Dan Kennedy, The Guardian
28.10.2009 | 18:00 39

Der Anzeigen-Alptraum

Medienkrise Die Leser tauschen ihre Zeitungsabos massenhaft gegen die Lektüre im Internet ein. Warum nur folgen ihnen die Werbekunden nicht?

Wenn Sie mir vor fünf Jahren gesagt hätten, dass der Zeitungsmarkt im Jahr 2009 möglicherweise in seine finale Phase eintreten würde, wäre ich vermutlich nicht allzu überrascht gewesen. Schließlich sind wir am Ende einer Entwicklung angekommen, die seit 25 Jahren andauert. Anfang der 80er schmunzelten die TV-Nachrichtensprecher noch, wenn sie Berichte über die Absurdität digitaler Nachrichtenverbreitung anmoderierten.

Wenn sie mir gleichzeitig gesagt hätten, lediglich ein kleiner Teil der Werbekunden würde aus der Zeitung ins Internet wandern, wäre mir allerdings der kalte Schweiß ausgebrochen. Vor fünf Jahren war ich noch recht optimistisch und stellte mir einen mehr oder weniger reibungslosen Übergang in eine kostenfreie, anzeigengestützte Online-Zukunft vor. Doch ich sollte mich irren. Und auch wenn die Lage sich möglicherweise noch verbessert, so sieht doch gegenwärtig alles danach aus, als könnte Internet-Webung nie genügend Gewinn einspielen, um uns das Goldene Zeitalter zurückzubringen.

Am Montag gab es in der New York Times zwei Nachrichten, an denen man viel über den Zustand des Nachrichtenwesens ablesen kann. Die größte Aufmerksamkeit erhielt ein Bericht über die Auflageneinbrüche bei den US-Zeitungen, denn hier waren große, furchteinflößenden Zahlen zu lesen. Der Bericht, in dem es um Werbetrends ging, dürfte allerdings auf lange Sicht von größerer Bedeutung sein.

Aber zunächst zu den Auflagen. Den Zahlen des marktführenden Audit Bureau of Circulation (ABC) zufolge sind die Auflagen der amerikanischen Tageszeitungen in den sechs Monaten bis zum 30. September im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 10,6 Prozent zurückgegangen. Die Zahlen für Boston waren ganz besonders bitter, was zum einen an der ausgesprochen guten Internet-Infrastruktur und zum anderen an den horrenden Preise unserer beiden Tageszeitungen – des renommierten Globe und des Boulevardblatts Herald – liegen könnte.

Laut ABC ist die Auflage des Globe wochentags um mehr als 18 Prozent auf 264.000, und an Sonntagen um beinahe 17 Prozent auf 419.000 zurück gegangen. Die Wochentags-Auflage des Daily Herald sank um über 17 Prozent auf 138.000, die Sonntagausgabe um 5 Prozent auf 96.000. Ruft man sich in Erinnerung, dass der Globe in den 1980ern wochentags mehr als 500.000 und sonntags mehr als 800.000 verkauft hat und die Auflage des Herald mindestens doppelt so hoch war wie heute, dann wird deutlich: Die Printausgaben befinden sich im freien Fall.

Dies wäre an sich nicht weiter schlimm, gäbe es da nicht noch die andere Seite der Gleichung. Denn wie die meisten anderen Zeitungen auch ziehen Globe und Herald das Interesse vieler Online-Leser auf sich. Nach Angabe von Compete.com brachte es die Globe-Seite Boston.com im September auf 5,2 Millionen Unique Visitors, und Boston.Herald.com auf 1,3 Millionen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass jeden Monat 74 Millionen Menschen die Website einer Zeitung besuchen. Aber nach Jahren des Wachstums, könnte sich die Online-Werbung nun zu einem Zeitpunkt von den Zeitungen abwenden wo sich für die Verleger zum ersten Mal das mit großer Hoffnung erwartete Ende der Rezession andeutet.

Ebenfalls am Montag schrieb Stephanie Clifford in der New York Times, Werbekunden erachteten die Online-Auftritte von Zeitungen zunehmend als zu teure Werbeplätze, die für sie nur noch für bestimmte hochwertige Produkte, nicht aber für das alltägliche Anzeigengeschäft in Frage kämen. Da spielt es wohl kaum eine Rolle, dass Anzeigen im Internet im Vergleich zu Print-Anzeigen lediglich Cent-Beträge kosten. Im Netz gibt es immer etwas, was noch billiger ist. In diesem Fall Netzwerke, die die Anzeigen auf einer ganzen Reihe von Seiten schalten.

