Das Instagram-Inferno

Australien Nicht nur die Waldbrände sind fürchterlich, auch unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Betroffenen
Das Instagram-Inferno
Das Beunruhigendste an den Bildern von den Bränden ist, dass sie ein Sinnbild dafür abgeben könnten, wie die Welt weitermachen wird

Foto: Jenny Evans/Getty Images

Noch vor nicht allzu langer Zeit lautete eines der herrschenden Klischees über die Klimakrise, handele es sich dabei um eine „drohende Katastrophe“. Ja, die Situation sei dringend und die Katastrophe stehe auch mehr oder weniger unmittelbar bevor. Doch die meisten verwendeten immer noch das Futur, wenn sie über diese Katastrophe redeten. Es ist schwer zu sagen, wann genau die Krise aus dem Horizont der öffentlichen Vorstellungskraft in den unmittelbaren Vordergrund gerückt ist, aber das Drama, das sich in den vergangenen Wochen in Australien abspielt und bei dem ein Kontinent in Flammen steht, scheint ein deutlicher Hinweis darauf zu sein, dass die Zeit der drohenden Katastrophe vorbei ist und die reale in vollem Gange ist.

Neulich habe ich einer australischen Freundin geschrieben, die bei der Freiwilligen Feuerwehr in Melbourne ist und die Woche zwischen Weihnachtenund Neujahr in East Gippsland im Einsatz war, wo tausende aus ihren Häusern evakuiert wurden. Nachdem sie mich darüber informiert hatte, dass sie wieder zuhause sei, es ihr gut gehe und sie mich gebeten hatte, ich solle doch dafür sorgen, dass etwas Regen aus Irland nach Australien umgeleitet wird, schickte sie mit ein Foto, das sie während der Arbeit gemacht hatte: das Bild einer schmalen, staubigen Straße, die zu niedrigen, mit Bäumen übersäten Hügeln führt, hinter denen der Himmel sich in ein riesiges Inferno aus dunklem Rauch und glühenden Flammen verwandelt hatte. Ich starrte lange darauf und kehrte an diesem Tag immer wieder zu ihm zurück.

Fast wie bei Magritte

Foto: Saeed Khan/AFP via Getty Images

Der surreale Gegensatz zwischen der freundlichen ländlichen Landschaft und dem buchstäblich infernalischen Himmel dahinter hattes etwas Bizarres und Lehrreiches zugleich. Ich musste an René Magrittes Reihe von Ölgemälden L’Empire des lumières (Das Reich oder auch Die Herrschaft des Lichts) denken, auf denen Szenen einer nächtlichen Wohnstraße unter einem taghellen Himmel mit Schäfchenwolken zu sehen sind.

Gleichzeitig dachte ich, dass dies im Grunde auch ein Abbild des Lebens ist, wie es sich heute darstellt: ein ruhiger Vordergrund mit einem Inferno am Horizont dahinter. So wird auch das Ende der Welt aussehen. Die Leute halten ihre Handys auf das Feuer am Horizont und schicken die Bilder an Freunde, die gerade woanders sind. „So sieht der Weltuntergang hier aus“, werden sie sagen. „Wie ist es bei dir?“ Es gibt einen großen Sturm von geteilten Inhalten und viel Engagement, und dann gibt es da plötzlich gar nichts mehr.

So haben wir uns das Ende der Welt immer vorgestellt

Über die Klimakrise wird oft gesagt, sie sei durch eine merkwürdige Form kognitiver Dissonanz geprägt. Man liest etwas über die schmelzenden Polarkappen, die steigenden Temperaturen und das massenhafte Artensterben und man versteht intellektuell, dass etwas wirklich Schreckliches vor sich geht. Aber an den Nervenenden fühlt es sich überhaupt nicht danach an, sondern lediglich wie ein für die Jahreszeit zu warmer Januartag. Doch das, was in Australien geschieht, und die Bilder, die die Brände evozieren, fühlen sich an, als würde sich die Lücke zwischen den wissenschaftlichen Beweisen und dem Bereich der unmittelbaren Wahrnehmung schließen.

