Das Zeitalter des Menschen

Anthropozän Unsere Spezies hat die Erde grundlegend verändert – doch Wissenschaftler sind sich uneins, ob das einen Wendepunkt in der Weltgeschichte darstellt
Das Zeitalter des Menschen

Fotos: Eric LaForgue/Art In All Of Us/Corbis/Getty Images, Digitalglobe/Getty Images (Hintergrund)

Es gab diesen Moment, da hatte er genug gesehen. Mit wachsendem Unwillen war Paul Crutzen im Februar 2000 dem Treiben auf der Bühne einer Konferenz in Cuernavaca, Mexiko, gefolgt, und jetzt musste er seinem Ärger Luft machen. Fünf Jahre zuvor hatten er und zwei Kollegen den Chemie-Nobelpreis für den Beweis dafür erhalten, dass die Ozonschicht, die den Planeten vor ultraviolettem Licht schützt, aufgrund der stetig wachsenden Konzentrationen von Industriegasen an den Polen ausdünnt.

Nun nahm er an einem wissenschaftlichen Treffen teil, das die Ozeane, Landoberflächen und die Atmosphäre des Planeten untersuchte. Während die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Ergebnisse präsentierten, von denen die meisten dramatische planetarische Veränderungen beschrieben, rutschte Crutzen lange unruhig in seinem Stuhl hin und her.

„Man konnte sehen, dass er sich aufregte. Er war nicht glücklich“, sagte mir kürzlich Will Steffen – der Chemiker, der das Treffen organisiert hatte. Was bei Crutzen schließlich das Fass zum Überlaufen brachte, war die Präsentation einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich mit dem Holozän beschäftigte. So nennt man die geologische Epoche, die vor 11.700 Jahren begann und bis heute andauert.

Nachdem er zum x-ten Mal den Begriff des Holozäns gehört hatte, verlor Crutzen die Geduld. „Er unterbrach den Vortrag und sagte: ‚Hört auf, vom Holozän zu sprechen, wir befinden uns nicht mehr im Holozän‘“, erinnert sich Steffen. Der Ausbruch war nicht geplant gewesen, doch nun ruhten alle Augen auf ihm. Also nannte Crutzen als Namen für eine neue Epoche eine Kombination aus „anthropos“, dem griechischen Wort für „Mensch“, und „zän“, dem Suffix, das in Namen für geologische Epochen verwendet wird. „Anthropozän“ klang irgendwie wissenschaftlich.

Ein paar Monate nach dem Treffen führten Crutzen und der US-amerikanische Biologe Eugene Stoermer die Idee in einem Artikel über das „Anthropozän“ weiter aus. Wir seien in eine vollkommen neue Phase der planetarischen Geschichte eingetreten, argumentierten sie, in der der Mensch zur treibenden Kraft geworden sei. Und ohne größere Katastrophen wie einem Asteroideneinschlag oder einem Atomkrieg werde die Menschheit noch für weitere Jahrtausende eine entscheidende geologische Triebkraft bleiben.

„Meine Güte, und was jetzt?!“

Der Artikel erschien auf Seite 17 des Newsletters des International Geosphere-Biosphere Programme. Zu diesem Zeitpunkt galt als unwahrscheinlich, dass der Begriff jemals die Sphäre der abstrusen Literatur verlassen würde. Wird sie doch von Institutionen produziert, die sich mit Dingen wie dem Stickstoffkreislauf beschäftigen. Doch das Konzept verfing. Umweltwissenschaftler griffen die Bezeichnung auf, in der sie einen nützlichen Sammelbegriff für den Wandel der Welt sahen – das Zurückziehen des Meereises, die Beschleunigung des Artensterbens, ausgebleichte Korallenriffe –, den sie bereits mit dem menschlichen Handeln in Verbindung brachten.

Die ersten akademischen Artikel erschienen, die „Anthropozän“ im Titel trugen, gefolgt von ganzen Ausgaben, die dem Thema gewidmet waren. Bald sprang die Idee auf die Geisteswissenschaften über, auf Zeitungen und Magazine und schließlich auf die Kunst. Sie wurde Gegenstand der Fotografie, der Poesie, der Oper, und auch Nick Cave schrieb einen Song darüber.