Die Wahrheit ist jedenfalls, dass, obwohl das Aufkommen an Internet-Werbung in den USA in diesem Jahr voraussichtlich um 9,2 Prozent auf 54 Milliarden Dollar ansteigen wird, sie bei vielen Zeitungsverlagen zurückgeht. „Ein ernüchternder Trend für alle Geschäftsführer von Zeitungsverlagen, die einmal gehofft hatten, die Gewinne aus der Online-Werbung könnten die Rückgänge im Print-Geschäft wettmachen“, schreibt Clifford.

In einem Video-Interview für den soeben erschienenen Technorati-Bericht State of the Blogoshere 2009, fragt sich sogar Dan Gillmor, der enthusiastische Fürsprecher von neuen Formen des Online-Journalismus und Autor des Buches We the Media, ob die Internet-Werbung sich jemals rechnen werde. Über die Frage, ob es am Ende einen Markt geben wird oder nicht, werde in den kommenden Jahren bestimmt noch einiges zu berichten sein, so Gillmor.

Da verwundert es nicht, dass gegenwärtig den journalistischen Non-Profit-Modellen viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Wie Clay Shirkey und andere argumentiert haben, könnten wir am Ende einer Ära angekommen sein, die mit dem Aufstieg der Penny-Press genannten Boulevard-Presse in den USA der 1830er Jahre ihren Anfang nahm – einer Zeit, in der die Anzeigenkunden aus Mangel an alternativen Werbeträgern die Zeitungsbesitzer mit so viel Geld überschütteten, dass diese gar nicht anders konnten, als dieses teilweise in die Redaktionen zu stecken, nachdem ihre eigenen Taschen so voll waren, dass nichts mehr hineinpasste.

Die Anzeigenkunden brauchen die Zeitungen nicht mehr, zumindest bei weitem nicht mehr in dem Maße, wie dies einmal der Fall war. Die Zeitungen hingegen brauchen die Anzeigenkunden. Wie wird dieses existentielle Dilemma gelöst werden? Um Gillmore zu zitieren – ein Thema, das uns in Zukunft noch viel beschäftigen wird.

Dan Kennedy lehrt Journalismus an der Northeastern University in Boston und bloggt auf Media Nation

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (39)

Jakob Augstein 28.10.2009 | 20:49

Ja, das ist alles richtig. Und das ist alles in der Tat ein Riesenproblem.

Und zwar nicht, weil die tollen Renditen der Vergangenheit wegfallen. Im Zeitungsgeschäft wurde tatsächlich früher irre viel Geld verdient. Dumm und dusselig haben sich die Zeitungsbarone der Vergangenheit verdient. Darum ist es nicht schade.

Man braucht auch all dies Geld nicht für guten Journalismus. Es muss nicht immer die Ausstattung des Spiegel in den 80er oder die der SZ zu Beginn des neuen Jahrtausends sein. Es geht auch mit weniger.
Und wenn die Eigentümer und Gesellschafter weniger überwiesen bekommen, wird es außer ihnen selbst auch niemanden geben, der das bedauert.

Die Krise ist aber viel ernster. Ohne die vielgescholtene Anzeigenindustrie - auch und gerade von Freitag-Lesern viel gescholten! - fehlt den Medien in Wahrheit ihr Standbein. Die Angebote werden teurer. Man sieht es jetzt schon bei vielen monatlichen Printtiteln, die für acht, neun, zehn Euro verkauft werden, weil sie sich weitgehend ohne Anzeigen rechnen müssen. Und man wird es im Internet sehen.

Wir hatten die Debatte ja bereits. Es ist eine Kulturdebatte. Und ich widerspreche heftig allen Usern, die glauben, auf Dauer im Netz Qualität für lau erwarten zu dürfen. Und ich widerspreche auch jenen, die glauben, das Netz komme auf Dauer ohne Institutionen aus, sei selbsttragend, frei im eigentlichen Sinne. Das stimmt bis zu einem gewissen Punkt. Aber dann sind wir noch nicht beim Qualitätsjournalismus angelangt, noch nicht dort, wo die Presse die Kontrollfunktion in der Demokratie ausübt. Das wird das Netz nie aus sich selbst heraus können. Dazu braucht es die Verlage, die Marken, die Institutionen. Mark my words!

