Das Private ist das Digitale

Anthropologie Die Anthropologie entdeckt die virtuelle Welt - mit erstaunlichen Ergebnissen: Unser gesellschaftlicher Status bestimmt die Wahl des sozialen Netzwerks

Es gibt so viele Klischees rund um das Internet - von der Großmutter, die von der neuen Technologie völlig verwirrt ist bis hin zum Computerspiel-Junkie mit der ungesunden Hautfarbe, dass die Diskussion manchmal einer Partie Pong auf Amphetaminen gleicht. Ganz besonders aber nervt die Netzanthropologin Danah Boyd das Klischee von den sogenannten „Digital Natives“. „Dass junge Menschen sich mit Technologien beschäftigen, hat nichts damit zu tun, dass ihnen das angeboren wäre“, erklärt sie bestimmt.

Boyd, die in der Forschungsabteilung von Microsoft arbeitet, machte sich durch ihre Studien über die Internetnutzung junger Menschen einen Namen. Sie hält nicht viel von der weit verbreiteten Auffassung, Kinder kämen von Natur aus mit dem Internet besser zurecht und würden die Hürden des digitalen Lebens leichter meistern. Sie ist der Ansicht, dass für die Kinder das gleiche gilt, wie für alle anderen. „Die jungen Leute lernen mit den sozialen Gegebenheiten umzugehen, so Boyd. „Zu unserer Gesellschaft gehört heute, dass sie durch Technologien wie das Internet bestimmt ist. Also lernen sie den Umgang mit diesen Technologien, um die Gesellschaft zu verstehen. Und sie nutzen ihre Kenntnisse, um den ganzen Kram zu regeln, den Kinder schon immer regeln mussten: Gruppen- und Statusfindung und die erste Verliebtheit.“

Es überrascht kaum, dass Boyd den gängigen Ansichten widerspricht. Sie ist eine der ersten digitalen Anthropologinnen, die erforscht, wie die sozialen Netzwerke genutzt werden und sie ist bekannt dafür, Wahrheiten zu erschließen, die viele unserer Annahmen über die Onlinewelt widerlegen. Seit 2008 arbeitet sie im Microsoft- Forschungslabor in New England, davor war sie unter anderem für das renommierte Medienlabor am Massachusetts Institute for Technology (MIT), an der Universität von Berkeley in Kalifornien und für das Berkman Center for Internet Society der Universität Harvard tätig. Ihre Sporen verdiente sie sich mit ihren genauen Einblicken in das Social Net. Sie beschränkte sich nicht darauf, die Zahl der jugendlichen Nutzer zu untersuchen, sondern schaute genauer hin, was dort eigentlich passiert.

Die Intimität im Netz

Der Durchbruch gelang ihr unter anderem mit ihrer Studie über Klassen- und Rassenunterschiede zwischen MySpace- und Facebook-Usern. Sie bezeichnete die beiden Seiten als „neue Ausdrucksformen der Klassenunterschiede innerhalb der amerikanischen Jugend“. Ihre Annahme, dass die Wahl eines sozialen Netzwerks viel über die grundlegende soziale Stellung eines Nutzers aussagt, wurde anfangs scharf angegriffen, konnte sich dann aber sehr rasch durchsetzen und inzwischen erscheinen ihre Beobachtungen schon fast banal.

"Die große Ironie des Anthropologen-Daseins ist, dass wir uns ständig selbst überflüssig machen. Wir nennen das im Scherz den Ja-klar-Faktor", erklärt Boyd. „Im Erfolgsfall helfen wir den Menschen dabei, etwas zu erkennen, das völlig offensichtlich erscheint, wenn man es erstmal erkannt hat. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen dabei zu helfen, die Dinge mit etwas Abstand neu zu betrachten. Wenn ich mir die Ergebnisse meiner Forschungsarbeiten mit Teenagern ansehe, dann erscheint vieles davon heute offensichtlich. Aber als ich vor sechs Jahren meine Thesen erarbeitet habe, sah das noch ganz anders aus.“
Ihre jüngsten Studien beschäftigen sich damit, das Onlineverhalten neu zu interpretieren und zu erklären. Boyd geht es darum zu verstehen, dass Online-Aktivitäten oft viel subtilere und uns vertrautere Zusammenhänge haben, als wir es uns zunächst vorstellen.

