Der Anti-Gandhi

Indien Bei der Parlamentswahl könnte der radikale Hindu-Nationalist Narendra Modi triumphieren und das Land polarisieren
Jason Burke | Ausgabe 16/2014 10
Der Anti-Gandhi
Narendra Modi kann religiösem Pluralismus und damit der indischen Realität nicht viel abgewinnen

Foto: Prakash Singh/ AFP/ Getty Images

Narendra Modi schreitet zum Rednerpult. Noch immer überqueren Tausende den offenen Platz rund um den Ort des Wahlmeetings, während Zehntausende die lange Straße bevölkern, die von den Feldern her führt, und nach vorn drängen. Vor der Bühne, die auf diesem Ödland außerhalb der nordindischen Stadt Meerut aufgebaut ist, sind einzelne Sektoren mit Bambuszäunen abgesperrt. Polizei und Ordner von Modis Volkspartei, der Bharatiya Janata Party (BJP), weisen Spätankömmlinge ab. Doch das erfahren nur jene, die ganz vorn im Gedränge stehen. Wer weiter hinten auf ein Durchkommen hofft, beschleunigt den Schritt, als die Stimme des Mannes zu hören ist, der sie fasziniert. Anders als die meisten indischen Politiker ist Modi pünktlich – seine Kundgebungen beginnen selten verspätet. „Als ich mit dem Hubschrauber über euch hinwegflog, sah es aus, als befinde sich unter mir ein Meer aus Safran“, begrüßt er die Menge. Safrangelb ist die Farbe seiner BJP und vom Hinduismus nicht zu trennen. Die Menschen jubeln – ein gutturales Geräusch, es sind überwiegend Männer, die Modi sehen wollen. Sie kommen aus Meerut, einer heruntergekommenen und konservativen Stadt, umgeben von anderen konservativen Städten. Nachzügler drängen weiter nach vorn, einige durchbrechen den Zaun aus Bambusrohren und fallen in die abgesperrten Zonen ein. BJP-Ordner heben die Schlagstöcke wie sonst nur die Polizei. Modi lässt sich vom Gewühl vor seiner Bühne nicht stören und redet vom historischen Vermächtnis Meeruts, das bis in die Zeit des Aufruhrs von 1857 gegen die britische Kolonialherrlichkeit zurückreiche. Darum habe die Kommune heute ein besseres Dasein verdient

„Wir haben in Modi einen Führer, der unser Land voranbringen will“, sagt der 19-jährige Sakshan Shukla aus Meerut, der gemeinsam mit seinem Bruder früh aufgebrochen ist, um sich einen Platz an der Bühne zu sichern. „Einen Anführer, der vor den Gefahren beschützt, die uns bedrohen, und der uns stark macht. Ich bin gekommen, um einen solchen Mann zu hören.“

Eigensinnig und rebellisch

Seit am 7. April der Sechs-Wochen-Wahlzyklus begonnen hat, wird spürbar, dass sich Indien an einem entscheidenden Punkt befindet. Der 63-jährige Modi liegt in den Umfragen vor dem 43 Jahre alten Rahul Gandhi, der nicht nur zur ersten Familie des Landes gehört, sondern für die regierende Kongresspartei Premierminister werden will. Die Konkurrenz zwischen Modi und Gandhi zerreißt die indische Gesellschaft in zwei Lager, die verfeindeter kaum sein können. Modi nennt sich stolz einen „Hindu-Nationalisten“ und favorisiert eine radikale Reform der erlahmenden Wirtschaft. Gandhi hält an linker Verteilungsgerechtigkeit fest, glaubt an religiösen Pluralismus und das Erbe seines Urgroßvaters, Jawaharlal Nehru, des ersten Regierungschefs nach der Unabhängigkeit von 1947.

In der BJP ist man überzeugt, der polarisierende Modi führe die Partei zu einem klaren Sieg. Die Gegenseite wirft ihm vor, ein Demagoge zu sein, der Menschen aufhetze. Doch das berührt die BJP-Strategen wenig. Sie halten die Zeit für reif, ein Jahrzehnt der Kongress-Dominanz zu beenden und die Macht der Nehru-Gandhi-Dynastie zu brechen. Es kämpft der Außenseiter Modi gegen den Insider Gandhi, es jagt ein religiöser Sektierer den weltläufigen Säkularen, ein Radikaler den Versöhnler – Beobachter sprechen von der wichtigsten Wahl seit der Staatsgründung.

