"Den Schlüssel hab ich noch"

Tom Waits Tom Waits lebte früher in kaputten Hotels, die alten Männer in der Lobby waren seine Inspiration. Heute lacht er lieber über "Ein Schweinchen namens Babe"

Jeder Gedanke an ein normales Interview mit Tom Waits löst sich innerhalb von Sekunden nach seiner Ankunft in der Suite des Londoner Soho Hotels in Luft auf. Ich komme mit einem Notizblock und einem Diktiergerät zur einen Tür herein. Er kommt zur anderen Tür herein und trägt dabei unterm Arm die exakt gleiche Ausrüstung. „Nun gut“, sagt er und legt seine Sachen auf den Tisch vor sich. „Sie haben ein paar Fragen an mich und dann habe ich ein paar Fragen an Sie.“ Um seinen Auftritt zu vervollständigen, zieht er den Hut ab, die Haare stehen ihm wild zu Berge. Er sieht aus wie ein Magier, der gleich ein Kaninchen hervorzaubern wird.

Mit Tom Waits führt man kein Interview im eigentlichen Sinn. Vielmehr bekommt man eine Privatvorstellung geboten. Mit Journalisten zu reden, sei für ihn wie mit den Bullen zu reden, hat er einmal erklärt: Man mache es nur, wenn man müsse und sage besser nie die Wahrheit. Aus diesem Grund behauptet er dann wohl auch, der Sohn von Zirkusakrobaten zu sein und seine Frau kennengelernt zu haben, als sie gerade aus einem Kloster ausbrechen wollte. Außerdem will er Medizin studiert haben und gelegentlich seine Kinder selbst behandeln. „Meistens erzähle ich den Journalisten einfach Geschichten. Und wenn die unterhaltsam sind, wen kümmert’s dann, ob sie wahr sind oder nicht?“

Waits ist in London, um über seine Rolle als Teufel in Terry Gilliams Film Das Kabinett des Doktor Parnassus zu sprechen, der im Januar in die deutschen Kinos kommt. Als ich ihm erzähle, Regisseur Gilliam habe gesagt, er sei für die Rolle des Teufels geboren, kichert er und meint, er könne sich dies nicht erklären, schließlich sei er in einer Kirche aufgewachsen. Ich erwähne, dass es sich bei dem Fantasy-Film bereits um seinen 25. Leinwand-Autritt handelt. Er zuckt nur mit den Schultern: Da habe er den Überblick verloren. Von seiner Erscheinung her sieht Waits eigentlich so aus, wie man ihn kennt: die Haltung gekrümmt, die Kleidung etwas abgerissen. Nachdem er sein ganzes Leben lang den listigen, verrufenen alten Troll gespielt hat, ist er im Alter von 59 Jahren schließlich mit dieser Rolle des Teufels eins geworden.

„Hier, sehen Sie.“ Er hat sich gedacht, dass ich ihn vielleicht nach seinen Lieblingsfilmen fragen könnte, also hat er seine Hausaufgaben gemacht und sie aufgeschrieben. Er kauert über seinem Notizblock und liest mir die Titel vor: Putney Swope, The Pawnbroker, The Ox-Bow Incident. „Haben Sie Dirty Little Billy gesehen?“, fragt er und schielt zu mir hoch. „Mit Michael J. Pollard, kam zur gleichen Zeit raus wie McCabe Mrs Miller.“

Musik war seine erste Liebe

Waits ist ein echter Film-Freak, aber die Schauspielerei sei für ihn eigentlich immer nur eine Nebensache gewesen, sagt er. Obwohl er das Glück hatte, mit Leuten wie Francis Ford Coppola und Robert Altman, Jim Jarmusch und Terry Gilliam zu arbeiten, war die Musik für ihn stets wichtiger – seine erste große Liebe. „Eigentlich wünscht man sich, dass die Musik diese Liebe erwidert. Man möchte sich geborgen fühlen und Teil dieser Symbiose, dieser Metamorphose sein, wie immer man das auch nennen will. Ich habe mir immer vorgestellt, dass, wenn ich es in der Musik weit bringe – ich meine, wirklich weit –, ich als alter Mann an einem Schulhof vorbeigehen und hören könnte, wie die Kinder meine Lieder singen, während sie übers Springseil hüpfen oder schaukeln“, sagt er. „Mehr kann man nicht erreichen.“