JA

Ludwig Hasselberg 28.10.2009 | 22:33

Mal eine Frage: gilt der Satz mit dem gescheffelten Geld eigentlich auch für die Nachkriegsmedien? Für die Zeit davor ist wäre mir ja z. B. Hugenberg durchaus ein Begriff. Und für die früheren guten Erlöse spricht wohl auch die Tatsache, dass man auch Lyrik und Belletristik druckte, dass Zeitungen für Schriftsteller ernsthafte Einkommensquellen sein konnten. Aber solch goldene Zeiten sind wohl schon richtig lange vorbei.

mh 28.10.2009 | 22:53

das thema institutionen ist denke ich so zu behandeln, dass es institutionen zwar durchaus braucht, sie aber nicht in der bisherigen erscheinungsweise funktionieren und bestehen werden. d.h. auch institutionen werden vollkommen neue konstrukte sein.

was die werbung betrifft, ist die wahrheit vielschichtiger als im artikel dargestellt. in einer zeitung kann man einfach eine seite buchen und absolut jeder der diese zeitung dann kauft, wird diese seite sehen. mal kürzer oder mal länger.. aber die wahrnehmungsrate ist extrem hoch.

im internet hingegen hat man diese kleinen bannerchen oder auch diese nervigen overlays und all diesem kram. ich blende diesen schrott per adblock einfach aus. dieser ewige newsletterspam, dem man sich ausgeliefert sieht, kann man mühselig abbestellen (den von neckarmann bekomm ich btw. nicht los) und ansonsten gibt es anti-spam-filter.

d.h. wer will, der bekommt die werbung erst gar nicht mit. bei vielen ist das aber nicht der fall, also gibt es durchaus eine zielgruppe. als besonders effektiv hat sich dabei aber lediglich virales marketing erwiesen. ansonsten kann man halt brandingkampagnen laufen lassen, die haben eh so ihre streuverluste.

und virales marketing ist immer mit einem hohen risiko behaftet. komischerweise fragt sich nur absolut gar niemand mehr, was mich als kunde wirklich interessiert. werbung im internet ist fast immer nur das spiel der verkündung.

statt das mal einer bspw. beim freitag her geht, nen batzen geld auf den tisch knallt und über den freitag, für dessen leser, diverse events veranstaltet .. man könnte bsp. locker das patenschaftsmodell dahingehend umgestalten, dass einfach mal ein werbepartner einen monat lang die kosten für die community übernimmt und dann bekommt der da oben sein extra kästel. der freitag widmet jeden tag einen beitrag diesem partner. das ist dann der redaktionelle beitrag des tages, gefördert von xy (nicht über das unternehmen sondern einfach ganz normale redaktionsarbeit).

das sind alles so ansätze die eher unaufdringlich sind, die etwas vermittelndes an sich haben und solang der freitag defizitär arbeitet ist das ja fast schon eine wohltat an der community.

solche ansätze braucht das internet, in diese mitmach-ecke und förderecke hin muss es sich weiterntwickeln. da muss einfach mehr getan werden, es muss anders getan werden. aber wenn das klappt, wenn das gut gemacht ist, dann hat das viel bessere effekte auf den user als einfach nur ein banner. und dann verdient man auch viel mehr geld damit.

also nicht nur der journalismus, auch diese ewig arroganten werber müssen sich endlich mal weiterentwickeln. also nicht im bereich flash (was ohnehin ein verbrechen an der menschheit ist). :P

mfg
mh

Streifzug 28.10.2009 | 23:10

"Aber dann sind wir noch nicht beim Qualitätsjournalismus angelangt, noch nicht dort, wo die Presse die Kontrollfunktion in der Demokratie ausübt. Das wird das Netz nie aus sich selbst heraus können. Dazu braucht es die Verlage, die Marken, die Institutionen."

Wenn man mal in Ruhe darüber nachdenkt, sieht es etwas anders aus.

Die Presse hat das Recht, die Kontrollfunktion in der Demokratie auszuüben, an Werbekunden verscherbelt. Darum ist sie nun abhängig von undemokratischen Strukturen und kann sich auf demokratischem Weg, über den Verkauf an die Bürger der Demokratie, nicht mehr finanzieren.

Die Medien, die sich als Erste wieder, egal ob off- oder online ausschließlich durch den Verkauf an "Leser" finanzieren können, verdienen es demokratisch genannt zu werden.