Narendra Modi stammt aus der staubigen Tempelstadt Vadnagar im westindischen Staat Gujarat. Seine Familie gehörte der Kaste der Ghanchi an und stand damit in der sozialen Hierarchie, die in Indien noch immer den Status bestimmt, ganz weit unten. Geld war knapp, sodass Modi in seiner Kindheit am Teestand des Vaters aushelfen musste, bevor er in die staatliche Schule ging. Dort soll er weder ein herausragender Schüler noch besonders kontaktfreudig gewesen sein. „Man erlebte ihn als anspruchsvoll, eigensinnig und rebellisch“, schreibt sein Biograf Nilanjan Mukhopadhyay.

Ende der sechziger Jahre tobten in Indien heftige ideologische Kämpfe. Sie ließen den elfjährigen Modi nicht unberührt. Er ging bereits zu Treffen des Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), einem hochdisziplinierten Netzwerk, das sich einer nationalistischen und traditionalistischen Zukunft Indiens verschrieben hatte. Als Modi später die Universität verließ, wurde er prompt ein „Pracharak“, ein RSS-Vollzeitaktivist, der sich zu einem zölibatären und vegetarischen Leben verpflichtete. Eine früh arrangierte Hochzeit wurde stillschweigend annulliert. Modis Job bestand zunächst darin, die Büros der Organisation zu putzen. Er tat es mit Hingabe, arbeitete hart und stieg schnell auf.

Nachdem Mahatma Gandhi 1948 von einem Hindu-Fanatiker ermordet worden war, blieb der RSS längere Zeit verboten. Ein zweiter Ausschluss vom politischen Leben folgte in den Siebzigern, als Rahul Gandhis Großmutter Indira das Land führte (in jener Zeit ging Modi in den Untergrund). Ein drittes Verbot wurde verhängt, als Hindu-Extremisten 1992 eine Moschee auf einem umstrittenen Grundstück in der nördlichen Stadt Ayodhya zerstört hatten. Zu diesem Zeitpunkt war Modi freilich schon zur Janata-Partei übergewechselt, die dem RSS zwar ideologisch nahestand, organisatorisch aber von ihr getrennt blieb. Im Jahr 2001 übertrumpfte er schließlich einen BJP-Rivalen, um Ministerpräsident seines Heimatstaates Gujarat zu werden.

Da sich Modi derzeit um das Amt eines indischen Premiers bewirbt, wird die zwölfjährige Regierungszeit in Gujarat intensiv durchforscht. Seinerzeit wuchs die Wirtschaft des Bundesstaates um das Dreifache. Internationale Firmen standen Schlange, um investieren zu können. Es wurde mehr als je zuvor aus Gujarat exportiert. Doch weder dieser Aufschwung noch Modis diktatorische Obsessionen sind es, die man rekapituliert. Vielmehr ist es die ihm zur Last gelegte Gewalt – es geht um schwere Unruhen, die 2002 in Gujarat ausbrachen. Als 59 Hindu-Pilger beim Brand eines Zuges starben, wurden Tausende Muslime bei einem Pogrom getötet oder vertrieben. Modi, der kurz zuvor in Gujarat die Macht übernommen hatte, erklärte jüngst, wie „schmerzlich“ dies alles für ihn gewesen sei. Doch wollte er sich nicht dafür entschuldigen, beim Schutz der muslimischen Minderheit versagt zu haben. Bis heute wird kolportiert, er habe die von Hardlinern aufgepeitschten Hindus nicht nur gewähren lassen, sondern angespornt.

Politische Gegner Modis verweisen auf die Geschehnisse von 2002, um zu verdeutlichen, wie hoch das Risiko konfessioneller Gewalt im Falle eines Wahlsieges sein werde. Viele Inder – nicht nur Muslime – fühlen sich einer toleranten, pluralistischen Vision ihres Landes verbunden und glauben, Modi werde sie zerstören.

Tempel oder Toiletten

Für Millionen Andere hinterlässt, was 2002 geschah, dagegen keine Zweifel an Modis Führungsanspruch, sondern bestätigt ihn. Sie vertreten eine von dem RSS getragene nationalistische und konservative Weltsicht. Vorfälle wie die Massenvergewaltigung und Ermordung einer 23-jährigen Frau in Delhi Ende 2012 gelten ihnen als Zeichen moralischer Dekadenz und des verheerenden Einflusses westlicher Kultur. Die Grenzen von „Bharat“ – so die aus dem Sanskrit stammende Bezeichnung, die RSS-Aktivisten für ihr Land verwenden – sollten Afghanistan, Pakistan, Tibet, Bangladesch und Burma umfassen. Rajendra Agrawal, einer der RSS-Veteranen, meinte, Indien habe drei Probleme: „Korruption, Inflation und die Muslime.“ Und Modi habe auf alles eine Antwort und betone dabei, die Botschaft des Hinduismus sei eine des Friedens und der Toleranz. Eines Tages werde man sich aber „mit der islamischen Aggression“ befassen müssen.

