Das Siebengesicht

Russland Wladimir Putin hält die Welt in Atem. Er hat viele verschiedene Gesichter. Kleptokrat, Killer, KGB-Agent – oder vielleicht ein Nichts?
Das Siebengesicht
Collage: der Freitag; Fotos: Istock, Getty Images

Wladimir Putin ist überall. Er hat Soldaten in der Ukraine und in Syrien, verfügt über Agents Provocateurs in den baltischen Staaten und Finnland und mischt bei Wahlen von Tschechien über Frankreich bis in die USA mit. Und er ist in den Medien. Es vergeht kein Tag ohne neuen Artikel über „Putins Rache“, „Die geheime Ursache für Putins Schlechtigkeit“ oder „Zehn Gründe, warum Wladimir Putin ein schrecklicher Mensch ist“.

Putins jüngste Allgegenwart hat auch die sogenannte Putinologie wieder ganz weit nach vorne gebracht. Damit gemeint ist die Produktion von Kommentaren und Analysen über Putin und das, was ihn antreibt, die natürlich notwendigerweise voreingenommen und parteiisch sind und in den meisten Fällen auf vollständig frei erfundenen Informationen beruhen. Richtig heiß lief die Maschine nach der Annexion der Krim. Seit den Gerüchten um eine russische Manipulation der US-Wahlen schließlich gibt es überhaupt kein Halten mehr.

Und was erfahren wir aus der Putinologie? Bei näherer Betrachtung lassen sich sieben Hypothesen über Putin unterscheiden, von denen keine völlig falsch ist, aber auch keine völlig der Wahrheit entspricht (bis auf Nummer sieben). Zusammengenommen erzählen sie uns genauso viel über die Leute, die sie verbreiten, lesen und womöglich sogar glauben, wie über Putin selbst. Sie zeichnen das Bild einer intellektuellen Klasse – wie der unsrigen –, die am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht. Aber der Reihe nach.

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Putin ist ein Genie. Es ist recht simpel: Während der Rest der Welt Dame spielt, spielt Putin Schach. Er holte sich die Krim und mit ihr Jalta, das Lieblingsstrandbad Tschechows und der Zaren, von der Ukraine zurück, ohne dass seine Soldaten mehr als ein paar Schüsse abgeben mussten. Bezahlen musste er diesen genialen Zug lediglich mit ein paar eher unbedeutenden Sanktionen. Er griff auf Seiten des Assad-Regimes in Syrien ein, nachdem die USA, die Türkei und die Saudis jahrelang die Rebellen unterstützt hatten, und schaffte es, nach relativ kurzer Zeit das Blatt des Krieges zu wenden. Ihm wird nachgesagt, er spiele eine wichtige Rolle dabei, den EU-freundlichen Konsens in Europa zu untergraben, finanziere die euroskeptische Rechte und, wo es ihm passe, auch die euroskeptische Linke, um die internationale Nachkriegsordnung aufzulösen und sie durch eine Reihe bilateraler Beziehungen zu ersetzen, in denen Russland meistens als Seniorpartner auftreten könnte.

Schließlich soll er in die Wahlen in den USA eingegriffen und seinem Wunschkandidaten zum Einzug ins Weiße Haus verholfen haben.

Innenpolitisch hat Putin es geschafft, nahezu jegliche Opposition zum Schweigen oder zur Kooperation zu bringen. Die Liberalen beharken sich auf Facebook gegenseitig und wandern aus; die Rechtsradikalen, die Putin hassen, weil er sich weigert, den Faschisten zu geben und etwa Kiew einzunehmen, werden an der kurzen Leine gehalten. Und die sozialdemokratische Linke, verdrängt von den pseudo-linken und autoritären Kommunisten von der KP der Russischen Föderation, ist so klein und unbedeutend, dass Putin sie (trotz seiner vielen Augen) kaum sehen kann.

