George Monbiot
04.08.2011 | 07:00 45

Der Coup der Milliardäre

USA Die Tea-Party-Bewegung gibt gerne den Anwalt des kleinen Mannes. Doch im Kampf um den Schuldenkompromiss hat sie einmal mehr entblößt, wessen Interessen sie vertritt

Haushaltdefizite lassen sich auf zwei Wegen reduzieren: Durch Steuererhöhungen oder durch Ausgabenkürzungen. Bei ersteren wird den Reichen Geld genommen, bei letzteren den Armen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Manche Steuern sind regressiv, manchmal nimmt der Staat Geld von seinen Bürgern und gibt dieses an Banken, Waffenunternehmen, Ölbarone und Landwirte. In den meisten Fällen aber transferiert der Staat Geld von den Reichen zu den Armen, während es bei Steuerkürzungen von den Armen zu den Reichen wandert.

In einer nominellen Demokratie haben die Reichen also eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Sie müssen die anderen 99 Prozent der Bevölkerung davon überzeugen, entgegen ihrer eigenen Interessen zu wählen: Dafür, dass der Staat geschrumpft wird, und für Ausgabenkürzungen statt für Steuererhöhungen. In den USA scheint es ihnen zu gelingen.
Unter anderem aufgrund der 2001, 2003 und 2005 von Bush durchgeführten (und schändlicherweise von Barack Obama fortgesetzten) Steuersenkungen, befinden sich die Steuern für wohlhabende US-Amerikaner in den Worten von Präsident Obama „auf dem niedrigsten Niveau seit einem halben Jahrhundert“. Resultat dieser regressiven Politik ist eine Ungleichheit, wie man sie in anderen entwickelten Länden nicht kennt. Der Nobelpreisträger Joseph Stieglitz wies darauf hin, dass das Einkommen der ein Prozent der am besten verdienenden Amerikaner in den vergangenen zehn Jahren um 18 Prozent gestiegen sei, während das der männlichen „Blue-Collar“-Arbeiter um zwölf Prozent sank.

Der Deal, der vom Kongress diskutiert wurde, während dieser Artikel entstand, sieht nur die Kürzung der Staatsausgaben vor. Der ehemalige republikanische Senator Alan Simpson hatte dazu zu sagen: „Der kleine Mann wird eingeäschert werden.“ Dies bedeutet weiteren wirtschaftlichen Rückgang, was wiederum ein größeres Haushaltsdefizit bedeutet. Verrückt. Wie konnte es dazu nur kommen?

85 Millionen für Lobbygruppen

Der unmittelbare Grund ist, dass die von der Tea Party unterstützten republikanischen Kongressmitglieder nicht von ihrer Position abweichen. Erklären tut das allerdings noch nichts. Die Tea Party-Bewegung besteht weitgehend aus Leuten, die von den Steuererleichterungen für die Reichen und Kürzungen der Ausgaben für die Armen und die mittleren Einkommensschichten nachteilig getroffen wurden. Warum machen sie gegen das Sozialwesen mobil, das ihnen zugute kommt? Was in Washington passiert, kann nur verstehen, wer sich in Erinnerung ruft, was alle vergessen zu haben scheinen: Nämlich wie diese Bewegung entstanden ist.
Am vergangenen Sonntag hieß es im Observer: „Die Tea Party erwuchs aus Wut über die Höhe der Ausgaben des Bundes, besonders für die Rettung der Banken.“ So behaupten es auch Mitglieder der Bewegung. Das ist aber Unsinn.

