Das Orakel von Qom

Irak ­Schiitenführer Muqtada al-­Sadr sitzt im iranischen Exil, kann aber dank seines guten Abschneidens bei der Wahl im Irak über den künftigen ­Premier mit entscheiden

Der berüchtigte Unruhestifter saß im Schneidersitz auf dem Boden, war mit einem schwarzen Turban bekleidet und hielt Hof. Noch nie wurde dem Schiiten-Prediger Muqtada al-Sadr die Ehre zuteil, eine Delegation des irakischen Premiers Nuri al-Maliki empfangen zu dürfen. Doch wurden die Emissäre nun sogar im Hauptquartier des exilierten Geistlichen in der Heiligen Stadt Qom (Iran) vorstellig, um auf mehr als Aussöhnung zu drängen. Nuri al-Malikis Emissäre warfen sich förmlich in den Staub. Was sie erbaten, wäre noch vor Monaten undenkbar gewesen. Muqtada al-Sadr möge sich für den Gedanken erwärmen, den Verbleib von Nuri al-Maliki im Amt des irakischen Regierungschefs zu unterstützen. Der Adressat des Begehrens war richtig gewählt. Schließlich betrachten noch immer mehr als zwei Millionen Schiiten im Irak al-Sadr als ihr geistliches Oberhaupt.

Der Scheich und der Premier

So bot sich dem Prediger ein triumphaler Moment, wurde er doch 2007 von al-Maliki mit Hilfe der US-Armee aus dem Land gejagt und von der irakischen Regierung für politisch tot erklärt. Jetzt kamen die einstigen Verfolger, ihn zu hofieren. In den Wochen seit der Wahl am 7. März hatte sich das Ergebnis bei den ausgezählten Stimmen kontinuierlich zugunsten Iyad Allawis und seiner Allianz Irakija verschoben, während dem anfangs siegessicheren Amtsinhaber al-Maliki die Macht mit jeder neuen Hochrechnung weiter zu entgleiten schien. So kam es, dass al-Sadr quasi im Handumdrehen vom Paria zum potentiellen Königsmacher avancierte.

Sein Block konnte 40 der 325 Sitze des neuen Parlaments für sich gewinnen, zehn mehr als beim Votum Ende 2005. Das Ergebnis der Sadristen war eindeutig, ihre Wählerbasis blieb stabil und wurde durch die vielen zur Auswahl stehenden Listen nicht zersplittert, wie viele prophezeit hatten.

Vor dem 7. März hatte al-Malikis Allianz Rechtsstaat damit gerechnet, genügend Stimmen zu bekommen und bei der Suche nach Koalitionspartnern nicht auf Muqtada al-Sadr angewiesen zu sein. Das Kalkül ging nicht auf. Jetzt ist Al-Malikis Chefberater Sami al-Askari dafür um so mehr überzeugt, bei al-Sadr einen Sinneswandel zu erkennen. „Die Sadristen sagen, es gebe für sie keine Ressentiments mehr – weder gegenüber al-Malikis Koalition noch al-Maliki selbst.“

Im Irak ist oft zu hören, der Scheich und der Premier besäßen eine gemeinsame Geschichte. Al-Sadr floh 2007 nach Iran, nachdem er sich zunächst als Widerstandskämpfer gegen die von den USA angeführte Besatzung und später als Verteidiger sektiererischer Interessen der Schiiten geriert hatte. Schließlich verloren die Amerikaner die Geduld mit dem Kommandeur Tausender Milizionäre, die sie in gleicher Weise wie die Al-Qaida-Formationen für das Blutvergießen zwischen Schiiten und Sunniten verantwortlich machten.