Was Syrien angeht, so mag Putin sich für den Augenblick in dem Erfolg sonnen, Assad vor dem sicheren Ende gerettet zu haben. Aber wer wird diesen Erfolg mit ihm feiern wollen? Die von Assad verfolgten sunnitischen Muslime sicherlich nicht. Einige von ihnen werden früher oder später in den Kaukasus und nach Zentralasien zurückkehren und ihrer runderneuerten Wut auf den russischen Bären dort Ausdruck zu verleihen suchen. Hinsichtlich der Auflösung der EU, die fast schon das wichtigste Ziel Putins zu sein scheint, stellt sich die Frage, ob er damit wirklich so viel Erfolg haben wird. Der „ungarische Putin“, Viktor Orbán, steht Russland zwar äußerst wohlwollend gegenüber, aber die polnischen Putins von der Partei für Recht und Gerechtigkeit sind allesamt russophob. Und sollte es Putin jemals gelingen, im benachbarten Deutschland einen rechtsnationalistischen Staatschef zu installieren, wie ein Kommentator jüngst spekulierte, könnte dieser deutsche Putin sich durchaus dazu entschließen, gegen das russische Original in den Krieg zu ziehen, wie das die Deutschen in der Vergangenheit vorzugsweise getan haben.

Selbst der neue amerikanische Putin, Donald J. Trump, ist am Ende wohl doch kein so großer Segen für Russland, wie man auf den ersten Blick vielleicht gedacht hätte. Denn zum einen hat Trumps mutmaßliche Liebelei mit dem russischen Präsidenten in den US-amerikanischen Medien einen Sturm an Russophobie ausgelöst, wie man ihn seit Anfang der 1980er nicht mehr erlebt hat. Zum anderen ist Trump ein Idiot und es passt nicht zu einem Genie, sich eines Idioten zu bedienen.

An der innenpolitischen Front ergeben sich ebenfalls Zweifel an Putins Genialität. 2011 traf er die folgenschwere Entscheidung, ins Amt des Präsidenten zurückzukehren, nachdem er es vier Jahre lang Medwedew überlassen hatte. Der Entscheidung, die in erniedrigender Weise von Medwedew selbst verkündet werden musste, folgten schon bald die größten Proteste, die Moskau seit Anfang der 1990er gesehen hatte. Es war beeindruckend zu sehen, wie Putin die Proteste aussaß. Er machte nicht den Fehler, den Viktor Janukowitsch zwei Jahre später in der Ukraine beging, als dieser zuerst zu hart auf die Proteste reagierte und im Anschluss daran zu unentschlossen war, als diese in einen gewaltsamen Putsch umschlugen. Stattdessen ließ Putin die Demonstranten Dampf ablassen und pickte sich dann einen ihrer Anführer nach dem anderen heraus, belastete sie mit heimlich aufgezeichneten Provokationen und konstruierten Strafanzeigen, während Moskau selbst eine Art urbaner Renaissance erfuhr, komplett mit Stadtparks und Fahrradwegen, um die Kreativen und Intellektuellen zu beschwichtigen. Aber Putin unternahm nichts, um dem Kern der Kritik zu begegnen, die von der Opposition kam – dass seine Regierung korrupt sei, nicht auf Kritik reagiere und über keine Vision verfüge.

Hätte Putin sich 2008 zurückgezogen, wie er gesagt hatte, und wäre ein großer alter Mann der russischen Politik geworden, hätte man ihm im ganzen Land Statuen errichtet. Unter ihm war Russland aus dem Chaos der 1990er Jahre zu relativer Stabilität und relativem Wohlstand aufgestiegen. Nun allerdings, angesichts niedriger Ölpreise, eines abgestürzten Rubels, lächerlicher Einfuhrverbote für europäischen Käse in Reaktion auf die EU-Sanktionen gegen Russland und einer demoralisierten Opposition, kann man sich das Ende der Ära Putin schwer anders als von einer Gewalt begleitet vorstellen, die wiederum zu noch mehr Gewalt führen wird. Wenn Putin also ein Genie sein soll, dann ein sehr spezielles.

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2

Putin ist ein Nichts. Das erste Mal, dass viele Russen Wladimir Putin zu sehen bekamen, war an Silvester 1999, als ein erkennbar angeschlagener Boris Jelzin sechs Monate vor dem offiziellen Ende seiner Amtszeit seine traditionelle Rede zum Jahresausklang für die Ankündigung seines Rücktritts nutzte und seinem Volk verkündete, dass er das Amt an seinen vor kurzem ernannten jüngeren und kraftvolleren Premierminister übergeben werde.

