Das Meer, so schwarz wie der Tod

Tunesien Mohammed Munardi riskierte alles für einen Job in Europa. Eine gefährliche Odyssee – und das eigentliche Ziel bleibt weit entfernt

Jeder an Bord rauchte. Es gab einfach nichts anderes zu tun, wenn nicht gerade ein Sturm aufzog, Wasser über die Bordwand klatschte, und die Passagiere verzweifelt damit beschäftigt waren, es wieder hinaus zu schöpfen. Für den 22-jährigen Tunesier Mohammed Munardi schienen die Stürme immerhin eine Ablenkung zu sein. „Sich verloren zu fühlen, wenn das Wasser schwarz funkelt, das ist schlimmer als die Wüste“, erzählt er und zieht an seiner Zigarette.

Es ist noch früh am Morgen, aber die Sonne steht schon über der süditalienischen Stadt Oria, die vielen tunesischen Flüchtlingen zu einer vorübergehenden Zuflucht wurde. „Man kriegt Angst und fängt an, sich auszumalen, wie man wohl sterben wird. Manchmal habe ich mir vorgestellt, so viel Salzwasser zu trinken, dass ich daran sterbe oder mein Herz vor Angst einfach zu schlagen aufhört. In solchen Augenblicken habe ich mich gefragt: Mohammed, das alles hast du für Europa auf dich genommen? Das alles für einen Job?“

Nachdem Munardi in der Nacht zum 11. März aus seinem tunesischen Dorf Dahiba aufbrach, seine Familie hinter sich ließ und die weite Reise in den Norden antrat, ist sein Leben von Extremen erschüttert. Der Entschluss, sein Zuhause zu verlassen, war die bisher folgenschwerste Entscheidung seines Lebens. Nun wartet er in einem italienischen Lager auf die Genehmigung, die über seine Zukunft entscheidet – ist der Gnade von Bürokraten ausgeliefert, die befinden, was er essen und wo er schlafen darf. Wie lange er warten muss.

Sturm zieht auf

Munardi hatte eigentlich nie ernsthaft daran geglaubt, er könnte einmal seinen Heimatort Dahibah an der Grenze zwischen Tunesien und Libyen verlassen. Mit seinen Brüdern verdiente er als passionierter Benzinschmuggler so viel Geld, dass es reichte. Wie viele seiner Landsleute fürchtete auch er, nach dem Sturz Ben Alis stehe Tunesien für Monate oder gar Jahre das Chaos bevor. Tatsächlich wurde Dahibah von Aufruhr und Tumulten anderswo nicht berührt. „Tagsüber surfte ich im Internet“, erinnert sich Munardi, „abends ging ich mit meinen Freunden in der Wüste auf Kaninchenjagd. Wir entzündeten ein Feuer und schliefen im Sand.“ Sein Dorf sei „ein besonderer Ort“, der gar nicht wirklich zu Tunesien gehöre. „Es gibt nicht sonderlich viel Polizei dort. Und wenn, dann kümmert die sich um ein paar logistische Angelegenheiten. Davon abgesehen hatten wir absolut nichts mit ihr zu tun.“

Vergeblich versuchten Munardis Eltern, ihren Sohn davon abzubringen, wie so viele andere das Durcheinander nach dem Umsturz zu nutzen, um Grenzkontrollen zu umgehen, das Mittelmeer zu überqueren und eine Arbeit in der Festung Europa zu suchen. Doch der Sohn blieb entschlossen. Er traf einen Mittelsmann in der Hafenstadt Djerba, der die Überfahrt auf einem Motorboot für 2.000 Dinar (etwa 1.000 Euro) anbot. Am frühen Morgen des 17. März – nachdem Munardi mit zwei Freunden eine Woche lang in Djerba auf besseres Wetter gewartet hatte – warfen die drei all ihre Habseligkeiten in einen einzigen Beutel und kletterten auf ein Floß, das sie zu einem Seelenverkäufer brachte, auf dessen Planken bereits 50 andere warteten.

„Der Kapitän war gerade mal 20 Jahre alt, aber schon so gelassen und professionell. Zumindest tat er so“, erzählt Munardi. „Die meisten an Bord kamen aus Djerba und hatten in irgendeinem Hotel oder als Fischer gearbeitet. Wir waren alle glücklich – lachten, sangen und filmten mit unseren Handys.“ Am zweiten Tag jedoch zog ein Sturm herauf.