„Die Verbreitung dieses Konzeptes kann hauptsächlich darauf zurückgeführt werden, dass es, verkleidet als wissenschaftliche Neutralität, eine Botschaft von nahezu beispielloser moralisch-politischer Dringlichkeit transportiert“, schrieb der Philosoph Peter Sloterdijk. Es gab eigentlich nur einen Ort, an dem das Anthropozän nicht zu verfangen schien: unter den Geologinnen und Geologen, die Begriffe wie diesen eigentlich definieren.

Sie sind die Hüter der Erdchronik. Durch das Studium der Erdkruste haben sie die 4,6 Milliarden Jahre alte Geschichte des Planeten in Phasen aufgeteilt und diese auf einer Zeitskala namens International Chronostratigraphic Chart in chronologische Reihenfolge gebracht. Die Zeitskala ist das Rückgrat der Geologie. Sie zu verändern, stellt einen langsamen und verschlungenen Prozess dar, der von einer offiziellen Institution namens International Commission on Stratigraphy (ICS) überwacht wird. Man kann nicht einfach eine neue Epoche erfinden und ihr einen überzeugenden Namen geben.

Die ICS bezieht ihre Autorität aus der Sorgfalt, mit der sie über den Aufbau der Zeitskala wacht. Für viele Geologen, die daran gewöhnt sind, mit Millionen Jahre alten Steinen zu arbeiten, schien die Vorstellung, dass eine Spezies, die erst für die Dauer eines Wimpernschlages auf der Welt ist, bereits eine geologische Kraft darstellen soll, absurd. Nur wenige würden abstreiten, dass wir uns in einer Periode klimatischer Veränderungen befinden, doch viele haben den Eindruck, dass, verglichen mit den apokalyptischen Ereignissen der tiefen Vergangenheit – wie etwa der Periode vor 252 Millionen Jahren, als die Temperaturen um 10 Grad Celsius anstiegen und 96 Prozent aller im Meer lebenden Arten ausstarben –, die Veränderungen noch nicht wirklich ernst sind. „Viele Geologen würden sagen: Es ist nur ein Leuchtzeichen“, sagte Philip Gibbard, der Generalsekretär der ICS.

Doch während sich die Idee des Anthropozäns verbreitete, wurde es für Geologen immer schwieriger, sie zu ignorieren. Bei einem Treffen der Geological Society of London im Jahr 2006 argumentierte ein Stratigraf namens Jan Zalasiewicz, es sei an der Zeit, sich das Konzept einmal anzusehen. Stratigrafie ist diejenige Disziplin der Geologie, die die Gesteinsschichten oder Strata zum Gegenstand hat, und Stratigrafen sind die Leute, die sich direkt mit der Zeitskala beschäftigen.

Zu Zalasiewicz’ Überraschung stimmten seine Kolleginnen und Kollegen zu. 2008 fragte Gibbard, ob Zalasiewicz darauf vorbereitet sei, ein Team aus Experten zusammenzustellen und zu leiten, um die Sache zu untersuchen. Sollte die Gruppe Belege finden, dass das Anthropozän aus stratigrafischer Sicht „real“ sei, müssten sie bei der ICS einen Antrag stellen. Wenn diesem stattgegeben werden würde, wäre das Ergebnis im wahrsten Sinne des Wortes epochenverändernd. Ein neues Kapitel der Erdgeschichte müsste geschrieben werden.

Mit einem zunehmenden Gefühl der Besorgnis stimmte Zalasiewicz zu. Ihm war klar, dass das Unternehmen nicht nur schwierig sein, sondern auch polarisieren würde. Er würde riskieren, sich den Zorn mancher Kollegen zuzuziehen, die das Gefühl hatten, das Gerede vom Anthropozän habe mehr mit Politik und einem Hype seitens der Medien zu tun als mit tatsächlicher Wissenschaft.

