Das Trauma der Flucht

Afghanistan Die Forschung weiß, dass Traumata vererbt werden können. Kann ein Ort in einem leben, an dem man nie gelebt hat?
Das Trauma der Flucht
Eine afghanische Familie auf der Flucht

Foto: Damir Sagolj/Getty Images

Ein paar Jahre vor dieser Pandemie nahm ich meine damals neun Monate alte Tochter mit auf ihren ersten Protestmarsch. Es war eine Palmsonntagsdemonstration für Geflüchtete. Der Zug begann auf den Stufen der Staatsbibliothek in Melbourne. Unser Kind, ein australischer Sonnenschein, geboren in Friedenszeiten, war in einer Babytrage an die Brust meines Mannes geschnallt. Sie gluckste und strampelte im Rhythmus der Glocken, Trommeln und Gesänge um sie herum.

Dann begann ein Sprechgesang: „Truppen raus aus dem Irak. Truppen raus aus Afghanistan.“ Ich war überrascht, aber es fühlte sich richtig an. Die Menschen um mich herum waren kämpferisch und hoffnungsvoll, ihre Stimmen melodisch. Ein Banner schwebte über uns: Juden, Muslime, Christen für Frieden. Der Tag fühlte sich an wie Hoffnung, Gesang und Harmonie. Alles gute Dinge.

Dieses Jahr im Juni, mitten in der Pandemie, verließen die australischen Streitkräfte Afghanistan, nach zwei Jahrzehnten. Ich denke an die hoffnungsvolle, fröhliche Zeit während der Melbourne-Demonstration zurück – und daran, wie dumm wir waren. Nicht so, denke ich. Die Truppen haben ihre Stützpunkte und das Land verlassen, wir hören Nachrichten über Explosionen, Mangel und Terror. Der Irrsinn regiert nun, in Form der Taliban, die sich erneut ihren Weg zur Macht bahnen.

Bunte Bomben

Ich bin Australierin. Mein Vater und meine Mutter sind es auch, obwohl sie einst Pässe besaßen, die sie als afghanische und srilankische Staatsangehörige auswiesen. Ich bin Australierin, denke ich, und doch schmerzt es sehr, wenn in einem Land, das so weit von hier entfernt ist, wieder Krieg ausbricht. Niemand sonst scheint überrascht zu sein, vielleicht weil es in Afghanistan seit über 40 Jahren Krieg gegeben hat. Man sagt, ein Teil von dir lebt an jedem Ort, an dem du gelebt hast, und ein Teil dieses Ortes lebt auch in dir. Aber was ist, wenn man nie an diesem vom Krieg zerrütteten Ort gelebt hat: Wie soll der dann in einem leben?

Wir wissen aus der Forschung, dass Traumata vererbbar sind, dass unsere Vorfahren ihre Geschichten in unsere Geschichten einschreiben: ihre Freuden, ihre Triumphe, aber auch ihre Sorgen, ihre Erschöpfung, ihre Gewalt, ihre Schlaflosigkeit, ihre Stimmungsschwankungen, ihre Paranoia. Wissenschaftler erforschen die epigenetischen Auswirkungen der Geschichte auf unseren Körper. Babys, deren Mütter einen Krieg oder eine Hungersnot erlebten, haben eine geringeres Geburtsgewicht – genau wie wiederum deren Babys –, und sie haben häufiger mit einer Reihe chronischer Krankheiten zu kämpfen. Gene werden durch unsere Erfahrungen und die Erfahrungen unserer Vorfahren an- und abgeschaltet. Geschichten, die wir noch nie gehört haben werden an uns weitergegeben, und zwar so, wie sich unsere Gene ausdrücken. Metaphysisch, physisch.

