James Ball
10.11.2011 | 15:25 5

Dem Imperium die Eier zeigen

Wikileaks Dass Israel Shamir überhaupt bei Wikileaks mitmachte, war ein Skandal. Jetzt hat der Assange-Intimus sich mit einem Artikel selbst übertroffen

Leaking ist Männersache, erfahren wir aus einem Artikel, den einer von Julian Assanges überzeugten Anhängern, Israel Shamir, zur Verteidigung des WikiLeaks-Gründers verfasst hat. Nach dem Urteil des High Court wartet Assange zurzeit auf seine Auslieferung nach Schweden, wo ihm sexueller Übergriffe auf zwei Frauen vorgeworfen werden. Das Urteil ist Shamir zufolge, „eine Niederlage für alle Männer und eine Niederlage für die Menschheit“.

Assanges Situation resultiert Shamirs Text zufolge nicht allein aus den sexuellen Liaisonen eines Mannes, sondern sei Teil einer umfassenden Strategie zur Feminisierung der Männer. Sie verfolge das Ziel, die Menschheit den politischen Eliten gefügiger zu machen. „Starke Männer neigen zur Rebellion, sind bereit, Opfer zu bringen und zu handeln“, schreibt Shamir.

„Es ist kein Zufall, dass die Feinde des Imperiums allesamt maskuline Männer sind, egal ob Gaddafi, Castro, Chávez, Lukaschenko, Putin - oder Julian Assange. Es hat den Anschein, dass Männer an sich eliminiert werden sollen; Arbeitsameisen brauchen keinen Sex.“

Offenbar bekämpfen nur starke Männer den Missbrauch von Macht, während von Frauen in dieser Logik erwartet wird, dass sie diesen Kampf von der Küche aus oder im Schlafzimmer unterstützen. Könnte man Shamir einfach als unbedeutenden Spinner abtun, würde sein Artikel vielleicht zum Lachen reizen. Aber sein Einfluss auf Wikileaks ist nur schwer zu schätzen. 

Nach "Juden"-Depeschen gefragt

Shamir ist seit Jahren mit Assange befreundet und war Monate vor der Veröffentlichung in die Inhalte Tausender US-Depeschen eingeweiht. Shamir ist so umstritten, dass Assange ihn bei Wikileaks-Mitarbeitern unter einem falschen Namen einführte. Bekannt für Ansichten, die viele für antisemitisch halten, erregte Shamir den Verdacht vieler Wikileaks-Mitarbeiter – zu denen auch ich gehörte –, als er Zugang zu den Kabel-Nachrichten haben wollte, die „die Juden“ betreffen. Dieser Wunsch wurde ihm verweigert.

Als in Anbetracht seines kontroversen Hintergrundes und seiner Forderungen Fragen bezüglich Shamirs Rolle bei Wikileaks aufkamen, wurde uns klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass Assange keine Kritik an seinem Freund dulde. Stattdessen wurde eine Erklärung abgegeben, in der sich WikiLeaks von freien Mitarbeitern distanzierte. Als dann später Hinweise auftauchten, dass Shamir Depeschen an den weißrussischen Diktator Lukaschenko weitergeleitet hatte – ein Mann, der bei ihm hohes Ansehen genießt – um diesen bei der Verfolgung Oppositioneller zu unterstützen, weigerte sich Assange, der Sache nachzugehen.

In Shamirs Worten klingen Assanges Auslassungen über Frauen wider, als er beispielsweise davon sprach, „schüchterne“ Guardian-Reporter hätten seinen „Männlichkeitstest“ nicht bestanden oder die westliche Kultur mache die Frauen „wertlos und dumm“. Was haben aber diese „wertlosen und dummen“ Frauen geleistet, dass sie mit solchen Säulen männlicher Tugend verglichen werden wie Lukaschenko, Castro oder Gaddafi?

Man könnte bei Wikileaks selbst anfangen: Während Assange die Organisation an den Rand des Abgrunds geführt hat, haben weibliche Wikileaks-Mitarbeiter wie die brasilianische Journalistin Natalia Viana das Material dafür verwendet, schwerwiegende Korruptionsfälle in Südamerika aufzudecken. Die Britin Naomi Colvin gehörte zu den unermüdlichsten Aktivisten des Netzwerks zur Unterstützung von Bradley Manning. Viele andere haben hinter den Kulissen unermüdlich mitgeholfen, Wikileaks am Laufen zu halten. Und ganz davon abgesehen dürfte auch Bradley Manning, dem vorgeworfen wird, die 2010 veröffentlichten Dokumente an Wikileaks weitergeleitet zu haben, kaum die Männlichkeitsstandards von Assange und Shamir erfüllen.

Aber keinem von ihnen wird vorgeworfen, Material an Diktatoren geleakt zu haben.

