Den Karren aus dem Dreck ziehen

Großbritannien Theresa May fehlt eine große politische Vision. Dennoch dürften ihr in der Brexit-Krise ihre Beständigkeit und moralisches Pflichtbewusstsein wohl zugutekommen
Den Karren aus dem Dreck ziehen
Auf dem Weg in die 10: Theresa May

Foto: Carl Court/AFP/Getty Images

Für eine Frau, die kurz davorsteht, Premierministerin Großbritanniens zu werden, wirkte Theresa May in den vergangenen Tagen außergewöhnlich ruhig. „Eigentlich ist sie die gleiche wie immer, ziemlich entspannt und gut gelaunt“, bestätigt ein langjähriger Freund diesen Eindruck. May wusste besser als die anderen Kandidaten, was sie erwarten würde und ist nicht so leicht zu erschüttern wie ihre Herausforderin Andrea Leadsom. Die ließ sich offenbar von den negativen Reaktionen in den Medien beeindrucken, nachdem sie öffentlich geäußert hatte, sie als Mutter eigne sie sich besser für das Amt als die kinderlose May.

Im Verlauf der vergangenen sechs Jahre hat May mehrere Turbulenzen übergestanden. Sie war dabei, als über eine britische Kriegsbeteiligung entschieden wurde und leitete in Abwesenheit des Premierministers eine Krisensitzung des Sicherheitskabinetts, nachdem der Soldat Lee Rigby auf offener Straße ermordet worden war.

Natürlich konnte auch sie nicht vorhersehen, dass Cameron unter diesen Umständen zurücktreten und alle ihre Mitbewerber vorzeitig das Handtuch schmeißen würden. Aber sie hat jahrelang fleißig ihre Hausaufgaben gemacht und ist verhältnismäßig gut vorbereitet auf den Job. Die Frage ist nur: Genügt dies für die turbulenten Zeiten, die ihr, ihrer Partei und dem Land bevorstehen?

Die Bemerkung des Tory-Granden Ken Clarke, May sei eine „verdammt schwierige Frau“, dürfte ihr bei weiblichen Wählern eher noch Sympathiepunkte eingebracht haben. Souverän machte sie sich die Äußerung in ihren letzten Wahlkampfreden zu eigen und kündigte an, Jean-Claude Juncker werde bald am eigenen Leib erfahren“ wie „verdammt schwierig“ sie ein könne.

Doch selbst ihre Freunde räumen ein, dass Clarke nicht ganz unrecht hat. „Sie kann schon recht garstig sein“, sagt einer ihrer Kollegen, der sie ansonsten sehr bewundert. Und: „Es ist nicht leicht, mit ihr zusammenzuarbeiten.“ May kämpft wie eine Löwin und kümmert sich nicht darum, ob sie gemocht wird oder nicht. Das findet man bei Politikerinnen und Politikern nicht oft.

Es ist bezeichnend, dass sie die Unterstützung von fast zwei Dritteln ihrer Parlamentskollegen gewinnen konnte, obwohl sie sich weigerte, Unentschlossene mit einem Pöstchen zu locken. „Man kann nicht zu ihr hingehen und sagen: Mach mich zum Staatssekretär für dieses oder jenes und du bekommst meine Unterstützung”, sagt der ehemalige Kabinettminister und langjährige May-Vertraute Eric Pickles. „Da spielt sie nicht mit. Sie verlangt bedingungslose Unterstützung.“

Nicht zuletzt deswegen ist es wesentlich ergiebiger, auf die Gemeinsamkeiten zwischen May und Gordon Brown zu blicken, als sie ihres Geschlechts wegen mit Thatcher zu vergleichen. Brown war der letzte Politiker vor ihr, der in den eigenen Reihen so unangefochten war, dass er quasi per Akklamation zum Premierminister ernannt werden konnte. Beide, Brown und May, sind in Pfarrhäusern aufgewachsen. Fragen der persönlichen Moral spielen für beide eine große Rolle, und beide sind Kontrollfreaks. May ist bekannt dafür, dass sie nicht gerne Dinge delegiert und immer genau wissen will, was ihre Untergebenen gerade machen. Sie brütet über jedem Detail – ein Mikromanagement-Stil, mit dem sie keine ganze Regierung führen kann. Wie Brown verlangt sie unbedingte Loyalität. Anders als er redet sie allerdings hinter deren Rücken nicht schlecht über Leute.

