Den Nerv getroffen

Auszeichnung Für ihr Buch "Die Schock-Strategie" hat Naomi Klein den Warwick-Preis erhalten. Die neue Auszeichnung würdigt Untersuchungen im Bereich zwischen Wissen und Nichtwissen

Für die Komplexität ihrer Darstellung des Aufstiegs des „Katastrophen-Kapitalismus“ in Die Schock-Strategie hat die kanadische Autorin Naomi Klein den in diesem Jahr erstmalig verliehenen Warwick-Preis erhalten. Der von der Warwick-Universität ausgeschriebene Preis ist mit 50.000 Pfund Sterling dotiert und soll alle zwei Jahre verliehen werden. Er verspricht einer der ungewöhnlichsten des literarischen Kalenders zu werden, nicht zuletzt, weil er sich mit jeder Ausschreibung eines neuen Themas annehmen wird.

Bei dieser erstmaligen Verleihung war es also die „Komplexität“. Der Juryvorsitzende und „Weird-Fiction“-Autor China Miéville lobte, Die Schock-Strategie sei eine „brillante, provokative und herausragend geschriebene Untersuchung einiger der empörendsten Schandtaten unserer Zeit“, die „viele Debatten angestoßen hat und weiterhin anstoßen wird.“ In dem Buch wertet Klein eigene Untersuchungen aus, die sie über vier Jahre hinweg von kollektiven Krisen wie dem 11. September oder dem Hurrikane Katrina gemacht hat und zeigt auf, wie weltweit agierende Unternehmen diese Ereignisse durch ihren „Katastrophen-Kapitalismus“ für sich nutzen.

„In einer Zeit, in der von den Verlagen überwiegend schlechte Nachrichten zu hören sind, ist es ergreifend, bei einem solch wagemutigen Preis dabei zu sein, der die Arbeit Schreibender unterstützt – ganz besonders, wenn man sich wie hier in der Gesellschaft so vieler weiterer spannender Bücher befindet“, sagte Klein als sie von der Auszeichnung erfuhr. Sie setzte sich unter einer großen Bandbreite von Nominierungen durch, die sich über wissenschaftliche Theorie bis hin zu spanischer Belletristik erstreckte.

Weitere Favoriten waren Mad, Bad and Sad, eine differenzierte Studie des Verhältnisses von weiblichem Geschlecht und geistiger Erkrankung aus der Feder Lisa Appiagnanesis und die preisgekrönte Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts The Rest is Noise von Alex Ross, der unter anderem für den Guardian schreibt. Zu den weiteren Nominierten zählten Francisco Goldman, der sich in The Art of Political Murder mit der Ermordung des guatemalischen Bischofs Juan Gerardi beschäftigt und Stuart A. Kauffman mit Reinventing the Sacred. Einziger Roman auf der Shortlist war Enrique Vila-Matas Studie eines besessenen Schriftstellers mit dem Titel Montanos’s Malady.

Der Warwick- Preis soll neue Wege beschreiten und dabei nicht nur verschiedene Themen erkunden, sondern auch „der Entwicklung des Schreibens “ und den Grauzonen zwischen „Wissen und Nichtwissen“ nachspüren, in denen das Denken angeregt werde. Dazu Miéville: „Das kann natürlich alles und nichts heißen. Doch da es sich um einen bewusst interdisziplinären und „interformalen“ Preis handelt, versucht man herauszufinden, welche Themen den Zeitgeist bestimmen und auf welch verschiedene Weise diese sprachlich dargestellt werden können.“

„Viele Leute waren sehr skeptisch und fragten, ob man nicht Äpfel und Birnen vergleiche, wenn man zum Beispiel Poesie und wissenschaftliche Schriften einander gegenüberstellen wolle. Es war dann aber sehr interessant zu sehen, wie viele der Nominierten sich über politische Korruption und unternehmerische Gier Gedanken machten. Darüber hinaus haben wir eine Ahnung davon erhalten, wie versucht wird, das Schreiben weiter nach vorne zu bringen. Auch auf Gefahr hin, sehr verschwommen zu klingen: Es war sehr befreiend, diese Bücher einfach in die Luft zu werfen und sie zuallererst einfach als schriftstellerische Arbeiten zu betrachten.“

Bezüglich des diesjährigen Gewinners sagte Miéville, Kleins Buch habe im Umfeld starker Konkurrenz außergewöhnlich gut abgeschnitten, weil es den Nerv des Themas getroffen habe. „Wir kamen immer wieder auf das Naomi- Klein-Buch zurück – nicht nur aufgrund der Präzision und Leidenschaft, mit der es geschrieben ist, sondern auch aufgrund der Systematik, mit der eine sehr differenzierte und durchdachte These in einem Buch formuliert und begründet wird, das zugleich zugänglich und – auch wenn das in Bezug auf ein so wütendes Werk komisch klingen mag – schön ist.“

„Das Thema hat diesen Preis so schwierig, aber eben auch so interessant gemacht“, findet Mievielles Jury-Kollege Ian Steward, der Mathematikprofessor an der Warwick-Universität ist. Seine Aufgabe war es, die wissenschaftliche Qualität der Titel zu beurteilen: „Die eingereichten Werke waren von enormer Bandbreite. Auf der Longlist standen sowohl Belletristik als auch Sachbücher und Lyrik. Wir versuchten dann die besten Werke zu auszuwählen. Nun weiß jeder, dass es so etwas eigentlich nicht gibt, es ist aber durchaus zulässig zu behaupten, dass einige Werke besser sind als andere.“

Steward berichtet jedes Mitglied der Jury, in der neben ihm und Miéville auch die Journalistin Maya Jaggi, die Romanautorin Maureen Freely und der Blogger Stephen Mitchelmore saßen, sei „mit einer eigenen Auffassung davon, welche Aspekte von Komplexität wichtig seien“, an den Diskussionstisch gekommen. Zwei Sachbücher kristallisierten sich schließlich als potentielle Gewinner heraus, bevor die endgültige Wahl auf Die Schock-Strategie fiel.

„Gegen Ende achteten wir auf das, was gutes Schreiben ausmacht. Es muss kenntnisreich sein, aber auch eine fesselnde Geschichte erzählen, damit der Leser keine Mühe hat mitzuhalten und nicht verloren geht, “ erläutert Steward. „Als Thema ist „Komplexität“ sicherlich recht vage, aber wir wollten schon allein deswegen ein Thema, weil es einen Ausgangspunkt für die Diskussion bietet.“

Neben dem Preisgeld erhält Klein auch das Angebot zu einer vorübergehenden kurzen Anstellung an der Universität. Vize-Kanzler Nigle Thrift rief die Schriftstellerin auf, dieses auch anzunehmen.

Auch das Thema, dem sich der Preis bei der nächsten Verleihung verschreiben wird, wurde vergangene Nacht verkündet. Im Jahr 2011 werden die 50.000 Pfund Sterling an ein Buch zum Thema „Farbe“ gehen.


Übersetzung. Zilla Hofman

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Geschrieben von

Alison Flood, Lindsay Irvine, The Guardian | The Guardian

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