Die Institutionen sorgen dafür, dass auch ein Trottel König werden kann, ohne die Monarchie zu gefährden. Oder Angela Kanzlerin.

mh 29.10.2009 | 00:59

das recht, als vierte macht zu fungieren, ergab sich doch seinerzeit aus der monopolstellung bei der verbreitung von meinung und recherchiertem.

dieses monopol ist gefallen und der markt wird sich komplett neu finden müssen. das thema vierte gewalte ist ein eher hinten dran stehendes .. mE wird es nicht in der alleinigen hand der medien verbleiben, zumal momentan der frust der bürger, also auch der leser, doch recht hoch ist.

mfg
mh

Avatar
steinmain 29.10.2009 | 01:49

Och, ich denk das die sich auch mit weniger dicken Renditen aus Anzeigen ihres Lebens freuen werden, der Beruf des Schreibers ist von Natur aus brotlos, ich schreib ja hier auch teilweise Sachen ganz umsonst, nur um die Leute mit meinem Geschreibe zu erfreuen, wenn sich ne Mehrheit ergibt, die das nicht mag hör ich gern auf damit.
Es wird zu wenig geredet meiner Ansicht nach, über einen unabhängigen, staatlichen Informationsdienst, der nach dem Vorbild des BBC die knochentrockene Information darbietet und jedem den Kommentar freistellt.

zelotti 29.10.2009 | 04:00

Ketzerisch gesprochen (wohl meine Spezialität), warum soll denn der Werbemarkt nicht kaputt gehen? Ideal wäre für mich gar keine Werbung.

Die Wahrheit ist, dass empirisch die Werbebudgets weitgehend konstant sind, und sich nur über immer mehr Medienangebote verteilen. Alle futtern vom gleichen Kuchen.

Die Onlinerevolution führt zu einem Überangebot und diversifizierung. Man hat es in anderen Branchen schon gesehen wohin ein Angebotsüberschuss führt, nämlich Preisverfall. Sicher führt Überangebot aber zu keinen Versorgungsproblemen auf der Nachfrageseite.

Jakob Augstein 29.10.2009 | 09:42

Lieber Streifzug,

Sie schreiben: "Die Medien, die sich als Erste wieder, egal ob off- oder online ausschließlich durch den Verkauf an "Leser" finanzieren können, verdienen es demokratisch genannt zu werden."

Das wird so auch kommen - mehr oder weniger; ein paar Anzeigen wird es ja auch künftig noch geben. Die Zeitungen werden kleiner, sie beschäftigen dann weniger Journalisten, das gesamte finanzielle Niveau wird sinken - aber sie werden eben auch teurer.

Ich bin mir nicht sicher, wie ich das bewerten soll. Auf den ersten Blick müsste man sagen, es ist unsozial, weil einkommensschwache Leser sich solche Blätter nicht mehr leisten können. Weil die Subventionierung durch die Anzeigen frotfällt. Auf den zweiten Blick kann man aber auch sagen, dass in Wahrheit in unserer sich polarisierenden Gesellschaft ohnehin nur noch die "Oberschichten" lesen, die genügend Geld haben ... Kein schöner Gedanke.

Am Ende sollten sich - und dahin ging mein Gedanke - alle Kritiker des alten Systems klar machen, wie dieses System überhaupt funktioniert hat: Verlage waren auf zwei Märkten tätig, dem Anzeigenmarkt und dem Lesermarkt. Auf beiden Märkten gibt es Strukturwandel. Die Anzeigenindustrie schaltet weniger Werbung und wendet sich über das Netz und Sponsoring direkt an ihre Kunden. Und die Leser ändern ihre Lesegewohnheiten.

Und für die Zukunft bedeutet das: Entweder wird die Kostenloskultur im Netz nicht überleben - oder die Gesellschaft wird immer weniger Medien haben, die die Kontrolle der Mächtigen ausüben.

JA

mh 29.10.2009 | 10:28

die entwicklung des anzeigenmarktes aus der krise heraus zu deuten ist aber auch ne gewagte geschichte. keiner hat sich bisher damit beschäftigt, wieviel der "nicht ins internet wandernden anzeigen" denn ob der krise nicht dahin wandeln.

fakt ist doch, dass trotz der krise der anzeigenmarkt im internet wächst. was die veteilung betrifft ist dann nochmal ein anderes thema.

der vergleich zeitungen in deutschland vs. usa ist auch insofern gewagt, als dass dort eine ganz andere struktur herrscht. in weiten teilen war es so, dass die anzeigen bis zu 80% der einnnahmen darstellten .. in deutschland ist das verhältnis mE 50 zu 50. d.h. wir bezahlen hier schon recht viel für unsere medien.

deutsche medien übrigens, die weitgehend noch gewinne machen. was da zur zeit an magazinen eingestellt wird ist doch weitestgehend der bodensatz. dinge die die welt nicht braucht.

andere entscheidungen sind einfach falsch gewesen, bspw. dass TAZ und WAZ sich zunehmend aus dem regionalen zurückziehen und dadurch käuferschichten aufgeben die sich umorientieren. hat allerdings nur bedingt etwas mit der krise zu tun.