Dann war Putin auf dem Bildschirm zu sehen. Die Wirkung war überraschend. Jelzin hatte krank und verwirrt gewirkt. Er saß aufrecht, als trage er ein Korsett. Aber das? Putin war doch tatsächlich kleiner als dieser kranke Mann, und obwohl jünger und gesünder, war der Neue so bleich um die Nase, dass er aussah wie der Sensenmann höchstpersönlich. In seiner Ansprache versprach er auf der einen Seite, die Stärke der russischen Demokratie zu erhalten, warnte auf der anderen Seite aber auch diejenigen, die Russland bedrohen würden – was beides irgendwie nicht recht zusammenpasste. Viele hielten für unwahrscheinlich, dass Putin sich lange würde halten können. Trotz all seiner Fehler und seiner ganzen Verkommenheit war Jelzin immerhin jemand: Er war groß, hatte eine kräftige Stimme und war Mitglied des Politbüros gewesen. Putin dagegen hatte es kaum zum KGB-Oberst gebracht. Man hatte ihn ins Ausland geschickt, aber nicht besonders weit– in die DDR, nach Dresden. Er war klein, hatte eine eher dünne Stimme und sein Haar zeigte bereits erste Ausfallerscheinungen. Selbst unter den Niemanden, die nach Jelzins mehrfachen Kabinettsumbildungen noch übrig blieben, war er ein Niemand.

In einer Welt, in der viele Putin für ein Genie halten, verdient die Einschätzung, er sei vielmehr ein Niemand und absoluter Durchschnittstyp, einen zweiten Blick. Denn er verfügt wirklich über die Qualität eines Jedermanns. Eine meiner liebsten Beobachtungen über ihn stammt von einem Mann, der in den 1990er in St. Petersburg mit ihm zu tun hatte und dem britischen Journalisten Ben Judah gegenüber sagte: „Er war ein absolut durchschnittlicher Mann … Seine Stimme war durchschnittlich, weder markant noch hoch. Er war auch von durchschnittlicher Intelligenz. Man konnte vor die Tür gehen und Tausende von Russen finden, die genau so waren wie Putin.“

Berichte über Putins erste Jahre scheinen diese Sicht zu bestätigen. Er soll von der Macht des amerikanischen Imperiums und George W. Bush beeindruckt gewesen sein und dürfte auch gewusst haben, wie begrenzt seine eigene innenpolitische Macht war. Die russische Politik war während der Jahre unter Jelzin von einer kleinen Gruppe von Oligarchen, Öl- und Bankentitanen mit deren eigenen Privatarmeen bestimmt worden. Diese wurden nicht von Leuten wie Putin angeführt, sondern von breitbrüstigen Ex-Generälen des Innenministeriums und des KGB. Darüber hinaus waren einige der Oligarchen hervorragende Strategen, die die gnadenlosen 1990er überlebt hatten, während Putin als korrupter Stellvertreter eines Bürgermeisters vor sich hingewurschtelt hatte, der sich nur eine Legislaturperiode im Amt halten konnte. Putins Popularität stützte sich zu Beginn seiner Amtszeit auf seine harte Haltung gegenüber den Tschetschenen und den Oligarchen. Es war ihm gelungen, Tschetschenien dem Erdboden gleichzumachen. Aber konnte er wirklich den Showdown gegen die Oligarchen gewinnen? Er wusste es nicht.

2003, an einem der wichtigsten Wendepunkte seiner Amtszeit, brauchte er Monate, um den Mut aufzubringen und Michail Chodorkowski verhaften zu lassen, den reichsten Mann des Landes. Doch dann fasste er sich ein Herz und es funktionierte. Niemand ging auf die Straße, um für den gefallenen Oligarchen zu demonstrieren. Keine Geheimarmeen tauchten plötzlich aus den Wäldern auf. Putin kam damit durch und sollte noch mit weit mehr durchkommen. Er wuchs in sein Amt hinein.