Wenn es um Frauenrechte geht, ist das Internet vielerorts eine reaktionäre Welt. Die meisten prominenten Bloggerinnen haben schon (unter anderem auch Vergewaltigungs-)Drohungen erhalten und wurden persönlich beschimpft. Für Menschen, sich vermeintlich auf der Höhe des Informationszeitalters bewegen – und zudem von sich behaupten, sie würden für die Menschenrechte kämpfen – , sind solche beschränkten und haltlosen Ansichten über Frauen grotesk und reaktionär. Assange und Shamir denken vielleicht, ihre Neigung, die Menschen nach dem Stand ihres Testosteronspiegels zu beurteilen, mache sie zu Alpha-Tierchen. Alle anderen dürften aber viel eher zu dem Schluss kommen, dass es sie aussehen lässt wie kleine Jungs. Es wird Zeit, erwachsen zu werden.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (5)

Malthusalem 10.11.2011 | 16:52

was ist denn da los. heutzutage weiss ich echt nicht mehr was ich von der gesamten causa Assange halten soll. einerseits ist er diese lichtgestalt und andererseits erfährt man immer wieder komplett seltsame geschichten die ihn wie einen despoten erscheinen lassen. aber dann sitzt er wiederum mit amy goodman und zizek in einer debatte und deren urteil vertraue ich eigentlich blind. what the ehec.?

Popkontext 10.11.2011 | 22:57

"Lichtgestalten" sind generell mit Vorsicht zu genießen - ich hatte z:B. von Anfang an ein ungutes Gefühl bei Daniel Domscheit-Berg, ohne dass ich wirklich viel über ihn wußte und es richtig belegen konnte - und dann hat es erwartungsgemäß gerumst.

Man muss nur aufpassen, dass jetzt nicht mit diesen "Lichtgestalten" die ganze Idee untergeht. Zizek und Amy Goodman suchen sich übrigens nicht zwangsläufig aus, mit wem sie in Debatten sitzen - und machen dann ggf. Kompromisse, wenn es um Ideen und nicht Charaktere geht. Gab es Wikileaks-Vertreter/innen, die nur annähernd die Prominenz von Assange hatten?

Hellie Bu 11.11.2011 | 16:52

Julian Assange hat immer noch ein paar Anhänger. Aber er ist nicht für jedes Wort verantwortlich, was seine vermeidlichen Freunde von sich geben. Israel Shamir ist ein ziemliches A***loch, das ist wohl bekannt. Wenn er einen solchen Artikel schreibt, erweist er Assange sicher einen Bärendienst - zumal kurz vor der Abschiebung. Doch Assange wird kaum eine solche Äußerung bestellt haben und ob er das Gesagte gut findet, ist fraglich.

Klingt also nach Rufschädigung - zumal aus dem Munde (bzw. der Feder) von James Ball, der bekanntermaßen von Wikileaks im Streit wegging und mit wehenden Fahnen zum Guardian "übergelaufen" ist. Also finden sich hier die versammelten Erzfeinde von Assange (fehlt nur DDB). Es wäre nett, wenn der Freitag die vom Guardian übernommenen Artikel zumindest kurz als solche kennzeichen und was zu den Autoren sagen würde - so zu sagen zur Einordnung.

Gibt es irgendeinen Beweis dafür, dass Assange Material an Dikatoren geleakt hätte? Ich höre den Vorwurf zum ersten mal. Das scheint doch ziemlich absurd (sonst könnte Assange jetzt evt. stinkreich in irgendeiner Dikatur sitzen und vor Verfolgung sicher sein oder er hätte zumindest genug Geld für seine Anwälte).

Und für das Ausmaß an Testosteron-Steuerung gibt es kaum mehr Belege als die Vorwürfe in Schweden und den Generalverdacht gegen alle Nerds. Es fehlt nur noch, dass alle männlichen Mitglieder der Piratenpartei als potentielle Vergewaltiger gelten, weil sie im Netz und in der Partei in der Überzahl sind.
Als Frau kann ich auf diese Sorte von Feminismus, den uns James Ball lehren will, gerne verzichten. Du hast da ein persönliches Ding mit Assange am laufen, bitte verpack das nicht in angeblich "objektiven" Journalismus, der auch noch besonders p.c. daher kommt - weil gegendert.

Und der Freitag will offenbar nicht nur Assange tot sehen, sondern auch Wikileaks. Anders kann ich mir dieses Nachtreten nicht erklären.

weinsztein 16.11.2011 | 07:16

Jesses, die Eier zeigen.
Einer wie James Ball, der selbst mal kurz zu wikileaks gehörte, abtrünnig und - warum wohl? - sogleich Autor beim Guardian wurde wie obiger Autor James Ball, tischt hier auf, um einen durchaus peinlichen Isreal Shamir gerade jetzt Assange ans Bein zu binden, im Kontext: "Wenn es um Frauenrechte geht, ist das Internet vielerorts eine reaktionäre Welt".
Das ist Missbrauch, James Ball. Ihnen geht es um Assange.