„Der Kapitän kam zu uns und sagte: ‚Solange der Wind nicht stärker wird, werden wir überleben. Nimmt der aber zu, werden wir sicher sterben.‘ Ich werde diesen Moment niemals vergessen – und könnte stundenlang darüber reden, es würde trotzdem niemand verstehen. Man muss es selbst erlebt haben, um zu wissen, wie es es sich anfühlt, wenn das eigene Leben plötzlich vorbei sein kann.“ Nach zwei Tagen Überfahrt landet das Boot auf Lampedusa. Dieser winzige Außenposten Italiens zählt 5.000 Einwohner – sechs Mal so viel Menschen sind dort allein in diesem Jahr an Land getaumelt. Einige kommen aus Libyen und haben oft Jahre als Gastarbeiter zugebracht, andere sind Flüchtlinge aus den Subsahara-Staaten. In der Mehrheit aber handelt es sich um Tunesier, die seit vier Monaten in Scharen ankommen, über die schroff-idyllische Landschaft strömen und sich in Höhlen, in verlassenen Bauernhöfen oder anderen Nischen dieser Gegend einrichten.

Obwohl die Illegalen mit den härtesten Umständen rechnen müssen, haben laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNHCR allein in den vergangenen vier Monaten 800 Menschen den Versuch, hierher zu kommen, mit dem Leben bezahlt. So spürt auch Munardi nichts als unendliche Erleichterung bei seiner Ankunft: „Für mich war das nicht nur Lampedusa, sondern ein neues Leben. Als ich den Fuß auf das Pflaster des Hafens setzte, wurde ich neu geboren. Das Meer war wie der Tod – Lampedusa wie das Leben.“

Sogar die Schnürsenkel

Lampedusa, das weit weg ist von der italienischen Verwaltung, zieht seit Jahrhunderten Einwanderer an, schon in der Antike waren Seefahrer der Phönizier und Römer hier. Draußen beim Leuchtturm zeugt ein sechs Meter hoher Wegweiser von der ewigen Geschichte des Ankommens. Er weist in die Richtung so vieler Länder und Städte, aus denen irgendwann einmal Menschen aufbrachen, um hier zu stranden. Als die jüngste Flüchtlingswelle ihren Höhepunkt erreichte, sah man überall auf der Insel tunesische Migranten.

Nach wie vor sind die Spuren des Zustroms an vielen Orten und in vielen Winkeln dieses Urlaubsidylls versteckt. Der Boden eines sich im Bau befindlichen Swimmingpools ist übersät mit Matratzen, leeren Thunfischdosen, Cola-Büchsen und zurückgelassener Kleidung. Auf einer Granitwand erzählen einander überdeckende Graffitis davon, dass dieser Platz sowohl von einheimischen Jugendlichen wie Migranten geschätzt wird. Hey Loco, Ti Amo ist dort in zweieinhalb Meter großen Buchstaben zu lesen und gleich daneben auf arabisch: Horreya (Freiheit).

Munardi blieb zehn Tage auf Lampedusa. „Wir schliefen im Hafen unter freiem Himmel, weil das Auffanglager niemanden mehr auffing. Um uns die Zeit zu vertreiben, haben wir Ausflüge gemacht.“ Schließlich wurde sein Fall bearbeitet – Munardi erhielt einen vorübergehenden Ausweis und wurde mit 1.400 anderen Migranten auf eine Fähre in das süditalienische Taranto verfrachtet. „Sie haben jeden von uns durchsucht, bevor wir an Bord durften, und uns alles abgenommen, das eine Gefahr darstellen könnte. Sogar unsere Schnürsenkel. Wahrscheinlich weil sie wussten, dass wir unter einem enormen Stress standen.“

Am 1. April erreicht Munardi das europäische Festland und wird per Bus in ein Auffanglager der Region Apulien gebracht. Das Camp, eine blaue Zeltstadt in der Ödnis zwischen den Städten Manduria und Oria, ist von Stacheldraht umzäunt, von Dutzenden Polizeieinheiten und aus der Luft per Helikopter bewacht. Als Munardi in dem ursprünglich für 1.500 Insassen gedachten Lager eintrifft, sind bereits über 2.000 Migranten dort. Denen steht nur ein Block mit Duschen zur Verfügung, die regelmäßig defekt sind.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat längst die Bedingungen in italienischen Auffanglagern „unerträglich“ genannt. Die Zustände dort würden sich auch auf die mentale Verfassung der Menschen auswirken. „Die Leute verstehen einfach nicht, was vor sich geht“, meint auch Munardi. „Einige betrinken und prügeln sich. Überall liegen die Nerven blank. Ich fühlte die Angst in mir aufsteigen, weil ich noch nie zuvor solche Leute getroffen hatte. Oft habe ich mir gewünscht, nach Tunesien zurückgebracht zu werden. Ich wollte nur weg.“

Seit seiner Ankunft in Apulien hat es zwei Massenfluchten gegeben. Bei der zweiten ist auch Munardi dabei und schafft es zu Fuß in das 60 Kilometer entfernte Bari, bevor er von der Polizei gefasst und zurückbefördert wird.

