Dem Hungertod ausgeliefert

Jemen Die Stockholmer Verhandlungen führen zu einem Gefangenenaustausch, doch bleibt humanitäre Hilfe blockiert
Dem Hungertod ausgeliefert
Über eine Million Kinder müssen ein Leben ohne Kindheit führen

Foto: Xinhua/Imago

Zur Pendeldiplomatie in überschaubarer räumlicher Dimension sieht sich Martin Griffiths, UN-Sondergesandter für Jemen, genötigt. Da die Abordnungen der Huthi-Rebellen und des 2015 gestürzten Präsidenten Mansur Hadi im schwedischen Verhandlungsort Rimbo nicht direkt miteinander reden, muss Griffiths hin- und hertragen, was sie an Botschaften austauschen wollen. Gleich zu Beginn vermittelt er einen Erfolg: Beide Seiten wollen Tausende von Gefangenen freilassen. Wie das Internationale Komitee des Roten Kreuzes mitteilt, werden von diesem Austausch mindestens 50.000 Menschen erfasst sein.

Nur was geschieht wie schnell, um einen verheerenden Bürgerkrieg zu beenden, der Millionen dem Hungertod ausliefert? Schon bald werde man die entscheidende Möglichkeit haben, einen Friedensprozess in Gang zu bringen, räsoniert Griffiths vor Journalisten. Zunächst müsse es vertrauensbildende Maßnahmen geben: Neben dem Gefangenenaustausch die Wiedereröffnung des Flughafens von Sanaa und die Übernahme des Hafen von al Hudaida durch die Vereinten Nationen. An dessen Kais müssten Hilfsgüter entladen werden.

Im Moment ist dank der Sondierungen in Schweden der Kampf um das belagerte al Hudaida ausgesetzt. Basim al Janani, einer der Bewohner des Hafenviertels, berichtet: „Bisher fielen ständig Bomben und Granaten, sodass wir stundenlang wegen der Splitter in unseren Häusern gefangen waren.“ Wochenlang hatten die Milizen der von den Huthi entmachteten Regierung versucht, weiter vorzurücken, unterstützt von Truppen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Operation trug den Code-Namen „Goldener Sieg“ und schloss Angriffe von Apache-Helikoptern ein, denen die Huthi-Verbände durch das massenhafte Verbrennen von Autoreifen die Sicht nahmen und so Krankenhäuser schützen wollten.

Al Hudaida gilt als Jemens Lebensader. Vor Ausbruch des Krieges vor drei Jahren wurden über diesen Hafen vier Fünftel der Importe eines Landes abgewickelt, das 90 Prozent seiner Lebensmittel einführen muss. Der Hauptgrund für die schwere Hungersnot, die nun fast die Hälfte der 28 Millionen Einwohner heimsucht, ist die weitgehende Blockade al Hudaidas von See her. Dafür verantwortlich zeichnet eine aus Golfstaaten gebildete Militärallianz unter dem Kommando Saudi-Arabiens. Seit die Schlacht um al Hudaida tobt, wurden mindestens 50.000 Menschen vertrieben, sagt Acled, eine US-amerikanische NGO, die Daten zu Krisengebieten erhebt. Wer fliehen wollte, sei freilich oft von Straßensperren der Huthi daran gehindert worden.

Belastbare Waffenruhe

Er hoffe, dass die erste Phase der Gespräche in einer Resolution des UN-Sicherheitsrates gipfeln werde, die einen Waffenstillstand empfiehlt, so Griffiths. Der würde auf ein Ende der Bombardements durch die saudische Luftwaffe hinauslaufen. Im Gegenzug müssten sich die Huthi bereitfinden, keine Raketen mehr auf Saudi-Arabien abzuschießen. Ob das gelingt, erscheint fraglich, wenn Mohammed Ali al Huthi, Vorsitzender des Obersten Revolutionskomitees der Huthi, nach Schweden funkt: Komme kein Agreement zur Wiedereröffnung des Flughafens Sanaa zustande, könne seine Armee den Airport am Boden für Verkehr jeder Art schließen, auch Hilfsflüge der UN wären dann sinnlos. Ähnlich unversöhnlich äußert sich Riad zu einer UN-Schirmherrschaft für al Hudaida. Um die Übergabe an die Vereinten Nationen abzusegnen, müssten die Huthi die Stadt vollständig räumen. Die Rebellen hätten den Hafen am Roten Meer stets als Einnahmequelle und für den Waffenschmuggel benutzt. 150.000 Zivilisten säßen in der Stadt gefangen. Erst wenn sich das ändere, werde man weiterkommen.

UN-Emissär Griffiths sieht nur einen Ausweg: Man müsse den Al-Hudaida- aus dem Jemen-Konflikt herauslösen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Unterstützt wird er bei diesem Ansinnen durch Fabrizio Carboni, den Rot-Kreuz-Direktor für den Mittleren Osten: „Die Menschen sind mit ihren Kräften am Ende – sie warten schon zu lange auf konkrete Schritte. In diesem Land wird heute jeden Tag gestorben, sei es bei den intensiven Gefechten, sei es durch vermeidbare Krankheiten, durch Hunger und extreme Armut.“ Die UN-Ernährungsbehörde plant deshalb, die Verteilung von Lebensmitteln schnell auszuweiten, um bis Ende Dezember vier Millionen Menschen zu erreichen – das wären gut 50 Prozent mehr als im Augenblick. Doch wird das nur möglich sein, wenn sich die Konfliktparteien in Schweden auf eine belastbare Waffenruhe einigen, an die sich auch Saudi-Arabien hält.

Patrick Wintour ist Guardian-Autor

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 15.12.2018
Geschrieben von

Patrick Wintour | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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