Das Werk der Straße

Surreal Wie Kunst verdächtig werden kann: Straßenfoto­grafie in den Zeiten von Terror und Überwachung

In den sechziger Jahren, als New York das Zentrum der Straßenfotografie war, kreuzten sich hier die Wege der einflussreichsten Figuren der Szene. Lee Friedlander war mit Garry Winogrand befreundet, der wiederum begegnete oft Joel Meyerowitz, wenn sie durch Manhattan streiften und über die Grenzen des Stadtteils hinaus – auf der Suche nach Bildmotiven, die das Tempo der Stadt, ihre unzähligen Alltagsdramen und ihre Bürger bei der Arbeit und in ihrer Freizeit einfingen.

Was die Persönlichkeit betraf, so war Winogrand schnell als der Aggressivste auszumachen. Friedlander sagte einmal über ihn, nur halb im Spaß: „Er benahm sich wie ein wilder Stier.“ Meyerowitz erinnerte sich später daran, wie Winogrand „das Tempo auf der Straße vorgab, so dass man keine andere Wahl hatte, als mitzuhalten. Es war wie beim Jazz. Man musste einfach den gleichen Groove finden.“

Obwohl die Straßenfotografie beinahe so alt ist wie die Fotografie selbst und man viele der Pioniere – Eugène Atget, Brassai, André Kertéz, Jacques Henri Lartigue, Henri Cartier-Bresson, Walker Evans und Robert Frank – alle auf die eine oder die andere Art als Straßenfotografen bezeichnen könnte, wird der Begriff inzwischen für ein bestimmtes Genre – und eine Haltung – verwendet, die auf diese New Yorker Fotografen zurückgeht. Was sie antrieb, beschrieb Winogrand einmal so: „Wenn ich fotografiere, dann sehe ich das Leben. Das ist mein Gegenstand. Ich habe keine Bilder im Kopf. Ich mache mir keine Gedanken darum, wie das Bild aussehen wird. Ich lasse es von selbst geschehen. Es geht nicht darum, hübsche Bilder zu machen. Das kann jeder.“ Sie wollten für den Bruchteil einer Sekunde den endlosen, ständig wechselnden Impuls der Stadt in seiner ganzen, alltäglichen Merkwürdigkeit einfangen.

Kinder, die auf der Straße spielen

Winogrand, der 1984 verstarb, bleibt ein Vorbild, doch die nächste Generation muss sich neu erfinden. Auch die Art und Weise wie Bruce Gilden in den achtziger und neunziger Jahren auf der Straße fotografierte, wäre heute kaum noch denkbar. Gilden benutzte die Konfrontation als ästhetisches Mittel. Er überfiel die Personen, die er fotografieren wollte, mit dem Blitz, um, wie er es nannte, „den Rahmen energetisch aufzuladen“. Er war der Inbegriff des Straßenfotografen als Provokateur. Heute würden solche Annäherungen auf den Straßen von London, wo zunehmend Angst und Aggressivität herrschen, schon bald dazu führen, dass man festgenommen oder verprügelt würde.

Noch schwieriger wäre es inzwischen, Straßenfotos aufzunehmen, wie es die behutsameren Vertreter des Genres taten. Sowohl der Brite Roger Mayne, der in den fünfziger und sechziger Jahren aktiv war, als auch die Amerikanerin Helen Levitt, die in den frühen Sechzigern in Farbe zu fotografieren begann, bildeten oft Kinder ab, die auf der Straße spielten, ohne sich dabei etwas zu denken. Dasselbe galt für deren Eltern oder Aufsichtspersonen. Heute sieht das ganz anders aus. Wir leben in einem Zeitalter der großen und kleinen, der echten und eingebildeten Ängste.

Die Fotografie – und insbesondere die Straßenfotografie – ist heute eine umstrittene Angelegenheit, die all unsere kollektiven Ängste tangiert: Terrorismus, Pädophilie, Eingriffe in die Privatsphäre, Überwachung. Wir bestehen auf den Schutz unserer Privatsphäre, gleichzeitig knipsen wir alles und jeden mit unseren Handys und Digitalkameras.