Alles begann, als der Börsenexperte Rick Santelli auf CNBC forderte, es solle eine Tea Party geben, bei der der Finanzhändler Wertpapiere im Lake Michigan versenken sollten, um somit gegen Obamas Vorhaben „Verlierer zu subventionieren“ zu protestieren. Anders ausgedrückt wurde eine Mobilisierung der Financiers gegen ein Rettungspaket für ihre Opfer, Menschen also, die ihre Häuser verloren. Am selben Tag richtete eine Gruppe namens Americans for Prosperity (AFP; Amerikaner für Wohlstand) eine Tea-Party-Facebookseite und fing an, Tea Party-Veranstaltungen zu organisieren. So nahm die Bewegung, die von den AFP noch immer freigebig unterstütz wird, ihren Anfang.
Wer oder was sind also die Amerikaner für Wohlstand? Gegründet und finanziert wurde die Gruppe von Charles und David Koch. Sie führen nach eigener Aussage „das größte Unternehmen, von dem sie noch nie gehört haben“ und sind zusammen 43 Milliarden Dollar schwer. Ihr Riesenunternehmen Koch Industries macht in Öl, Gas, Mineralien, Holz und Chemie. In den zurückliegenden fünfzehn Jahren haben sie mindestens 85 Millionen US-Dollar in Lobbygruppen gesteckt, die sich für geringere Steuern für Reiche und weniger Regulierung der Industrie einsetzen. Die Gruppen und Politiker, den die Kochs Gelder zukommen lassen, betreiben außerdem Lobbyarbeit um das Recht auf Tarifverhandlungen abzuschaffen, Gesetze zur Reduzierung des CO2-Austoßes aufzuhalten, eine Gesundheitsreform zu verhindern und Versuche zur Bankenregulierung zu zähmen. Während des Wahlzyklus 2010 unterstützten die Americans for Prosperity die von ihnen favorisierten Kandidaten mit 45 Millionen Dollar.

Die unsichtbare Gefahr

Der größte politische Triumph der Gebrüder Koch ist jedoch die Schaffung der Tea Party-Bewegung. Der Film (Astro)Turf Wars von Taki Oldham zeigt Organisatoren der Tea Party, wie sie beim Defending the Dream-Gipfel im Jahr 2009 David Koch Bericht erstatten und ihm die Veranstaltungen und Demonstrationen erläutern, die sie mit Hilfe der AFP veranstaltet haben. „Vor fünf Jahren“, erzählt David Koch ihnen, „haben mein Bruder Charles und ich die Mittel zur Gründung der AFP zur Verfügung gestellt. Es übertrifft meine kühnsten Träume, zu was für einer enormen Organisation die AFP geworden sind.“

Die AFP haben die Wut von Menschen mobilisiert, deren Lebensumstände schlechter wurden und sie in eine Kampagne kanalisiert, deren Ziel ist, diese weiter zu verschlechtern. Die Aktivisten der Tea Party gehen auf die Straße um weniger Steuern für Milliardäre und schlechtere Gesundheits-, Bildungs- und Sozialversorgung für sich selbst zu fordern.
Sind diese Menschen dumm? Nein. Sie sind von einem anderen Instrument unternehmerischer Macht irregeführt worden: den Medien. Die Bewegung wird unnachgiebig von Fox News unterstützt, einem Sender, der sich im Besitz eines eher bekannten Milliardärs befindet. Wie die Kochs zielt Rupert Murdoch darauf ab, unsere demokratischen Wahlmöglichkeiten falsch darzustellen, um uns dazu zu bringen, entgegen unserer eigenen Interessen und im Sinne seiner zu stimmen.

Was im US-Kongress passiert ist, ist ein politischer Coup. Eine handvoll Milliardäre hat einen Schraubenschlüssel in den legislativen Prozess gestoßen: Mittels der Kandidaten, die sie gekauft haben und der Bewegung, die sie unterstützt, brechen sie nun das System und gestalten es so um, dass es ihren Interessen dient. Wir haben das schon einmal gewusst, es aber vergessen. Welche Hoffnung besteht, dass wir uns einer Macht widersetzen, die wir noch nicht einmal sehen?

Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (45)

Pickelhaube 04.08.2011 | 10:55

Die Sichtweise dieses Artikels überrascht mich schon sehr. Die "Tea-Party" soll in der US-Haushaltskrise ihre Positionen durchgesetzt haben? Hier wird vielleicht die Tea-Party zu Unrecht mit den Republikanern gleichgesetzt.

Richtig ist, dass in dem Kompromiss Einsparungen vereinbart wurden, die teilweise automatisch in Kraft treten werden. Allerdings - und hier ist der Artikel zu korrigieren - sind Medicare und Medicaid davon weitestgehend ausgenommen. Betroffen sein wird vielmehr das Pentagon, was in dem Artikel ebenfalls nicht gesagt wird.

