Das Puzzle

Daphne-Projekt Eine Bombe hat die Journalistin Daphne Caruana Galizia zum Schweigen gebracht – aber ihre investigative Recherche lebt weiter
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Der Mord an der Journalistin Daphne Caruana Gallizia hat Schockwellen um die Welt geschickt

Foto: STR/AFP/Getty Images

Die Explosion war so laut, dass sie die Fenster des Familienhauses erschütterte. Von Panik erfasst rannte Matthew Caruana Galizia barfuß zur Haustür. „In dem Moment, als ich die Tür öffnete – Hunde bellten, das Licht –, dachte nur, ich würde auf der Stelle zu Boden sinken.“

Die Nachbarn waren bereits draußen. Er rannte an ihnen vorbei, die nicht asphaltierte Straße zur Dorfstraße hinunter, ohne die Steine wahrzunehmen, die in seine Fußsohlen schnitten. Auf halber Strecke sah er die Säule aus schwarzem Rauch. Vor ihm lagen die Überreste eines brennenden Autos, dem Auto seiner Mutter. Sie war darin gewesen.

Der Mord an der Journalistin Daphne Caruana Gallizia hat Schockwellen um die Welt geschickt.

In Malta wird Premierminister Joseph Muscat und seiner sozialdemokratischen Partei Partit Laburista vorgeworfen, Korruption ungestraft davon kommen zu lassen, die Polizei und die Justiz zu schwächen, und damit ein Umfeld erzeugt zu haben, in dem die Ermordung der kritischen Bloggerin erst möglich wurde.

Aber das Attentat wirkt über das Land hinaus. Die Europäische Union muss jetzt entscheiden, wie sie mit dem kleinsten Mitgliedstaat umgeht – einer Insel, die ein Magnet für Kriminelle und Kleptokraten geworden zu sein scheint. Und über die – wie einige EU-Abgeordnete befürchten – schmutziges Geld auf den restlichen Kontinent geschleust wird.

Die grundlegenden Fragen, die Caruana Galizias Mord aufwirft, sind der Fokus einer neuen Kollaboration: dem „Daphne-Projekt“. Mit Unterstützung ihrer Familie hat sich eine Gruppe von 18 internationalen Medienunternehmen zusammengetan, darunter der Guardian, Reuters, die Süddeutsche Zeitung und Le Monde. Angeführt werden sie von „Forbidden Stories“, einem 2017 initiierten Projekt von Reporter ohne Grenzen und der Plattform Freedom Voices Network zur Weiterführung der Recherchen von Journalisten, die selbst in welcher Form auch immer zum Schweigen gebracht wurden. In monatelanger Arbeit hat das Team internationaler Journalisten Caruana Galizias Geschichte aus Einzelteilen zusammengesetzt und die investigativen Recherchen weiterverfolgt, an denen sie zum Zeitpunkt ihres Todes arbeitete. Kürzlich hat das Projekt Hintergründe zur Geschichte ihres Mordes und der Männer, die für das Verbrechen vor Gericht kommen werden, sowie zur offenen Frage veröffentlicht, wer den Mord beauftragt hat und warum.

Der Mord: 16. Oktober 2017

Daphne und Peter Caruana Galizia mit ihren Söhnen Matthew, Andrew und Paul

Foto: Getty Images for the Daphne Project

Ihren letzten Tag verbrachte Daphne Caruana Galizia am Esszimmertisch arbeitend. Ihr gegenüber saß ihr ältester Sohn Matthew (32). In der windstillen Luft hing schwer der Duft von wildem Fenchel. Der dicht bepflanzte Garten ihres Hauses auf einem Hügel in dem Dorf Bidnija im Norden von Malta dämpfte jedes Geräusch der Straße. Sie war in ihre Arbeit vertieft und die Stunden verflogen unbemerkt. Kurz vor drei Uhr packte sie hastig ihre Sachen zusammen – sie war spät dran für einen Termin bei der Bank. Sie stürmte hinaus, kam zurück, weil sie ein paar Schecks vergessen hatte und stieg dann in ihr Auto.

Als ihr anthrazitfarbener Peugeot 108 in Richtung Süden das Dorf verließ, wurde sie beobachtet. Für ihre Mörder war der Augenblick gekommen. Eine unter ihrem Fahrersitz platzierte Bombe wurde durch Fernsteuerung gezündet.