3

Putin ist krank. Dieser frühe Klassiker der Putinologie geht auf einen Artikel im Atlantic-Magazin aus dem Jahr 2005 zurück. Der Text mit dem Titel The Accidental Autocrat zitierte die Arbeit einer Stipendiatin im Bereich Verhaltensforschung am Naval War College in Rhode Island namens Brenda L. Connors. Diese hatte nach dem Studium von Filmaufnahmen von Putins Bewegungen die Ferndiagnose gestellt, Putin leide an einer lähmenden und wahrscheinlich angeborenen neurologischen Ausfallerscheinung, die möglicherweise von einem Schlaganfall im Mutterleib herrühre. Dies mache es dem Judoka unmöglich, seine rechte Körperhälfte vollständig zu benutzen, weshalb beim Gehen sein linker Arm stärker schwinge als sein rechter. Connors erklärte gegenüber dem Atlantic, es sei unwahrscheinlich, dass Putin als Baby jemals gekrabbelt sei und er sich noch immer mit seinem gesamten Körper bewege, „wie ein Fisch oder ein Reptil“.

4

Putin ist ein KGB-Agent. Nach seinem berühmt gewordenen ersten Treffen mit Putin erklärte der neu gewählte US-Präsident George W. Bush bei einer Pressekonferenz, er habe dem Russen in die Augen geblickt und dessen Seele gesehen. Seine Berater wären vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. „Ich bin sichtlich erstarrt“, schreibt die nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice in ihren Memoiren. Außenminister Colin Powell nahm seinen Präsidenten zur Seite. „Sie mögen all das in seinen Augen gesehen haben“, so Powell zu Bush, „aber wenn ich ihm in die Augen blicke, sehe ich dort immer noch den KGB.“ „Vergessen Sie nicht“, fügte er hinzu, „es gibt einen Grund dafür, dass der Mann fließend Deutsch spricht.“ Vize-Präsident Dick Cheney ging es ähnlich. Jedes Mal, wenn er Putin sehe, könne er nichts anderes denken als „KGB, KGB, KGB“, gab Cheney damals mehrfach zu Protokoll.

Seitdem ist es immer dasselbe. Jedes Mal, wenn Putin versucht, zu jemandem nett zu sein, tut der ehemalige KGB-Agent dies angeblich, um sein Gegenüber zu manipulieren. Wenn er sich hingegen schlecht verhält und etwa Angela Merkel mit seinem schwarzen Labrador Connie Angst einjagt, geschieht auch dies aufgrund seiner ehemaligen Agententätigkeit, die ihn vor keinem Mittel zurückschrecken lässt, um sich einen psychologischen Vorteil zu verschaffen.

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Dass die Zeit beim KGB für Putin prägend war, steht außer Zweifel – er arbeitete für den Geheimdienst von dem Tag, an dem er 1974 die Universität abschloss, bis mindestens August 1991. Dabei war der KGB nicht nur ein Arbeitgeber wie jeder andere, sondern hatte in Moskau seine eigene Hochschule, an der auch Putin Seminare besuchte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Putin auch nach 1991 mit seinen ehemaligen Kollegen vom KGB in Verbindung blieb, während er in St. Petersburg als stellvertretender Bürgermeister arbeitete. Und es stimmt, dass Putin viele seiner ehemaligen Kollegen mit in die höchste Ebene der Regierung gebracht hat.

Dennoch finde ich die KGB-Hypothese unbefriedigend. Wenn Leute wie Rice,Powell und Cheney von Putins KGB-Vergangenheit sprechen, erwecken sie den Eindruck, als gehe es Putin in der Politik in erster Linie darum, andere zu manipulieren. Die Leute sind entweder seine Agenten, die er nach Belieben dirigiert, oder seine Gegner, die er zu schwächen versucht. Das klingt gnadenlos – aber handeln nicht viele so? Gibt es nicht viele Rabauken, die die Welt in diejenigen einteilen, die sie kontrollieren können und die, bei denen ihnen das nicht gelingt? Ist nicht etwa Dick Cheney selbst genauso vorgegangen?

Der sowjetische Geheimdienst war eine gigantische Organisation, die in den 1980er Jahren hunderttausende von Mitarbeitern beschäftigte. Nachdem in den 1990ern Leute entlassen wurden, erfuhr man, dass es alle Arten von KGB-Agenten gegeben hatte.

