Das Herz des Attentäters

Terrorpsychologie Für die meisten ist klar: Terroristen haben eine vom Fanatismus zerfressene Seele. Forscher halten diese Einstellung für wenig zielführend

Osama bin Laden war der berühmteste Terrorist der Welt. Gleichzeitig lenkte er die Welt von einer ernsthaften Analyse des Terrorismus und seiner Wurzeln ab. Mit seiner muslimischen Frömmigkeit und dem Bezug auf ein Kalifat des siebten Jahrhunderts, trug der Al-Qaida-Chef maßgeblich zu der Einschätzung bei, der islamische Extremismus sei nichts anderes als ideologisch, apokalyptisch und imperialistisch. Die meisten Politiker stiegen darauf ein. Aber diese Haltung ist nicht nur falsch. Entsprechend zu handeln trägt nach Ansicht einiger der besten Wissenschaftler auch recht wenig zur Bekämpfung des Terrorismus bei.

Der israelische Psychologe Ariel Merari hat 1973 im Jom-Kippur-Krieg in der israelischen Armee gerkämpft und sich in den vergangenen drei Jahrzehnten mit der Erforschung der Haltung von Terroristen befasst. Einige seiner bedeutendsten Arbeiten beschäftigen sich mit palästinensischen Selbstmordattentätern. Er hat mit deren Freunden und Familienangehörigen, und auch mit einigen verhinderten Attentätern selbst gesprochen, deren Sprengstoffgürtel nicht explodierte.

Seine erste Erkenntnis lautet, dass palästinensische Selbstmordattentäter sich für gewöhnlich nicht selbst umbringen wollen. Sie sind weder depressiv noch in irgendeiner anderen Form psychisch krank und neigen auch nicht zu Alkohol- oder Drogenmissbrauch. Darüber hinaus konnte Merari feststellen, dass diese vermeintlichen islamistischen Gotteskrieger auch nicht besonders religiös sind. Im Großen und Ganzen gaben sie die Religion nicht als ihre Hauptmotivation an und hatten auch nicht viel Hoffnung auf ein ruhmreiches Leben nach dem Tode.

"Psychisch gesund und im Grunde altruistisch"

Das passt zu dem, was wir über Selbstmordattentäter in anderen Ländern wissen. Die Organisation, die im späten 20. Jahrhundert die meisten Selbstmordattentate verübte, waren die Tamil Tigers in Sri Lanka, nominell eine neo-marxistische, atheistische Organisation. Auch die kurdische PKK in säkular und links, hat aber dennoch Mitglieder zu Selbstmordattentaten ermutigt.

Nicht nur Meraris Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass eine ganze Reihe der Selbstmordattentäter „psychisch gesund und im Grunde altruistisch“ ist bzw. war. Diese Beschreibung stammt von Eli Berman, der an der University of California in San Diego arbeitet. Mit der Formulierung „im Grunde altruistisch“ will er sicher provozieren. Was er aber meint ist, dass Terroristen oft aus dem Bedürfnis heraus handeln, anderen in ihrer Gruppe zu helfen. Seine Arbeit ist voll von ähnlichen Formulierungen, die dazu angetan sind, den ein oder anderen vor den Kopf zu stoßen. Aber da er sich jahrelang mit den Taliban, der Hamas, Hisbollah und sogar mit der Mahdi-Armee im Irak beschäftigt hat, muss man seine Arbeiten lesen, um zu verstehen was Terroristen antreibt.

Berman diente 1982 während des ersten Libanonkrieges in der israelischen Armee und sagt, dass islamistische Terrorgruppen sich ihr Überleben durch die Bereitstellung grundlegender Infrastruktur und sozialen Dienstleistungen sicherten. Für die Taliban kam der Durchbruch Mitte der Neunziger, als sie in der Lage waren, eine sichere Zollstraße von Kandahar im Süden Afghanistans nach Herat im Westen des Landes zu betreiben. In dem bekanntermaßen unsicheren Land voller rivalisierender Warlords, gelang ihnen die Bereitstellung dieser Infrastruktur und die Milizionäre konnten sich mit der Maut ihren Lebensunterhalt verdienen.

Materielle Anreize statt Ideologien

Bermans Arbeiten sind voll von ähnlichen Beispielen. Hisbollah? Die Organisation betreibt Krankenhäuser, Schulen und einen Müllsammeldienst und stellt sogar ein Stromnetz zur Verfügung. Der Wissenschaftler beschreibt diese Gruppen als wirtschaftliche Organisationen, deren Mitglieder die Dienste verwalten, sich ihren Lebensunterhalt verdienen und gleichzeitig für eine hohe Akzeptanz der Organisation in der Bevölkerung sorgen. Dabei handelt es sich freilich um den Befund eines Ökonomen, der sich mehr für materielle Anreize interessiert als für das Mobilisierungspotenzial von Ideologien und Symbolen. Auch geht es Bergman mehr um Organisationen als um Individuen. Wären aber Bush und Obama, Blair, Brown und Cameron seinen Ideen gefolgt, hätten sie sich ein verlorenes Jahrzehnt in Afghanistan ersparen können.

Berman ist der Ansicht, der Westen hätte sich weniger darum kümmern sollen, die Herzen und Köpfe der Menschen zu gewinnen, und sich stattdessen besser darauf konzentriert, ausreichend Saatgut zur Verfügung zu stellen und Schulen zu bauen. Anstatt Länder zu besetzen, hätte der Westen seine ganze Kraft in die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen stecken sollen, die mit Hilfs- und Entwicklungsprojekten befasst sind. Dasselbe gilt für Israels Umgang mit der Hamas. Netanjahu würde sehen, wie wirkungsvoll es wäre, Geld in Entwicklungsprojekte im Gazastreifen zu investieren.

Einige seiner Vorschläge klingen prosaisch und mechanistisch zugleich: Machen Sie X und Y wird passieren. Aber sie sind nicht simplizistischer als einige der Politiken, die gegenwärtig mit dem islamistischen Terror umgehen. Auch nach der Lektüre von Berman und Merari gelangt man zu dem Schluss, dass der Terrorismus mörderisch und nicht zu rechtfertigen ist. Er ist an seiner Wurzel aber auch ein nüchterne Angelegenheit. Vor allem: Man kann etwas gegen ihn unternehmen.

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17:57 04.05.2011
Geschrieben von

Aditya Chakrabortty | The Guardian

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The Guardian

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