"Durchgesetzt" hat sich die Tea-Party vielleicht insoweit, als es keine Steuererhöhungen gibt. Das ist aber die Position der Republikaner insgesamt.

Ron Paul, der der Tea Party nahe steht, hat den Kompromiss wie folgt beschrieben: Es sei, als ob eine Familie Geld spare, weil sie sich keinen Lamborghini kaufe, sondern nur einen teuren Mercedes. Dabei könne sie sich maximal einen Honda leisten. I

st das die Sichtweise eines "Siegers"? Ist das ein "politischer Coup"? Sicher nicht.

Mich erinnert der US-Schuldenkompromiss an die "Lösung" der italienischen Haushaltskrise. Obwohl man bereits heute über seine Verhältnisse lebt, soll das Sparen erst in späteren Jahren beginnen. Das ist ganz sicher nicht die Position der Tea Party.

tlacuache 04.08.2011 | 11:16

George Monbiot,
schoener Artikel, 5 Sterne.
Auch wenn man vielleicht Pickelhaube in Details recht geben kann, aber Gesamtgesellschaftlich wurde hier der Nagel auf den Kopf getroffen.

Einzig zu bekritteln:

..."mindestens 85 Millionen US-Dollar in Lobbygruppen gesteckt"...

Das mag natuerlich fuer die "Koch" - Truppe zustimmen, aber ist sehr realitaetsfern...
85 Millionen ist ein Lacher, schaetzen wir mal die Lobbygelder vorsichtig auf 1 Milliarde, nur was das Gesundheitswesen und die Rüstungsindustrie angeht...

P.S. Wir haben ja unseren Roland K. von Bilfinger Berger.
Ein "Spitzenmann" der jetzt im Dienst der Allgemeinheit arbeitet... oder alte Rechnungen kassiert die er als Politiker vorgeleistet hat.
Der Wechsel von Wirtschaft in Politik und umgekehrt ist in den USA weit haeufiger als bei uns, macht doch darueber mal einen Artikel...
LG

ebertus 04.08.2011 | 11:17

"In einer nominellen Demokratie haben die Reichen also eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Sie müssen die anderen 99 Prozent der Bevölkerung davon überzeugen, entgegen ihrer eigenen Interessen zu wählen: Dafür, dass der Staat geschrumpft wird, und für Ausgabenkürzungen statt für Steuererhöhungen. In den USA scheint es ihnen zu gelingen."

Neiddebatte?

Oder die perfekte Umsetzung von Chomskys "Propagandamodell"?

Ok, hierzulande hat die Vermögensverteilung noch nicht die USA-gerechten, nicht die nordafrikanischen 99% erreicht, aber jenseits der 90% liegt das hier ebenfalls. Bitte mal stapeln (die anderen, die "linken" 90%...):

www.thessenvitz.de/Bilder/nettovermoegen2010.jpg

tlacuache 04.08.2011 | 11:42

Thanks ebertus fuer die Grafik,
bestaerkt mich wieder mal, das bald der Laden um die Ohren fliegen koennte, vor 3 Wochen wurde man im Blog zu dem Italienen - Desaster noch ausgelacht, jetzt ist man schon in den Mainstraemmedien zum gleichem Thema, also
"Chomskys vs. Disney World"...

Ich mach' nur noch Tomaten und Zwiebeln fuer Brot auf
einem Hektar, besser als Gold fuer Brot...

..."und bis ihr merkt, das man Papier nicht essen kann"...
LG

ebertus 04.08.2011 | 13:25

Das mit dem "bald um die Ohren fliegen" kommt, zumindest "drüben" nicht so schnell. Mein Eindruck, drüben!

Die Menschen sind einerseits noch dem Traum der Gründung, der Gründerväter erlegen, haben Jeffersons "lovely equality" verinnerlicht, wissen aber andererseits und in bester Wildwest-Tradition sehr genau, dass die Macht aus den Läufen kommt, "aus den Mündern kommt sie nicht".

Und die Nationalgarde, was man dann hierzulande "Bundeswehr im Inneren" nennen wird, ist ebenfalls nicht weit, falls die Mauern und Wachtürme der "gated communities" nicht mehr höher zu ziehen sind.

