Déjá-vu aus dem Irak

Afghanistan Joe Biden hat den Truppenabzug der USA zwar nicht beschlossen, dennoch wird er als seine Niederlage in die Geschichte eingehen. Wird er ihn rückgängig machen?
Déjá-vu aus dem Irak
Joe Biden hat die Lage in Afghanistan auf verhängnisvolle Weise falsch eingeschätzt

Foto: Mandel Ngan/AFP/Getty Images

Was muss passieren, damit Joe Biden zugibt, dass er die Lage in Afghanistan auf verhängnisvolle Weise falsch eingeschätzt hat? Vergangene Woche gab sich der US-Präsident trotzig. Er klang wie ein leicht verzweifelter Olympia-Trainer, als er den Menschen in Afghanistan sagte, es sei doch am Ende ihr Land. Wenn sie es zurück haben wollten, dann müssten sie darum kämpfen. Im US-amerikanischen Politsprech nennt man das „wohlwollende Strenge“. Nur ohne Wohlwollen.

Biden hat mehr praktische außenpolitische Erfahrung als jeder andere Präsident seit George Bush. Das bedeutet aber nicht, dass er weiß, was er tut. Meinungsumfragen legen nahe, dass die Mehrheit der US-Amerikaner:innen hinter seinem abrupten Rückzug aus Afghanistan steht. Das bedeutet aber nicht, dass sie gleichgültig bleiben werden, sobald die Gewalt und das Elend eskalieren.

Der beängstigend schnelle Vormarsch der Taliban bis in die afghanische Hauptstadt Kabul weckt ein Gefühl von Versagen, Panik, Demütigung. Grimmige Vergleiche mit dem Fall von Saigon 1975 drängen sich auf. Notevakuierungen haben begonnen. Hunderttausende fliehen oder versuchen es. Alles deutet darauf hin, dass es noch schlimmer werden wird.

300.000 Mann wurden ausgebildet. Es hat nichts genützt

Biden sagt, dass die USA weiter begrenzte militärische Unterstützung, Logistik und Geld bereitstellen. Doch das gespenstische Tempo des Vormarschs der Taliban und die Kapitulation demoralisierter Regierungstruppen haben das Weiße Haus erschüttert. Es bringt nichts, zu wiederholen, dass die Nato eine 300.000 Mann starke Armee ausgebildet und bewaffnet hat. Nicht, wenn die sich als völlig untauglich herausstellt.

Das ist äußerst unfair gegenüber den vielen tapferen afghanischen Soldaten, denen man die entscheidende US-amerikanische Luftunterstützung genommen hat. Dazu kommt, dass keine Armee gut kämpft, wenn es keine glaubwürdigen, respektierten politischen Anführer gibt. Den Militärchef des Landes zu entlassen, wie es Präsident Ashraf Ghani vergangene Woche getan hat, ist keine Lösung. Das Problem liegt in Kabul. Die politische Führungsschicht, die seit 2001 von den USA protegiert und gepäppelt wurde, ist nie an ihre Aufgabe herangewachsen. Jetzt könnte es zu spät sein.

Biden hat das Schutzschild weggerissen und damit die grassierende Inkompetenz, fehlende Planung und mangelnde Widerstandsfähigkeit offengelegt. Außerdem hat er unabsichtlich die Schwäche von zwei Jahrzehnten westlicher Bemühungen aufgedeckt, Afghanistan von seiner Vergangenheit zu lösen. Diese Vergangenheit holt uns jetzt mit voller Wucht ein. Wie sich zeigt, hat sich nicht viel grundlegend geändert.

Bidens Argumentation geht so: Die USA haben mehr als eine Billion US-Dollar für den Krieg und Wiederaufbau in Afghanistan ausgegeben. Über 2.400 Amerikaner sind dafür gestorben. Washington hat andere Prioritäten. Es kann nicht ewig so weiter gehen.

Die Republikaner haben den Abzug beschlossen, jetzt lasten sie ihn Biden an

Der US-Präsident dachte, der Abzug würde ihm Anerkennung bringen. Bisher aber hagelt es nur Kritik. Seine politischen Gegner werden fragen: Wer hat Afghanistan „verloren“, Joe? Es stimmt zwar nicht, aber Afghanistan wird als Bidens Niederlage in die Geschichte eingehen. Das könnte sich eines Tages rächen.

Vor allem könnte es katastrophale Folgen haben. Die Taliban haben das Land überrannt. Schon als sie immer näher an Kabul rückten, warnten US-Analysten, dass die Hauptstadt innerhalb weniger Wochen fallen könnte (mit ihrem Einmarsch am Sonntag wurde die Prognose noch mal rasend schnell übertroffen, die Red.). Das könnte zur Flucht von Millionen von Menschen führen, die über die Grenzen nach Pakistan, Iran und in die Türkei getrieben werden, wo sie nicht willkommen sind.