Einem Besuch in Kabul habe ich meine gesamte Kindheit über sowohl entgegengefiebert als ihn auch gefürchtet. Ich verstand, dass es zu gefährlich war: Afghanistan war kein Ort, den man einfach so besuchen konnte. Als kleines Kind bin ich während einer schlaflosen Nacht zwischen zwei Schultagen aus dem Bett ins Wohnzimmer geschlichen, wo meine Eltern fernsahen. Auf dem kleinen Kasten der Marke Toshiba flimmerten Bilder von Kindern in den braunen Trümmern eines afghanischen Dorfes, es war eine einstündige Dokumentation über Landminen. „Geh wieder ins Bett, Schatz“, murmelte meine Mutter. Ich ignorierte sie und kletterte in ihren Schoß. In Afghanistan, das habe ich in dieser Nacht gelernt, setzen die Russen farbenfrohe Bomben ein, die als Spielzeuge getarnt kleine Kinder wie mich zum Ziel haben.

„Ich will hier weg“

Viele Jahre nach dem Abzug der Sowjets, nachdem die Mudschaheddin Frieden geschlossen hatten und die Taliban unterdrückt worden sind, ging ich nach Kabul. Es war eine Zeit relativer Sicherheit, amerikanische Militärbasen waren in der ganzen Stadt verteilt. Bei meinem ersten Besuch war ich überwältigt und fühlte mich unwohl angesichts der Lebendigkeit, die mich umgab. Farben und Glitzer mischten sich mit Staub. Leben und Liebe und Musik und Tanz und Chaos und Familie und Geschichten und Hoffnungen und Träume und Cousinen und Tanten und Onkel und Nachbarn und Kinder, Leben, Leben, Leben. Bauen, Beten, Arbeiten, trotz der Narben auf ihren Gesichtern, trotz der Verbitterung und des Schmerzes, trotz der Trümmer der von Kugeln und Bomben zernarbten Häuser. Die Traurigkeit und Verzweiflung und das Patriarchat, vermischt mit Liebe und Wärme und Heimat, machten mich still.

Doch trotz der Freude und der Hoffnung hasste ich all das, weil ich nicht allein das Haus verlassen durfte. Eines Tages ging ich mit einer jüngeren Cousine auf dem Berg hinter ihrem Haus am Rande von Kabul spazieren. Sie war damals Jurastudentin an der Universität Kabul: „Als die Taliban hier waren, sind wir nicht zur Schule gegangen“, sagte sie finster. Dann verwandelte sich ihr Ärger in ein Grinsen: „War aber trotzdem ziemlich lustig. Wir haben über diesen Berg geherrscht.“ Sie bückte sich, hob einen Stein auf und warf ihn bergab. Dann warf sie mir eine goldglänzende Patronenhülse zu, die sie gefunden hatte.

„Die meiste Zeit durften wir nicht rausgehen. Manche Leute fühlen sich in Purdah immer noch sicherer.“ Sie zeigte auf eine Person in einem geisterhaften blauen Gewand, nicht weit entfernt von uns. Als wir am Kabristan (muslimischer Friedhof, Anm. d. Ü.) am Fuße des Felsberges vorbeikamen, weinte eine Familie an einem kleinen frischen Grab. Meine Cousine zog ihren locker drapierten Tschador über und murmelte ein Gebet. „Ich will hier weg“, brummte sie. Ein paar Wochen später gab ich leere Versprechen übers Kontakthalten und eine Rückkehr ab, war aber sehr dankbar, dass ich gehen konnte.

Es ist leicht, alles zu zerstören

Jetzt haben die amerikanischen und australischen Truppen Afghanistan verlassen, und die Gewalt nimmt wieder ab. Nur ein weiterer Höhepunkt in der gewalttätigen Geschichte dieses Landes, nehme ich an, auch wenn die Pandemie die Grenzen so eng wie nie zuvor gezogen hat. „Wohin können wir gehen?“, fragt mich ein afghanischer Kollege über Zoom. Es ist keine rhetorische Frage. Ein Cousin spricht über die besten Möglichkeiten, seine Familie außer Land zu schaffen. Ich mache mir Sorgen um ihre Erfolgschancen.