Verhaftet und verhört

Einerseits ist jeder von uns heute ein Straßenfotograf. Andererseits sind wir aber auch die meistfotografierten und -gefilmten Erdenbürger aller Zeiten. In Großbritannien werden die Innenstädte und öffentlichen Gebäude rund um die Uhr von Überwachungskameras erfasst, sie folgen den Passanten auf Parkplätze, in Supermärkte, Fußballstadien, Hotels und bis an unseren Arbeitsplatz. Google Street View hat allein in Großbritannien im vergangenen Jahr 37.000 Kilometer Straße mit Panoramakameras abfotografiert, was einer Massenüberwachung gleichkommt, deren Ausmaß vor ein paar Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wäre.

In der letzten Zeit wurden Fotografen mit erschreckender Regelmäßigkeit von der Polizei unter – manche würden sagen missbräuchlicher – Berufung auf Paragraph 44 des englischen Prevention of Terrorism Act angehalten, verhört und in einigen Fällen sogar verhaftet. So gut wie alle Fotografen, mit denen man über das Thema Straßenfotografie spricht, wussten von solchen Erfahrungen zu berichten – nicht nur in der Nähe von Regierungsgebäuden, sondern in ganz Großbritannien.

Im Januar versammelten sich rund 2.000 Fotografen auf dem Trafalgar Square, um gegen Polizei-Schikanen zu demonstrieren. Die Demonstration, die von der Organisation „I’m a Photographer, not a Terrorist“ initiiert wurde, scheint durchaus etwas bewirkt zuhaben. Die Fotografen bekundeten später, sie haben das Gefühl, die Polizei ginge nicht mehr so streng und überwachsam vor.

Nicht zu verwechseln mit Fotojournalismus

Wer heute ein Straßenfotograf sein will, der braucht, wie Martin Parr vor Kurzem erklärte, „Besessenheit, Hingabe und Eier“. Und doch gewinnt die Straßenfotografie immer mehr Anhänger. Auf Flickr gibt es die Seite HCSP – Hardcore Street Photography – die beinahe 36.000 Mitglieder hat. Nichtsdestotrotz wird sie als Genre von den Galerien und Kuratoren ignoriert, die sich eher zur postmoderneren Strömung der konzeptlastigen Kunstfotografie hingezogen fühlen. Paul Graham, der im vergangenen Jahr den prestigeträchtigen „Deutsche Börse Photography Prize“ gewann, ist einer der wenigen, dessen Werke es von der Straße in die Galerien geschafft haben.

Auf den Vorwurf eines Kritikers, der sich abfällig über Fotografen geäußert hatte, die darauf spezialisiert seien, „einfach ihre Umgebung zu knipsen“, antwortete Graham kürzlich auf der Seite Americansuburbx.com: „Ein beträchtlicher Anteil der Kunstwelt scheint einfach immer noch nicht zu kapieren, worum es beim Fotografieren geht. Sie verstehen, was Fotografen tun, die sich der Fotografie bedienen, um ihre Gedanken, Installationen, Performances und Konzepte zu illustrieren, die das Medium also als eine unter vielen künstlerischen Möglichkeiten nutzen, um ihre Arbeiten zu vervollständigen. Aber eine Fotografie, die die Welt so abbildet wie sie ist, wird als eine Ansammlung von zufälligen Beobachtungen und glücklichen Momenten missverstanden, mit Fotojournalismus verwechselt oder eher abfällig mit dem Etikett ‚dokumentarisch‘ versehen.“

Stephen McLaren, ein in London lebender Straßenfotograf, der gemeinsam mit Sophie Howarth demnächst das Buch Street Photography Now veröffentlichen wird, stimmt dem zu: „Die Straßenfotografie erlebt im Moment eine sehr lebhafte Phase, aber sie hat ein Problem mit der Kunstwelt. Man sieht sie nur selten in den Galerien. Es ist beinahe so, als gehöre sie zu sehr zur Straße, als sei sie auf gewisse Art zu authentisch.“ Seine Definition von Straßenfotografie ist sehr puristisch: „In erster Linie ist es eine Arbeitsweise, bei der man vollkommen offen dafür sein muss, was sich auf der Straße abspielt. Also keine Requisiten, keine Models, keine Inszenierung. Und du musst immer mit dem natürlichen Licht arbeiten. Der Rest ist eine Mischung aus den äußeren Umständen, Glück und Geschick.“ Der Fotograf Matt Stuart ist noch rigoroser: „Ich würde ergänzen, dass Nachbearbeitungen mit Photoshop tabu sind. Und es ist entscheidend, dass man sich etwas ansieht, aber nicht Teil davon ist. Ich spreche nie mit den Personen, bevor ich sie fotografiere. Ich versuche so unsichtbar wie möglich zu sein, aber ich erkläre den Leuten hinterher, was ich mache, wenn sie mich fragen.“