Aber das wird noch etwas dauern, hierzulande sowieso...

ebertus 04.08.2011 | 14:36

Gerade gelesen; und jenseits der Orwellschen, offiziellen Statistiken bzw. deren Interpretationen:

www.querschuesse.de/45753-millionen-food-stamps-bezieher/

Dieses "Akzeptieren", einer der faszinierenden Unterschiede von alter und neuer Welt. Ok, bin erst in einigen Monaten wieder "drüben", soweit nicht der Aufsehen erregende, "offene Brief an die israelische Botschaft" und jenseits des Sandkastens einen realweltlichen Impact, einen Seiteneffekt auf meine, bereits zwanzig Jahre andauernden Reisegewohnheiten haben sollte:

Sandkasten oder durchgeknallt ?

Zweibein 04.08.2011 | 15:10

Ich glaube, das amerikanische Volk ist auch so anfällig für solche Legenden, weil es in ihre presbyterianische Tradition passt. Harte Arbeit als Ideal des menschlichen Lebens. Es herrscht die Vorstellung, dass "wer hart arbeitet von Gott mit Reichtum belohnt wird". Der perfide Trick bestand darin, die Leute glauben zu lassen, dass die Umkehrung ebenfalls gälte "Wer mit Reichtum von Gott belohnt wurde, hat das durch harte Arbeit verdient.". Somit wird erst einmal davon ausgegangen, dass der Reiche gottgefällig gewirkt hat, sonst wäre er ja nicht von Gott mit ebendiesem Reichtum belohnt worden. In Europa, besteht wahrscheinlich durch die Arbeiterkämpfe seit der industriellen Revolution, eine etwas klarere Einsicht in Ausbeutungsverhältnisse und die Fraglichkeit der Herkunft des Reichtums.

deviant libertine 04.08.2011 | 15:34

Man mag über die Gebrüder Koch und die Tea Party denken, was man will. Man sollte aber nicht vergessen - und das tun praktisch alle Medien in Europa -, dass sich von den Kochs finanziell unterstützten und z.T. auch gegründeten Think Tanks einige für so hehre Ziele wie z.B.

- Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen,
- Drogenlegalisierung, oder
- massiven Rückbau des Verteidigungsbudgets

einsetzen. Aber das passt dan irgendwie halt nicht in das Schwarz-Weiss-Schema der Journalisten ...

Pickelhaube 04.08.2011 | 17:53

Ja, das ist schon richtig, was deviant schreibt. Es sind dies aber die Ziele der Think Tanks, nicht der Tea Party Bewegung.
Zu gleichgeschlechtlichen Ehen etc. gibt es keine "offizielle Tea Party Meinung", weil die Mitglieder unterschiedliche Auffassungen haben.
Die ganz wesentliche Ziele der Tea Party sind m.E. schon die Reduzierung von Staatsausgaben, und die Rückführung von Steuern (darum ging es ja auch bei der historischen Boston Tea Party)
Wo deviant absolut recht hat, ist das schwarz-weiß-Schema im deutschen Journalismus. Republikaner, KluKluxKlan, Tea Party, Steuersenker, Abtreibungsgegner und bigotte Kirchgänger werden fröhlich gleichgesetzt.

deviant libertine 04.08.2011 | 23:49

@Zweibein und @ebertus

Als Ausgangspunkt eigener Recherche sei dieser "Rant" eines anonymen Users auf reddit empfohlen: STOP THE KOCH BROTHERS. They are trying to end the War on Drugs and increase civil liberties. www.reddit.com/r/politics/comments/frrth/stop_the_koch_brothers_they_are_trying_to_end_the/

Dieser Beitrag ermöglicht übrigens einen interessanten Einblick in das Innenleben eines echten amerik. Rightwingers, wie man ihn sich vorstellt.

Es ist in der Tat so, wie es salvo und Pickelhaube geschrieben haben, dass hier v.a. das Cato Institute und die Reason Foundation gemeint sind. Letztere publiziert mit "Reason" ein Magazin, das genau das widerspiegelt, was viele hier nicht verstehen können (oder wollen): die polit. Linie ist einerseits klar gesellschaftsliberal (Drogenlegalisierung, Anti-Krieg, Orientierung an Bürgerrechten usw.) und andererseits ein radikaler Wirtschaftsliberalismus.