eines der größten probleme der us-medien war aber, dass sie regierungshörig waren, als bush anfing kriege zu führen. das beförderte die bewegung ins internet zu den blogs und beschleunigte den eher langsamen prozess, der verdaulich lief, um ein vielfaches. das wird in der form in deutschland gar nicht erst passieren, weil das absolut nicht unsere mentalität ist .. ebenso wie uns die lust am neuen fehlt und der bezug zum internet .. was es ist, was es sein könnte.

gerade deutschland hat die möglichkeit sich dem anzupassen, was in 2-3 jahren dann hier los geht. wenn man dabei aber die alten fehler wie "leistungsschutz" macht... dann solls halt schief gehen.

je schmerzlicher der prozes wird, je lehrhafter ist es. und je mehr wegbricht, je mehr neue modelle wird es geben.

was die vierte macht betrifft: JA, wir wissen doch alle wie das mittlerweile läuft. wer was böses gegen die kanzlerin schreibt, der wird nicht mehr mitgenommen, nicht mehr eingeladen, bekommt keine gescheiten interviews etc. und im kleinen läuft das genauso... der journalismus hat sich darauf eingestellt und sich dem angepasst. herje, als ob wir solche pfeifen dann wirklich noch brauchen. das sind doch die wahren feinde der demokratie.

und es braucht zur vierten und fünften macht endlich auch den druck von unten. der entsteht... und danach sieht es halt anders aus als jetzt und brauchen 3-6 jahrzehnte bis man es sich wieder gemütlich einrichten kann.

mfg
mh

luggi 29.10.2009 | 10:29

Ich setze mal einen Link auf ein Interview mit Jeff Jarvis in der SZ
www.sueddeutsche.de/computer/172/467743/text/

Eine Bemerkung möchte ich anfügen. In kurzer Zeit ist ein Durchbruch im Bereich E-Paper zu erwarten. Damit stellt sich die Frage, mit welchem Medium dann Journalismus verkauft wird. Da öffnen sich ganz neue Vertriebsformen und notwendigerweise auch neue Gestaltungskonzepte für Verlage. Und hier muss man die Nase vorn haben.

vhG

Lutz Henze

mh 29.10.2009 | 10:34

"der vergleich zeitungen in deutschland vs. usa ist auch insofern gewagt, als dass dort eine ganz andere struktur herrscht. in weiten teilen war es so, dass die anzeigen bis zu 80% der einnnahmen darstellten .. in deutschland ist das verhältnis mE 50 zu 50. d.h. wir bezahlen hier schon recht viel für unsere medien."

ergänzung:

d.h. die preisanpassungen der zeitungen nach oben hin, die bei den amis gerade stattfinden und JA zu der annahme verleiten, dass zeitungen auch bei uns künftig teurer werden, sind lediglich ein anheben auf das normalmaß .. psychologisch verkraften sowas viele leser nicht. zeitungen in deutschland werden allein wegen dieser grundsätzlich anderen verteilung aber nicht umso viel wesentlich mehr teurer, als dass sie sich die mittelschicht nicht mehr wird leisten können.

die unterschicht konnte es sich bisher doch eh nicht leisten 30-50 euro im monat auszugeben. das problem, dass die leser wegbrechen, ist in dem fall auch ein gesellschaftliches, denn wir dünnen unseren mittelstand politisch befördert immer mehr aus. da geht es mehr um die schere arm/reich als um den reinen preis.

letzterer wird sich dann nach oben anpassen müssen, wenn die mittlere ebene zu dünn ist.

mfg
mh

Streifzug 29.10.2009 | 11:06

Hallo JA,

die Gefahr, dass "einkommensschwache Leser sich solche Blätter nicht mehr leisten können" ist ein sehr wichtiger Aspekt.

Genau da kommt die Frage nach dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft ins Spiel.

Für mich ist es ein wesentlicher Unterschied, ob eine Zeitung, welche aktuell von Werbekunden finanziell abhängig ist, zusätzlich Unterstützung "vom Staat", also der Gesamtheit der Bürger bekommt, oder ob ein Blatt wie derFreitag, welches (angenommen) sich über seine Leser finanziert eine Unterstützung bekommt um finanziell schwächeren Lesern Sonderpreise bieten zu können. Der wesentliche Unterschied liegt meiner Meinung nach darin, dass im ersten Fall in letzter Konsequenz der als "mediale Aufklärung" getarnte Einfluss der Werbekunden auf Bürger auch noch subventioniert wird. Dann wird die Kontrolle der Mächtigen ad absurdum geführt.