Im Lager stellt sich schwer erträgliche Routine ein, nachdem die Behörden begonnen haben, auf sechs Monate befristete Aufenthaltsgenehmigungen für alle auszustellen, die wie Munardi vor dem 5. April auf Lampedusa gelandet sind.

Jeden Morgen hängt die Polizeistelle des Lagers eine Liste mit den Namen derjenigen aus, deren Visa vorliegen. Das Prozedere scheint willkürlich und undurchsichtig, schnell machen Gerüchte und Verschwörungstheorien die Runde. Einige glauben, das Lageressen werde mit Drogen versetzt, um sie ruhig zu stellen. „Wir wachen nur noch für die Liste auf“, sagt Munardi. „Häufig hat man das Gefühl, kein Mensch zu sein und die Umstände einfach hinnehmen zu müssen. Ich versuche, mir immer vor Augen zu führen – das Ganze ist nur eine Sache von Tagen, vielleicht Wochen.“

Inzwischen können die Migranten das Lager tagsüber verlassen und nach Oria spazieren. Viele Einwohner der kleinen Stadt mit dem Schloss, in dem jeden Sommer Historienspiele aufgeführt werden, begegnen den Migranten außerordentlich freundlich – Munardi ist einmal von einem italienischen Paar spontan zu einem Strandtag mitgenommen worden, doch gibt es auch unerfreuliche Vorkommnisse. Ladenbesitzer ordnen auf Schildern in Arabisch an, dass immer nur eine Person ihr Geschäft betreten darf. Bars und Cafés haben Zeiten festgelegt, in denen Migranten ihre sanitären Einrichtungen nicht benutzen dürfen. „Wir sind eine kleine Stadt, die auf den Tourismus angewiesen und durch die massenhafte Präsenz von Einwanderern bedroht ist“, begründet dies der örtliche Polizeichef Emilio Dell‘Aguila. Munardi versteht das: „Es ist ihr Zuhause. Wir müssen uns ständig für unsere Anwesenheit entschuldigen.“

Einwanderer und Tourist

Bei Sonnenuntergang versammeln sich die Einwanderer um kleine Feuer am Straßenrand. Munardi weist auf einzelne Personen oder Cliquen hin, die im Lager Einfluss haben. Bauern sind darunter, Computerprogrammierer und ein Techno-DJ. Einige diskutieren über Politik und das neue Tunesien, andere spielen lieber Fußball. „Wenn ich das Visum bekomme, werde ich nach Rom fahren und Fotos machen – ich werde dort einen Tag als Einwanderer und Tourist verbringen“, schwärmt Munardi. „Dann werde ich versuchen, nach Paris zu kommen, wo der Cousin eines Freundes versuchen will, ihm und mir einen Job in einer Bäckerei zu verschaffen.“

Das Visum bietet freilich nur eine relative Sicherheit. Um mit dem Zug oder Bus zu fahren, braucht man Geld, doch ohne Ausweis ist es für Munardi schwierig, sich etwas von seiner Familie in Tunesien schicken zu lassen. Außerdem sind an der französischen Grenze seit geraumer Zeit Polizisten postiert, um Tunesier – auch solche mit Aufenthaltsgenehmigung – daran zu hindern, nach Frankreich einzureisen, wie es ihnen laut Schengen-Abkommen erlaubt wäre. Züge mit Migranten werden an der Grenze kontrolliert. Und selbst wenn Mohammed Munardi Paris jemals erreichen sollte, hieße das keineswegs, dass ihm ein sofortiges Ausweisungsverfahren erspart bliebe.

Doch Munardi glaubt fest daran, dass sein Kampf gegen die Grenzen nicht ewig währt. „Manchmal, wenn ich in den Nachrichten all das Elend auf der Welt sehe, all die Revolutionen und Naturkatastrophen – und wenn ich die Leute sehe, die von Libyen nach Tunesien, von Haiti nach Kanada und von Serbien nach Italien fliehen, glaube ich, dass es bald keine Grenzen mehr gibt. Das wäre ein Wunder. Dann wird es wieder so sein, wie in den ersten Zeiten der Menschheit auf Erden, als sich alle frei bewegen konnten.“

Jack Shenker ist Reporter des Guardian und derzeit in Nordafrika unterwegs

Übersetzung: Zilla Hofman
14:00 10.06.2011
Geschrieben von

Jack Shenker | The Guardian

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