Einer von ihnen war Alexander Litwinenko, der vom KGB- zum FSB-Agenten wurde und auf Anweisung seiner Vorgesetzten den Oligarchen Boris Beresowski ermorden sollte, stattdessen aber an die Öffentlichkeit ging. Aus Angst um sein Leben flüchtete er schließlich ins Londoner Exil, arbeitete mit westlichen Geheimdiensten zusammen, veröffentlichte zahlreiche Breitseiten gegen Putin und wurde schließlich von einem anderen ehemaligen KGB-Agenten (Andrei Lugowoi) mit einer hohen Dosis Polonium-210 vergiftet.

5

Putin ist ein Mörder. Auch wenn ich heute in New York lebe, wurde ich doch in Russland geboren und schreibe manchmal über das Land. Das bedeutet, dass mir Leute oft sagen, was sie über Putin denken. Ich erinnere mich, wie ich eines Abends im März 2006 einer bekannten französischen Fotografin vorgestellt wurde. Als sie erfuhr, dass ich Russe bin, entgegnete sie mir: „Pou-tine?“ Die französische Aussprache ließ den Namen des russischen Präsidenten klingen wie diese kanadischen Pommes Frites mit Bratensoße. „Pou-tine“, hob die Fotografin erneut an, „ist ein eiskalter Killer.“

Ich hatte diese Einschätzung zuvor bereits von einigen russischen Oppositionellen gehört, aber es war das erste Mal, dass sie mir in New York begegnete. Vielleicht weil die Fotografin Französin oder Fotografin war, wirkte sie dieses Mal auf mich rein ästhetisch begründet: Putin war ein Killer wegen seines kalten, blutleeren Gesichts, seiner ausdruckslosen Augen und seiner Weigerung zu lächeln. Ein paar Monate später wurde Litwinenko in London vergiftet und die Journalistin Anna Politkowskaja erschossen, als sie vom Einkaufen nach Hause kam. Die Ansicht, Putin sei ein Mörder, fand weitere Verbreitung.

Das Problem mit solchen Anschuldigungen ist nicht, dass sie sicher falsch wären, sondern dass sie, wie die meisten putinologischen Thesen, äußerst schlampig daherkommen. Wenn jemand sagt, Putin würde Journalisten und Oppositionelle ermorden lassen, meint er meistens die 2006 getötete Politkowskaja und den 2015 getöteten früheren Oppositionsführer und Vizepremierminister Boris Nemzow. Es existieren Vorwürfe, Putin stecke hinter diesen Morden – aber nur wenige, die sich mit den Fällen auskennen, schenken ihnen Glauben. Sie glauben vielmehr, dass Politkowskaja und Nemzow von Schergen Ramsan Kadyrows umgebracht wurden, dem brutalen Diktator Tschetscheniens. Im Fall von Nemzow sind die Hinweise auf eine Beteiligung von Leuten aus dem näheren Umfeld Kadyrows überwältigend. Im Fall von Politkowskaja stützt sich der Verdacht lediglich auf Indizien (wobei auch Beweise für andere Bemühungen, ihr zu schaden, vorliegen – einschließlich eines früheren Vergiftungsversuches, der mehr wie eine Operation der Regierung aussah). Es handelt sich trotzdem noch immer um das wahrscheinlichste Szenario.

Dabei spricht Kadyrows Beteiligung Putin nicht frei, schließlich arbeitet Kadyrow für Putin. Es wurde viel darüber berichtet, Putin sei über die Ermordung Nemzows verärgert gewesen und habe sich wochenlang geweigert, Kadyrows Anrufe entgegenzunehmen. Auf der anderen Seite sind seit dem Mord nun fast zwei Jahre vergangen und Kadyrow regiert noch immer über Tschetschenien. Er wurde von Putin auf seinen Posten gesetzt. Wenn Putin diese Morde also nicht direkt befohlen hat – und, noch einmal, es ist die übereinstimmende Meinung unter Journalisten und Analysten, dass er dies nicht getan hat –, so arbeitet er nichtsdestotrotz weiter mit denjenigen zusammen, die für die Morde verantwortlich gehalten werden.