Ist Krieg notwendig, um Frieden zu schaffen? Ich kenne die Antwort nicht. Was ich weiß, ist, dass es leicht scheint, zu kämpfen – und dass es zu leicht ist, Gebäude zu bombardieren und sie ihn Stücke zu reißen. Es ist leicht, in einem einzigen gewaltvollen Moment, Kindern die Gliedmaßen mit einer Granate in Form einer Micky Maus abzusprengen. Es ist leicht, Kinder nicht mehr zur Schule gehen zu lassen, die Lebensmittelversorgung zu unterbrechen, Brücken und Straßen zu zerstören, Häuser und Familien. Es ist leicht, alle schönen Dinge des Lebens kaputt zu machen: Kindergärten, Nähschulen, Kleinunternehmen, Einrichtungen zur Unterstützung Behinderter, spirituelle Bewegungen, Frauentreffs, Kunstvereine, Musiktheater, Radiosender. Es dauert ein Leben lang, Orte des Friedens wieder aufzubauen. In der Zwischenzeit strömen die Vertriebenen in überfüllte, unterfinanzierte, „vorübergehende“ Zeltstädte.

Weniger als ein Prozent der Menschen in Flüchtlingslagern werden jemals wieder umsiedeln. Streng genommen war ich ein Flüchtlingskind, obwohl meine Eltern weder in einem Geflüchtetenlager lebten, noch an Grenzbeamten vorbeischlichen, noch auf der Suche nach Nahrung waren. Ich hatte Glück, denn ich kam auf dem „richtigen Weg“, mit Papieren, etwas Geld, einer Patenschaft und Unterlagen. Es ist mir peinlich zu sagen, dass ich ein staatenloses Kind war, weil es mir kein Trauma bereitet hat. Und vielleicht ist es mir auch peinlich, weil ich weiß, dass Geflüchtete in Australien als Schandfleck betrachtet werden.

In der Flucht liegt Verantwortung

Australien ist ein Land der Einwanderer. Die Hälfte meiner viktorianischen Mitbürger wurde entweder im Ausland geboren oder hat einen Elternteil, der dort geboren wurde. Viele Menschen um mich herum sehnen sich nach den Geschmäckern einer anderen Heimat, und doch bin ich zufrieden mit dem Essen, das mir meine Eltern zu kochen beigebracht haben. Der Basmatireis aus dem Supermarkt schmeckt anders als der Reis, der auf den Feldern Sri Lankas angebaut wird, und er riecht anders als der Reis, den meine Großmutter für meinen Vater gekocht hat. Ich bin nicht so verbunden wie sie: Die Kammern auf einer Seite des Herzens schlagen für ihr Heimatland und ihre Leute. Meine Eltern lebten zwischen zwei Welten, sie schickten immer Geld an ihre Familien, machten sich Sorgen um deren Gesundheit und Sicherheit. Im Überleben und in der Flucht liegen Schuld und Verantwortung.

Und trotzdem lebe ich im Schatten der Emigration, des Krieges und der Vertreibung. Auf irgendeine Art und Weise habe ich das Leid geerbt. In meinem Bewusstsein ist das Wissen verankert, dass die Welt vor Ungerechtigkeit brennt – Glück, nicht Verdienst, ist die Kraft, die uns bestimmt. Dass all die schöne Freiheit, die uns geschenkt wurde, prekär ist und wir sie nicht verschwenden dürfen. Oder vielleicht ist es unvermeidlich, dass wir sie verschwenden – dass wir sie schön, leichtfertig und ganz bewusst verschwenden –, aber wegwerfen dürfen wir sie nicht.

Aber wie beschützen wir sie? Als ich anfing, das hier zu schreiben, stürmten die Taliban Dörfer, Städte, Grenzübergänge. Nur Tage später erlangten sie die totale Kontrolle. Kindheiten, Freiheiten und Zukünfte werden weggeworfen.

Dr. Mariam Tokhi ist Allgemeinmedizinerin und arbeitet bei einer australischen Geflüchtetenorganisation

Übersetzung: Konstantin Nowotny

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16:16 19.08.2021
Geschrieben von

Mariam Tokhi | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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