Ein Nachbar der Familie, Francis Sant, der in einem Wagen in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war, erinnert sich an eine erste Explosion mit weißem Rauch. Sehr kurze Zeit später kam es zu einer zweiten, viel größeren Explosion, und das Fahrzeug fing Feuer, bevor es von der Straße abkam und auf ein Feld fuhr. Für das Daphne-Projekt befragt, berichtete Sant: „Ich sage jetzt etwas, was ich noch nie erzählt habe, weil ich das Gefühl hatte, dass ich es nicht erzählen sollte ... Ich habe sie sogar schreien gehört ... Aber in dem Moment, als sie schrie, verwandelte sie sich in einen Feuerball.“

Rennend kam Matthew am Ort des Geschehens an. Er erinnert sich daran, dass da ein Krater in der Straße war. Bäume brannten. Er sah Glas und Plastik und Stücke eines Körpers. Das Auto konnte er nicht sehen, aber er konnte es hören. Die Hupe tönte laut. Er folgte dem Geräusch und dem Rauch und hoffte die ganze Zeit, dass es nicht das Auto seiner Mutter sei. Aber dann erkannte er das Nummernschild. Als er um das Auto herumging und hineinblickte, war da nichts als orangefarbenes Feuer. Kein Anzeichen für einen Körper, keine Silhouette.

Als er den Boden nach einem Stock absuchte, um zu öffnen, was von den Türen übrig war, hörte er die Polizeisirenen. „Ich suchte den Boden ab, da sah ich plötzlich ein Bein. Und ich erinnere mich, wie ich bei mir dachte: Okay ... da liegt ein Bein auf dem Boden, es liegen Körperfetzen herum, ganz offensichtlich kann das niemand überlebt haben. Es ist nutzlos.“

Bald darauf traf die Schwester seiner Mutter ein, und nach ein paar verzweifelten Anrufen kamen auch sein Vater und seine beiden jüngeren Brüder. Die Familie zog sich in ihr Haus in Bidnija zurück und verschanzte sich zwei Wochen dort, um den Fernseh-Teams aus dem Weg zu gehen. Die Tage verschwammen. Aber Matthews genaue Erinnerung daran, was seine Mutter ein paar Minuten vor ihrer Ermordung getan hatte, sollte zu einem scheinbaren Durchbruch bei den Mordermittlungen führen.

Die Polizeiermittlungen

Die Straße

Foto: Matthew Mirabelli/AFP/Getty Images

Am 4. Dezember vergangenen Jahres schlug die Polizei am frühen Morgen im schäbigen Marsa-Hafengebiet zu. Unterstützt von Soldaten von der Seeseite und einem Einsatzkommando, das von der Straße her in das Hafengebiet stürmte, verhaftete sie drei Männer, die der Polizei bekannt waren: die beiden Brüder George und Alfred Degiorgio (55 und 53 Jahre alt) sowie ihren Kompagnon Vincent Muscat (55).

Mit auf sie gerichteten Waffen wurden die Brüder gezwungen, sich auf den Boden zu legen. Muscat wurde mit Handschellen an ein Eisengeländer gekettet. Filmaufnahmen von der Razzia, die von der Kopfkamera eines Soldaten stammen, wurden an die Presse gegeben.

Das Ziel der Razzia an diesem Tag war eine große, rostige Lagerhalle mit Blick auf den großen Hafen der maltesischen Hauptstadt Valletta. Bei den Einheimischen als „Kartoffel-Schuppen“ bekannt – weil dort früher Gemüse gelagert wurde –, sind heute in der Halle die bunten Ruderboote des Marsa Regatta Clubs untergebracht. Ein Teil ist mit einem Gitter abgetrennt. Dort stehen Fitnessgeräte, ein Grill und ein Sicherheitsraum mit einer Metalltür und Fensterläden. Von der Decke hängen eine große Spiderman-Figur, eine Angel und die abgetrennten Köpfe und Schwänze von Schwertfischen.

Hier wurden die Verdächtigen verhaftet – und die Polizei vermutet, dass der Mord hier geplant wurde. „Sie kamen morgens oder abends hierher“, erzählte ein Mann, der die Männer kannte. „Manchmal hatten sie nachts Besucher. Sie sind Leute, die einem selbst mitten im Sommer einen kalten Schauer über den Rücken jagen.“

Die Beweise, die zur Verdächtigung der Verhafteten führte, wurden von Inspektor Keith Arnaud gesammelt, einem Mordkommissar, der Daphne kannte und einmal versucht hatte, sie zu verhaften. Der Fall wurde in akribischer Kleinarbeit für einen Untersuchungsrichter dargelegt, der darüber entscheidet, ob die Verdächtigen vor Gericht kommen.