Diejenigen, die bleiben, müssen mit Vergeltungsorgien, Rachemorden und Unterdrückung rechnen. Das letzte Mal, als Kabul 1996 an die Taliban fiel, wurde der Politiker und Ex-Präsident Mohammad Najibullah gefangen genommen und zu Tode gefoltert. Sein Leichnam wurde an einer Ampel an einem Kreisverkehr aufgehängt, was die Ära der islamistischen Herrschaft einläutete.

Schon jetzt regt sich international Kritik an Bidens vorschnellem Rückzug. Die UN und NGOs sehen eine humanitäre Katastrophe kommen. Europäischen Länder befürchten eine Flüchtlingskrise vom Ausmaß der syrischen. Frauenorganisationen sind entsetzt über die krasse Unterdrückung der afghanischen Frauen und Mädchen.

Was, wenn al-Qaida wieder zuschlägt?

Hochrangige Militärs der Nato-Verbündeten beklagen eine „historische“ strategische Fehlentscheidung. Der Abzug der USA, sagen Beobachter, sei ein Geschenk an China und Russland. Er bestärke zudem die 2011 im Irak aufgestellte Behauptung, den USA fehle es an Durchhaltevermögen und sie ließen ihre Freunde im Stich.

All dies wird Biden angelastet werden, auch wenn er darauf besteht, dass er Afghanistan nicht aufgegeben hat und das Richtige tut.

Der Anführer der republikanischen Minderheit im Senat, Mitch McConnell, der seinen persönlichen moralischen Kompass schon lange verloren hat, gab vergangene Woche einen Vorgeschmack. Er warf Biden vor, sich von „Wunschdenken“ leiten zu lassen und keinen „konkreten Plan“ zu haben. Das ist eine unfassbare Heuchelei. Die ursprüngliche Entscheidung für den Rückzug traf Donald Trump mit Unterstützung der Republikaner. Aber das hindert sie jetzt nicht daran, die Krise auszunutzen, um Biden in Misskredit zu bringen.

Vielleicht wird die Öffentlichkeit in den USA Biden auch nicht persönlich für die Implosion Afghanistans verantwortlich machen. Sie kommt möglicherweise zu dem Schluss, dass die USA ihr Bestes versucht haben. Aber wenn Bidens Entscheidung, abzuziehen, direkt ihre eigene Sicherheit bedroht, ist das eine andere Sache.

Darin liegt der Hauptfehler in Bidens Afghanistanpolitik, der ihn zu einer Wende zwingen könnte oder sogar dazu, den Abzug des US-Militärs rückgängig zu machen. Denn – im Gegensatz zu den abgegebenen Versicherungen bei den Friedensgesprächen in Doha – kämpfen die Taliban Berichten zufolge weiter an der Seite von Al-Qaida.

Die Taliban sind weit davon entfernt, anderen Extremisten Beistand und Unterstützung zu verweigern – im Gegenteil. Unterdessen sind laut der afghanischen Regierung rund 10.000 Dschihadisten aus Pakistan und anderen Ländern zur Unterstützung der Taliban ins Land gekommen. Wie 2001 scheint Afghanistan zu einem sicheren Hafen und Zentrum des internationalen islamistischen Terrorismus zu werden.

Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu des Abzugs aus dem Irak

Das ist genau das, was laut den Beteuerungen der USA niemals passieren dürfte. Die Zerschlagung von Osama bin Ladens al-Qaida nach den Anschlägen vom 11. September war der Grund, warum die USA überhaupt einmarschiert sind. Jetzt Al-Qaida einen Weg zurück zu ermöglichen, ist ein absolutes No-Go. Die Amerikaner:innen würde das nie verzeihen.

Dennoch beginnt die Situation jener nach dem Abzug der USA aus dem Irak im Jahr 2011 zu ähneln. Innerhalb von zwei Jahren hatte der IS große Teile des Irak und Syriens erobert und ein islamisches Kalifat ausgerufen. Es folgte eine Reihe von schrecklichen terroristischen Gräueltaten, dort und in ganz Europa.

Um die Anschläge zu stoppen und die Dschihadisten zu bekämpfen, bissen die USA in den sauren Apfel und schickten erneut Truppen in den Irak. Wird sich die Geschichte in Afghanistan wiederholen?

Biden mag dem intensiver werdenden politischen und moralischen Druck trotzen, die Sache noch einmal zu überdenken. Er wird wohl nie zugeben, dass der Abzug aus Afghanistan falsch war. Aber eine neu aufgeflammte terroristische Bedrohung könnte ihn trotzdem zwingen, umzudenken.

Möglicherweise gibt es aus Afghanistan schlicht kein einfaches Entkommen.

Simon Tisdall ist Kommentator des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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14:23 16.08.2021
Geschrieben von

Simon Tisdall | The Guardian

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Ausgabe 38/2021

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