Das neue Schwarz

Comedy Schwul oder Hetero: In der britischen Comedy-Szene werden Vergewaltigungs-Sketche salonfähig. Sogar Frauen folgen diesem Trend

„Man kann keine Witze über Schwarze oder Asiaten reißen“, erklärte mir der Komiker Jim Jeffries vergangenes Jahr. „Witze über Vergewaltigungen sind auf der Bühne dagegen kein Problem.“ Als ich mit mehreren Komikern darüber sprach, was in der Comedy als anstößig gilt, bekam ich immer wieder die gleiche Geschichte zu hören. Der amerikanische Stand-Up-Comedian Scott Capurro etwa sagte: „Vergewaltigungen sind das neue Schwarz der Comedy.“ Brendon Burns, der im Rahmen des Edinburgh-Festivals eine Auszeichnung erhielt, erzählte mir, der beliebsteste Neologismus in der Comedy sei rapey, was so viel wie schlampig bedeute. "Nur die Briten können ein Wort wie 'rape' verniedlichen", meinte der gebürtige Australier.

Beispiele für Rape-Comedy lassen sich leicht finden. Reginald D. Hunter hat ein Programm, das beginnt so: „Ohne Vergewaltigung wäre unsere Zivilation überhaupt nicht entstanden ...“. Auch der britische Komiker und Fernsehmoderator Jimmy Carr hat ein paar – mehr oder wenig – witzige Bemerkungen zu dem Thema auf Lager („Was gefällt neun von zehn Personen?/ Eine Gruppenvergewaltigung“). Seine aktuelle Show nennt Carr als Meister des Wortspiels Rapier Wit.

Ping Pong mit dem Witz

Russell Brand sorgte in Northampton für einen Sturm der Empörung, als er zum Spaß live auf der Bühne nach der Polizei rief und behauptete, er habe einen Mann entdeckt, der in der Stadt wegen schwerer Sexualdelikte gesucht sei. Selbst Frauen machen mit: Sarah Millican hat einen Sketch, bei dem es um fetischistische Vergewaltigungs-Rollenspiele mit ihrem Freund geht. Mehrere Argumente werden zur Verteidigung dieses neuen Trends vorgebracht. Manche sagen, es sei die Aufgabe der Comedy, die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, auf die Probe zu stellen und Tabus zu brechen – auch wenn sich manche Tabus leichter brechen lassen als andere. Es sei doch klar, sagen andere, dass diese Witze niemandem etwas Böses wollen; sie seien eben witzig, weil allen Anwesenden – Künstler wie Publikum – instinktiv klar sei, dass eine Vergewaltigung eine schockierende Sache ist.

Einige Komiker sagen, ein Vergewaltigungs-Witz habe seine Berechtigung, solange er auf ihre eigenen Kosten ginge. Jeffries erzählt mir von einem seiner Witze, bei dem es um ein Mädchen geht, das nicht mit ihm schlafen will: „Die Pointe lautet 'also habe ich sie vergewaltigt'. Aber dann erzähle ich später einen anderen Witz, bei dem es darum geht, dass ich in der Toilette einer Schwulenbar bin, und hier lautet die Pointe 'also vergewaltigte er mich'. Ich spiele Ping-Pong mit dem Witz.“

Verzweifelt geschmackloser

Das Gegenargument, das am nachdrücklichsten von der englischen Komikerin Jo Brand vertreten wurde, lautet, dass die heutigen Comedians nur so tun, als würde sie die Dinge beim Namen nennen und politische Korrektheit ablehnen, um eine frauenfeindliche Comedy, wie man sie zuletzt in den Siebzigern sah, wieder salonfähig zu machen. Typen wie Carr, meint Brand, "gefallen allen Menschen dort draußen, die denken, 'wo sind all die herrlichen Anti-Frauen Witze hin? Wir vermissen sie.'" Brand meint ausmachen zu können, es werde "nahezu verzweifelt versucht, die Comedy geschmackloser zu machen als früher".

Auffallend ist jedoch, wie akzeptabel Witze über Vergewaltigungen in der Comedy nun scheinbar geworden sind. Die junge Sketch-Truppe Late Night Gimp Fight konnte überhaupt nichts dabei finden, dass Dornröschen in einer Szene, die sie beim Comedy-Festival in Edinburgh vergangenen Monat aufführten, von ihrem Prinzen nicht wachgeküsst, sondern vergewaltigt wird. Auch Jeffries beharrt darauf, dass so etwas "kein Problem ist". Doch eine Hoffnung bleibt: Wenn Vergewaltigungen in der Comedy gang und gäbe werden, hat sich der Witz des Tabu-Bruchs irgendwann auch verbraucht.

Für die nächste Ausgabe des Freitag hat unser Autor Mikael Krogerus mit der deutschen Stand-up-Comedian Iris Bahr gesprochen. Bestellen können Sie die Ausgabe schon .hier

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Übersetzung: Christine Käppeler
Geschrieben von

Brian Logan | The Guardian

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