Den Gouverneur packt das Entsetzen

Afghanistan Die US-Armee setzt in Helmand auf ­„Partnering“ mit Anti-Taliban-Milizen. Doch die Regierung von Hamid Karzai schießt quer

Alles schien strategisch bestens durchdacht – Anti-Taliban-Milizen in der Provinz Helmand sollten sich als Hilfstruppen für die US-Armee nützlich machen und ein Muster für „Partnering“ der Amerikaner im Süden Afghanistans schaffen. Doch nun werden vorerst keine dieser Formationen mehr rekrutiert, denn die dafür Auserkorenen haben sich gegenseitig beharkt. Auch das vom US-Oberkommandierenden, General David Petraeus, lancierte Verteidigungsprogramm für Helmand ist bis auf weiteres storniert. Begründung: Die Anti-Taliban-Milizen sind als informelle Struktur mit 800 Mann bereits stärker als das offizielle Polizeikorps der Provinz und fähig, regionalen Autoritäten bis hinauf zum Provinzgouverneur Paroli zu bieten.

Dabei folgten die US-Marines besonders in der Taliban-Hochburg Marjah einer Strategie, die schon im Großraum Bagdad von Erfolg gekrönt war, als dort die fundamentalistische Erweckungsbewegung der Söhne des Irak von der Terror- zur Anti-Terror-Partei umfunktioniert und gegen al-Qaida in Marsch gesetzt wurde. Taugt das irakische Modell nur bedingt für Südafghanistan? Bezirksgouverneur Abdul Mutalib rief vor kurzem die Führer von 30 militanten Gruppen zusammen, um sie auf strengere Verhaltensnormen einzuschwören. „Anderswo im Land ziehen eure Kämpfer den Hass der Bevölkerung auf sich“, so Mutalib, „dies darf nicht auch in Marjah passieren.“ Eine verständliche Warnung, wird doch sein Bezirk von Washington aus gebannt beobachtet. Fortschritte gelten als Lackmustest für den Entschluss Präsident Obamas vom Vorjahr, das US-Kontingent am Hindukusch um 30.000 Mann aufzustocken. Marjah bot Anfang 2010 für viele der frisch entsandten Soldaten ein erstes Gefechtsfeld, bis auch ihre Offensive angesichts hartnäckiger Taliban ins Stocken geriet.

Ein Jahr später, im März 2011, hat sich die Sicherheitslage zwar verbessert, so dass ein US-Marine in Helmand erklärt, dieses Terrain sei inzwischen „sicherer als Detroit“. Das sei vorzugsweise den etwa 330 ISCI-Gruppen – darunter den Anti-Taliban-Milizen – zu verdanken, die sich um die interim security for critical infrastructure – die „vorübergehende Sicherheit einer von Anschlägen bedrohten Infrastruktur“ – kümmern würden.

Sicherer als Detroit

Oberstleutnant Dave Hudspeth, Kommandeur der in Marjah stationierten, 1.000 Mann starken Marines, sieht den entscheidenden Vorteil von lokal rekrutierten Kräften darin, dass sie Aufständische viel leichter aufspüren könnten. Überdies seien Milizionäre unverzichtbar, wenn es darauf ankomme, das Verhältnis von afghanischen Sicherheitskräften und afghanischer Bevölkerung auf 1 : 22 zu bringen. Erst diese Relation ließe Aufstände niederschlagen und erlaube den Vormarsch in Zonen, in denen die Taliban nach wie vor präsent seien.