Die Akten-Durchsicht durch den Guardian zeigte, wie die Polizei die Verhafteten mit Hilfe des FBI und einem Team forensischer Spezialisten aus den Niederlanden einkreisten. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Bombe durch eine Fernbedienung ausgelöst wurde, vermutlich mit Hilfe eines Mobiltelefons. Daher war die Frage: Wer hat an diesem Tag telefoniert und von wo aus?

Die Beweise stammen aus einer großangelegten FBI-Computerberechnung, die in den USA vorgenommen wurde. Die Arbeit wurde dadurch kompliziert, dass der Vodafone-Sendemast in Bidnija zum Zeitpunkt des Mordes „außer Betrieb“ war. Tausende Anrufe, die zu anderen Masten umgeleitet wurden, mussten durchforstet werden, bis die Ermittler ihrer Meinung nach etwas fanden: die Nummern von zwei Geräten, die benutzt worden sein sollen, um die Bombe explodieren zu lassen. Laut Polizei wurden die SIM-Karten für die Telefone fast ein Jahr vor dem Mord gekauft, am 15. November 2016. Die beiden Nummern kommunizierten ausschließlich miteinander.

Die weitere Analyse zeigte, dass eine der SIM-Karten in einem einfachen Nokia-Handy genutzt wurde. Die andere, die Arnaud das “Gerät, das Gott spielte“ nennt, war mit einer Schaltplatte verbunden, wie sie genutzt wird, um Lichter oder eine Zentralheizung per Fernbedienung anzuschalten – oder in diesem Fall offenbar, um eine Bombe zu zünden.

Zeitleiste

15. November 2016 SIM-Karten für Mobiltelefone, die mutmaßlich für die Zündung der Bombe benutzt wurden, werden gekauft.

10. Januar 2017 Die Aulöser-SIM-Karten werden zum ersten Mal aktiviert, in der Gegend von Zebbug. Eine wird in ein Nokia-Handy eingestzt und benutzt, um vier SMS an ein zweites Handy zu schicken, das an einer Schaltplatte platziert ist. Nach zwanzig Minuten werden die SIM-Karten wieder herausgenommen.

19. August Drei extra für das Attentat angeschaffte Burner-Phones werden innerhalb von 20 Minuten aktiviert.

21. August Die Auslöser-SIM-Karten werdenzum zweiten Mal angeschaltet und zwei SMS-Nachrichten zwischen ihnen gesendet; vermutlich ein zweiter Test.

Ende September Ein weißer Mietwagen wird erstmals in der Nähe von Bidnija gesehen. In den folgenden Wochen wird er häufig neben einem Aussichtspunkt geparkt beobachtet.

15. Oktober Alle drei Burner-Phones werden in Bidnija lokalisiert. Alfred Degiorgios privates Telefon sowie das Gerät, das die Polizei für sein „Burner-Phone“ hält, blieben die ganze Nacht und den folgenden Tag über dort.

16. Oktober

1.41 Uhr - Die Trigger-Sim-Karte wird aktiviert. Sie sendet aus Bidnija, wo Caruana Galizias Auto vor ihrem Landhaus geparkt ist.

8 Uhr – Das Motorboot Maya wird von einer Überwachungskamera gefilmt, wie es Vallettas Grand Harbour verlässt. Die Telefon-Daten weisen darauf hin, dass nur George Degiorgio an Bord ist.

8.30 Uhr - Der Vodafone-Sendemast in Bidnija ist ab jetzt bis 18 Uhr wegen Instandsetzungsmaßnahmen außer Betrieb.

14.55 Uhr – Überwachungskamera-Aufnahmen zeigen, wie die Maya in geschütztem Gewässer unterhalb des Kriegsdenkmals Siege Bell War Memorial stoppt.

14.58 Uhr – Vom Boot aus soll eine SMS an die SIM-Karte geschickt worden sein, die eine unter dem Fahrersitz vonCaruana Galizias Auto befestigte Bombe explodieren ließ.

15.20 Uhr – Ortungsdaten zeigen, dass die Maya zurück in den Hafen fährt.

15.30 Uhr – George Degiorgio schickt eine Nachricht von seinem eigenen Telefon an seine Lebensgefährtin: „Kauf mir Wein, Liebling.“

Arnauds Team hatte die mutmaßliche Methode gefunden. Jetzt stellte sich die Frage, wer den Knopf gedrückt hatte.