Kunst, nicht Kommerz

Von den 10.000 Fotos, die Stuart in den vergangenen zwei Jahren gemacht hat, haben es rund 50 auf seine Webseite geschafft. „Meyerowitz und diese Jungs haben die Latte extrem hoch gelegt. Wenn ich eine Auswahl treffe, habe ich immer das Gefühl, dass sie mir über die Schulter schauen. Dasselbe gilt, wenn ich fotografiere. Man muss extrem wählerisch sein. Du musst dein strengster Kritiker sein.“

Zu den wenigen Fotografen, die den Spagat zwischen der Straße und den Galerien schaffen, zählt neben Paul Graham der Amerikaner Philip-Lorca diCorcia. Er unterbrach in den neunziger Jahren bewusst den gewöhnlichen Lauf der Dinge, indem er Passanten fotografierte, wenn sie unwissentlich eine Reihe von Blitzen auslösten, die er auf einem Gerüst installiert hatte. Das Resultat sah sowohl intim als auch surreal aus, da die Leute – hell erleuchtet – in einem Moment eingefangen wurden, in dem sie sich ihren Gedanken und Tagträumen hingaben. In diCorcias Fall ist der Prozess ebenso wichtig wie das Ergebnis, womit die Straßenfotografie dem Studioporträt auf faszinierende Art so nah wie möglich kommt. Einmal wurde diCorcia von einem orthodoxen Juden verklagt, der seine Privatsphäre und seine religiösen Gefühle durch die Ausstellung seines Bildes in einer Galerie verletzt sah. Der Richter lehnte die Klage jedoch mit der Begründung ab, dass das Foto Kunst und nicht kommerziell sei.

Der britische Fotograf Stephen Gill agiert auf die für ihn typische zurückhaltende Art im Zwischenbereich von Straßenfotografie und konzeptioneller Fotografie. Sein Buch Hackney Wick aus dem Jahr 2005 enthält Fotografien eines weitläufigen, gut besuchten Flohmarkts, der vor ein paar Jahren auf dem Gelände der alten Windhundrennbahn in Hackney aus dem Boden schoss. Gill machte seine Fotos mit einer Einwegkamera, die er bei einem der Händler gekauft hatte. Obwohl er auf der Straße fotografiert, sind auch seine Bilder ein Grenzfall. Für seine Hackney-Bilder fotografierte er „wie besessen, drei Tage die Woche, sechs Jahre lang“. Er hat mit dem Begriff Straßenfotografie so seine Probleme: „Vieles, was ich mit Straßenfotografie in Verbindung bringe, zieht mich nicht wirklich an, wie etwa die Vorstellung darauf zu warten, dass ein Unfall passiert oder ein Mann an einem lustigen Schild vorbeiläuft. Meine Fotos werden immer von ihrem Gegenstand getragen. In diesem Fall waren meine Bilder eine Reaktion auf diesen Ort, über den ich gestolpert bin. Ich habe darauf reagiert, und mich nicht etwa auf die Suche begeben.“

Gill glaubt an die Verantwortung des Fotografen, „insbesondere wenn es um den Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Privatsphäre und dem Bedürfnis, alles zu fotografieren geht. Also versuche ich mir und den Menschen, die ich fotografiere, immer Klarheit darüber zu verschaffen, was ich da tue. Ich verschmelze mit der Kamera und versuche nicht herumzuschleichen und unbemerkt Fotos zu schießen. Ich erkläre, was ich tue und dass meine Bilder in Zeitschriften oder einem Buch erscheinen könnten, und in der Regel sind die Leute damit einverstanden. Damit gehe ich ein Risiko ein, aber in der Regel zahlt es sich aus.“

Gill ist damit allerdings eine Ausnahme. Die meisten Straßenfotografien zeichnen sich eben gerade dadurch aus, dass sie im Grenzbereich zwischen Beobachtung und einem Eingriff in die Privatsphäre operieren.

Sean OHagan schreibt für den Guardian über Fotografie und Musik

Das Foto von Garry Winogrand ist Teil der Ausstellung Out of the Ordinary: Photographs by Garry Winogrand and Larry Clark.

12:15 09.06.2010
Geschrieben von

Sean O’Hagan | The Guardian

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