Der Code des linken Geistes

Wunschdenken Die politische Rechte liebt Gene – sie sollen Armut und Seelenleiden erklären. Die Forschung kann da nur den Kopf schütteln

Als der Welt 2001 die – oft fälschlich als Entschlüsselung bezeichnete – Sequenzierung des menschlichen Genoms vorgestellt wurde, verbanden viele Psychiater damit große Hoffnungen. Eine Liste und Identifizierung all unserer Gene würde bestimmt molekulare Beweise dafür erbringen, dass die Hauptursache für psychische Krankheiten genetischer Natur sei, was einige Psychiater schon lange vermutet hatten. Die Chefs der großen Pharmaunternehmen bekamen gar feuchte Augen angesichts der massiven Profite, die sie mit speziellen Medikamenten für individuelle Seelenlagen künftig verdienen würden.

Ein Jahrzehnt später jedoch hat das Humangenomprojekt diese Hoffnungen enttäuscht: Wir wissen nun, dass Gene nur sehr wenig zur Klärung der Frage beitragen, warum ein Geschwister, eine gesellschaftliche Schicht oder ethnische Community ein größeres Risiko aufweist, psychisch krank zu werden als eine andere Person oder Gruppe. Dieses Ergebnis war von einer der Schlüsselpersonen des Humangenomprojekts prophezeit worden. Als die Sequenz des Genoms veröffentlicht wurde, sagte Craig Venter, weil wir nur 25.000 Gene hätten, sei es nicht möglich, dass diese großartigen Einfluss auf psychische Unterschiede haben und diese determinieren könnten. „Unsere Umwelt ist entscheidend“, schloss er aus dieser Erkenntnis. Und schon nach nur wenigen Jahren intensiver Gen-Forschung begannen selbst die überzeugtesten Genetiker öffentlich zuzugeben, dass es für die überwiegende Mehrheit psychischer Probleme keine individuell identifizierbaren Gene gibt.

Keine komplexen Kombis

2009 schrieb der führende Verhaltensgenetiker Professor Robert Plomin, es sei erwiesen, dass „genetische Effekte viel kleiner sind als vormals angenommen: die größten Effekte machen nur ein Prozent aller Charaktereigenschaften aus“. Er hielt allerdings nicht für ausgeschlossen, dass der Schlüssel in den komplexen Kombinationen liegen könnte. Bisher hat sich jedoch auch diese Hoffnung nicht bestätigt und es sieht auch nicht danach aus, als würde sich daran noch irgendetwas ändern.

In dem mit „It’s the enviroment, stupid!“ betitelten Editorial der Februar-Ausgabe des Journal of Child Psychology and Psychiatry schrieb Edmund Sonuga-Barke, die „seriöse Wissenschaft“ konzentriere sich nun „mehr denn je auf die Macht der Umwelt.“ Alle, außer den „verbissensten Verfechtern eines genetischen Determinismus“ hätten mittlerweile ihre Meinungen revidiert. In seinem eigenen Forschungsgebiet, der Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität, hat Sonuga-Barke beobachtet, dass „selbst die umfassendsten verfügbaren Untersuchungen des gesamten Genoms, mit tausenden von Patienten unter Verwendung von hunderttausenden von Markergenen!“ nur eine relativ kleine Zahl von Krankheitsbildern erklärten. Gene seien gar nicht in der Lage zu erklären, warum manche Kinder Symptome eines ADHS entwickeln – und andere nicht.

Dies hat auch kürzlich eine viel beachtete Studie von Antia Thapar an der Cardiff University gezeigt. Obwohl die Forscherin mit ihrer Arbeit belegen wollte, dass es sich bei ADHS um eine genetisch bedingte Krankheit handelt, bewies sie wenn das Gegenteil. Nur bei 16 Prozent der Kinder mit ADHS fanden die Forscher jenes Muster von Erbanlagen im Genom, das die Krankheit verursachen soll. Das heißt das nur, dass ADHS in mehr als acht von zehn Fällen definitiv keine genetische Ursache hat.

Eine weitere Theorie wollte in den Genen einen Grund für bestimmte Anfälligkeiten erkennen. So trügen etwa Menschen mit einer bestimmten Gen-Variante, wenn sie als Kind schlecht behandelt worden waren, ein größeres Risiko an Depressionen zu erkranken als Menschen ohne diese Variante. Auch dies scheint heute unwahrscheinlich. Eine Untersuchung an 14.250 Personen ergab, dass die Träger kein erhöhtes Depressionsrisiko aufweisen. Auch nicht, wenn ihre Kindheit eher schwierig gewesen war.

Individuum oder Kollektiv?

Auch epidemiologische Studien bestätigen das: In den Industriestaaten tragen Frauen und Geringverdiener im Vergleich zu Männern und Vielverdienern ein doppelt so hohes Risiko, an Depressionen zu erkranken – ohne dass sie über besondere Gene verfügten. Am wenigsten sind Depressionen in Südostasien verbreitet, obwohl verdächtige genetische Varianten dort am häufigsten auftreten. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass die Zahl der Depressionen durch das Ausmaß, in dem eine Gesellschaft individualistisch oder kollektivistisch ist, erklärt wird. Und nicht durch Gene. Das gilt auch für den jüngsten Fall: Mitte Oktober berichteten Forscher in Nature Medicine, sie hätten ein neues Depressionsgen gefunden. Einen kausalen Zusammenhang konnten sie in Menschen jedoch nicht nachweisen

Der Grund, warum die Medien dennoch so wenig über die Ohnmacht der Gene berichten, mag politischer Natur sein. Die politische Rechte argumentiert allzu gern, dass Gene erklären können, warum die Armen arm sind und ein doppelt so großes Risiko tragen, psychisch zu erkranken als die Wohlhabenden. Ihnen sind die Armen genetischer Morast, der auf den Grund des Genpools sinkt. Im Jahr 2000 wagte der Politikwissenschaftler Charles Murray eine steile These, die er heute vielleicht bereut. „Die Geschichte der menschlichen Natur, wie Genetiker und Neurowissenschaftler sie uns offenbaren, wird ihrer Gestalt nach konservativ sein.“ Es werde sich zeigen, dass die Gene der Armen Amerikas sich deutlich von denen der Wohlhabenden unterscheiden. „Dies ist nicht unvorstellbar, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wahr.“ Nun muss es heißen: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch.

Stattdessen liefert das Humangenomprojekt eine wissenschaftliche Basis für die politische Linke. Gewalt in der Kindheit, ökonomische Ungleichheit und die exzessive Orientierung an materiellen Werten sind demnach die wichtigsten Determinanten für psychische Erkrankungen. Maßnahmen gegen soziale Ungerechtigkeit bleiben das beste Mittel zu ihrer Bekämpfung.

Oliver James ist Autor des Guardian Übersetzung: Holger Hutt Ergänzungen: Kathrin Zinkant

11:00 31.10.2010
Geschrieben von

Oliver James | The Guardian

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