„All die Dinge, die das Anthropozän impliziert, liegen jenseits der Geologie, insbesondere die geopolitischen Aspekte sind für Geologen Neuland“, sagte Zalasiewicz. „Dass Klimakommissionen und Umweltorganisationen diesen Begriff verwenden, ist ungewohnt.“ Darüber hinaus verfügte er über keine finanziellen Mittel, was bedeutete, dass er Dutzende von Expertinnen und Experten für die Arbeitsgruppe finden musste, die bereit waren, ihm zu helfen, ohne dafür eine finanzielle Gegenleistung zu erhalten. Nachdem er einen Großteil seiner Karriere damit zugebracht hatte, 400 Millionen Jahre alte Fossilien namens Graptolithen zu klassifizieren, betrachtete Zalasiewicz sich nicht gerade als geborenen Teamleiter. „Plötzlich fand ich mich in dieser Position wieder“, sagte er. „Meine Reaktion war: Meine Güte, und was jetzt?!“

Wer den ersten Schuss abgibt

Die geologische Zeitskala zu verändern, ist ein wenig, als würde man versuchen, eine Verfassungsänderung durchzusetzen, mit vielen Runden von Vorschlägen und Überprüfungen, überwacht von der ICS. „Wir müssen konservativ vorgehen“, so Gibbard, „denn alles, was wir tun, wird eine langfristige Auswirkung auf Wissenschaft und Literatur haben.“ Zuerst formuliert eine Arbeitsgruppe einen Entwurf, der dann zur Überprüfung und Abstimmung bei einer Expertenkommission eingereicht wird. Von dem Unterausschuss geht der Antrag weiter an die stimmberechtigten Mitglieder der ICS.

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Hat die ICS zugunsten des Antrags entschieden, reicht sie ihn an die International Union of Geological Sciences (IUGS) weiter, die höchstrangige Körperschaft der ICS, die ihn ratifiziert. Ob ein neuer Antrag durch all diese Runden kommt oder nicht, hängt sowohl von der Qualität der Belege ab, die die Expertenkommission zusammentragen kann, als auch von den individuellen Vorlieben der etwa 50 erfahrenen Geologinnen und Geologen, die die ranghöheren Ausschüsse bilden.

Das ließ für Zalasiewicz nichts Gutes erahnen, als er damit begann, die Anthropozän-Arbeitsgruppe zusammenzustellen. Grundsätzlich betrachtet, handelt es sich bei der Idee des Anthropozäns um etwas, das Geologinnen und Geologen zuvor noch nie in Betracht gezogen haben. Ihre Zeitskala erstellen sie anhand der physischen Belege, die vor langer Zeit in den Gesteinsschichten abgelegt wurden. Ohne die nötige Zeit, die sie brauchen, um zu entstehen, sind die „Steine“ des Anthropozäns wenig mehr als „zwei Zentimeter ungefestigtes organisches Material“, wie ein Geologe es mir gegenüber formulierte. „Wenn wir in rein geologischen Begriffen über das Anthropozän nachdenken – und das tun wir –, dann handelt es sich dabei um nichts weiter als einen Augenblick“, sagt Gibbard.

Jan Zalasiewicz wuchs zusammen mit seinen Eltern, seiner Schwester und einer wachsenden Sammlung von Steinen in einem Haus in den Ausläufern der Pennines in England auf. Als er zwölf Jahre alt war, brachte seine Schwester ein Nest voller kleiner Stare mit nach Hause, die seine tierliebende Mutter gesund pflegte. Schon bald brachten die Nachbarn alle möglichen verletzten Vögel vorbei, und für mehrere Jahre teilte Zalasiewicz sein Zimmer mit einer kleinen Eule und einem Turmfalken.

Er begann im Sommer unentgeltlich im örtlichen Museum zu arbeiteten. Dort traf er Leute, die sich mit den Dingen richtig gut auskannten, die ihm am wichtigsten waren, wie etwa, wo man Trilobiten finden kann. Bereits im Alter von 15 Jahren sei Geologie sein Ding gewesen.

Der heute 64-Jährige ist klein und dünn, sein silbernes Haar steht ab wie das einer Strohpuppe. Er hat 20 Jahre lang an der Geologischen Fakultät der Universität von Leicester gearbeitet, und er präsentiert sich als Inbegriff des Geologen, der Ellbogenschoner aus Leder trägt und Graptolithen liebt. Doch unter Geologen ist er mittlerweile ein bekannter Provokateur.