Es gibt seitdem zwei handfest Gründe für Al-Maliki al-Sadr zu misstrauen: Der erste ergab sich durch den Aufstand von Kerbala Anfang 2007, den al-Sadr angeführt hatte. Der Premier fühlte sich dazu gezwungen, mit umgeschnallter Pistole und einer Spezialeinheit loszufahren, um die Sache vor Ort aus der Welt zu räumen. Der zweite ging auf den Februar 2008 zurück, als al-Sadrs Mahdi-Armee für kurze Zeit al-Malikis Sicherheitsberater Mowafak al-Rubaie aus einer Moschee in Bagdad verschleppt hatte. Der Affront wurde zum Auslöser für den einen Monat später stattfindenden Angriff der irakischen Armee auf al-Sadrs Hochburgen in Basra und in Sadr-City, dem Armenviertel von Bagdad.

Schlag gegen Sadr-City

Die Nachwehen dieses Charge of the Knights genannten Angriffs vom März 2008 sind in den Straßen von Sadr-City an der nordöstlichen Peripherie der Hauptstadt, die nach dem verstorbenen Vater des jungen Scheichs benannt ist, noch immer zu spüren. Dieser Bezirk war stets ein Barometer für die Stimmung in der Stadt. Bis heute kann hier buchstäblich sehen, wie der Unmut aus den Müllbergen und den durch alle Arten von Bomben zerstörten Häuser steigt – Nuri al-Maliki gilt in Sadr-City seit zwei Jahren als persona non grata.

Bevor in der Nacht zum 27. März die Wahlergebnisse bekannt gegeben wurden, lag eine seltsame Ruhe über dem Viertel. Wie am Freitag üblich, knieten in den Straßen rund um das Büro der Sadristen etwa 100.000 Männer auf ihren Gebetsmatten. Anhänger verteilten Fotokopien einer handschriftlichen Erklärung al-Sadrs, die dieser aus Qom geschickt und mit seinem Daumenabdruck versehen hatte. Der Scheich forderte seine Anhänger auf, das Wahlergebnis zu akzeptieren.

Auf die Frage, was sie davon hielten, sollte Muqtada al-Sadr den Schulterschluss mit al-Maliki suchen, reagiert Sadr-City dann doch überrascht. „Wenn eine solche Entscheidung fällt, würden wir Muqtada al-Sadr folgen“, meint ein führender Sadrist, der frühere Gesundheitsminister Hakim al-Zalami, den die Amerikaner wegen des Verdachts, ein führender Kopf der Madhi-Armee zu sein, 18 Monate lang inhaftiert hatten. „Aber er hat seine Glaubensgrundsätze. Es würde mich wundern, wenn er diesen Schritt gehen wollte.“

Scheich Salman al-Franjie, Sprecher von al-Sadrs Büro im Irak, meldet gleichfalls Zweifel an: „Bekäme al-Maliki eine zweite Amtszeit, wäre das aus unserer Sicht Betrug. Würde Muqtada unter diesen Umständen einer Kooperation zustimmen, käme das einem Kniefall vor der Besatzung gleich.“ Al-Sadr hatte sich gegenüber der Präsenz von US-Streitkräfte im Irak stets unnachgiebig gezeigt und gelobt, im Exil zu bleiben, solange die Amerikaner nicht verschwunden seien. „Das ist ein Thema, bei dem sie ihn bei den Gesprächen in Qom überzeugen wollten, seine Haltung zu revidieren“, so Hakim al-Zalami. „Aber Muq­tada glaubt weiter, allein die USA würden entscheiden, was im Irak geschieht. Er rechnet damit, dass ihn die US-Armee noch immer auf eigene Faust festnehmen könnte.“

Wie auch immer – Nuri al-Malikis knappe Wahlniederlage disqualifiziert ihn keineswegs für eine zweite Amtszeit. Wem es gelingt, bei den komplexen Verhandlungen eine glaubwürdige und verlässliche Koalition zu schmieden, wird seine Galionsfigur als Premier durchbringen. Wer aus diesem Tauziehen als Sieger hervorgeht, muss der Tatsache ins Auge blicken, dass Muqtada al-Sadr wieder mit am Tisch sitzt. Auch wenn sich an seinem Asyl in Qom vorerst nichts ändert.

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 09.04.2010
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12185
The Guardian

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare