ungleichverteilung der Güter unglücklich macht

Vor zwei Jahren wurde das Buch "Unglückliches China" in der Volksrepublik zum Bestseller. Es warf die Frage auf, wie Unglück in China denn überhaupt ein Thema sein könne, wo das Land nun doch seit 30 Jahren wirtschaftlich prosperiere und es den Menschen ökonomisch so gut gehe wie seit 50 Jahren nicht mehr. Ungeachtet der nationalistischen Motivation der Autoren, denen es um ein selbstbewussteres Auftreten ihres Landes gegenüber dem Westen und einen entschlosseneren Griff nach der Vormachtstellung in der Welt zu tun war, muss der Titel des Buches einen wichtigen Punkt berührt haben.

Anfang der Woche nun berichtete die China Digital Times über die Anweisung der staatlichen Zensurbehörde, einen Bericht über die Ergebnisse einer Umfrage zur Zufriedenheit der Chinesen nicht mehr weiter zu verbreiten: „Alle Internetseiten werden angewiesen, den Artikel 'In China sind 94 Prozent der Bevölkerung unglücklich. Übermäßige Konzentration des Wohlstands an der Spitze' und ähnliche Information vom Netz zu nehmen. Das Thema darf auch nicht mehr in Foren, Blogs, Microblogs, und anderen interaktiven Räumen diskutiert werden.“

Am unglücklichsten sind die Großstädter

Die oben genannte Zahl stammt aus einer Umfrage des US-amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Gallup, bei der Dänemark es auf beeindruckende 82 Prozent an glücklichen Staatsbürgern gebracht hat. In China sagten dies hingegen nur sechs Prozent von sich, was das Land auf den wenig schmeichelhaften 125. Rang verweist. Die unglücklichsten Chinesen leben dabei der Erhebung zufolge in den Großstädten, wo es den Menschen ökonomisch im Durchschnitt relativ gut geht. Seit Deng Xiaoping erklärt hat, reich zu werden sei ruhmreich, ist eine kleine Minderheit der Bevölkerung tatsächlich außerordentlich reich geworden. Millionen weiterer dürfen als wohlhabend gelten. Der Anteil der Durchschnittseinkommen am BIP stagniert aber seit zehn Jahren und die Einkommensschere geht immer weiter auseinander. Im ganzen Land haben die Menschen die altbekannte Erfahrung gemacht, dass die Befriedigung materieller Bedürfnisse relativ ist.

Die Partei ist beunruhigt. An den vergangenen beiden Sonntagen waren in Peking und anderen Städten ganze Stadtteile von Sicherheitskräften förmlich überschwemmt, um jeden durch die Demonstrationen im Nahen Osten inspirierten Protest schon im Keim zu ersticken. In China hat es zwar bislang wenig öffentliche Reaktionen gegeben. Die Nerven einer Regierung, die mittlerweile mehr Geld für die innere Sicherheit ausgibt als für die Verteidigung des Landes gegen äußere Feinde, kann dies aber ganz offenbar nicht beruhigen.

Wenn in diesen Tagen der Nationale Volkskongress in Peking zusammentritt, dürfte die Frage nach dem Glück im kollektiven Bewusstsein der Delegierten äußerst präsent sein. Denn den 3.000 Abgeordneten steht die Diskussion des 12. Fünfjahresplanes bevor, der dafür sorgen soll, dass der gesellschaftliche Reichtum ein wenig gerechter verteilt wird. Daneben soll Chinas Wirtschaft von nun an von ihrer auf Niedriglöhnen basierenden Orientierung auf Billigexporte auf eine ökologischere und wirtschaftlichere Entwicklung umgestellt werden.Wenn dies gelingt, bedeutet dies einen ökonomischen Richtungswechsel von globaler Bedeutung.

Defensive Einstellung zur Umweltverschmutzung

Die Angst vor der Unzufriedenheit der Bürger ist nur ein Grund dafür, dass ein Wandel unabdingbar geworden ist. Wirklich zwingend macht diesen, dass das Land alles verheizt hat, was das alte Wirtschaftsmodell trug: Energie, Ressourcen, billige Arbeitskräfte, Wasser und Märkte.
China hat die am schnellsten alternde Bevölkerung und in den am weitesten entwickelten Gebieten fehlen so viele Arbeitskräfte, dass die Löhne nicht mehr konkurrenzfähig sind. Die industrielle Verschmutzung von Wasser und Luft hat die Zahl der Krebserkrankungen stark ansteigen lassen und irreparable Umweltschäden verursacht. Mit Billigexporten für die reichen Länder können diese Schäden nicht kompensiert werden. China muss sich wandeln oder es wird zusammenbrechen.
Wie Japan, Taiwan und Südkorea vor ihm muss es nun versuchen, seine eigenen Technologien zu entwickeln, anstatt sich wie bisher darauf zu beschränken, die der anderen zu montieren. Es soll enorme Investitionen in sieben Zukunftsindustrien geben, unter anderem in den Bereichen Elektromobilität, Biotechnologie, Atomkraft, erneuerbare Energien und Informationstechnik. Diese Investitionen sollen sicher stellen, dass die nächste Generation von Patenten für Schlüsseltechnologien aus China kommt.
Noch mehr Menschen werden vom Land in die Städte ziehen. Diese werden sich von nun an um mehr Lebensqualität bemühen, da China seine defensive Einstellung zur Umweltverschmutzung („Der Westen hat den Schaden verursacht, jetzt muss er ihn auch beseitigen“) aufgegeben und nun die wirtschaftlichen Möglichkeiten der grünen Industrie aktiv nutzen will.
Wenn der Plan aufgeht, wird der Westen seine angemaßte technologische Überlegenheit überdenken müssen und das Land, das bislang als Sinnbild für die globalen Umweltprobleme galt, könnte mit einem Mal den Schlüssel zu deren Lösung bereithalten. Ob es ihm dadurch auch gelingt, die 94 Prozent Chinesen aufzumuntern, die gegenwärtig unglücklich sind, ist eine andere Frage.

Übersetzung: Holger Hutt

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16:10 11.03.2011
Geschrieben von

Isabel Hilton | The Guardian

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