George Monbiot
10.11.2011 | 13:50 3

Das große Würfelspiel

Wohlstandgefälle Wer sind die 1 Prozent, gegen die sich weltweit Proteste regen? George Monbiot über den Mythos vom Wohlstandserzeuger und die Erfolgsquote schlechter Eigenschaften

Wenn Reichtum das zwangsläufige Ergebnis von harter Arbeit und Unternehmergeist wäre, müsste jede Frau in Afrika Millionärin sein. Was die Superreichen für sich in Anspruch nehmen – dass sie über herausragende Intelligenz, Kreativität oder Antriebskraft verfügen – ist ein Beispiel für den Fehlschluss, sich selbst Ergebnisse anzurechnen, die man nicht herbeigeführt hat. Viele der heute Reichen sind in dieser Positiont, weil sie sich bestimmte Jobs ergattern konnten. Das wiederum hat weniger mit Talent oder Intelligenz zu tun, als mit der skrupellosen Ausnutzung anderer und dem Zufall der Geburt. Solche Jobs werden überproportional häufig von Menschen übernommen, die an bestimmten Orten in bestimmte gesellschaftliche Schichten hineingeboren wurden.

Boni belohnen Glück

Die Forschungsergebnisse des Psychologen und Wirtschaftsnobelpreisträgers Daniel Kahneman erschüttern die Vorstellungen, die finanzielle Überflieger gerne über sich selbst pflegen. Kahneman entdeckte, dass der vermeintliche Erfolg dieser Menschen eine kognitive Täuschung ist. Kahneman untersuchte er über acht Jahre hinweg die Resultate der Arbeit von 25 Vermögensberatern. Dabei kam heraus, dass die Konsistenz ihres Tuns gleich Null war. „Die Ergebnisse entsprachen eher dem, was man von einem Würfelwettbewerb erwarten würde, als einem Geschicklichkeitsspiel, bei dem es um Fertigkeiten geht.“ Diejenigen mit den größten Boni hatten einfach Glück gehabt. 

Diese Ergebnisse wurden von anderen Studien bestätigt. Sie zeigen, dass die Händler und Fondsmanager an der Wallstreet immense Gehälter dafür erhalten, dass sie kaum etwas anderes tun, als ein Schimpanse, der eine Münze wirft. Als Kahneman versuchte, darauf aufmerksam zu machen, wurde er ignoriert. „Die Illusion der Befähigung … ist fest in  ihrer Kultur verankert“, so der israelische Psychologe.

So viel zum Finanzsektor und seinen super-gebildeten Analysten. Und wie sieht es in anderen Geschäftszweigen aus? Verfügt Ihr Boss über mehr Urteilskraft, Weitblick oder Führungsqualitäten als alle anderen in der Firma oder ist er durch Bluff und Schikane an seinen Job gekommen?

Knast oder Business-School

In einer im Journal Psychology, Crime and Law veröffentlichten Studie testeten Belinda Board und Katarina Fritzon 39 Direktoren und Geschäftsführer führender britischer Unternehmen. Die Ergebnisse verglichen sie mit denen von Patienten eines Krankenhauses, in dem Leute untergebracht sind, die wegen eines Schwerverbrechens verurteilt wurden und mit denen sie die gleichen Tests durchgeführt hatten. Bei bestimmten Indikatoren der Psychopathie schnitten die Unternehmensbosse entweder genauso ab wie diese Patienten oder übertrafen sie – tatsächlich übertrafen sie sogar die Untergruppe von Patienten, bei denen psychopathische Persönlichkeitsstörungen diagnostiziert wurden.

Die psychopathischen Züge, bei denen die Chefs so hohe Trefferquoten erzielten, so Board und Fritzon, ähnelten jenen Merkmalen, auf die Unternehmen achten. Wer diese Züge besitzt, ist oft sehr gut darin, mächtigen Leuten zu schmeicheln und sie zu manipulieren. Egozentrik, starkes Anspruchsdenken, Bereitschaft andere auszunutzen, sowie ein Mangel an Einfühlungsvermögen und Gewissenhaftigkeit sind den Aussichten auf eine Karriere in vielen Unternehmen ebenfalls nicht abträglich.

In ihrem Buch Snakes in Suits (Menschenschinder oder Manager: Psychopathen bei der Arbeit) weisen Paul Babiak und Robert Hare darauf hin, dass die alten Unternehmensbürokratien durch flexible, sich ständig wandelnde Strukturen ersetzt wurden. Da Teamplayer als weniger wertvoll gelten als Angestellte, die zu Wettstreit und Risiko neigen, würden psychopathische Züge mit größerer Wahrscheinlichkeit ausgewählt und belohnt, so die Autoren. Bei der Lektüre ihrer Arbeit bekam ich den Eindruck: Wer psychopathische Züge aufweist und in eine arme Familie geboren wurde, endet wahrscheinlich im Knast. Wer psychopathische Züge aufweist, aber in eine reiche Familie geboren wurde, der wird wahrscheinlich BWL studieren.

Der Mythos der Auserwählten

Das soll nicht heißen, dass alle Führungskräfte Psychopathen sind, sondern dass die Wirtschaft die falschen Eigenschaften und Fertigkeiten belohnt. Geschäftsführer führen sich heutzutage auf wie Fürsten. Sie entziehen ihren Unternehmen Summen, die in keinem Verhältnis zu der Arbeit stehen, die sie leisten oder dem Wert, den sie generieren – Summen, die ihre Unternehmen manchmal in den Ruin treiben. Sie haben den Reichtum, den sie sich angeeignet haben, nicht mehr mit den eigenen Händen verdient als Ölscheichs.