Sein Ruf rührt von einem Aufsatz aus dem Jahr 2004 her, in dem er dafür plädiert hatte, die Stratigrafie solle einige ihrer Begriffe ausmisten, die seit den ersten Tagen der Disziplin in Gebrauch sind, und sie durch zeitgemäßere ersetzen. Für manche war das ein gewagter Vorschlag. Als ich David Fastovsky, dem früheren Herausgeber der Fachzeitschrift Geology, der den Aufsatz vor 15 Jahren veröffentlicht hat, eine E-Mail schrieb, erinnerte er sich gut daran. „Das allgemeine Gefühl, das damals vorherrschte“, schrieb er, „war, dass es möglich sein könnte. Aber wer würde es wagen, den ersten Schuss abzugeben?“

Im Laufe der Jahre hat Zalasiewicz für einen Geologen sonderbare Gedankenexperimente angestellt. 1998 schrieb er einen Artikel für den New Scientist, in dem er sich ausmalte, welche Spur die Menschen auf der Erde hinterlassen werden, lange nachdem wir ausgestorben sind. Aus seinen Ideen entstand ein Buch, das zehn Jahre später unter dem Titel The Earth After Us (Die Welt ohne uns) veröffentlicht wurde. Geologen sind auf die Vergangenheit spezialisiert, und Zalasiewicz stach durch seinen nach vorne gerichteten Ansatz heraus. Als er 2006 das Anthropozän bei dem Treffen der Geological Society ansprach, dachte Gibbard, wie er sagte: „Nun, die beiden passen ziemlich gut zusammen.“

Nachdem Zalasiewicz zum Vorsitzenden der Anthropozän-Arbeitsgruppe ernannt worden war, musste er sein Team zusammenstellen. „Damals war es eine hypothetische und interessante Frage: Kann diese Sache geologisch real sein?“, erzählte mir Zalasiewicz, als ich ihn im vergangenen Jahr in Leicester besuchte. „Es waren Vermutungen ohne Details. Die Diagramme waren Dinge, die man auf die Rückseite seines Bierdeckels zeichnet.“

Wenig überraschend setzten sich stratigrafische Arbeitsgruppen für gewöhnlich aus Stratigrafen zusammen. Doch Zalasiewicz entschied sich für einen anderen Ansatz. Neben traditionellen Geologen brachte er Erdsystemwissenschaftler mit ins Team, die sowohl planetare Prozesse wie den Kohlenstoffkreislauf untersuchen, als auch einen Archäologen und einen Umwelthistoriker.

Schon bald war die Gruppe auf 35 Personen angewachsen. Sie war international, wenn auch überwiegend weiß und männlich, und sie umfasste Experten auf den Gebieten der Paläoökologie, der Radiokarbon-Isotope sowie des Seerechts. Wenn wir wirklich bereits im Anthropozän lebten, müsste die Gruppe beweisen, dass das Holozän – eine ungewöhnlich stabile Epoche, in der Temperatur, Meeresspiegel und CO₂-Level für fast zwölf Jahrtausende konstant geblieben waren – zu Ende gegangen ist.

Zunächst einmal betrachteten sie die Atmosphäre. Während des Holozäns lag die in Teilen pro Million (ppm) gemessene Menge an CO₂ in der Luft zwischen 260 und 280. Daten aus 2005 – dem jüngsten Jahr der Dokumentation, als die Gruppe ihre Arbeit aufnahm – zeigen, dass die Werte bis auf 379 ppm gestiegen waren. Mittlerweile liegen sie bei 405 ppm.

Die Gruppe berechnete, dass das letzte Mal während des Pliozäns vor drei Millionen Jahren so viel CO₂ in der Luft lag. Da das Verbrennen fossiler Treibstoffe zur Kapitalakkumulation die entscheidende Treibkraft hinter diesen Emissionen darstellt, halten manche darum sogar „Kapitalozän“ für den passenderen Namen. Als Nächstes sah sich die Gruppe an, was mit den Tieren und Pflanzen geschehen war.

30 Billionen Tonnen Kram

In der Vergangenheit wurden Veränderungen in der geologischen Zeit häufig von Massenaussterben begleitet, da die Arten sich häufig nur schwer an neue Umgebungen anpassen. 2011 legten Untersuchungen von Anthony Barnosky, einem Mitglied der Gruppe, nahe, dass etwas Ähnliches sich wieder anbahnte.