Ist das seine Motivation? Das Streben nach Unsterblichkeit? „Zu einem gewissen Grad sicher. Man will, dass man weiterlebt, denn schließlich ist das irgendwie so, als gewänne man dadurch zusätzliche Zeit.“ Er sieht auf seinen Zettel. „Nun, was halten Sie von Zatoichi – Der blinde Samurai?“

Waits’ Eltern waren keine Zirkusartisten, sondern Lehrer in Pomona, einer kalifornischen 150.000-Einwohner-Stadt. Er selbst meint, er sei ein merkwürdiger Junge gewesen. Er sei etwas überspannt gewesen, habe viel gelesen und sich vor unbekannten Geräuschen gefürchtet. Die Schule war nicht so sein Ding. Er sei nicht gern jung gewesen, erzählt er. Lieber schlurfte er mit Hut und Stock seines Großvaters durch die Gegend.

Später verfiel er Charles Bukowski und der Beat Generation. Er trieb sich mit den gescheiterten Existenzen von Downtown L.A. herum. Ihn habe die „große amerikanische Einsamkeit“ fasziniert – eine Einsamkeit, die sich von Küste zu Küste erstreckt, unfassbar und mysteriös wie Bodennebel. „Das alles kam von Bukowski und Kerouac“, erinnert er sich. „Mir hat immer die Vorstellung gefallen, dass Amerika eine große Fassade ist. Wir alle sind Insekten, die über die glänzende Motorhaube eines Cadillac kriechen. Wir schauen uns alle den Lack an, aber keiner kratzt ihn ab, um zu sehen, was sich darunter verbirgt.“

Das Klavier in der Küche

Die ganzen Siebziger Jahre hindurch erlebte Waits den Nebel hautnah. Er lebte im heruntergekommenen Tropicana-Motel, wo er sein Klavier in die Küche stellte und seine Songideen bei den alten Männern aufschnappte, die unten in der Lobby saßen. „Sie kennen das. Ein Schriftsteller weiß, dass die Geschichten nicht zu ihm kommen, sondern dass er sie suchen muss. Bei den alten Männern in der Lobby: da sind die Geschichten. Als mich die Plattenfirma dann auf Tour schickte, habe ich mich immer geweigert, in den üblichen Hotels abzusteigen. Ich bin aus dem Bus ausgestiegen und habe nach den Hotels gesucht, die nach Präsidenten benannt sind.“ Diese, so Waits’ eigenwillige These, gewährleisteten nämlich eine gewisse schmuddelige Authentizität. Begeistert erwähnt er das „Taft“, benannt nach William Howard Taft, dem 27. Präsidenten der USA. „Du konntest in jeder Stadt ein Taft finden. Bringen Sie mich zum Taft! Du gehst rein und da sitzen sie – die alten Männer in der Lobby.“

Waits’ musikalisches Schaffen lässt sich in zwei Phasen einteilen. Die Lieder auf den frühen Platten arrangierten sich quasi von selbst, wie Gäste am Tresen einer schäbigen Lounge Bar. Es waren schummerige, jazzige, in Bourbon eingelegte Stücke. Sie erzählten Geschichten von Verlust, Sehnsucht und halben Chancen, aus denen nie wirklich etwas wurde.