Die Geheimdienste überwachten George Degiorgos privates Telefon bereits im Zusammenhang mit einer anderen Ermittlung. Laut Arnaud stimmen die Ortungsdaten von George Degiorgios persönlicher Telefonnummer mit einem der drei so genannten „Burner-Phones“, Wegwerf-Handys mit Guthabenkarte, die anonymes Telefonieren erlauben, überein, die für das Attentat gekauft worden waren. Über Wochen sendeten diese Burner-Phones an die gleichen Masten wie die persönlichen Handy-Nummern der drei Verdächtigen.

Die vom FBI bereitgestellten Daten zeigten, dass in der Nacht vor dem Mord alle drei „Burner-Phones“ in Bidnija aktiv waren. Um 1.41 Uhr wurde die SIM-Karte an der Schaltplatte aktiviert. Danach gingen die Verdächtigen getrennte Wege. Alfred Degiorgio verbrachte offenbar die Nacht in Bdinija, während die anderen beiden das Dorf verließen.

Um 6.15 Uhr am Tag des Mordes sollen Georges Telefone angeblich aus dem „Kartoffelschuppen“ in Marsa gesendet haben, kurze Zeit später von der Küstenlinie rund um Valletta. Die Polizei verglich die Orte mit Überwachungskamera-Material und entdeckte ein kleines weißes Sportboot mit einer markanten grünen Abdeckung. Die Maya war auf Alfreds Namen registriert, aber die Ortungsdaten deuten darauf hin, dass George an diesem Nachmittag am Steuer war.

Um 14.55 Uhr stoppte die Maya und trieb in einem geschützten Küstenstreifen unterhalb des neoklassischen Kriegsdenkmals Siege Bell War Memorial auf der Stelle. Minuten später sollen zwei Anrufe das Boot erreicht haben, beide aus Bidnija. Der erste dauerte 44 Sekunden; der nächste eine Minute und 47 Sekunden. Für Arnaud ist der Zusammenhang klar: „Die beiden Anrufe kurz hintereinander passen perfekt zu Matthew Caruana Galizias Bericht, dass seine Mutter zunächst das Haus verließ, dann aber zurückkehrte, weil sie ihr Scheckbuch vergessen hatte. Unserer Ansicht nach sah der Beobachter das Opfer herauskommen, informierte die Person auf dem Boot, sich bereit zu machen, das Opfer ging ins Haus zurück, der Anruf wurde beendet; zwei Minuten später erfolgte der nächste Anruf.“

Um 14.58 Uhr wurde eine SMS mit einem Code geschickt, der den Schaltkreis in der Bombe aktivierte. Wenige Minuten nach der Explosion schickte George seiner Lebensgefährtin eine Nachricht: „Kauf mir Wein, Liebling.“ Sie antwortete: „OK.“ Um 16 Uhr zeigen Überwachungskamera-Aufnahmen die Maya zurück zu ihrem Ankerplatz fahren. Das belastende Material der Polizei basiert hauptsächlich auf der Telefonortung.

Weitergehende Recherchen

Peter Caruana Galizia

Foto: Dan Kitwood/Getty Images for the Daphne Project

Bei einer Untersuchung des Hafenwasserbodens haben Taucher der Armee acht Handys gefunden, die von den Verdächtigten benutzt worden sein sollen. Alle Geräte wurden vor mehreren Wochen zur Analyse zu Europol in die Niederlande geschickt.

Neben dem Untersuchungsrichter für die Anhörung der Polizeibeweise gegen die angeblichen Attentäter ist noch ein zweiter richterlicher Beamter für den Mord zuständig, Anthony Vella. Europol, der FBI und ein maltesischer Telekom-Experte berichten direkt an ihn.

Wenn es darum geht, mögliche Drahtzieher hinter dem Sprengstoffattentat zu finden, setzt die Familie vor allem auf Vella, weil sie befürchtet, dass die Polizei keine Hinweise verfolgt, die zu Politikern führen könnten. Laut einer den Ermittlern nahe stehenden Quelle konzentriert sich die Polizei darauf, den Bombenbauer zu finden und mögliche Verbindungen zum organisierten Verbrechen zu verfolgen.