Andere untersuchten, wie Menschen die Biosphäre durcheinandergebracht haben, indem sie Arten aus ihrem natürlichen Lebensraum entfernten und sie in einem neuen aussetzten. Während die Menschheit wuchs, hat sie die natürliche Welt homogener gestaltet. Das weltweit am weitesten verbreitete Wirbeltier, das Masthuhn, von dem permanent 23 Milliarden Exemplare existieren, wurde vom Menschen geschaffen, um von ihm gegessen zu werden.

Dann gab es da noch das Problem mit all den Dingen, die wir herstellen. Der Mensch hat nicht nur die Erdoberfläche verändert, indem er Minen, Straßen und Städte baute, er hat auch zunehmend immer ausgereiftere Materialien und Werkzeuge erschaffen, von Smartphones bis hin zu Kugelschreibern, alles Fragmente, die im Boden vergraben werden, um die Steine der Zukunft zu formen. Eine Schätzung beziffert das Gewicht all dessen, was die Menschen jemals hergestellt haben, auf 30 Billionen Tonnen. Die Arbeitsgruppe ging davon aus, dass die Überbleibsel unserer Sachen, die sie „Technofossilien“ nennen, im Gestein für Millionen von Jahren überleben und unsere Zeit von dem, was zuvor war, deutlich unterscheiden werden.

Im Jahr 2016 waren die meisten der Gruppe überzeugt, dass das, was sie sahen, zusammen mehr als nur eine Abweichung ergab. „All diese Veränderungen sind entweder völlige Neuheiten, oder sie gehen einfach weit über alles hinaus, was im Holozän passiert ist“, so Zalasiewicz . In jenem Jahr verfassten 24 Mitglieder der Arbeitsgruppe einen Artikel in der Fachzeitschrift Science, in dem sie erklärten, dass das Anthropozän sich „funktional und stratigrafisch“ vom Holozän unterscheide.

Doch die Details waren bei Weitem noch nicht geklärt. Die Gruppe musste sich auf ein Datum einigen, an dem das Anthropozän ihrer Meinung nach seinen Anfang genommen hat. Es gab aber nichts so Sauberes wie einen kolossalen Vulkanausbruch oder einen Asteroideneinschlag, um diesen Zeitpunkt zu bestimmen. „Aus geologischer Sicht erschwert das uns das Leben sehr“, sagte Gibbard, der ebenfalls der Arbeitsgruppe angehörte. Die Gruppe spaltete sich in oppositionelle Lager, weitgehend entlang ihrer akademischen Spezialisierung. Als er den Begriff des Anthropozäns zum ersten Mal ins Gespräch brachte, hatte der Luftchemiker Paul Crutzen eigentlich daran gedacht, die Industrielle Revolution als Starttermin anzusetzen, denn das war der Zeitpunkt, ab dem die Konzentrationen von CO₂ und Methan in der Luft entscheidend zu steigen begannen.

In jüngerer Zeit ziehen die Erdsystemwissenschaftler es allerdings vor, die „große Beschleunigung“ als Beginn des Anthropozäns anzunehmen, also die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das kollektive Handeln der Menschen plötzlich begann, die natürliche Welt viel stärker zu belasten als zuvor. Die meisten Stratigrafen haben sich nun auf ihre Seite gestellt – sie glauben, dass die Aktivität der 1950er Jahre einen deutlicheren Niederschlag in der geologischen Bilanz hinterlassen wird.

Das bereitete jenen Archäologen Sorge, die das Gefühl beschlich, ein Startdatum in den 1950ern würde die Tausende von Jahren des menschlichen Einflusses abwerten, mit denen sie sich beschäftigen, von unserer ersten Nutzung des Feuers bis zur Entstehung der Landwirtschaft.

Großer Geist und Kritiker

Im Sommer 2018 flog die Arbeitsgruppe nach Frankfurt am Main und fuhr dann mit dem Zug weiter nach Mainz, wo sie im Max-Planck-Institut für Chemie zwei Tage lang ihr jährliches Treffen abhielt. Paul Crutzen, Mitte achtzig, verbrachte einen Großteil seiner Laufbahn an diesem Institut. Er war als Zuschauer ebenso anwesend wie in Form einer Bronzebüste im Foyer.