Mit der 1983er-Platte Swordfishtrombones setzte eine eigentümliche Veränderung ein und den Barflys wuchsen Flügel. Sie begannen, auf die Lampenschirme einzuhämmern. Sie lernten Rumba, Gospel und Delta-Blues, wurden wilder, vielschichtiger und radikaler. Ich gebe zu, dass ich die alten Songs auch mag. Aber es ist zu spät, sie sind dahin, verleugnet wie unliebsame Verwandte. „Sie sind mir peinlich“, sagt Waits. „Damals versuchte ich, meinen Platz im Geschäft zu finden. Ich war dabei herauszufinden, wer ich war und wo es Berührungspunkte zwischen dieser Person und der Welt des Kommerzes gab.“

Urplötzlich ist Waits wieder bei seinem Schreibblock. „Cantinflas“, sagt er und beugt sich weit vor. „Kennen Sie Cantinflas?“ Mexikos Antwort auf Charlie Chaplin, ein legendärer Schauspieler und Komiker. Waits’ Vater liebte ihn. „Der war was Besonderes! Seine Haare und sein Gang – im Rückblick wird mir klar, dass ich mir viel bei ihm abgeguckt habe.“

Der Anstoß zur Veränderung im Leben von Tom Waits kam von seiner Frau. Er traf Kathleen Brennan 1980, als sie gerade als Drehbuchberaterin für Francis Ford Coppolas Musical-Film One from the Heart (Dt: Einer mit Herz) arbeitete. Sie riss ihn aus seinem Trott. Ohne sie, sagt er, würde er heute wohl in einem Steakhouse spielen. „Sie hat mich gerettet. Vielleicht habe ich auch sie gerettet – das läuft schließlich oft so“, sagt er. „Fest steht jedenfalls, dass wir gemeinsam in einem leckenden Boot gelandet sind. Vielleicht sind wir zu schwer und das Ding geht unter. Sorry, Baby! Aber andererseits sind wir zu zweit und verfügen über die doppelte Phantasie, um die Löcher wieder zu stopfen.“

"Ich bin nur die Galionsfigur"

Seine Frau habe in der Beziehung die Hosen an, räumt Waits ein. „Jeder weiß, dass sie der Kopf hinter Pa ist. Ich bin nur die Gallionsfigur. Sie ist diejenige, die das Steuerrad in der Hand hält.“ Und die beiden den ganzen Weg von Downtown L.A. in ein Haus in den Bergen von Nord-Kalifornien steuerte. Brennan half Waits, sein Leben in den Griff zu bekommen. Er hörte auf, zu rauchen und zu trinken. Sie zogen gemeinsam drei Kinder groß, die nun fast erwachsen sind, auch wenn Waits der Ansicht ist, dass niemand je wirklich erwachsen wird, sondern sich „lediglich verändert“.

In der Zwischenzeit hat er immer neue Alben gemacht, auch wenn er nicht mehr ganz so produktiv ist wie früher. Das 2004er-Album Real Gone war seine letzte Platte mit neuem eigenem Material. Seit dem brachte er Orphans heraus, eine Sammlung von bis dato unveröffentlichtem Material und Neubearbeitungen alter Songs. Am 20. November kommt nun sein neues Doppel-Live-Album Glitter and Doom auf den Markt. „Ich bin fast sechzig“, sagt Waits. Es klingt ein wenig erstaunt. „Wahrlich ein alter Mann. Ich werde Ihnen dann von der anderen Seite schreiben und sagen, wie es da ist.“

Bleibt uns Zeit für einen letzten Blick auf seinen Notizblock? Ja, natürlich. Waits liebt Toby Damnit, ein Kurzfilm von Fellini, und die Anfangsszene von Spiel mir das Lied vom Tod, wo die kleine Windmühle sich dreht und „Weaargh! Weaargh!“ macht. Er liebt Central Station und City of God, all die neuen Filme aus Südamerika. Ich erzähle ihm von Tony Manero, einer schwarzen Komödie aus Chile, die vor ein paar Monaten in die Kinos gekommen ist. Ihm gefällt, was er da hört und er schreibt sich prompt den Titel auf seine Liste.

