Dem Alltag zugewandt

Taiwan In Taipeh ist der Konflikt mit China ein heißes Thema, aber die meisten glauben an eine friedliche Zukunft
Dem Alltag zugewandt
Auch unter Präsidentin Tsai Ing-wen erklärt sich Taiwan nicht für unabhängig, um China nicht zu provozieren

Foto: I-Hwa Cheng/Bloomberg/Getty Images

In einem kleinen Stadtgarten an der Yong Kang Jie, Taipehs berühmter Restaurantstraße, lehnt sich eine ältere Dame an das geparkte Fahrrad ihrer Freundin und ruft laut: „Taiwan bleibt ein unabhängiges Land!“ Es ist ein ruhiger Herbstmorgen. Kinder spielen auf einer Rutsche in der Nähe, und eine junge Mutter genießt das Essen aus einer Take-away-Bento-Box. Doch wird in der spontanen Speaker’s Corner ein heißes Thema diskutiert. Die Augen der zierlichen 70-Jährigen blitzen über ihrer medizinischen Gesichtsmaske auf, als sie wieder das Wort ergreift, nachdem ihre Freundin Lin sie unterbrochen hat. Die bestand darauf, dass Taiwan und seine Bevölkerung nicht die Konfrontation suchen sollten, indem sie China provozieren. Dann würde sich womöglich verschärfen, was sie „eine 70 Jahre dauernde Tyrannei“ nennt. Ihre Freundin dagegen ruft laut: „Es ist ganz klar unser Land und nicht Chinas!“ Es wird sogar die Faust gehoben, bevor sie abdreht.

Frau Lin, die ihren Vornamen nicht nennen will, besteht trotzdem darauf, dass die Taiwanesen besser keinen Ärger machen sollten. „Das Beste wird sein, nicht zu widersprechen. Man sollte freundlich miteinander umgehen – nicht kämpfen. Wir wollen alle in Frieden leben. China hat versprochen, nicht einzumarschieren, solange Taiwan sich mit einer Unabhängigkeitserklärung zurückhält.“

Tai Chi im Park

Die lautstarke, aber gutmütige Debatte im Grünen sagt viel über das Taiwan von heute aus – enge Verbundenheit, manchmal auch Spaltung, Angst, ebenso Trotz. Im Alltag zeigt sich eine vitale Demokratie, die es für die Politik so lange noch nicht gibt, wurde doch der Autoritarismus erst vor gut zwei Jahrzehnten abgeschüttelt.

Peking besteht darauf, Taiwan als vom Festland abtrünnige Provinz zu betrachten, die zurückkehren muss, damit sich der Traum von einer nationalen Erneuerung erfüllt. Präsidentin Tsai Ing-wen wird in China als „Separatistin“ bezeichnet. Sie selbst doziert kühl, das Land sei bereits eine souveräne Nation, die es gar nicht nötig habe, Unabhängigkeitserklärungen abzugeben. Ihre Regierung scheint davon überzeugt zu sein, dass der Frieden erhalten bleibt, solange sich Taiwan nur still verhält und keine riskanten Schritte unternimmt. Auf den Titelseiten der Zeitungen wird umso mehr vor einem drohenden Konflikt mit China gewarnt und versichert, dass man Weltmächte und viele Staaten in der Region zu den Verbündeten rechne. Grundtenor der Medien: „China will Taiwan die Freiheit nehmen!“