Entsprechend exzessiv haben die Marines Milizionäre angeheuert. Zuletzt 500 Mann in 30 Tagen, von denen jeder monatlich 150 Dollar erhält. Anführer bekommen 180 sowie ein Start-up-Budget von 5.000 Dollar für den Waffenkauf sowie die im Monat anfallenden Spesen. Doch mehr Sicherheit beschert das nicht, etliche Milizen haben sich untereinander attackiert und die afghanische Polizei wie US-Marines angegriffen. In einem Fall, der die örtlichen Behörden besonders irritiert hat, verhaftete ein Milizen-Kommandeur illegaler Weise einen Mann, der ein Motorrad gestohlen hatte. Als die Polizei ermittelte, entbrannte ein Streit, bei dem einem 15-jährigen Jungen in den Kopf geschossen wurde. Ohnehin kursieren Befürchtungen, Taliban-Sympathisanten könnten in allen Milizen infiltriert sein. Die Ängste wurden genährt, als Marines im Februar in ein längeres Feuergefecht mit Milizionären verwickelt wurden, die anhand ihrer gelben Armbänder eindeutig als ISCI-Leute zu erkennen waren.

Bezirksgouverneur Mutalib ist so sehr von der Illoyalität der Milizen überzeugt, dass ihn das blanke Entsetzen packte, als jüngst bewaffnete ISCI-Leute während einer Schuleinweihung auftauchten, zu der sich eine Delegation mit US-Kongressabgeordneten eingefunden hatte. Mutalib befürchtete, aus einem harmlosen Fototermin könnte ein Massaker an prominenten Amerikaner werden. Mutalip später zu Oberst Hudspeth: „Man kann ihnen nicht trauen – das darf uns nie wieder passieren.“

Um so mehr plädieren die US-Militärs dafür, die afghanischen ISCI-Leute langfristig ins offizielle Polizeikorps zu holen oder in das Hilfsprogramm Afghan Local Police (ALP) zu integrieren. Sie verlangen ein solches „Partnering“ allerdings sehr zum Unwillen des afghanischen Präsidenten, der kein Hehl aus seiner Skepsis gegenüber informellen Polizeikräften macht. Wer könne garantieren, so Hamid Karzai, dass die sich nicht eines Tages gegen die wenden, die sie eigentlich beschützen sollen?

Weiche Ziele

Während Oberst Hudspeth erklärt, er würde die Zahl der ISCI-Leute idealerweise auf 1.600 erhöhen, hat die Bezirksregierung genau deshalb in Marjah lediglich 300 zugelassen. Was die Marines nicht daran hindert, alles zu tun, um diese Grenze zu durchbrechen. Sollte das gelingen, wäre die Versicherung des Oberkommandierenden Petraeus konterkariert, solche Programme würden maßvoll und keinesfalls gegen den Willen der afghanischen Autoritäten gestreckt. Oberst Hudspeth jedenfalls lässt sich nicht beirren, immerhin gebe es gerade eine Rekrutierungspause, um sicher zu gehen, dass die Milizenführer nicht in Warlord-Gebaren zurückfielen und mit den uniformierten nationalen Sicherheitskräften konkurrierten.

Soviel steht fest: Im Frühjahr, wenn die „Kampfsaison“ beginnt, werden die nur leicht bewaffneten Milizen „weiche Ziele“ für Vergeltungsaktionen der Taliban sein. Die Stammesältesten sind bereits durch Tonband-Botschaften in Angst und Schrecken versetzt worden, mit denen die Taliban zum Jihad gegen die Marjah arbikai – die traditionellen Verteidigungskräfte der Stämme – aufrufen. Oberst Hudspeth rechnet damit, dass die Aufständischen versuchen werden, einige der einflussreicheren ISCI-Führer zu ermorden und spektakuläre Angriffe auf amerikanische und afghanische Truppen zu verüben – vermutlich durch Selbstmordattentäter. „Wir sind bereit, dieses Risiken einzugehen“, sagt Matthew Lesnowicz, ein Hauptmann, der das ISCI-Potenzial überwacht. „Für uns ist dieses Partnering nach wie vor ein relativ günstiger Prozess mit einem hohen Ertrag.“

John Boone berichtet für den Guardian aus Afghanistan

Übersetzung: Holger Hutt

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14:10 22.03.2011
Geschrieben von

Jon Boone | The Guardian

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