„Wissen Sie, welches einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist? Wenn ich mit meinen Kindern zuhause bin und frage: Was wollt ihr sehen? Dann sagen sie: „Ah Dad, nicht Schweinchen Babe in der großen Stadt! Aber ich liebe diesen Film. Ich könnte ihn mir immer wieder ansehen.“ Ich sage Waits, dass mir auch die Fortsetzung von Ein Schweinchen namens Babe gefällt. Gab es da nicht eine Szene in einem Labor? Ein tragischer Orang-Utan, der seinen Käfig nicht verlassen konnte, weil er nicht richtig angezogen war? „Oh ja, ich weiß“, stöhnt Waits und hebt eine Hand, als wolle er böse Geister abwehren. „Oh mein Gott, hören Sie auf!“ Scheinbar versetzt nichts seinem Herzen einen größeren Stich als ein Affe, der zu lange unter Menschen gelebt hat.

Er hat den Schlüssel noch

Ich frage ihn, ob er manchmal wehmütig an die wilden Jahre zurückdenkt, als er im Tropicana gelebt hat und in Hotels abgestiegen ist, die Taft hießen. „Ich könnte nicht sagen, dass ich es vermisse“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Wir alle müssen uns unseren Weg durch die Kartoffel fressen. Wie heißt es so schön: In der Hölle hilft nur eins: einfach weiterlaufen. Schau nie zurück, sonst holen sie dich ein.“

Was mache es schon für einen Unterschied, fragt er, ob er noch im Tropicana Hof halte oder nicht? Die Welt habe sich verändert, aber nicht vollständig. Es gebe immer noch dunkle Löcher, die erkundet werden wollen, sagt Waits. Man müsse nur wissen, wo man sie suchen muss. Nichts hindere ihn daran, eine Nacht draußen auf den Gleisanlagen zu verbringen. Und wenn er noch einmal im Taft einchecken wollte, so könnte er auch das. „Ich hab den Zimmerschlüssel noch“, gesteht er. „Ich kann zurück, wann immer ich will.“ An diesem Punkt bricht Waits in ein heilloses Gegacker aus. „Das ist der Schlüssel“, sagt er. „Der Schlüssel ist der Schlüssel!“

Im Mai 2008 tauchte ein Clip auf Youtube auf, der Tom Waits bei einer vermeintlichen Pressekonferenz zeigte. Knapp dreieinhalb Minuten lang wird man Zeuge einer absurden Perfomance. Waits lacht meckernd in die Kamera, brabbelt vor sich hin und präsentiert schließlich eine Karte mit den Auftrittsorten seiner geplanten Live-Tour Glitter and Doom. Der Tourverlauf orientiere sich an einem Sternbild, sagt Waits. Erst als der Musiker aufsteht, erkennt der Zuschauer, dass Waits der einzige Mensch im Raum ist und das Journalisten-Gemurmel von einer Platte kommt. Knapp eineinhalb Jahre später erscheint nun am 20. November ein Doppel-Live-Album, das die Höhepunkte der ausverkauften Live-Tour versammelt. Auf der ersten CD finden sich 17 Songs, heiser hingeröhrt, mit dieser typischen Waits-Stimme, die ahnen lässt, dass ihr Besitzer viele einsame Stunden mit Whisky-Flaschen verbracht hat. (Eine kostenlose MP3-Probe gibt es hier.) Die zweite CD heißt Tom Tales und versammelt Ansprachen zwischen den Songs, Geschichten und Skurriles, von Insektenritualen bis zum letzten Atemzug Henry Fords. Waits zeigt sich hier einmal mehr nicht nur als eigenwilliger Musiker, sondern vor allem als großer Geschichtenerzähler. Vor dem Erscheinen des Albums hat er nun noch eine weitere narrative Form entdeckt: Er twittert. Dabei zeigt er sich auch als Meister der kleinen Form. Eine seiner 140-Zeichen-Weisheiten: Ein Gentleman ist jemand, der Akkordeon spielen kann es aber nicht tut. jap

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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00:00 07.11.2009
Geschrieben von

Xan Brooks, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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