Die Menschen in Taipeh leben seit Jahrzehnten mit einer möglichen Invasion. Sich deshalb zu sorgen, meinen manche, sei genauso, wie sich vor einem Erdbeben zu fürchten. Als Taiwan jüngst auf der Titelseite des Economist als „der gefährlichste Ort der Welt“ bezeichnet wurde, verdrehten viele die Augen. Zwar hat die Besorgnis deutlich zugenommen, seit China in der Person von Staatschef Xi Jinping ernste Entschlossenheit zum Ausdruck bringt, aber der Alltag und das Leben gehen weiter. In Taipeh sind die Pandemie-Beschränkungen größtenteils aufgehoben, die Leute füllen wieder Restaurants und Nachtmärkte, kehren an die Strände zurück und fahren für lange Wochenenden zum Wandern in die Berge. Morgens sieht man in den Stadtparks Gruppen von älteren Männern und Frauen, die unter hohen Ficus- und Banyan-Bäumen Tai Chi oder einen traditionellen Tanz zeigen, während dazwischen Studenten in Richtung Universität radeln. Die Abend- und Online-Nachrichten berichten über die Covid-Impfquote, die Neuwahl von Parteiführungen, über politische Skandale, Celebrity-Klatsch-und-Tratsch. Dass zuweilen Flugzeuge der chinesischen Volksbefreiungsarmee im taiwanesischen Luftraum auftauchen, findet sich als vereinzelte Nachricht zwischen anderen Schlagzeilen wieder. „Ich bin nicht beunruhigt“, erklärt der 18-jährige Cho, der an der National Taiwan University Elektroingenieurwesen studiert. „Sie rufen schon seit Dutzenden von Jahren zur Invasion Taiwans auf, aber ich sehe nicht, dass sie sich wirklich darauf vorbereiten.“

Cho wie seine Kommilitonen Chen und Yeh erzählen in der geschäftigen Uni-Kantine, sie wollten bald ihren Abschluss machen und sich gute Jobs suchen. Sie würden politische Themen nur in Maßen verfolgen, seien jedoch mit jüngsten Entwicklungen gut vertraut. Dass Taiwan jetzt international viel beachtet werde, sei nicht zu unterschätzen. „Aber die Möglichkeit eines Angriffs ist relativ klein, weil die Augen der Welt auf Peking gerichtet sind“, glaubt Yeh. „Es kann passieren und ist doch fast unmöglich. Wenn China angreift, wäre das nicht nur eine Sache zwischen China und Taiwan, das würde sich auch auf andere Länder auswirken.“ Nach ihrem Abschluss werden sie sich für vier Pflichtmonate zur Grundausbildung bei der Armee melden, eine Folge des schrittweisen, aber nicht kompletten Verzichts auf die Wehrpflicht. Auf diese Ambivalenz wird oft hingewiesen, wenn Analysten über die Kampfkraft der taiwanesischen Streitkräfte urteilen.

Die Regierung erhöht seit Jahren das Militärbudget und setzt auf eine „Stachelschwein“-Verteidigungsstrategie. Das heißt, sie sorgt dafür, dass die Insel schwer zu schlucken ist. An einer stark zerklüfteten Küste finden sich ohnehin kaum geeignete Landepunkte. Schon immer waren taiwanesische Militärs davon überzeugt, einen Ansturm von Marineinfanteristen verhindern zu können, wenn auch keinen Luftangriff. Seit Anfang Oktober wird der Kampfgeist weniger laut beschworen, Präsidentin Tsai Ing-wen und ihre Minister lassen Vorsicht walten und betonen Taiwans Beitrag für die globale Gemeinschaft durch eine erfolgreiche Pandemie-Abwehr. Taiwan sei nicht auf Krieg aus – so Tsai zuletzt in ihren Reden –, man habe aber den Willen, sich zu verteidigen. Beobachter halten sie für eine gemäßigtere Anwältin des Status quo als andere Politiker ihrer Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), die stärker auf Unabhängigkeit bedacht sind und bei der nächsten Wahl 2024 als Nachfolger antreten könnten.

Eine mögliche Unabhängigkeitserklärung Taiwans bleibt für Peking die rote Linie. Man verweist in Taipeh auf Hongkong, wo eine Bewegung zur Demokratisierung mit der Forderung nach Unabhängigkeit nicht zum Erfolg kam. Schließlich hat China für Taiwan die „Ein Land, zwei Systeme“-Lösung vorgeschlagen. Das entspricht der Vereinbarung, die in Hongkong bis 2047 gelten soll, aber nach den Massenprotesten zusehends ausgehebelt wird. Die 23-jährige Tsai Jya-en schaut mit großer Sorge auf Hongkong: „Man war sehr frei dort, genau wie in Taiwan. Aber alles kann sich über Nacht ändern. Die Menschen in Taiwan sollten sich das stärker bewusst machen.“

Helen Davidson ist Guardian -Reporterin in Australien, derzeit in Taipeh stationiert

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 12.11.2021
Geschrieben von

Helen Davidson | The Guardian

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