Trotz der ihr nachgesagten Sturheit ist May privat überraschend offen für gute Gegenargumente. Ein ehemaliger Juniorminister, der sie in Verhandlungen erlebt hat, sagt, dass sie sich trotz ihrer zur Schau gestellten harten Haltung am Ende immer auf einen Deal einlässt: „Wenn man Theresa gute Gründe nennt, kann es sein, dass sie ihre Position ändert.“

Sie wird vielleicht nicht bewundert, nötigt aber Respekt ab. Viele Tory-Frauen empfinden ihr gegenüber tiefe Dankbarkeit für das, was Anna Soubry „echte Schwesternschaft“ nennt. Vor rund zehn Jahren reformierte May das Kandidaten-Wahlsysytem im Unterhaus, um mehr Frauen und Vertreter von Minderheiten eine Chance auf hohe Ämter einzuräumen. Nicht zufällig standen jetzt zwei Frauen im Rennen um das höchste politische Amt im Land.

Was Mays Amtszeit so unvorhersehbar macht, ist, dass sie von je her weniger durch ideologische Überzeugungen denn durch moralische Vorstellungen und ein sehr persönliches Empfinden dafür, was richtig und was falsch ist, angetrieben wurde. Etwas radikaler war sie immer dann, wenn sie das Gefühl hatte, dass etwas gegen die guten Sitten verstößt – Korruption bei der Polizei oder Kindesmissbrauch in öffentlichen Einrichtungen. Sie hasst jede Form ungebührlichen Verhaltens – wie Schlampigkeit oder Egoismus –, die zu Ungerechtigkeit führen.

Am Montag deutete sie an, dass sie auch an die Wirtschaftspolitik mit einer ähnlich moralischen Haltung herangehen wird: So will sie übermäßige Managergehälter stärker begrenzen und Angestellte in Konzernvorstände berufen. In einem recht gewagten Versuch, Anleihen bei den Sozialdemokraten zu machen, plant sie, sich als Fürsprecherin der „Abgehängten“ in Szene zu setzen. Also für jene Menschen mit großen wirtschaftlichen und finanziellen Sorgen, die vor allem wegen Perspektivlosigkeit für einen EU-Austritt gestimmt haben.

Robert Halfon, Minister ohne besonderen Aufgabenbereich und Vertreter eines Konservatismus der kleinen Leute, kennt solche Menschen aus seinem Wahlkreis in Harlow zur Genüge. Er unterstützt May zum Teil deshalb, weil er sich von ihr erhofft, dass sie sich für einen sozial verantwortlicheren Kapitalismus einsetzt.

„Ich denke, dass sie wirklich gegen Vetternwirtschaft und Korruption vorgehen wird – wir sollten die Partei sein, die sich für den National Health Service einsetzt, nicht für Leute, die ihre Angestellten bescheißen“, sagt er.

Es ist nicht schwer zu sehen, wo May ihr eher altmodisches Pflichtbewusstsein herhat. Die einzige Tochter von Rev Hubert Brasier und dessen Frau Zaidee wuchs im ländlichen Oxfordshire auf, in einer Familie, in der sich alles um die Bedürfnisse der Gemeindemitglieder ihres Vaters drehte. Ihr wurde schon sehr früh eingeimpft, dass sie als Tochter des Vikars immer „auf dem Präsentierteller“ sitzen würde, und bis heute hat sie sich einen puritanischen Zug bewahrt. Die „pikanteste“ Überraschung in ihrer Steuererklärung besteht darin, dass sie viel an gemeinnützige Organisationen spendet.

Ihre Kindheit war behütet. Zwei Jahre ging sie auf eine Privatschule, besuchte dann ein örtliches Gymnasium und studierte schließlich in Oxford. Sie ist seit 35 Jahren mit ihrem Mann Philip verheiratet ─ einem Banker, den sie bei einer Tory-Studentenparty kennengelernt hat.

Doch May hatte es nicht immer leicht. Kurz nach ihrem Examen kam ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben und im Jahr darauf starb ihre Mutter, die an Multipler Sklerose erkrankt war. May konnte keine Kinder bekommen. Sie sah mit an, wie ihre männlichen Altersgenossen einer nach dem anderen Sitze im Unterhaus erhielten. Und obwohl sie mit fast schwindelerregender Geschwindigkeit aufstieg und es 1997 nach Westminster schaffte, gehörte sie nie wirklich dem inneren Kreis irgendeines Parteigranden an.