Meine Behauptung: "Die Medien, die sich als Erste wieder, egal ob off- oder online ausschließlich durch den Verkauf an "Leser" finanzieren können, verdienen es demokratisch genannt zu werden."
bedeutet nicht, dass keine Zusatzeinnahmen in anderen Bereichen generiert werden können. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das sollte aber nicht zu einer substanziellen Abhängigkeit von den Zusatzeinnahmen führen, sondern meiner Meinung nach dazu verwendet werden Zusatzangebote zu generieren, die auch wieder wegfallen können, ohne die Zeitung als solches zu gefährden (Sondereditionen, Beilagen, Ausstellungen ...)

Anmerkung: Ich habe auch keine Patentlösung und kann nicht in die Zukunft schauen, es sind nur Denkmodelle.

Und für die Zukunft bedeutet das: Entweder wird die Kostenloskultur im Netz nicht überleben - oder die Gesellschaft wird immer weniger Medien haben, die die Kontrolle der Mächtigen ausüben.

Ich glaube, es gibt strukturelle Verschiebungen, durch die sich die Frage in ganz anderer Form neu stellen wird.

Anette Lack 29.10.2009 | 15:18

Lieber MH;

ich lese Deine Kommentare gerne (wie Du weisst), und gerade was diese Themen angeht, fühle ich mich davon bereichert. Nüchterne Betrachtung, gepaart mit Sachverstand. Danke!

Eine Bitte hätte ich noch: Du benutzt eine Menge Fachtermini. Wahrscheinlich sind sie Dir schon so geläufig, dass Dir das nicht mehr auffällt. Ich aber kenne davon vieles (noch) nicht. Es wäre nett, wenn Du ein paar Erklärungen anfügst. Klar, ich könnte es ja googeln... aber so fänd' ich es persönlicher....

Beispiele:

overlays, adblock, virales marketing, brandingkampagnen

"also nicht im bereich flash (was ohnehin ein verbrechen an der menschheit ist). :P"- ??? -

"...also nicht nur der journalismus, auch diese ewig arroganten werber müssen sich endlich mal weiterentwickeln."

Das müssen sie. Im Moment versuchen sie, neue Probleme mit alten Methoden zu lösen. Was nicht funktioniert, natürlich.

Herzlich, Anna

Anette Lack 29.10.2009 | 15:36

"Der Umbau geht weiter: Gruner + Jahr hat sich jetzt die Verlagsgruppe Exclusive Living unter der Leitung von Julia Jäkel (Foto) vorgenommen. Die Magazine der Gruppe (u.a. "Essen Trinken", "Schöner Wohnen") behalten ein unabhängiges Kernteam aus Chefredaktion, Artdirektion und Textredaktion; Abteilungen wie Sekretariate und Leserservice werden (...) zusammengeführt. Schluss- und Bildredaktionen werden an externe Dienstleister ausgelagert. Auch dem Fotoatelier von "Schöner Wohnen" geht es an den Kragen: Es wird entweder verkauft oder geschlossen. Im Zuge dieses Umbaus soll es zu 18 betriebsbedingten Kündigungen kommen - zehn Stellen in der Redaktion und acht Stellen im Fotoatelier fallen weg."

Auszug aus "kress.de" von gestern. Und das Zeitschriftensterben hat erst angefangen.

18 Redakteure, die in HH mehr auf dem Markt sind. Ich glaube, nirgendwo gibt es im Moment so viele arbeitslose Journalisten wie hier. Inoffiziell. Offiziell schreiben sie (fast) ALLES, um nicht zur ARGE gehen zu müssen.

Das gehört auch hierher, weil (mag sein, dass meine zeitweise Focussierung langweilt, und trotzdem!) es unsere Presse in Gefahr bringt. Die Freiheit darin.

Wie JA oben geschrieben hat: Es wird immer weniger geben, die den Mächtigen auf die Finger gucken (können). Das wird Auswirkungen auf uns alle haben, egal in welcher Schicht und Klasse. Das kann uns nicht egal sein! Das ist kein Luxus, den wir uns leisten, sondern eine Notwendigkeit. Keine funktionierende Demokratie ohne freie Presse! Hugh, ich habe gesprochen!

mh 29.10.2009 | 15:40

@anna: ich spar sie mir meistens sogar und nutze sie nur, wenns sonst zu umständlich werden wurde. dachte ich immer... die aufzählung ist aber wahrlich gemein. :P

overlays = diese komischen, über eine internetseite gelegten werbeeinblendungen. ich hasse sie wie die pest

adblock = werbe-blockierer. ich seh keine werbebanner o.ä. mehr

virales marketing = mund-zu-mund-propaganda

brandingkampagnen = das einbrennen des markennamens eines unternehmens in die gehirne des konsumviehs