Vella ist „ein sehr gründlicher, genauer, geradliniger Mensch“, urteilte der Anwalt der Familie Jason Azzopardi. „Dass die internationalen Experten dem Richter gegenüber Rechenschaft ablegen, ist genau richtig, weil dieser Fall Bedeutung über die Küsten Maltas hinaus hat.“

Die drei Verdächtigen haben sich seit ihrer Festnahme nicht mehr geäußert. George, der auch unter dem Decknamen ic-Ciniz (der Chinese) bekannt ist, legte im Befragungsraum der Polizei wortlos seine Identitätskarte auf den Tisch. Alfred – auch il-Fulu (die Bohne) genannt – bestätigte nicht einmal seinen Namen.

Die Polizei vermutet offenbar, dass die Männer vor ihrer Verhaftung einen Tipp erhalten hatten. Als die Beamten sie in Marsa überwältigten, befanden sich die Telefone, die sie angeblich benutzt hatten, bereits auf dem Meeresboden und George hatte die Handynummer seiner Partnerin auf seiner Hand stehen.

Für den Abgeordneten der Nationalisten und früheren Oppositionsführer Simon Busuttil wirkte die Festnahme inszeniert: „Die Razzia wurde komplett gefilmt und alles sah wie arrangiert aus, um einen maximalen Propaganda-Effekt zu erzielen. Das Filmmaterial wurde schnell über die Medien verbreitet und wirkte ein bisschen wie aus einem Marvel-Action Film – theatralisch.“

Alle drei Männer plädierten für nicht schuldig und akzeptierten Rechtsbeistand, aber sie lehnten es ab, mit ihren Rechtsanwälten zu sprechen. Sie müssen sich noch vor Gericht verantworten. Ob sie im Auftrag handelten, bleibt weiter Spekulation.

Sicherlich hatte Caruana Galizia zahlreiche Feinde und viele Kritiker. Sie nahm jeden aufs Korn, von dem sie glaubte, dass er zur Rechenschaft gezogen werden müsse – Gangster, Businessleute, selbst den derzeitigen Führer der Nationalistischen Partei, mit der sie eng verbunden war.

Caruana Galizias zweiter Sohn Andrew gibt der regierenden sozialdemokratischen Partit Laburista die Schuld. „Die maltesischen Bürger sind vollkommen ungeschützt, wenn sie mit dem Staat interagieren“, erklärte er. „Es gibt keine unabhängige Institution zwischen den Bürgern und der Regierung. Das machte die Ermordung meiner Mutter möglich.“

Nach dem Attentat und ohne die Zustimmung der Familie hat die Regierung eine Belohnung in Höhe von einer Million Euro für Informationen ausgesetzt, die zu den Mördern der Journalistin führen. Trotz der Verhaftungen liegt es weiter bereit.

Premierminister Muscat äußerte sich in einem Email-Statement: „Die Ermittllungen, wer den Auftrag für diesen Mord erteilt hat, laufen. Ich vertraue darauf, dass die maltesische Polizei diesen Fall professionell, furchtlos und unvoreingenommen aufklären wird.“

Der Mord habe ihn „schockiert und aufgebracht“, so der Regierungschef weiter: „Kein Premierminister würde wollen, dass unter irgendwelchen Umständen ein Journalist oder eine Journalistin umgebracht wird. Es war ein Angriff auf unsere Gesellschaft, und eine so sinnlose Tat trifft ein kleines Land wie unseres besonders. Dieser Mord spiegelt nicht das maltesische Volk, das eine liberale, offene und demokratische Gesellschaft schätzt, wider. Die Regierung sichert der Polizei alle notwendigen Ressourcen zu, um die Verantwortlichen zu verfolgen und vor Gericht zu bringen.“

Für Malta und die EU steht viel auf dem Spiel. Die durch den Mord auseinandergerissene Familie von Daphne Caruana Galizia reagierte mit Wut, Bestürzung und einem überwältigenden Gefühl von Verlust. Matthews 29jähriger Bruder Paul, der noch am Abend des Attentats von London nach Malta flog, wurde mit einem Anblick konfrontiert, den er nie vergessen wird. Ihr friedliches Tal war nicht wiederzuerkennen: die Felder von Flutlicht erleuchtet, die Straßen voller Polizei und Fernseh-Teams. „Ich hatte das Gefühl, die Welt sei zusammengebrochen und niemand mehr sicher“, erinnert sich Andrew. „Als hätte man mir nicht nur meine Mutter genommen, sondern auch mein Land.“

Übersetzung: Carola Torti
11:11 26.04.2018
Geschrieben von

Juliette Garside | The Guardian

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