Unter dem Schein eines Projektors in einem abgedunkelten Seminarraum tauschten zwei Dutzend Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Erkenntnisse auf Gebieten wie organischer Isotopengeochemie und Torf-Vorkommen aus. Alles lief glatt, bis am zweiten Tag eine Debatte über das Startdatum ausbrach, die sich dann zu einer Diskussion darüber entwickelte, ob es für verschiedene wissenschaftliche Communities in Ordnung wäre, den Begriff „Anthropozän“ zu verwenden, um mit ihm verschiedene Dinge zu beschreiben. Jemand schlug vor, den Begriff „Epoche“ für die genaue geologische Definition zu verwenden, damit „Anthropozän“ an sich allgemein verwendet werden könnte.

Fotos: Andy Wong/AP/dpa, Darrell Ingham/Getty Images (Hintergrund)

„Es ist nur eine persönliche Meinung, aber ich denke, es wäre verwirrend, wenn derselbe Begriff verschiedene Bedeutungen hätte“, sagte einer der Stratografen. „Ich glaube nicht, dass es so verwirrend wäre“, konterte ein Umweltwissenschaftler.

Zalasiewicz beobachtete das Ganze aus der ersten Reihe wie ein Schiedsrichter, bis er sich schließlich selbst zu Wort meldete: „Sicher können wir im Rahmen unseres Aufgabenbereichs nur mit dem geologischen Fachbegriff arbeiten. Wir können nicht bestimmen, wie der Begriff des Anthropozäns darüber hinaus verwendet wird.“

Während des gesamten Treffens schien Zalasiewicz darum bemüht, die geologische Legitimität des Begriffs zu betonen. Er war sich darüber im Klaren, dass eine Reihe einflussreicher Geologen gegen die Idee war, und er machte sich Sorgen, was passieren könnte, wenn die Arbeitsgruppe in den Ruf geriet, sich zu weit von den Normen der Disziplin zu entfernen.

Einer der lautesten Kritiker des Anthropozäns ist Stanley Finney, der als Generalsekretär des IUGS und damit desjenigen Organs, das Änderungen in der Zeitskala ratifiziert, vielleicht der einflussreichste Stratigraf überhaupt ist. Während des Treffens in Mainz sagte man mir, Finney sei sowohl ein „großer Geist der Disziplin“ als auch ein „wirklich vehementer Gegner des Anthropozän-Begriffs“.

Zalasiewicz sagte mir, Finney sei ein versierter Geologe, habe aber ein anderes Naturell. „Er sieht mich als jemanden, der versucht, durch die Hintertür diese verrückten Ideen einzuführen. Ich vermute, als Geologe, der sich mit der Vergangenheit beschäftigt – den menschenfreien Bereich, wenn man so will –, stellt man sich automatisch gegen etwas, das so schnell daherkommt, wenn es mit der bestehenden Sphäre der geologischen Zeit in Konflikt gerät.“

Als Finney dem Begriff des Anthropozäns 2008 in einem Artikel von Zalasiewicz zum ersten Mal begegnete, hielt er wenig davon. Ihm schien es, als werde da nur viel Aufhebens um den Müll gemacht, der auf der Erdoberfläche herumliegt. Der 71-jährige Professor der Geowissenschaften an der California State University, Long Beach, hat einen großen Teil seiner Karriere mit dem Versuch zugebracht, herauszufinden, wie unser Planet vor 450 Millionen Jahren während des Ordoviziums aussah, als die Kontinente in der südlichen Hemisphäre noch zusammengedrängt waren und die ersten Pflanzen das Land kolonisierten.

Im Laufe der Jahre hat er sich in der Hierarchie der Stratigrafie hochgearbeitet. Als Zalasiewicz zum Vorsitzenden der Arbeitsgruppe ernannt wurde, war Finney Vorsitzender der ICS. Die beiden Wissenschaftler kannten sich beruflich. Zalasiewicz’ Lieblingsfossilien, die Graptolithen, befinden sich in den Schichten des Ordoviziums.