Die Schlüsselfrage lautet, ob sich Modi von solchen Hardlinern entfernt hat. Und wenn ja, wie weit. Man weiß nur, die pragmatische, unternehmerfreundliche Haltung des Kandidaten passt nicht zur traditionellen Autarkie der nationalistischen Empörer. Es kam im RSS zudem nicht gut an, als Modi sagte, Indien müsse erst einmal Toiletten bauen und dann Tempel.

Beim Meeting am Rande von Meerut verzichtet er auf diese Pointe, hier changiert seine Rede zwischen Vertrauensseligkeit und Wut über die Verhältnisse, was bei großen Menschenmengen immer zieht.

Promenieren und plaudern

In dieser Stimmung kommt er auf Meerut zu sprechen. Eine Stadt, die vernachlässigt wurde. „Habt ihr 24 Stunden am Tag Strom? Könnt ihr den Ventilator einschalten, wenn euren Müttern nicht wohl ist? Könnt ihr das Licht anschalten, wenn eure Söhne für Prüfungen lernen? Was tut eure Regierung? Warum erhält Meerut keinen Bahnanschluss und keinen Flughafen? Was hat eure Stadt verbrochen?“, donnert Modi. Der Menge entsteigt ein zustimmendes Grummeln. „Glaubt ihr, dass eure Schwestern und Mütter sicher sind? Glaubt ihr, dass eure Töchter ausgehen und mit den Worten zurückkommen: ‚Heute hat mich niemand belästigt‘? Statt an eure Sicherheit zu denken, werden im indischen Staat Terroristen und Kriminelle belohnt.“

Erneutes Grummeln, Applaus, Jubelrufe. Und so geht es weiter – eine Stunde lang. Wieder kommen Gewaltverbrechen und die Jugendarbeitslosigkeit zur Sprache, außerdem die Bestechungsgelder, die für sichere Jobs verlangt werden. Dann folgt unvermittelt eine heftige Attacke auf die Kongresspartei. Zunächst zitiert Modi Rahul Gandhi. Der hatte kurz zuvor bei einem Wahlmeeting gesagt, seine Mutter Sonia, die auch Parteipräsidentin, Vorsitzende der Regierungskoalition und Witwe eines ermordeten Premierministers ist, habe ihn weinend gewarnt, die Macht sei „ein Gift“.

„Wer war die längste Zeit der letzten 60 Jahre an der Macht?“, erhebt Modi die Stimme. „Wenn die Macht ein Gift ist, wer hat dann am meisten davon aufgenommen? Wer hat den Bauch voller Gift? Es ist die Kongresspartei, die teilt und herrscht, die eine Religion gegen die andere und einen Bundesstaat gegen den anderen ausspielt und das Land zerbricht.“ Es folgt eine effektvolle Pause, bis Modi ruft: „Die Zeit läuft ab. Versprecht mir, dieses Land zu verändern. Ballt die Fäuste. Gebt eure Stimme für Indien!“

Tage später erscheint Modi bei einer High-Society-Hochzeit in einem Fünf-Sterne-Hotel mitten im Diplomatenviertel von Delhi. Hier sind Minister des Kabinetts, Chefminister der Bundesstaaten, BJP-Honoratioren, millionenschwere Geschäftsleute, Akademiker und Kolumnisten versammelt, um zu essen, zu trinken und zu plaudern.

Modi wirkt hier kleiner und gedrungener als auf seinen Wahlkampfbühnen. Onkelhaft und etwas zerstreut begrüßt er Braut und Bräutigam und bahnt sich dann einen Weg durch die Gäste – vor ihm ein kleiner Schwarm zurückrudernder Bittsteller. Ein Botschafter stellt seine juwelenbehängte Frau vor und beteuert, er freue sich, dass sein Land „ein lieber Freund Indiens“ sei. Modi nickt gnädig und zieht weiter, unterhält sich mit einem Medienmogul und hebt kurz die rechte Hand, als wolle er den Himmel beschwören. Es folgen ein Gruppenfoto mit reiferen Damen und das Posieren mit einem Teenager für ein Selfie.

Bald entschuldigt sich der honorige Gast und schreitet zielstrebig im Kordon seiner Leibwächter durch die Hotellobby, um schließlich in einer kühlen indischen Aprilnacht zu verschwinden.

Jason Burke ist Indien-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman/ Holger Hutt

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06:00 21.04.2014
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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