Es gibt aber noch weiteres:

- 20 Mio. $ Spende an die ACLU, um gegen Bush's Patriot Act zu kämpfen: www.lasocialdiary.com/node/125921
- ganz allgemein übersteigen die Spenden an Kulturinstitutionen übrigens auch die Spenden an polit. Organisationen um ein vielfaches, z.B. alleine 100 Mio. $ an das New York State Theater: en.wikipedia.org/wiki/David_H._Koch#Philanthropy
- hier eine Übersicht, die man allerdings nur noch im Google Cache findet: webcache.googleusercontent.com/search?q=cache:ITSvRZaFr6EJ:www.facesofphilanthropy.com/david-h-koch/+david+koch+aclu=1=en=clnk=us=firefox-a=www.google.com

Das so auf die Schnelle.

tlacuache 05.08.2011 | 11:02

Danke deviant libertine fuer die fundierten Links und die Muehe.
Trotzdem,
der ARTIKEL handelt von einer Tendenz,
das natuerlich Tea party nicht = Tea Party ist, konnte ich mir schon vorher zusamenreimen, aber was die Auswirkungen angeht, muss man sich nicht so in Boston verlaufen.
Private TV = Volksverdummung
USA:
50er

De:
Postminister Christian Schwarz-Schilling
1. Januar 1984
auf dass der Schw. Schilling vom Deibel zum p..7, S..1 und R.. schauen zum Sankt Nimmerleindstag verdammt ist.

Was ich damit sagen will:
Wenn man sich das uebersee - Gesuelze auf z.B. C..n anschaut, man staunt einfach nur noch auf das Koerperpflegecreme (Niveau) der Waehler, man koennte Kissinger auch als Kiss-in-german-SUV vermarkten, und die Leute glauben noch, es handelt sich bei Henry Alfred um eine Auto-Tunermarke...
Beste Umsaetze bei M.L. King Foundation, erst das weisse Haus und dann dass New York State Theater.
LG

ebertus 05.08.2011 | 11:38

Von mir aus ebenfals der Dank an @deviant libertine

Den Text dort bei "reddit.com" kann man aus meiner Sicht vielleicht auf zwei Grundlinien herunter brechen:

1. Wertneutral und ohne spezifischen Background könnte das auch Ironie sein, eine Satire via dem losgelassenen Kettenhund als beinahe Ablenkung, gesteuert aus dem strategischen Umfeld der Kochs. Da mir jedoch die amerikanische, sog. "political correctness" und auch in ihrer schon mal sehr gespreitzten Bigotterie mehr als geläufig ist, so meint "der", meinen "die" das wohl ernst.

2. Natürlich kann man es ebenfalls als den speech eines möglicherweise Anonymen, Durchgeknallten ansehen, dessen vulgäre, rassistische und menschenverachtende Sprache ebenfalls echt ist. Derartige "Hate"-Foren sind ja nicht unbekannt, bewegen sich gar auf schon mal differenziertem, intellektuellem Niveau und weiter oben hatte ich ja auf einen Text von mir verlinkt, der so einem Forum beschreibt, welches gleich mal den gesamten Freitag, vom Besitzer über die Redaktion bis zu "uns allen" hier in denunzierende Sippenhaft nimmt.

Was "Cato" betrifft, so scheint mir dies wie eine Mischung aus INSM und Bertelsmann daher zu kommen, ein neoliberaler Thinktank eben, der im Dunstkreis von John Locke als Namensgeber schlußendlich das substantielle Eigentum der Wenigen den bunten Glasperlen für die Vielen gegenüber stellt. Drogen und Sex dürfen dabei - und als Ausdruck individuell möglicher, den Delinquenten zugeschriebener "Freiheit" - nicht fehlen.

So what, erhellend dennoch. Danke!

tlacuache 05.08.2011 | 11:55

Lieber Zweibein,
"Wer mit Reichtum von Gott belohnt wurde, hat das durch harte Arbeit verdient." und weiter:
"...Arbeiterkämpfe seit der industriellen Revolution, eine etwas klarere Einsicht in Ausbeutungsverhältnisse und die Fraglichkeit der Herkunft des Reichtums"...