---------
"also nicht im bereich flash (was ohnehin ein verbrechen an der menschheit ist). :P"- ??? -
---------

flash = de.wikipedia.org/wiki/Adobe_Flash

das zeugs bringt immer probleme mit sich und wird mit html5 (de.wikipedia.org/wiki/HTML5) dann hoffentlich bald aussterben!

mfg
mh

mh 29.10.2009 | 15:49

is beim thema vierte aber kein wirklich gutes beispiel. was hier betroffen ist, ist doch auch so zeugs was keiner als magazin so recht zu gebrauchen scheint.

gerade essen trinken und schöner wohnen sind sachen, die ich viel lieber im internet aktiv bequatsche und mich austausche. dadurch werden dann auch wieder arbeitsplätze geschaffen. es entwickelt sich halt weiter... manches wird überflüssig manches muss anders gestaltet werden.

interessant zu beobachten find ich bspw. dass bei all diesem internethaushaltszeugs, den leuten doch kaum etwas über ein gutes kochbuch o.ä. geht.

also, anna, sooo schlimm ist das nun auch wieder nicht. zumindest anhand dieses beispiels.

mfg
mh

Anette Lack 29.10.2009 | 15:54

@ MH:

Die Aufzählung sollte aber nicht gemein sein... sondern war mein Ernst. Und jetzt hab ich wieder was gelernt, danke für die Aufklärung. Diese overlays :) hasse ich auch wie die Pest. Ich habe einen Anti-Spam-Filter, bei Apple obligatorisch im Mail-System, aber wenn die Firmen ihre Adressen verkaufen, funktioniert der oft nicht.

Zielgerichtet, auf keinen Fall. Ich kriege z.B. im Moment dauernd Auto-Werbung, und ich habe gar keins. Oder Börsennews, und ich hatte noch nie eine Aktie. Letztere sind aber interessant, und ich denke jetzt über Anlagemöglichkeiten nach (Kleinanleger natürlich!)

Anna

Anette Lack 29.10.2009 | 15:58

Nee, die Zeitschriften braucht keiner wirklich... Aber was machen die Leute, die da bisher gearbeitet haben? Parallel dazu werden nicht ebensoviele Arbeitsplätze im Internet geschaffen.

Fotoredakteure z.B. Das machen ganz andere Leute im Internet. Mit anderer Ausrüstung. Darum gehts mir. Dass erst die Spartenmagazine sterben, und das deshalb nicht so schlimm ist, ist, m.V., zu kurz gedacht.

Anna

mh 29.10.2009 | 21:10

wenn du unerwünscht aktienempfehlungen zugeschickt bekommst, bevorzugt irgendwelche drecksbuden die ihren sitz in zug haben, dann nennt sich das stock-spam und wird zur zeit hauptsächlich aus venezuela versendet.

gutes wollen die dir jedenfalls nicht tun, außer du empfindest die schwere deines geldbeutels als last. ;) hier ganz nett erläutert... wobei es viel einträglicher ist dies mit schweizer gesellschaften zu betreiben, deren nennwert bei 0,01 CHF liegt

www.antispam.de/wiki/Stockspam

mfg
mh

mh 29.10.2009 | 21:23

also wenn arbeitsplätze in bereichen entstehen, deren dienstleistung niemand so recht braucht, dann sind die arbeitsplätze auch nicht wirklich vorhanden sondern trendbedingt.

wobei ich mit den journalisten noch wenigsten mitleid habe. die könnten ja auch alle ne buch schreiben und hätten erfolg, wenn sie gut wären. oder, was auch viele tun, beratend tätig werden oder in die pr abwandern oder oder oder... das sag ich nicht einfach daher, sondern das weiß ich sogar aus eigener erfahrung in dem sektor. war ja auch mal jung und naiv, also 12 und zeitungsträger oder 20, und internetbörsennews schreiber und bezahlter chatmanipulator. ;P

das problem ist einfach, dass die meisten auch gar nicht gut sind. die müssen dann auf bessere zeiten hoffen, in denen man auch die weniger guten braucht. mitleid habe ich da auch deswegen keines, weil ich festgestellt habe, dass die erfolgreichen, in guten zeiten, auch nicht die guten sind.

schlimmer trifft es da doch die leute im produzierenden gewerbe. deren arbeitsplätze werden seit jahrzehnten peu a peu eingestanzt und entstehen erst gar nicht wieder. weg, für immer ersetzt durch eine maschine. passiert dir das mit 40, wars das. da kommen die wenigsten wieder in lohn brot zu vergleichbaren konditionen. die rutschen vom anfänglichen mittelfeld ins endgültige abseits.