Ein kleiner Junge mit einer Gesichtsmaske in einem kleinen Boot auf dem Meer, seine Hand an der Außenbord-Pinne, der Himmel hinter ihm ein glühender Dunst. Die Silhouetten zweier Pferde vor dem Hintergrund eines brennenden Waldes. Eine maskierte Menschenmenge, die sich an einen Strand geflüchtet hat. Derselbe Strand übersäht mit den Kadavern tropischer Vögel. Ein Känguru, das bei lebendigem Leibe verbrennt, gefangen in einem Stacheldrahtzaun. All diese Szenen sind in ein ungutes Rot gefärbt, als hätte man sie mit einem Instagram-Filter namens „Inferno“ bearbeitet. Es sieht aus wie ein Film oder ein Videospiel. Es sieht so aus, wie wir uns das Ende der Welt immer vorgestellt haben.

In East Gippsland, wohin meine Freundin nach Weihnachten geschickt worden war, um die Brände zu bekämpfen, war die Lage so ernst, dass die Regierung eine Notfallwarnung an die verbleibenden Einwohner*innen herausgab, in der sie diesen mitteilte, es sei zu spät, sie zu evakuieren. „Sie sind in Gefahr“, lautete die Warnung, „und müssen unverzüglich handeln, um zu überleben“.

Das Schlimme ist die Gleichgültigkeit

Hier auf der anderen Seite der Erde, tausende von Kilometern von der unmittelbaren Gefahr entfernt, ist es unmöglich, dies nicht als Warnung vor dem Klimanotstand im weiteren Sinne zu verstehen. Es ist dieselbe Botschaft, die wir von Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen seit Jahrzehnten zu hören bekommen.

Und es ist zweifelsohne die Botschaft dieser apokalyptischen Bilder aus Australien, die in den purpurnen Glanz der Katastrophe getaucht sind. Wenn Gott höchstpersönlich sich materialisieren und diese Botschaft überbringen würde, könnte sie dadurch nicht deutlicher und eindringlicher werden.

Das Beunruhigendste an den Bildern von den Bränden ist allerdings noch nicht einmal, dass sie das Ende der Welt signalisieren könnten, sondern vielmehr, dass sie ein Sinnbild dafür abgeben könnten, wie die Welt weitermachen wird – dass wir uns einfach daran gewöhnen werden, dass weite Teile der Welt in Flammen stehen und sogar noch größere Teile überflutet sind. Noch beunruhigender ist es, dass wir hartherzig werden könnten gegen diejenigen, die in den Fluten und den Feuern leben und sterben.

Denn wenn ich mir die Bilder von jenen Australier*innen ansehe, die zusammengedrängt an den Stränden stehen, auf der Flucht vor dem Rauch und den Flammen, dann stellt sich eine Art doppelter Belichtungseffekt ein, durch den ich das gespenstische Bild jener Geflüchteten sehe, die in Booten von Orten nach Australien gekommen sind, an denen sie nicht mehr länger sicher waren, nur um unbefristet und unter schrecklichen Bedingungen in Lagern auf Inseln im Südpazifik festgehalten zu werden. Im Rest der Welt wird ihr Leid weitgehend ignoriert. Diese Menschen wissen besser als irgendjemand sonst, wie die Apokalypse aussieht.

Mir scheint, als wären nicht das Schmelzen der Polarkappen oder die Waldbrände das apokalyptische Szenario, sondern eher die langsame Atrophie unseres moralischen Vorstellungsvermögens; nicht das Inferno selbst, sondern die Gleichgültigkeit derjenigen von uns, die noch nicht brennen. Vor allem in diesem Sinne sind wir in Gefahr und müssen unverzüglich handeln, um zu überleben.

Mark O’Connell ist Autor und lebt Dublin. Sein Buch „Notes from an Apocalypse“ erscheint im April

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 16.01.2020
Geschrieben von

Mark O'Connell | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 11543
The Guardian

Ausgabe 27/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 60

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar