Den Opfern ein Gesicht geben

Grenfell-Tower Der Guardian gedenkt der 71 Menschen, die vor einem Jahr der schlimmsten Brandkatastrophe Großbritanniens seit 100 Jahren zum Opfer fielen
Den Opfern ein Gesicht geben

Foto: Jack Taylor/Getty Images

Unter ihnen waren Taxifahrer und Lehrerinnen, Fußballfans und Kirchgänger, gläubige Moslems, Großfamilien und berufstätige Singles. Menschen, die Probleme mit ihrer Gesundheit hatten, in ihren Beziehungen – oder beides. Nachbarn, die sich nur „Guten Tag“ sagten, sonst aber nicht weiter miteinander redeten, und lebenslange Freunde aus der Wohnung nebenan.

Seit die tödlichste Brandkatastrophe in Großbritannien seit hundert Jahren im vergangenen Juni den Grenfell Tower entkernte, wurde viel über die Katastrophe geredet, von der Fassadenverkleidung und dem Rat des Bezirkes bis hin zur Bausubstanz und dem Treppenaufgang.

Doch wer waren die Opfer? In der Woche nach dem 14. Juni wurde das meiste nur zweidimensional bekannt – ein paar Informationen aus einer Erklärung der Polizei, eine kurze, tränenreiche Trauerfeier mit den Angehörigen, ein Bild, das während der verzweifelten Suche gepostet wurde, die in jener Woche im Juni einsetzte.

Der Guardian hat die darauffolgenden Monate mit dem Versuch verbracht, die Lücken auszufüllen und etwas über das Leben dieser Londoner herauszufinden. Wir haben mit allen Familien gesprochen, die mit uns sprechen wollten, haben Freunde und Kolleginnen nach Anekdoten und ihren liebsten Erinnerungen gefragt.

Schmerz und Trauer sind noch immer groß

Während das Parlament bald über die Tragödie debattieren wird und der öffentliche Untersuchungsausschuss in der kommenden Woche seine Arbeit mit einem persönlichen Gedenken an alle 71 Opfer seine Arbeit aufnehmen will, veröffentlichen wir unsere eigenen Porträts der Ums-Leben-Gekommenen.

Nicht alle Familien wollten einen Beitrag leisten: Ihr Schmerz und ihre Trauer sind immer noch zu groß. Die Mehrheit aber tat es und was sie zu erzählen haben, sagt in der Summe eine Menge über Großbritannien im 21. Jahrhundert aus.

Die Zusammensetzung der 71 Getöteten zeigt, wie verschieden, offen und tolerant das Vereinigte Königreich in den vergangenen 30 Jahren geworden ist (über die Hälfte aller erwachsenen Opfer kam nach 1990 auf der Insel an).

Das Leben der Grenfell-Bewohner spiegelt die komplexen Verhältnisse des modernen Großbritanniens recht genau wider: junge Familien, sich um Kindergeld und zusätzliche Jobs bemühen müssen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können; Menschen, die mit 20 oder 30 Jahren noch immer bei ihren Eltern leben; Geflüchtete, die ihre Karrieren und ihren gesellschaftlichen Status in ihren unsicheren Herkunftsländern gegen die sichere Anonymität eine halbe Welt weit entfernt eingetauscht haben; die Alten – sieben der Opfer waren über siebzig – die in einem überlaufenen Gesundheitssystem mit körperlichen Einschränkungen kämpfen müssen.

Doch Grenfell war kein Mikrokosmos Großbritanniens oder Londons. Es waren nur wenige Büro-Angestellte unter den Opfern und lediglich sieben weiße Briten – das zeigt, wie ungleichmäßig die Katastrophe ethnische Minderheiten getroffen hat.

Unter den Opfern waren 18 Kinder, eines von ihnen starb, bevor es überhaupt zur Welt kam. Die Getöteten hatten 18 verschiedene Nationalitäten, das Durchschnittsalter entsprach mit 40 dem nationalen Median. Das älteste Opfer war 84, das jüngste nach dem Ungeborenen sechs Monate. Unter ihnen waren 28 Frauen und 25 Männer.

Viele mochten ihr Zuhause

Im Januar starb ein weiteres Opfer an den Folgen seiner Verletzungen. Sie wurde noch nicht als 72. Opfer in die offizielle Liste mit aufgenommen. Ihr Name ist Maria De Pilar, bekannt als Pily. Sie wurde in jener Nacht aus dem 19. Stockwerk des Gebäudes gerettet.

Vier der Opfer lebten nicht im Grenfell Tower. Von denen, die dort wohnten, mochten viele ihr Zuhause, trotz all der Mängel, über die bereits wiederholt berichtet wurde.

„Er war so stolz auf diese Wohnung“, erzählt Karim Mussilhy von seinem Onkel, Hesham Rahman, der aus Ägypten stammte und im 23. Stock des Gebäudes wohnte. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie er hier einzog – all die Möbel, die er kaufte, und wie viel Mühe er sich gab, die Wohnung einzurichten.“

Sakineh Afrasiabi, die aus dem Iran stammte, benötigte in ihrer Wohnung in der 18. Etage zu ihrem Glück lediglich ein Fernglas. „Sie sagte immer: ,Es ist, als säße ich in einem Flugzeug, von hier oben kann ich ganz London überblicken’”, erinnert sich ihre Tochter, Nazanin Aklani.

Die Einwanderer der ersten Generation lassen sich in zwei Gruppen aufteilen. Da gab es diejenigen, die bereits nach Großbritannien kamen, als sie noch jung waren, um hier ihr Glück zu finden. Einige von ihnen, wie etwa Ligaya Moore von den Philippinen oder Marjorie Vital aus Dominica kamen schon vor langer Zeit; andere wie etwa das italienische Paar Marco Gottardi und Gloria Trevisan lebten noch nicht so lange in London.

„Die beiden besaßen die große Stärke, um ganz aus eigener Kraft im Ausland eine berufliche Karriere zu beginnen“, sagt Gianni Gottardi, Marcos Vater.

Die zweite Gruppe entschied sich aus der Not heraus, nach Großbritannien zu gehen, als das Leben in ihren Herkunftsländern für sie nicht mehr zu ertragen war. Sie nahmen die Qualen der Flucht auf sich: entwurzelt, beraubt, im Ungewissen und dann schließlich irgendwann doch in der Lage, ein neues Leben zu beginnen, wenn auch ohne den beruflichen oder gesellschaftlichen Status, den sie in ihrem vorherigen Leben gehabt hatten.

Viele Gesten

Unter den Opfern waren auch Mohamed Neda, ein Offizier der afghanischen Armee, der in London zum Fahrer eines Minitaxis wurde; Fathia Alsanousi, ein sudanesischer Lehrer, der in einem britischen Verpackungsunternehmen arbeitete; Ali Yawar Jafari, ein afghanischer Juwelier, der in einem Laden in West-London Arbeit gefunden hatte; Mohamednur “Mo” Tuccu, ein Student aus Eritrea, der als Wachmann endete.

Die größte nationale Gruppe nach den Briten stellten Marokkaner. Bemerkenswerterweise hatten die meisten der sechs getöteten Marokkaner und ihrer fünf britisch-marokkanischen Kinder eine Verbindung zur Hafenstadt Larache.

Die Grenfell-Opfer waren auch beruflich eine äußerst vielseitige Gruppe: ein Zimmermädchen, ein Kellner, ein Maler-Dekorateur, ein Einzelhändler, mindestens zwei Taxifahrer, zwei Krankenpflegehelferinnen und ein Altmetallhändler waren unter ihnen.

Es gab viele Gesten, um sicherzustellen, dass ihr Andenken erhalten bleibt: Das University College Hospital widmete Abdulaziz El Wahabi eine Bank, die an den Mann erinnert, der als Pförtner in dem Haus gearbeitet hat; Fans des FC Chelsea ehrten Denis Murphy wenige Tage vor seiner Beisetzung an der Stanford Bridge mit Applaus in der 56. Minute eines Spiels; die Figur in einem noch unveröffentlichten Buch von Philip Pullman ist nach dem Teenager Nur Huda El Wahabi benannt; Gottardi und Trevisan wird durch die Stiftung „Grenfellove Marco and Gloria“ gedacht.

Unser digitales Andenken ist ihnen und all den anderen Opfern gewidmet.

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 17.05.2018
Geschrieben von

Mark Rice-Oxley | The Guardian

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