Wissenschaftler sowohl innerhalb als auch außerhalb der Geologie haben die politischen Implikationen der Disziplin bemerkt. In After Nature schreibt der Jura-Professor Jedediah Purdy, die Verwendung des Begriffs „Anthropozän“ zur Beschreibung einer weiten Bandbreite von vom Menschen verursachten geologischen und ökologischen Veränderungen stelle einen Versuch dar, „sie zu einer einzigen Sache zu verschmelzen, die unter einem einzigen Namen zusammengefasst ist“.

Für Purdy will man mit dem Begriff des Anthropozäns das tun, was bereits das Konzept der „Umwelt“ in den 1960ern und 1970ern bewirkte. Beides sei pragmatisch, beides sei eine Art, das Problem beim Namen zu nennen, und beides biete die Möglichkeit, das Problem zu lösen. Doch wenn ein Begriff zu breit werde und zu vieles abdecke, könne seine Bedeutung so vage werden, dass er nicht mehr hilfreich sei.

„Es gibt bei Definitionen einen Impuls, die Dinge in Großbuchstaben zu schreiben, damit es aussieht, als wären sie gut organisiert“, meint Bill Ruddiman, emeritierter Professor an der University of Virginia. Als Geologe hat Ruddiman Aufsätze geschrieben, in denen er sich gegen die stratigrafische Definition des Anthropozäns ausspricht. Jedes Datum wäre seiner Meinung nach für dessen Beginn bedeutungslos, da die Menschen den Planeten seit mindestens 50.000 Jahren schrittweise prägen.

Zeugen im Kalkstein

„Die Arbeitsgruppe behauptet, dass alles, was vor dem Jahr 1950 passiert ist, nicht zum Anthropozän gehört, und das ist einfach absurd“, sagte er mir. Ruddimans Argumente haben breite Unterstützung erfahren, selbst bei einigen Mitgliedern der Arbeitsgruppe. Gibbard sagte, er habe als „Agnostiker“ gegenüber dem Anthropozän begonnen, sei aber in letzter Zeit zu der Einsicht gelangt, dass es zu früh sei, um sagen zu können, ob es sich um eine neue Epoche handelt oder nicht. Das Anthropozän erscheine bedeutsam, so Gibbard, doch wäre es weitaus einfacher, wenn wir 200 bis 300, möglicherweise sogar 2.000 bis 3.000 Jahre in der Zukunft wären, dann zurückblickten und sagen könnten: „Ja, wir haben das Richtige getan.“

Für die Mehrheit der Arbeitsgruppe sind die Belege für das Anthropozän überwältigend. „Das Anthropozän läuft dem Wesen der Geologie zuwider – und auf eine andere Art auch anderen Wissenschaften, wie etwa der Archäologie und der Anthropologie“, so Zalasiewicz. „Wir versuchen, uns ehrlich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen. Würden sie etwas vorbringen, an dem wir nicht vorbeikommen, würden wir die Hände heben und sagen: Gut, das ist endgültig ein Todesstoß für das Anthropozän. Bislang ist das nicht passiert.“

Am Tag nach der Konferenz in Mainz traf sich eine kleine Zahl von Mitgliedern der Arbeitsgruppe am Hauptbahnhof und fuhr zusammen zum Frankfurter Flughafen. Als der Zug die Stadt verließ, überquerte er den Rhein. Die Bebauung wurde immer lichter und gab Raum für flache Felder, die mit Masten und Leitungen überzogen sind.

Trotz der Debatten und Untersuchungen war nach dem Treffen klar, dass die Arbeitsgruppe weit davon entfernt war, ihren Vorschlag bei der ICS einreichen zu können. Vorschläge zur Ergänzung der Zeitskala erfordern Belege in Form von Sedimentkernen, die aus der Erde entnommen werden. Innerhalb des Kerns muss es ein Zeichen für eine Umweltveränderung geben, die durch eine chemische oder biologische Spur in den Schichten gekennzeichnet ist, was als Beweis dafür gilt, wo eine Einheit endet und eine andere beginnt.