Danke, sehr schoen gesagt, ich hatte so etwas immer im Kopf, konnte es aber nie in einem Satz mit einem Komma ausdruecken.
Hut ab.
LG

j-ap 05.08.2011 | 13:06

»In einer nominellen Demokratie haben die Reichen also eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Sie müssen die anderen 99 Prozent der Bevölkerung davon überzeugen ...«

Ist natürlich kompletter Schwachsinn.

In einer nominellen Demokratie geht es darum, daß eine Mehrheit zustandekommt und nicht etwa ein vollständiger Konsens.

Kurzum: Demokratie schrumpft früher oder später auf die Frage zusammen, wie sich der Median der Wahlberechtigten verhält, der als Zünglein an der Waage den Unterschied zwischen 50% und 51%, also zwischen Minderheit und Mehrheit, macht.

Was, nebenbei, auch erklärt, warum es sich bei dem Tea Party Movement um eine ziemlich lupenreine Veranstaltung der US-amerikanischen Mittelklasse handelt.

tlacuache 05.08.2011 | 13:39

Also mein lieber J-ap,
ich habe ihren Kommentar 50zig mal gelesen, bevor ich Kritik uebe, ich bin da SEHR SEHR vorsichtig bei Ihnen.

..."lupenreine Veranstaltung der US-amerikanischen Mittelklasse handelt."...

Was ist Ihrer Ansicht nach
"US-amerikanische Mittelklasse"?

Der Depp, der Chlorpillen in den Swimming - Pool schmeisst?

Oder der andere Depp, der dicke Autos vom Restaurant auf den geschlossenen Parkplatz eines Supermarkts parkt?

Oder der 3. Depp, der 5 Dollarweise Trinkgelder als Koffertraeger einsackt?

Ich habe schon alle 3. Job's '89 gemacht, aber da gab es noch richtig Trinkgeld, nicht so wie heute.

Die "middle-class" ohne "Lehrberuf" ist wie beim verstopftem Klo ohne den Meister... Die Scheisse will einfach nicht ablaufen.

Beim "natürlichem kompletten Schwachsinn" waere ich da zukuenftig vorsichtiger...

Gruss aus 10 000 km - tern

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Ehemaliger Nutzer 05.08.2011 | 14:06

@ J-AP

>>>Ist natürlich kompletter Schwachsinn.

>>>Ist würde ich akzeptieren; >>>natürlich, >>>kompletter, >>> Schwachsinn sind nicht präzise genug formuliert.

Die Frage, die Monbiot stellt lautet doch, dass es einen "Trick" geben muss, die es einer zahlenmäßig verschwindenden Minderheit erlaubt, die anderen Mitglieder der Gesellschaft funktional so anzuordnen, dass sie selbst an der Spitze der Organisation bleibt.

Dass es dabei Graduierungen, Kumpaneien und "Demokratie" als Mittel gibt, die nicht nur abstrakt als "Kapitalismus" sondern als emotionale Kritikpunkte wirken, wird im Artikel anschaulich dargestellt.

j-ap 05.08.2011 | 15:30

»... dass es einen "Trick" geben muss, die es einer zahlenmäßig verschwindenden Minderheit erlaubt, die anderen Mitglieder der Gesellschaft funktional so anzuordnen, dass sie selbst an der Spitze der Organisation bleibt.«

So wie Sie das schreiben, Rapanui, sind Sie haarscharf an der wirklichen Frage vorbeigeschrammt. Genauso übrigens wie George Monbiot:

Bei euch zweien kommt das alles so daher, als hätten vierzig, fünfzig, hundert oder meinetwegen fünfhundert Leute »das System« der Politik um seine recht eigentliche Aufgabe gebracht; will sagen, als hätte da, ganz aktivisch, ein coup d'état, eine Sabotage, ein Anschlag stattgefunden.