Der Rest von uns wird von den Regierungen und kriecherischen Interviews in den Medien dazu eingeladen, ihnen den Mythos ihrer Auserwähltheit abzukaufen und zu glauben, sie seien im Besitz übermenschlicher Fähigkeiten. Von den Superreichen wwird oft behauptet, sie würden Wohlstand schafen. Dabei haben sie lediglich den natürlichen Reichtum der Erde und die Arbeitskraft ihrer Arbeiter ausgebeutet. Jetzt haben sie uns beinahe in den Bankrott getrieben. Sie, die dem neoliberalen Mythos zufolge Reichtum schaffen, gehören in Wahrheit zu den effektivsten Vernichtern von Reichtum, die die Welt jemals zu Gesicht bekommen hat.

In den vergangenen dreißig Jahren hat eine Handvoll Leute den gesellschaftlichen Reichtum unter Beschlag genommen und wurde dabei durch eine neoliberale Politik unterstützt, wie sie in den reichen Ländern zuerst durch Margaret Thatcher und Ronald Reagan praktiziert wurde. Ich werde Sie nun mit Zahlen bombardieren. Es tut mir leid, aber diese Zahlen müssen sich in unser Bewusstsein einbrennen. Zwischen 1947 und 1979 ist die Produktivität in den USA um 119 Prozent gewachsen, während das Einkommen des unteren Fünftels der Gesellschaft sich um 122 Prozent vergrößerte. Von 1979 bis 2009 hingegen stieg die Produktivität um 80 Prozent, während das Einkommen des unteren Fünftels um vier Prozent sank. In mehr oder weniger dem gleichen Zeitraum ist das Einkommen der oberen ein Prozent der Gesellschaft um 270 Prozent angestiegen.

Reicher als Crassus, Carnegie und Rockefeller

In Großbritannien ging das Einkommen des ärmsten Zehntels zwischen 1999 und 2009 um zwölf Prozent zurück, während die reichsten zehn Prozent ihr Einkommen um 37 Prozent steigern konnten. Der Gini-Koeffizient, der die Einkommens-Ungleichheiten bemisst, ist in diesem Land zwischen 1979 und 2009 von 26 auf 40 gestiegen.

In seinem Buch The Haves and the Have Nots versucht Branko Milanovic herauszufinden, wer der reichste Mensch aller Zeiten war. Angefangen mit dem stinkreichen Triumvir Marcus Crassus, misst er den Reichtum anhand der Menge der Arbeitskraft, die sich ein reicher Mann kaufen könnte. Es zeigt sich, dass der reichste Mann der vergangenen 2.000 Jahre auch heute noch am Leben ist: Carlos Slim könnte sich die Arbeitskraft von 440.000 Durchschnittsmexikanern erkaufen, womit er 14 Mal reicher ist als Crassus, neun Mal reicher als Carnegie und vier mal reicher als Rockefeller.

Bis vor kurzem waren wir von den Selbst-Zuschreibungen der Bosse wie hypnotisiert. Ihre Gefolgsleute in der Wissenschaft, den Medien, den Thinktanks und der Regierung schufen eine ausufernde Infrastruktur von Junk-Ökonomien und Schmeichelei, um zu rechtfertigen, dass sie sich den Wohlstand aneignen, den andere Leute geschaffen haben. Wir wurden von diesem Unsinn so eingelullt, dass wir seinen Wahrheitsgehalt nur selten in Zweifel gezogen haben.

Dies ist dabei, sich zu ändern. Vor kurzem wurde ich Zeuge einer bemerkenswerten Debatte, die sich auf den Stufen der St. Paul's Cathedral zwischen Stuart Fraser, dem Chairman der Corporation of the City of London, einem weiteren Offiziellen der Corporation, dem stürmischen Priester Vater William Taylor, John Christensen vom Tax Justice Network und den Leuten von Occupy London entspann. Sie hatte etwas von den Putney Debates des Jahres 1647. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten – und man muss den Offiziellen der Corporation ihr Erscheinen hoch anrechnen – musste die Macht des Geldes den Menschen direkt Rede und Antwort stehen.

Man hatte geradezu das Gefühl, einem historischen Augenblick beizuwohnen. Die, die unverdienter Maßen reich sind, sind in den Blickpunkt gerückt. Alle anderen hätten gerne ihr Geld zurück.

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

Kommentare (3)

Oberham 11.11.2011 | 11:29

Würfeln wir nicht alle mit - einmal würfeln dürfen entspricht in etwa - einmal würdelos einem Personaler ausgeliefert sein.

Wer aufrecht durchs Leben gehen will - ist entweder ein Glückspilz - sprich er hat für sich den Weg durchs Labyrinth (Job nicht remedium pecati sondern Freude und Sinnhaftigkeit - ergo auch im Privatleben ausgeglichen und entspannt...) gefunden - oder aber ein Asket und Eremit.

Von der Gruppe der Reichen und Mächtigen kann ich nicht sprechen - diese Welt kenne ich nicht.

chrislow 11.11.2011 | 15:15

Ich hatte eine Beschreibung einer solchen Studie in einem Wissenschaftsblog gefunden und diese hier besprochen:

www.freitag.de/community/blogs/chrislow/verhaltensstudie-an-boersentrader

Solche Studien sind aber nur der Hinweis auf besondere Begebenheiten und geben keine Lösung auf.

Ein einfaches Beispiel dazu ist, wenn jemand Geld auf der Strasse findet... was macht man damit?

Etwa in ein Fundbüro geben oder es doch besser behalten? Oder es gar einfach liegen lassen? ... der nächste aber wird es sich nehmen und vielleicht denkt dieser nicht weiter über seinen Tellerrand und behält es einfach...!?

Fazit?

Wer zuerst kommt....