Das Imperium ersteigert zurück

Kunstnationalismus Viele Kunstwerke in europäischen Museen wurden geraubt. Wie könnte dem vom Imperialismus diskreditierten Ideal eines Weltkulturerbes neues Leben eingehaucht werden?

Von China und Indien ist oft im selben Atemzug die Rede. Während in Europa und Nordamerika die Angst vor dem Untergang umgeht, scheinen Asiens „aufstrebende Giganten“ davon überzeugt, dass das 21. Jahrhundert ihnen gehört. Der unschöne Neologismus „Chindia“ ist bereits in den Sprachgebrauch von Analysten und Strebern eingegangen – ein Indiz für die geballte ökonomische und politische Kraft ihrer Ambitionen. Es ist daher nicht überraschend, dass die beiden auch auf kulturellem Gebiet von sich reden machen.

Im Februar wurden in Paris zwei Bronzeköpfe versteigert, die 1860 von französischen Truppen bei der Plünderung des Sommerpalastes in der Nähe von Peking geraubt worden waren. Eine Woche später erklärte der Bieter namens Cai Mingchao, ein chinesischer Sammler und Aktivist, er beabsichtige nicht, für Dinge zu bezahlen, die China gehörten. Cais Aktion führte in China wie im Westen zu heißen Diskussionen, in deren Zuge auch die Diskussion um die Versteigerung einiger persönlicher Dinge Mahatma Gandhis in New York neu angefacht wurde.

Auch wenn es nicht ganz so konfrontativ abging – ein indischer Geschäftsmann erwarb die Gegenstände in der Absicht, sie der Regierung seines Landes zu übergeben – entbehrte auch der indische Fall nicht einer gewissen Dramatik: Keine einstweiligen Verfügungen indischer Gerichte, keine angespannten Verhandlungen, noch in letzter Minute verzweifelt anberaumte und improvisierte Pressekonferenzen konnten den Verkauf der Objekte verhindern. Ihr früherer Besitzer, der kalifornische Hippie James Otis, fastet jetzt 23 Tage lang und „reinigt seine Seele“ zur Strafe dafür, soviel Aufregung verursacht zu haben.

Ein neuer alter Nationalismus

In unserer vermeintlich multipolaren Welt wird nationale Souveränität von einigen wieder ganz groß geschrieben. Fehden wie diese sind keine isolierten Ereignisse, sondern stehen in engem Zusammenhang mit einem neuen alten Nationalismus, der droht, unserer Zeit seinen Stempel aufzudrücken.

Der Aufruhr um die Bronzeköpfe aus dem Sommerpalast steht in China in einer Reihe von Inszenierungen nationaler Entrüstung, angefangen bei Protesten gegen die Berichterstattung in den westlichen Medien bis hin zu gegen Japan gerichteten Protestmärschen zur Einübung der nationalen Identität. Es mag völlig legitim sein, die Rückgabe der Bronzeköpfe zu verlangen, aber die Art und Weise, wie Cai mit seiner Aktion Stimmung gegen das Ausland zu machen versuchte, ist mir verdächtig.

Dass es beim Nationalismus weniger um die Liebe zur eigenen als vielmehr um Hass, Neid und Missgunst gegenüber anderen Nationen geht, lässt sich leicht daran zeigen, dass das National Gandhi Museum in Neu Delhi – wo immerhin bereits eine Brille des großen Mannes zu bestaunen ist – nur sehr geringe Besucherzahlen vorzuweisen hat. Diese Doppelmoral ist typisch für den Nationalismus. Das nationale Erbe ist nur von Interesse, wenn es akut von außen bedroht scheint, ansonsten begegnet man ihm mit Plattitüden und Gleichgültigkeit.

Rückgabe der Kronjuwelen

Aber so geschmacklos und unangemessen er auch sein mag, der moderne Nationalismus hat durchaus auch seine Berechtigung. Die Europäer setzten sich langsam aber stetig mit ihrer imperialen Vergangenheit auseinander. Der Besitz zahlreicher Kunstwerke und Schätze aus anderen Teilen der Welt, die oft genug geraubt und gestohlen wurden, ist ein Teil dieses Erbes.

Indien und China stehen an der Spitze dessen, was Fared Zakaria „the rise of the rest“ – den Aufstieg der Übrigen – genannt hat, während der Einfluss Europas und Nordamerikas entsprechend sinkt. Dass immer mehr dieser aufsteigenden Länder ihr kulturelles Erbe vom Westen zurückverlangen werden, scheint mir recht wahrscheinlich und auch durchaus legitim. Es ist nicht nur bornierter Nationalismus im Spiel, wenn Indien beispielsweise die Rückgabe des Koh-I-Noor-Diamanten aus den Kronjuwelen verlangt, sondern ein berechtigtes und nachvollziehbares Gefühl für vergangenes Unrecht und – und das ist ebenso wichtig – ein Gefühl der eigenen Stärke und des Vertrauens in die Gegenwart.

Gandhis Habseligkeiten

Selbstverständlich werden die großen Museen in Paris, New York und London sich nicht über Nacht in altmodische, provinzielle Warenhäuser des nationalen Kulturerbes verwandeln, in denen es nichts mehr gibt, was vom Leben in anderen Ecken der Welt Zeugnis ablegt. Aber die statische „Museumswelt“ scheint zunehmend anachronistisch zu werden. Der universale Anspruch des British Museum, des Louvre oder das Metropolitan Museum of Art in New York ist pathetisch und idealistisch, er kann aber nichts daran ändern, dass diese Häuser immer auch Zeugnisse von Unverhältnismäßigkeit, Macht und Eroberung bleiben werden.

Wie könnten wir in Anbetracht wieder erstarkender Nationalismen das universelle Ideal retten, dass das kulturelle Erbe allen gleichermaßen gehört? Ausgerechnet der ehemalige Besitzer von Gandhis Habseligkeiten James Otis hatte hierzu eine gute Idee. Er fragte die indische Regierung, ob sie ihm nicht eine Tour durch 78 Länder finanzieren würde, damit er die Lehre Gandhis in die Welt hinaustragen könne.

Und vielleicht wäre es wirklich eine Möglichkeit, die Idee eines gemeinsamen kulturellen Erbes der gesamten Menschheit mit neuem Leben zu erfüllen, indem man Wanderausstellungen etablierte, die nicht nur in den westlichen Hauptstädten, sondern auch an Orten wie Mexico City, Rio, Lagos und Kairo, Mumbai und Shanghai zu sehen sind.

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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

Kanishk Tharoor, The Guardian | The Guardian

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