Daß das System so und anders von vornherein darauf angelegt ist, damit die, die oben sind, auch oben bleiben, klingt in solchen Ohren vermutlich wie eine Erkenntnis von einem andern Stern; genau wie der Hinweis, daß die Panikregie, die sich durch die Tea Party hindurch bewerkstelligt, überhaupt gar nichts anderes ist als die idealistische Einforderung des dann nur richtigen demokratischen Procederes (die Tea Party will ja nicht etwa den Kongreß abschaffen, sondern ihm, ganz demokratisch-republikanisch, eine andere Sitzmehrheit verschaffen, die sich als Hebel des Programms benutzen läßt) sowie, in seiner unmittelbaren Wirkung, höchstens ein Binnenmachtkampf innerhalb der Oberschicht, in welchem die politisch relevanten Teile der Mittel- und Unterklassen höchstens als klientelistische Schwungräder und senatorische Manöveriermasse hergenommen werden.

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Ehemaliger Nutzer 05.08.2011 | 16:00

@ J-AP

>>>Daß das System so und anders von vornherein darauf angelegt ist, damit die, die oben sind, auch oben bleiben, klingt in solchen Ohren vermutlich wie eine Erkenntnis von einem andern Stern...

Wissen Sie an dieser Stelle, dass Sie mit mir kommunizieren, oder meinen Sie jemanden anderes?

Ich schreibe doch ganz deutlich >>>"Trick" und ich schreibe, dass es mir um >>>"nicht abstrakte, emotionale" Bilder des Kapitalismus geht.

Bei Ihnen liest sich das so, als würde die Auseinandersetzung mit dem real existierenden Kapitalismus in der Schriftform stattfinden.

ebertus 05.08.2011 | 16:22

Ja, das ist genau dieses Problem, welches einem hier immer wieder um die Ohren gehauen wird. Die qualifizierende Zuschreibung des "Nichtverstehens", in abgeschwächter Form des "falsch Verstehens".

In beiden Fällen sachichma: Bingo!

Und aus diesem Grunde lese ich so gern in einem Link wie diesem dankenswerter Weise weiter oben von einem Mitkommentator eingestellt und hier gern wiederholt; das verstehe ich sofort:

www.reddit.com/r/politics/comments/frrth/stop_the_koch_brothers_they_are_trying_to_end_the/

Daniel Meister 07.08.2011 | 21:20

Tja, Sie arbeiten eben nicht gern!
Aber, auch wenn Sie immer wieder betonen, "schon dort gewesen zu sein", 1989, oder wann auch immer, Sie verstehen die amerikanische Seele einfach nicht.
Es geht nicht um völlige Absciherung durch den Staat, sondern um die Freiheit auf Selbsbestimmung. Dies lässt sich nicht auf Deutschland übertragen und man mag davon halten was man will, aber es so zu verteufeln sollte jdem Demokraten widersprechen. Die Tea Parties vertreten nicht die Mehrheit, aber Sie vertreten einige wichtige, uramerikanische Ansichten, welche die Mehrheit tangieren.

claudia 07.08.2011 | 22:29

>>Resultat dieser regressiven Politik ist eine Ungleichheit, wie man sie in anderen entwickelten Ländern nicht kennt. Der Nobelpreisträger Joseph Stieglitz wies darauf hin, dass das Einkommen der ein Prozent der am besten verdienenden Amerikaner in den vergangenen zehn Jahren um 18 Prozent gestiegen sei, während das der männlichen „Blue-Collar“-Arbeiter um zwölf Prozent sank.
Da stellt sich die Frage, was Monboit unter einem "entwickelten Land" versteht.
Hier sind die Einkommensverhältnisse nicht anders, nur kann man die Untertanen weniger in "blue collar workers" und "white collar workers" trennen.
Gleichbleibendes Einkommen haben diejenigen, die noch nicht aus einem klassischen Arbeitsvertrag hinausgekündigt wurden, egal ob ungelernt, gelernte Fachkraft oder Akademiker. Sinkendes Einkommen, in den vergangenen 10 Jahren nicht um 12 %, sondern um 16 % haben alle, die in prekären Vertragsarten arbeiten, unabhängig von der Qualifikation.