Die Entnahme des Kerns und der Analyseprozess nehmen Jahre in Anspruch und kosten Hunderttausende – Geld, das die Gruppe nicht hatte. In der Bahn diskutierten sie das Problem. „Betteln, leihen und stehlen, das ist das Motto der Arbeitsgruppe“, sagte Zalasiewicz bitter. Doch dann sollte das Blatt sich wenden. Zuerst erhielten sie 800.000 Euro aus einer unerwarteten Quelle, dem Haus der Kulturen der Welt, einem staatlich finanzierten Kulturinstitut in Berlin, das mehrere Ausstellungen über das Anthropozän zeigte.

Das Geld sollte der Gruppe erlauben, mit der Arbeit an der Kern-Extrahierung zu beginnen und den Antrag über die Sphäre einer theoretischen Diskussion hinaus und in ein Stadium der Beschaffung von Belegen zu verlagern. Ende April entschloss die Gruppe sich dazu, abzustimmen, um die Frage nach dem Anfangsdatum unter sich ein für alle Mal zu klären. Das Ergebnis, das am 21. Mai verkündet wurde, war eindeutig. 29 Mitglieder der Gruppe, und damit 88 Prozent, sprachen sich dafür aus, den Beginn des Anthropozäns auf die Mitte des 20. Jahrhunderts zu datieren.

Als im Sommer zuvor der Zug am Frankfurter Flughafen angekommen war und die Gruppe sich auf den Abflugbereich zubewegte, rief im Chaos aus Rollkoffern und Hektik eine Stimme: „Fossilien!“ Jan Zalasiewicz hatte die Augen auf den polierten Kalksteinboden gerichtet. „Das ist ein Fossil, versteinerte Muscheln“, sagte er und deutete auf etwas, das aussah wie Kratzer. Einer hatte die Form eines Hufeisens, ein anderer sah aus wie ein Gabelbein.

Zalasiewicz identifizierte sie als Rudisten, eine Art von Weichtieren, die während der Kreidezeit, der letzten Periode der Dinosaurier, gediehen war. Rudisten waren eine robuste Art, die wichtigsten Riffbauer ihrer Zeit. Ein Rudisten-Riff erstreckte sich auf der Länge der nordamerikanischen Küste von Mexiko bis nach Kanada.

Wenn man auf die in dem Kalkstein eingeschlossenen Rudisten blickte, die ausgegraben und kilometerweit transportiert worden waren, schien es seltsam, sich vorzustellen, wie unwahrscheinlich es war, dass sie im Fußboden des Flughafens landen würden. Die Rudisten unter unseren Füßen waren vor 66 Millionen Jahren ausgestorben, beim selben Massensterben, dem die Dinosaurier zum Opfer fielen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Auswirkungen eines Asteroideneinschlags im mexikanischen Yukatan den Planeten in eine neue Phase der Klima-Instabilität gestürzt haben, in der viele Arten verschwanden. Geologen können den Zeitpunkt dieser Auswirkungen im Gestein als dünne Schicht aus Iridium erkennen, einem Metall, das in sehr geringer Konzentration auf der Erde vorkommt, wahrscheinlich von dem Asteroiden ausgestoßen und in einer Wolke aus pulverisiertem Gestein über die Erde verteilt wurde, die die Sonne verdunkelte. Für Stratigrafen bildet das Iridium den „goldenen Nagel“ zwischen der Kreide- und der Paläogenzeit.

Nun besteht ihre Hauptaufgabe darin, den „goldenen Nagel“ unserer Zeit zu finden. Die Gruppe hält sich alle Optionen offen und prüft Kandidaten von Mikroplastik und Schwermetallen bis zur Flugasche. Einen Favoriten hat sie bereits gefunden: Aus der Perspektive der Stratigrafen ist kein Marker global so gleichmäßig ausgeprägt wie der radioaktive Niederschlag, der beim Einsatz von Atomwaffen entsteht, der mit dem Trinity-Test der US Army 1945 begann.

Seit Anfang der 1950er Jahre hat sich diese Erinnerung an die dunkelsten Impulse der Menschheit auf der Erdoberfläche niedergeschlagen wie Puderzucker auf einer Biskuittorte. In einer grafischen Darstellung sieht der radioaktive Niederschlag aus wie eine Explosion. Zalasiewicz nennt ihn deshalb auch den „Bomben-Nagel“.

Nicola Davison ist freie Journalistin. Sie lebt und arbeitet in London

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 30.08.2019
Geschrieben von

Nicola Davison | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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