Ende Dezember erläuterte sie ihre These im Rahmen einer Konferenz in San Francisco ( Supernova) anhand einiger Beispiele, darunter das eines jungen Mannes aus einem der ärmsten Viertel von Los Angeles, der sich an einer angesehenen amerikanischen Universität beworben hatte. Er gab an, er wolle dem Einfluss der Banden und der Gewalt entfliehen. Der Beamte, der für die Aufnahme zuständig war, reagierte entsetzt, als er feststellte, dass die Myspace-Seite des Jungen mit eben jener gewalttätigen Sprache und den Symbolen der Banden übersät war, die dieser angeblich verabscheute. Warum, so fragte sich die Universität, hatte der Kandidat im Hinblick auf seine Motivation gelogen? Boyd ist der Ansicht, dass er nicht gelogen hat. In seiner Welt, so die Anthropologin, sei es Teil der Überlebensstrategie, im Internet die richtigen Bilder zur Schau zu stellen.

Die andere Privatsphäre der Kinder

Ein anderes Beispiel bezog sich auf den Fall eines Mädchens im Teenageralter, die ein Elternteil, das es missbraucht hatte, umbrachte. Zuvor hatte sie auf ihrer Myspace-Seite öffentlich über ihre Gefühle geschrieben. Während sich die Zeitungen auf die finsteren Details dieses Tagebuchs stürzten, wandte Boyd sich an eine Gruppe von Freunden des Mädchens, die online über ihre Wut, ihre Verwirrung und ihre Traurigkeit diskutierten. „Digital Outreach“ nennt Boyd das.
Das Verständnis dessen, was Online geschieht, ist besonders sachdienlich, wenn es um die hitzige Diskussion über die Privatsphäre im Internet geht und um die Vorstellung, dass Digital Natives ganz andere Vorstellungen von der Privatsphäre haben, als frühere Generationen. Boyd hält es für wichtig, dass Vorgänge, die den Erwachsenen vielleicht radikal neu vorkommen, sich aus der Perspektive eines Teenagers oft besser verstehen lassen. „Kindern ist ihre Privatsphäre schon immer wichtig gewesen, nur ist ihre Vorstellung der Privatsphäre eine ganz andere als die der Erwachsenen, erläutert sie. Für uns als Erwachsene ist zum Beispiel unser Zuhause ein sehr privater Raum – es ist privat, weil wir diesen Raum unter Kontrolle haben. Für Kinder hingegen ist es kein privater Raum, denn sie üben hier keine Kontrolle aus. Sie können nicht darüber entscheiden, wer ihr Zimmer oder das Haus betritt. Deshalb haben sie in der Online-Welt eher das Gefühl, dass sie privat unterwegs sind, denn hier haben sie das Gefühl, Kontrolle auszuüben.

Diskriminierung verlagert

Die Frage, wer die Kontrolle hat, ist ein entscheidender Punkt in Boyds Online-Studien, nicht nur, wenn es darum geht, die Mythen rund um das Verhalten von Teenagern zu entzaubern. Anders als die Apologeten der unbegrenzten Freiheit im Netz, zu denen etwa der Wired-Chefredakteur und Autor der Bücher „Longtail“ und „Free“ Chris Anderson gehört, ist Boyd der Ansicht, dass sich im Netz die gleichen Formen von Kontrolle etablieren, wie außerhalb. "Wir alle lieben als Computerexperten die „Techno-Utopie“ vom Internet als großem Gleichmacher. Natürlich hat das Internet den Schaffensprozess vereinfacht und jedermann neue Vertriebswege eröffnet. Aber beides wurde dadurch irrelevant, die neue Währung ist nun die Aufmerksamkeit. Und wissen sie was? Wer die Aufmerksamkeit bekommt, hat immer noch mit Machtstrukturen zu tun. Wir haben das System also nicht demokratisiert, sondern wir haben die Diskriminierung einfach nur verlagert.“

Die meisten Wissenschaftler würden einen solchen Ruf zu den Waffen eher vermeiden. Auch Boyd räumt ein, dass die Grenze zwischen Wissenschaft und Aktivismus oft fließend ist. Schließlich gehöre es auch zu ihren Aufgaben, sich eben jene Fragen, die uns Unbehagen bereiten, ganz genau anzusehen. "Die Wissenschaft ist im Moment von Facebook und Twitter nahezu besessen, Amateur-Forscher gibt es im Überfluss. Immer mehr junge Wissenschaftler rücken auf dem Gebiet nach und beschäftigen sich mit Details. Ich selbst möchte mich weiter mit den Fragen beschäftigen, die ich persönlich herausfordernd finde. Ich möchte über unbequeme gesellschaftliche Fragen nachdenken, die mir Kopfzerbrechen bereiten – dann merke ich, dass ich auf der richtigen Spur bin.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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13:10 02.01.2010
Geschrieben von

Bobby Johnson, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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