Eine andere Schichtung des Proletariates als Monbiot für die USA beschreibt, aber mit der gleichen Zielsetzung: Die Einkommen der Besitzerklasse sind ganz ähnlich wie in USA gestiegen.
Dass in einem festen Machtgefüge einzelne Oberschichtgrüppchen um Einfluss kämpfen ("Palastrevolutionen"), ist dabei irrelevant. "Palastrevolutionen" gibt es in jedem Herrschaftssystem.

Wichtig ist, dass sie versuchen, Untertanenmehrheiten für sich zu instrumentalisieren.
Dem müssen wir entgegen wirken und mehr Kampfkraft für uns selber entwickeln. Hier wie dort.

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Ehemaliger Nutzer 08.08.2011 | 22:44

@ J-AP

>>>wenn manch einer begriffe, daß die Politik nicht das Andere der Ökonomie ist.

Wiederum weiß ich nicht den Adressaten Ihres Satzes.

Engels nannte das die "relative Eigenständigkeit der Politik". Da haben wir keine Differenz.

Ich verstehe weiterhin nicht, wie Sie es sich denn vorstellen, dass eine bloße Kritik des Kapitalismus in Schriftform oder Gedankenform zu irgendeiner Veränderung führen soll.

Das geschieht nur durch politisch handelnde Menschen. Eine Garantie dass dabei etwas "kommunistisches" herauskommt gibt es selbstverständlich nicht. Es zu probieren ist Verheißung und Tragik der "Kommunisten".

baumhoff 09.08.2011 | 21:25

Was Monbiot da schreibt ist richtig, auch wenn man es kaum glauben mag. Es gab zu diesen unscheinbaren Brüdern Koch auch im Guardian und in der New Times früher schon Artikel.

Man darf auch nicht vergessen, dass nicht nur die Medien einen wesentlichen Anteil an dieser Desorientierung und Verdummung haben, sondern auch das marode Bildungssystem. Der durchschnittliche US-Amerikaner ist ziemlich ungebildet. Uppss … ja doch. Die Eliteuniversitäten quellen über mit Ausländern. Es gäbe nicht genug US-Amerikaner um all die Stellen in Harvard und Yale zu besetzten, denn das Schulsystem fördert zu wenige. Wenn man die Besten will, die Elite, muss man im Ausland suchen. Internationalisierung aus guten, eigenen Interessen. Warum auch nicht.

Columbus 09.08.2011 | 22:20

Pickelhaube,

Es hieß aber doch bei der Boston Tea Party: "No taxation without representation" und nicht: "Representation without taxation!" Genau das ist aber das Programm der Tea Party-Members heute, die nämlich über ihre Nicht-Steuerzahlung selbst beschließen möchten und für jene, die auf Transfers angewiesen sind, die Ausgaben kürzen möchten.

Vor allem keine zusätzlichen Steuern für diejenigen, die in den letzten zwei Dekaden die größten Einkommens- und Vermögenszuwächse erzielten.

Das mit dem Schwarz-Weiß, das könnte man ja auch auf ihren Beitrag anwenden. Oder?

Grüße
Christoph Leusch

Columbus 09.08.2011 | 22:29

Ein wohlinformierter Monbiot Beitrag. Stieglitz ist nicht allein mit seiner Betrachtung der Sachlage:

Hacker and Pierson, Winner takes all Politics

www.c-spanvideo.org/program/295543-3

Selbst mit schwachen Englischkenntnissen kann jedermann verstehen, was Mister Pieson auf C-span ausführlich erklärt. Nur ein wenig durchhalten muss man. Denn C-span bringt keine 2.30 min Beiträge.

Danke, Frau Hofman, für die kongeniale Übersetzung.

Christoph Leusch

bertamberg 09.08.2011 | 22:45

Wie mag es heute sein?

1990 kam J. Miller in "The public Understanding of Science and Technology in th U.S.1990", Draft Report to the National Science Foundation vom 1. 2. 1991 zu dem Ergebnis, dass wenig als sieben Prozent der Erwachsenen als wissenschaftlich gebildet betrachtet werden können.

Nur 13 % verfügten über ein Minimum an Verständnis für wissenschaftliche Vorgänge.

Die Hälfte der befragten Erwachsenen wusste nicht, dass die Erde ein Jahr benötigt, um die Sonne zu umkreisen.