Bildungswirt 29.10.2009 | 23:09

@JA, MH, Streifzug, @alle und die noch kommen werden

Vielschichtige Argumente werden im Artikel und in den Kommentaren ausgebreitet. An einzelnen Punkten kann man eine Übertragung auf das aktuelle Problem des Freitag vornehmen.
Nur ist mir das per Kurzkommentar alles zu umständlich und effizient genug.

Vorschlag:
Spätestens im März 2010 werden von den "glorreichen 12", auf Einladung von JA,(war mal ein Streifzugvorschlag, den ich hier abgewandelt gebrauche) in einem Intensiv-Workshop-Wochenende (Fr. Anreise bis 18.00, Sa.9.00 bis 22.00, So. 9.oo bis 14.00 - 4 aus der Redaktion, 4 Blogger, 4 Aussenexperten unterschiedlicher Art) sämtliche Probleme und mögliche Lösungen für den Freitag besprochen - Tacheles geredet. Das geht selbstverständlich über die bisherigen Selbstvergewisserungsversuche und -diskussionen deutlich hinaus. Das kostet etwas, wird sich aber dreimal amortisieren.
Gruß BW

mh 31.10.2009 | 09:28

ich glaub ich hab da ne schöne formulierung die auch bei anna durchgeht:

was mich im journalismus stört, ist der stete blick nach hinten und der vehemmente versuch, den status der vergangenheit zu wahren, statt dass man ihn sich für die zukunft wiedererkämpft.

das gleiche gilt auch für die blogs, die sich nach der idee des vergangenen sehnen, die in ihrer gegenwart nicht erfüllt wurde.

man könnte noch einen draufsetzen, denn selbst in der deutschen start-up-szene wird seit jahrzehnten kaum noch neues gebracht sondern nur kopiert was woanders schon funktioniert. die erfolgreichen kopieren dann früh genug und verkaufen beim eintritt der marktführer von "woanders". (wenn ich mal geld verdienen will, mach ich sowas auch)

die freitag kulturredaktion (oder mein lesefreund schlesinger) kann ja mal untersuchen, ob diese handlungsweise einfach nur urdeutsch ist oder mit unserer vergangenheitsfixierung nach dem zweiten weltkrieg zusammenhängt, die wir per öffentlichem rundfunk bis heute noch ausleben. würd mich tatsächlich interessieren, selbst wenns eine andere antwort ist.^^

da ist der maschinenbau mE auch kein widerspruch, denn er perfektioniert auch nur das bestehende produkt .. sowas können wir ganz gut, hier. in allem neuen hingegen, scheitern wir nur zu gerne. siemens bei elektrogeräten, bertelsmann im internet und auch holtzbrinck macht mehr falsch als richtig während springer immer nur zukauft, aus der angst des verpassens heraus.. das zieht sich durch bis ins kleine.

Streifzug 01.11.2009 | 14:36

"hr-online: FAZ und FAS verzeichnen im Gegensatz zu vielen anderen Blättern steigende Auflagen. Was ist das Erfolgsrezept?"

Schauen wir doch mal nach.

Verkauf, Quartal, von oben nach unten,
3/2009 (367.535) - 1/19998 (400.417)

367.535
369.690
369.051
373.393
366.844
366.478
368.671
368.470
360.915
361.541
364.525
365.484
362.579
363.465
370.777
367.076
377.483
375.772
373.425
377.262
377.720
379.714
386.196
388.507
388.465
381.318
379.101
384.353
400.219
397.666
390.726
400.821
405.617
408.641
407.415
400.554
405.204
407.772
407.097
400.771
404.386
411.988
416.499
400.307
404.359
404.036
400.417

Friedland 02.11.2009 | 13:20

Upps, wo kam denn dieses "Zitat" her...?

Herr D'Inka bellt hingegen in besagtem Interview/Stichwortkatalog tatsächlich leise gegen das Bloggertum:
"Ich halte Blogs in vielen Fällen für anregend, viele sind geistreich oder zumindest witzig. Aber Blogger machen sich ja in der Regel nicht die Mühe der harten Nachrichtenarbeit, sondern sie verwerten, was die klassischen Medien kostenlos ins Internet stellen. Dabei greifen sie natürlich auch Fehler auf, und in dieser Hinsicht können sie ein Korrektiv sein - wie kürzlich geschehen mit der angeblichen Wundersalbe gegen Neurodermitis. Die Blogger sind aber nicht eine authentischere Form des Journalismus. Ich halte die Blogosphäre nicht für Journalismus, sondern für eine Ergänzung und eine neue Form des Publizierens und Kommunizierens. So fehlt beim Bloggen schon die Qualitätssicherung durch eine professionelle Redaktion, die einen Autor auch schon einmal vor sich selber in Schutz nimmt."