Den Kontakt verloren

Protest Die israelische Friedensbewegung ist marginalisiert, hoffnungslos und müde
| Ausgabe 31/2014 6
Den Kontakt verloren

Bild: John MacDougall / Getty

Eine Gruppe von Menschen geht an einem ungenutzten Bahngleis entlang, das durch den Süden Jerusalems führt. Es sind größtenteils Familien. Einige haben Hunde dabei, andere schieben Kinderwagen. Sie tragen keine Plakate und skandieren keine Parolen. Und doch ist klar, welche Botschaft von der kleinen Demonstration ausgehen soll. Denn auf ihren weißen T-Shirts steht in Hebräisch und Arabisch: „Wir halten zusammen, Hand in Hand.“

Hand in Hand – so heißt die Schule, von der aus die Demonstration gestartet ist. Die meisten der etwa 200 Menschen verbindet etwas mit dieser Schule. Sie ist die einzige in Jerusalem, in der jüdische und arabische Kinder von gemischtem Lehrpersonal auf Hebräisch und Arabisch unterrichtet werden. In ganz Israel gibt es nur fünf solcher Einrichtungen. Maya Frankforter, eine jüdische Mutter, erzählt, die Schulgemeinschaft habe sich entschlossen, ein Zeichen gegen die Gewalt zu setzen, die nach dem Mord an den drei jüdischen und dem palästinensischen Jugendlichen aufgeflammt sei und zu einem erneuten Krieg zwischen Israel und der Hamas geführt habe. Sie habe geglaubt zu ersticken. Aber die Demonstrationen gäben ihr wieder Kraft. Und auch die palästinensische Lehrerin Widad Naoum sagt, die Demonstrationen hätten für sie etwas Tröstliches: „Gewöhnlich halten mich die Leute für ihren Feind. Sie verurteilen mich, weil ich Araberin bin, ganz egal, was ich denke oder mache.“

Doch die Demonstranten stoßen schnell auf Widerstand. Jugendliche schreien „Verräter“ und „Geht doch zurück nach Gaza“. Bei vorangegangenen Demos sind Teilnehmerinnen als „Schlampe“ und „Hure“ beschimpft worden. Nun mühen sich die Eltern, ihre Kinder vor den Beleidigungen der Jugendlichen zu schützen.

Ein starker Kontrast

Die Bilder der vergangenen Wochen ähneln sich. Die Proteste gegen den Krieg zwischen israelischer Armee und Hamas haben deutlich weniger Menschen auf die Straße getrieben als bei vorangegangenen Konflikten. Dies spiegelt auch den schwindenden Stellenwert des Friedenslagers in der israelischen Gesellschaft wider. Vergangene Woche griffen rechte Aktivisten in Haifa einen Demonstrationszug an und verprügelten nicht nur den arabischen Vizebürgermeister, sondern auch dessen Sohn. In Tel Aviv musste die Polizei mehrere Friedensmärsche vor Übergriffen schützen. Extremisten begleiteten eine öffentliche Lesung, bei der aus den Schilderungen von Ex-Soldaten über ihre Rolle in früheren Gaza-Einsätzen vorgelesen wurde, mit lauten Buhrufen.

Diese Bilder stehen in starkem Kontrast zu denen von 1986, als 400.000 Menschen gegen Israels Libanon-Krieg auf die Straße gingen. Das war fast ein Zehntel der israelischen Bevölkerung. 1995 kamen 100.000 Israelis zu einer Veranstaltung zur Unterstützung der Osloer Friedensverträge. 2009 beteiligten sich noch mehrere Tausend Menschen an den Friedensmärschen gegen die Operation „Gegossenes Blei“. Doch seit Beginn des aktuellen Konflikts kommen nur ein paar Hundert Menschen zu den Demos, in Tel Aviv waren es vor wenigen Tagen immerhin ein paar tausend. Die Gründe für den Niedergang der Friedensbewegung sind vielfältig: Das Scheitern der Osloer Verträge wie aller folgenden Friedensverhandlungen; der wachsende Einfluss der extremen Rechten auf Israels Politik; eine gewisse „Normalisierung“ der mittlerweile 47 Jahre andauernden Okkupation und die relative Marginalisierung des Palästinenserkonflikts, sowohl in Israel als auch weltweit. Hinzu kommen Ermüdung und Hoffnungslosigkeit.

