Dem Heute so fern

Biopic „Carol“ zeigt eine lesbische Liebesgeschichte in den 50er Jahren. Es ist der wohl kommerziellste Film von Todd Haynes
Rachel Cooke | Ausgabe 50/2015

Todd Haynes war nicht der Erste, der Patricia Highsmiths lesbische Liebesgeschichte Carol aus dem Jahr 1952 verfilmen wollte. Zuerst hörte der Filmemacher von der Idee von seiner Freundin und langjährigen Mitarbeiterin, die unerschöpflich brillante, oscarprämierte Kostümbildnerin Sandy Powell. Das war 2012. „Sie erzählte mir von all den schwul-lesbischen Filmen, an denen sie gerade arbeitete. Und auf einmal sagte sie: ,Aber da kommt ein Kostümfilm – eine Adaption von The Price of Salt (der Originaltitel von Highsmiths Roman), bei der Cate Blanchett mitspielt‘“, erinnert er sich. „Das klang ganz nach meinem Geschmack.“ Haynes, damals mit anderen Dingen beschäftigt, dachte das nächste Mal an das Projekt, als seine langjährige Produzentin Christine Vachon 2013 mit Carol-Produzentin Elizabeth Karlsen sprach. Das Projekt brauchte einen neuen Regisseur, Haynes ein neues Projekt.

Und so ist nun alles nach seinem Geschmack. Die schummrig-satten Farben und der scheppernd-klirrende Sound-Mix; die so beiläufig-präzisen Kulissen und Kostüme, Broschen, Handschuhe und kniffligen Knopfverschlüsse. All das verleiht Carol eine solche Authentizität, dass man kaum glauben mag, dass der Film nicht wirklich aus der Zeit stammt, in der Highsmith ihren Roman zunächst unter Pseudonym veröffentlichte. Auch die Schauspielerinnen leisten Großartiges, Rooney Mara als Therese und Cate Blanchett als Carol. Selbst die Komparsen wirken, als hätte der Regisseur die Abbildungen aus einem alten Life-Magazin zum Leben erweckt.

Carol ist in 35 Tagen in Cincinnati, Ohio, gedreht worden. „Dort waren erst kurz zuvor Steuerermäßigungen für Filmemacher eingeführt worden. Es war am Anfang also eine finanzielle Entscheidung. Aber als wir dort ankamen, waren wir ziemlich baff.“ Die Stadt hatte alles, was er für die 50er Jahre brauchte, einschließlich eines gut erhaltenen leerstehenden Warenhauses – zu Beginn des Films arbeitet Therese als Verkäuferin, so lernt sie Carol kennen. „Alles befand sich im Originalzustand. Wir haben sogar noch jede Menge Glasschränke auf dem Grundstück gefunden.“

Seit Cannes wird Haynes immer wieder gefragt, ob es so lange gedauert habe, das Geld für Carol zusammenzubekommen, weil die Figuren lesbisch sind. Er ist sich da nicht sicher und die Wahrheit womöglich noch deprimierender: „Es ist ein Film über zwei Frauen. Cate und Rooney sind in jeder Szene zu sehen. Es gibt keine männliche Hauptfigur.“ Haynes’ Film weigert sich, dem Publikum zu sagen, was es denken soll.

Barbiepuppen-Biopic

„Ich bin von meinem Produktionsteam und letztlich auch von Harvey Weinstein sehr unterstützt worden. Er hat den Verleih organisiert und gewartet, bis ich ihm einen Ausschnitt zeigen konnte. Er hat ihn nur einmal gesehen und kaum etwas dazu gesagt. Er erkannte das Potenzial sofort. Es war der Erste meiner Filme, bei dem er genau wusste, wie er ihn vermarkten muss. Aber man muss ihm zugutehalten, dass meine früheren Filme komplizierter waren, kommerziell weniger verheißungsvoll.“

Todd Haynes ist in Los Angeles aufgewachsen, mit gewissen Verbindungen nach Hollywood. „Mein Großvater war in den 40er Jahren bei Warner angestellt; am Anfang engagierte er sich in der Gewerkschaft, dann arbeitete er sich hoch und verließ das Unternehmen in der Zeit von McCarthys Schwarzen Listen, von denen viele seiner Freunde betroffen waren.“

