Der Dollar rollt

USA Eine Tour durch Orlando preist Trailerparks als neues Geschäftsmodell
Rupert Neate | Ausgabe 20/2015 6
Der Dollar rollt
Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum steigt
Foto: Tony Bock/Toronto Star/Getty Images

Regel Nummer eins: „Keine Witze über die Bewohner.“ Willkommen bei der Mobile Home University, einem dreitägigen, 2.000 Dollar teuren Bootcamp, in dem Interessenten aus allen Ecken der USA erläutert wird, wie man mit dem Kauf und Betrieb von Wohnwagensiedlungen reich werden kann.

Trailerparks sind ein riesiges, höchst profitables Geschäft. Seit Hunderttausende Amerikaner in der Finanzkrise ihre Wohnungen verloren haben, besteht eine gewaltige Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum. Offiziellen Statistiken zufolge leben in den USA heute mehr als 20 Millionen Menschen oder sechs Prozent der Gesamtbevölkerung in Wohnwagensiedlungen. Einige der reichsten und prominentesten Investoren des Landes engagieren sich auf diesem Markt. Warren Buffett, der mit einem Vermögen von 72 Milliarden zweitreichste Mann des Landes, besitzt mit Clayton Homes den größten Trailer-Hersteller in den USA und mit 21st Mortgage Corporation und Vanderbilt Mortgage and Finance die beiden größten Verleiher der mobilen Eigenheime. Ein derartiger Erfolg verleitet Menschen, die über wenig Erfahrung verfügen, dazu, selbst in die Fußstapfen der Buffett und Zells zu treten. An einem strahlenden Samstagvormittag kutschiert der Multimillionär, Mitbegründer der Mobile Home University und zehntgrößte Eigentümer von Wohnwagensiedlungen, Frank Rolfe, eine Gruppe von Interessenten im Bus zu mehreren Trailerparks in Orlando, Florida. Die Möchtegern-Trailerpark-Besitzer im Alter von Anfang 20 bis Ende 70 hängen ihm gebannt an den Lippen.

Nur für Erwachsene

Als die Gruppe an der ersten Station ankommt, wiederholt Rolfe eine Warnung, die an diesem Morgen schon einmal auf dem Bildschirm im Konferenzraum des Hyatt-Hotels in Orlando aufgeleuchtet ist: „Machen Sie sich nicht über die Bewohner lustig, und sagen Sie nichts, was jemanden verletzen könnte, während wir uns auf dem Gelände befinden.“ Er habe mal erlebt, wie ein Bankmanager auf so einem Platz in Anwesenheit seines Verwalter sagte: „In einem solchen Trailer können doch nur völlig verblödete weiße Proleten leben.“

Mit der zweiten Warnung war weniger zu rechnen: „Ich glaube, diese Anlage wird ausschließlich von Sexualstraftätern bewohnt. Ich kann mich täuschen, wir werden es sehen. Also bleiben Sie bitte in der Gruppe zusammen.“ Er täuscht sich nicht. Am Eingang zu Lake Shore Village am nordöstlichen Rand von Orlando warnen mehrere Schilder: „Nur für Erwachsene. Keine Kinder.“ Auf dem Vorplatz erläutert Eigentümerin Lori Lee den Kursteilnehmerinnen, wie sie sich vor 20 Jahren dazu entschlossen hat, Sexualstraftäter auf die Anlage zu holen – etwas, das sie nie bereut habe. „Am Anfang lebten Familien hier. Doch dann konnte ich eines Tages nicht mehr auf das Grundstück, weil sich auf dem Platz gegenüber ein Drogendealer von seiner Freundin getrennt hatte. Jetzt verstopfte eine lange Autoschlange die Straße, weil die Frau ihrem Ex Konkurrenz machte und seine Preise unterbot.“ Jemand habe ihr den Rat gegeben, Sexualstraftäter auf die Anlage zu holen, dann würden die Dealer verschwinden. „Seitdem habe ich hier Ruhe. Sexualstraftäter werden von Polizei, Medien und allen möglichen Behörden überwacht, das vertreibt die Dealer.“

Wo sollen sie denn auch hin?

Finanziell hat sich das Konzept für Lee gelohnt. Ihr Trailerpark ist ausgelastet. Ein Stellplatz kostet hier etwa 325 Dollar pro Monat. Entweder die Wagen gehören den Leuten, oder sie werden von einem Dritten gemietet. Viele der Trailer sind in drei Schlafzimmer aufgeteilt, für die die Mieter jeweils 500 Dollar pro Monat zahlen müssen. „Die Idee ist genial“, meint Mitch Huhem, der mit seiner Frau Deborah zusammen einen Trailerpark kaufen möchte.„Diese Leute müssen irgendwo leben und machen keinen Ärger, also bringt man sie an einem Ort zusammen. Damit erweist man auch der Gesellschaft einen Dienst. Wenn sie alle zusammen sind, kann man sie auch viel besser im Auge behalten.“

Rolfe, dem zusammen mit seinem Geschäftspartner Dave Reynolds 160 Anlagen im gesamten mittleren Westen gehören, findet, Lee könnte die Miete noch erhöhen, die unter dem in Orlando üblichen Durchschnitt liege. Einmal habe er allen Bewohnern einer Anlage im texanischen Grapevine die Miete auf das Doppelte erhöht. Danach habe sie aber immer noch unter den marktüblichen 325 Dollar gelegen. „Was glauben Sie, wie viele Kunden wir verloren haben? Keinen einzigen. Wo sollten sie denn auch hin?“

Vor sieben Jahren hat Rolfe die Mobile Home University ins Leben gerufen und veranstaltet heute alle paar Monate im ganzen Land Bootcamps zum Thema. Er erklärt seinen Kursteilnehmerinnen, es gebe eine so große Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum und die Behörden seinen bei der Genehmigung neuer Anlagen sehr entgegenkommend. Er zitiert Statistiken, wonach 39 Prozent der Amerikaner 2013 weniger als 20.000 Dollar verdient, haben. 20.090 Dollar setzt die von der US-Regierung als Armutsgrenze für einen 3-Personenhaushalt an. „Niemand hält das für möglich. Schließlich sind wir hier doch im reichen Amerika! Wenn man mit weniger als 20.000 Dollar im Jahr auskommen muss, kann man maximal 500 Dollar für die Miete ausgeben. Eine Zweizimmerwohnung kostet aber im Schnitt 1.100. Da bleibt einem nicht viel übrig.“

Zurück im Seminarraum ist Rolfe voll in Fahrt. „Heute gibt es so viele Arme, es werden täglich immer mehr. In manchen unserer Anlagen rufen pro Tag mehr als 100 Leute an, die einen Wohnwagen mieten wollen.“ Die Teilnehmer sind begeistert. Navy-Veteran Thomas Hawcett aus Long Island schwört später bei einem Team-Dinner, er werde nicht nach Hause gehen, bevor er eine Anlage gefunden hat, die er kaufen kann.

Rupert Neate ist Reporter beim Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 19.05.2015
Geschrieben von

Rupert Neate | The Guardian

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