Die Autorin des Buches The Israeli Peace Movement. A Shattered Dream, Tamar Hermann, glaubt, der Niedergang der israelischen Friedensbewegung habe 1993 nach der Unterzeichnung des ersten Osloer Abkommens begonnen. „Bei den meisten herrschte die Stimmung: ‚Jetzt hat sich ja die Regierung der Sache angenommen, da kann ich mich wieder anderen Dingen zuwenden.‘ Als ihnen dann klar wurde, dass Oslo nicht funktioniert, gingen sie aber immer noch nicht auf die Straße – aus Angst, damit unbeabsichtigt den rechten Kräften in die Hände zu spielen, die Oslo ablehnten.“ Aber auch die zweite Intifada sei ein Grund für den zerbrochenen Traum der Friedensbewegung: „Wenn Busse in die Luft fliegen, ist es schwer, von Frieden zu sprechen“, sagt die Autorin. Weitere Faktoren seien die Veränderungen in der israelischen Politik. Leute, die früher links waren, seien heute gemäßigt, ehemals Gemäßigte seien nach rechts gerückt und die radikale Linke habe den Kontakt zum Mainstream verloren. Und dann seien da noch die Aufstände in anderen Ländern des Nahen Ostens und der zunehmende Fokus auf das iranische Atomprogramm – Themen, die laut Hermann die Palästinenserfrage an den Rand drängten: „Man betrachtete die Palästinenser nicht als strategische Bedrohung der nationalen Sicherheitsinteressen Israels. Die Menschen fingen an zu glauben, dass sie noch viele Jahre einfach so weiterleben könnten. Das Friedenslager wurde als anachronistisch betrachtet.“ Andere Israelis verweisen auf ihre Angst vor neuen Bedrohungen – durch Raketen etwa, die mittlerweile auch größere Städte erreichen können, oder durch Tunnel, über die militante Palästinenser nach Israel eindringen um Kommandoaktionen durchzuführen. Unterdessen wird der Ton der israelischen Rechten immer schärfer. Linke Aktivisten sind überzeugt, dass eine Kultur der Ablehnung gegenüber arabischen Israelis, die rund 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, dem Extremismus Auftrieb gibt.

Alle wollen Frieden

Frankforter bestätigt die Einschätzung: „Die Atmosphäre in Jerusalem, und in ganz Israel, ist ziemlich beängstigend. Bei vergangenen Kriegen war ich frustriert und fühlte mich isoliert, hatte aber nie Angst um meine körperliche Unversehrtheit. Und die Menschen haben Angst, offen ihre Meinung zu sagen.“ Manche glauben, das Problem liege auch in der mangelnden Kontextualisierung der Gewalt: „Viele sind schockiert, wenn sie sehen, dass Kinder getötet wurden und welches Ausmaß die Zerstörung hat. Aber sie ziehen keine Verbindung zur Besatzung“, sagt ein Aktivist. Und Yehuda Shaul von der Friedensbewegung Breaking The Silence ergänzt: „Das Wort Frieden hat seine Bedeutung verloren. Netanjahu, Rechtsaußen Naftali Bennett, Mahmud Abbas und sogar die Hamas – alle sagen, dass sie Frieden wollen. Die eigentliche Frage lautet aber: Ist man bereit, die Besatzung zu beenden?“ Doch wenn die Bemühungen um einen dauerhaften Waffenstillstand scheitern und die Gewalt in Gaza weiter zunimmt, könnten die Proteste wieder zunehmen. Die Eltern und Lehrer der „Hand in Hand“-Schule treffen sich trotz Sommerferien regelmäßig, um ein Zeichen zu setzen. Für Frankforter ist es das Wichtigste, „ein gemeinsames Leben aufzubauen, auch wenn das immer schwieriger wird“.

Harriet Sherwood ist Korrespondentin des Guardian in Jerusalem

Übersetzung: Holger Hutt

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Harriet Sherwood | The Guardian

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