Als Teenager war er nicht unbedingt ein Filmfreak, er interessierte sich genauso für Malerei und Theater. Nach der Schule ging Haynes zum Studium an die Brown University nach Rhode Island. „Dort bin ich mit Experimentalfilmen in Berührung gekommen. Das ebnete mir den Weg, theoretische Fragen über Repräsentation, narrative Formen und Feminismus zu stellen. Dabei reifte in mir der Wunsch, werden zu wollen wie die Experimentalfilmer, die dort unterrichteten. Damit haben sie ihren Lebensunterhalt verdient, gleichzeitig aber die Freiheit genossen, eigene Arbeiten zu verwirklichen. Hörte sich ziemlich gut an.“

1985 zog Haynes nach New York, wo Christine Vachon, die er von der Brown kannte, ihm einen Job als Kritiker beim Magazin Cable View besorgte. Später gründeten beide gemeinsam mit einem Freund Apparatus Productions, eine nichtkommerzielle Organisation, deren Ziel es war, Experimentalfilmemacher bei der Fertigstellung ihrer Kurzfilme zu unterstützen. Und Haynes begann an seinem eigenen Experiment zu arbeiten: Superstar, ein Biopic über die Sängerin Karen Carpenter, das anstelle von Schauspielern mit Barbiepuppen arbeitete. Doch Richard Carpenter, der Bruder, verklagte Haynes wegen Urheberrechtsverletzungen; er hatte Carpenter-Songs ohne Genehmigung verwendet. Der Film hatte da seinen Zweck schon erfüllt.

„Ein Veranstaltungsort hat die Idee aufgegriffen“, sagt Haynes. „Sie fanden es campy. Wie in den meisten Experimentalfilmen war der Ton nicht bierernst. Dann wurde er im Museum of Modern Art gezeigt und in der Village Voice besprochen, und so kam es, dass er ein paar Jahre an allen möglichen Orten einfach so gezeigt wurde. Das war mehr, als ich erwartet hatte – und als Christine ihn sah, sagte sie, sie will meinen nächsten Film produzieren – ein Angebot, das zu der Rollenverteilung geführt hat, die wir bis heute beibehalten haben.“

Haynes’ erster Spielfilm, Poison (1991), war von Jean Genet inspiriert. „Superstar gab mir Selbstvertrauen. Ich hatte das Gefühl, dass das Publikum herausgefordert werden möchte. Gleichzeitig war da aber auch Aids. Die Dringlichkeit jener Zeit, das Schlimme und Schreckliche, das gleichzeitig jede Menge Eigeninitiative und Gegenwehr mobilisierte, brachten künstlerisch vieles hervor. Die Zeit raste, Leben wurden abrupt beendet. Das hat mich geprägt.“

Der Markt hat gewonnen

Dass er später kommerziell erfolgreich wurde – die Reisen, die Preise, die roten Teppiche –, habe ihn völlig überrascht. Safe, der Film aus dem Jahr 1995 über eine Hausfrau (gespielt von Julianne Moore), die unter einer Allergie gegen das 20. Jahrhundert leidet, verstörte das Publikum ebenfalls, es blieb aber im Kino sitzen. Es folgte das Glamrock-Tribute Velvet Goldmine (1998), die oscarnominierte Douglas-Sirk-Hommage Dem Himmel so fern (2002) und I’m Not There (2007), in dem sieben Schauspieler sieben Schauspieler spielen, von denen jeder Bob Dylan sein könnte.

Heute, meint Haynes, würden Filme konformistischer. „Lustig ist, wie viel Konformität aus der schwulen Community selbst kommt“, sagt er. „Für den Teenager, der sein Coming-out hat, ist das großartig. Es gibt aber auch Dinge, die wir dagegen eingetauscht haben. Wo ist die Außenseite? Wer steht außerhalb des Kapitalismus? Wer stellt die Unternehmenskultur in Frage? Der Markt hat gewonnen. Er akzeptiert schwules und lesbisches Leben, weil diese Menschen Geld ausgeben können wie alle anderen auch. Wir müssen Armut und Rassismus ansprechen, denn wer davon betroffen ist, hat kein Geld, das er ausgeben kann.“

Info

Carol Todd Haynes USA/Großbritannien 2015, 119 Minuten. Start: 17. Dezember

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 16.12.2015
Geschrieben von

Rachel Cooke | The Guardian

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