Mit „Putin der Mörder“ sind wir bei so etwas wie dem konzeptuellen blinden Fleck der Putinologie angekommen. In Russland haben wir es weder mit einem Failed State zu tun, in dem die Regierung keine Macht mehr hat, noch mit einem totalitären Staat, in dem sie absolut alles kontrollieren kann, sondern mit etwas dazwischen. Putin ordnet keine Morde an und doch geschehen welche. Putin hat die Annexion der Krim angeordnet, aber, soweit man weiß, nicht die Invasion in der Ostukraine. Letztere scheint vielmehr auf die Initiative eines gut vernetzten russischen Geschäftsmannes zurückzugehen, der eine kleine Gruppe von Söldnern anheuerte. Reguläre russische Soldaten kamen erst später hinzu. Wenn Putin aber gar nicht alles im Griff hat und es einflussreiche Mächte gibt, die außerhalb seines Einflussbereiches operieren, was ist dann der Sinn der ganzen Putinologie? Über diesen Punkt schweigt sich die Putinologie aus.

Das mit Abstand schlimmste Verbrechen, das Putin vorgeworfen wird, ist ein Bombenanschlag auf mehrere Wohnblöcke 1999 in Moskau. Im September jenes Jahres, mit einem kranken Präsidenten Jelzin, den Präsidentschaftswahlen vor der Tür und einem relativ unbekannten Premier Putin, flogen in Moskau zwei Wohnhäuser in die Luft, wobei 300 Menschen ihr Leben verloren. Ein paar Tage später kam es zu einer weiteren Explosion, dieses Mal in der südrussischen Stadt Wolgodonsk. Wenige Tage später nahm die örtliche Polizei mehrere Männer fest, die im Keller eines Gebäudes in Rjasan offenbar Sprengstoff deponierten. Wie sich herausstellte, waren die Männer vom russischen Geheimdienst FSB. Schnell wurde die angebliche Bombe entfernt und das Ganze zu einer Übung erklärt, mit der angeblich die Wachsamkeit von Polizei und Bevölkerung getestet werden sollte.

Aber auch hier entgleitet uns Putin. Wenn der Anschlag auf die Wohnhäuser wirklich von oberster Stelle angeordnet wurde, dann kam der Befehl von Jelzin und nicht von Putin. Die politischen Morde, die die Jahre unter Putin zu charakterisieren scheinen, gab es während der Amtszeit Jelzins genauso. Das enthebt Putin natürlich nicht der Verantwortung, verweist aber auf eine längere und komplexere Phase der Gewalt, die von Gruppen innerhalb und außerhalb der Regierung zu verantworten war und ist, die Mord und Terror als politische Waffe einsetzen, nicht allein auf die Machenschaften eines einzelnen bösen Mannes. Wenn Putin als Präsident nicht in der Lage ist, diese Gewalt zu stoppen, dann sollte vielleicht ein anderer das Amt übernehmen. Wenn Putin selbst aktiv in die Gewalt involviert ist, sollte definitiv ein anderer Präsident werden.

Aber wir müssen fair sein. Die Putinologen und Putinologinnen sind extrem schlampig und auf keinem Gebiet der Putinologie ist ihre Schlampigkeit schädlicher. Wenn ein US-Fernsehmoderator wie George Stephanopoulos erklärt, Putin habe die Ermordung von Anna Politkowskaja angeordnet, macht dies es nur schwerer, Putin diejenigen Dinge vorzuhalten, die er zweifelsohne wirklich getan hat.

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Putin ist ein Kleptokrat. Der russische Anwalt und Anti-Korruptions-Aktivist Alexei Nawalny ist zu dem Schluss gekommen, dass die Menschenrechte heutzutage in Russland kein Gewinnerthema sind. Geld hingegen schon. Putins Einiges Russland nannte er einst eine „Partei der Gauner und Diebe“. Dieser bald von westlichen Putinologen übernommenen Darstellung zufolge war Putin kein verrücktes Monster, sondern etwas Einfacheres, Handhabbareres: ein Dieb nämlich.