Nach der Niederlage von 2001 sagte sie voraus, die Konservativen würden nicht wieder an die Regierung kommen, solange sie als eine „nasty party” angesehen würden – eine fiese Partei, die für Standesdünkel und Privilegien für die Reichen und Mächtigen steht. Ihre Rede markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Tories, der die Modernisierung der Partei durch Cameron vier Jahre später bereits antizipierte. Dass sie den darauf folgenden Backlash überstand, war ein erneuter Beweis ihres Durchhaltevermögens.

Derartig kühne Vorstöße sind aber selten. „Sie geht gerne nach bekannten Mustern vor“, sagt ein Ministerkollege, der sie mehr für ihre Sorgfalt als für ihre Kreativität schätzt. In vielerlei Hinsicht ist sie die Kandidatin, die für Kontinuität steht. Bei den Tories wird spekuliert, dass Kollegen, denen sie vertraut, durchaus im Amt bleiben können, um für einen möglichst reibungslosen Übergang zu sorgen. Sogar Schatzkanzler George Osborne zeigt sich ungewöhnlich hilfsbereit und hat sich zu privaten Gesprächen mit ihr getroffen.

In Zeiten nationaler Krisen kann Vorsicht von Vorteil sein. Mays Parteifreund Robert Halfon sagt, als er die Menschen in seinem Wahlkreis nach ihren Bedürfnissen gefragt habe, sei immer wieder der Begriff „Sicherheit“ gefallen. Theresa May fehlt vielleicht eine große politische Vision, aber bei einem großen Zusammenbruch wüsste sie, was zu tun ist.

Dennoch bleiben heikle Fragen offen. Wenn sie so eine starke Führungspersönlichkeit ist, warum ist sie dann während des EU-Referendums untergetaucht? Wollte sie auf Nummer sicher gehen? Und kann eine Remain-Anhängerin einen Brexit aushandeln, der die Rechten der Partei zufriedenstellt, ohne gemäßigtere Anhängerinnen zu vergraulen?

Der Abbruch des innerparteilichen Wahlkampfs bedeutet auch, dass May nicht gezwungen war, ihre Haltung zu umstrittenen Fragen in Zusammenhang mit dem Brexit zu klären. Allen voran das Thema Einwanderung. Als Innenministerin schaffte sie den Spagat einerseits liberale Positionen zu vertreten, wenn es um die Gleichberechtigung ethnischer Minderheiten ging (so kritisierte sie etwa Racial Profiling) – und andererseit in der Einwanderungsdebatte einen harten Ton anzuschlagen. Die gegenwärtigen Zahlen seien nicht im nationalen Interesse, erklärte sie etwa auf der Parteikonferenz im vergangenen Jahr. Viele Abgeordnete fragen sich nun, wie sie diese wiedersprüchlichen Überzeugungen miteinander in Einklang bringen will.

„Ich tue mir damit offen gesagt schwer“, sagt eine liberale Parteifreundin, die erst in sich gehen musste, bevor sie sich zur Unterstützung Mays entschloss. „Ihre Haltung zu den Personenkontrollen, der Ehe für alle und Formen moderner Sklaverei – das passt einfach nicht zusammen.”

Doch Pickles, der mit ihr viele Jahre lang zusammengearbeitet hat, glaubt, dass sie schlicht schneller gemerkt hat als die meisten anderen, welche Sprengkraft das Thema Einwanderung mittlerweile bekommen hat.

„Ich war schon immer der Meinung, dass es schwer wird, wenn man den Geist erst einmal aus der Flasche gelassen hat. Aber ich glaube, sie verfügt da über ein Frühwarnsystem“, sagt er. „Ich denke, diese Rede stellte den Versuch dar, uns vor dem tiefen Abgrund zurück zu reißen, in den wir nun gefallen sind.“

Wie auch immer die Wahrheit aussehen mag – die Konservativen sitzen nun in diesem Abgrund und Theresa May kommt die Aufgabe zu, sie wieder herauszuziehen.

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16:47 13.07.2016
Geschrieben von

Gaby Hinsliff | The Guardian

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The Guardian

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