Dieser Vorwurf hatte den Vorteil, dass es sich zweifelsohne um die Wahrheit handelte. Erstaunlich viele alte Freunde Putins waren Geschäftsgenies – immerhin wurden sie alle zu Milliardären, nachdem er an die Macht gekommen war. Es war eine Sache, dass die Beresowskis, Chodorkowskis und Abramowitschs es schafften, mit Milliarden in den Taschen aus den üblen Rangeleien der 1990er hervorzugehen. Ohne ihre Nähe zur Jelzin-Regierung wären sie sicher nicht an diese Milliarden gekommen. Dann aber mussten sie auch noch die Wildnis des frühen russischen Kapitalismus überstehen. Auf eine Art waren sie Genies – denn sie waren mit dem künftigen russischen Präsidenten befreundet.

Putin selbst führt eine recht bescheidene Existenz. Er besitzt zwar einen mit stibitzten Mitteln errichteten Palast am Schwarzen Meer. Aber er wohnt nicht darin und tatsächlich scheint es unwahrscheinlich, dass er jemals darin leben wird. Besagter Palast ist in bestimmter Hinsicht das hoffnungsvollste von Putins Projekten – ein Versprechen darauf, dass er irgendwann in den Ruhestand treten könnte und zwar unter Umständen, bei denen er nicht von einem Mob, der in den Kreml eingedrungen ist und seine persönlichen Wachen überwältigt hat, in Stücke gerissen wird.

7

Putin heißt Wladimir. Ein US-amerikanisches Magazin warnte jüngst, das Ende des Kommunismus „bedeutet nicht, dass Russland seine ursprüngliche Mission der Destabilisierung Europas fallen gelassen hat.“ Putin sei vielmehr ein „ehemaliger KGB-Agent, der nicht zufällig den Namen Wladimir Iljitsch mit Lenin teilt.“ Als das Magazin den Hinweis bekam, dass Putin nicht Wladimir Iljitsch heißt, sondern Wladimir Wladimirowitsch, wurde der Artikel korrigiert. Nun hieß es, es sei kein Zufall, dass Putin den Namen Wladimir mit Lenin teile. Dass es vielleicht daran liegt, dass Wladimir einer der geläufigsten russischen Namen ist, fiel weg. Dennoch, leugnen lässt es sich nicht: Putin und Lenin heißen beide Wladimir.

Die Putin-heißt-Wladimir-Hypothese ist – je nach Perspektive – entweder der historische Höhepunkt der Putinologie oder ihr Tiefpunkt, auf jeden Fall lässt sie auf etwas schließen. Sie ist ein Zeichen dafür, dass es bei der Putinologie nicht um Putin geht und nie ging. In den Wochen vor und nach dem Amtsantritt Donald Trumps diente die Welle der Putinanalyse dem Zweck, sich Trump wegzuwünschen. Wir können diesen bigotten idiotischen Narzissten nicht gewählt haben, er muss uns aufgezwungen worden sein – von außen.

Gegenwärtig gibt es keinen Grund, die übereinstimmende Meinung der meisten Geheimdienstanalysten anzuzweifeln, dass russische Agenten das Democratic National Committee gehackt und die E-Mails an Julian Assange weitergeleitet haben. Es ist ebenfalls eine bekannte Tatsache, dass Putin Hillary Clinton hasste.

Weiterhin entspricht es der Wahrheit, dass die Wahl sehr knapp ausging und nicht viel nötig war, um den Ausschlag zu einer Seite zu geben. Es ist aber auch wichtig, zu bedenken, dass die geleakten Mails kaum etwas Schädigendes enthielten.

Diese Ausflucht ist die Essenz der Putinologie, die Trost sucht in der unbestreitbaren, aber weit entfernten Verderbtheit Putins, um sich nicht der weitaus unbequemeren Schlechtigkeit stellen zu müssen, die man vor der eigenen Nase hat. Die Putinologie gab es schon zehn Jahre vor der Wahl von 2016. Aber das, was wir in Verbindung mit Trump in den zurückliegenden Monaten erlebt haben, ist ihr platonisches Ideal.

Keith Gessen ist Romancier und Journalist u.a. für den New Yorker. Er wurde 1975 in Moskau als Konstantin Alexandrovich Gessen geboren

Übersetzung: Zilla Hofman und Holger Hutt

06:00 05.07.2017
Geschrieben von

Keith Gessen | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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