Der Drei-Millionen-Artikel-Mann

Wissen Svenker Johanssons Software hat Millionen von Wikipedia-Artikeln erstellt – mit Hilfe eines automatischen Schreibroboters. Doch die sogenannten Bots machen auch Fehler

Sverker Johansson ist einer der produktivsten Autoren auf Wikipedia – wenn auch nur indirekt. Denn der schwedische Physiklehrer, auf der Website als Lsj bekannt, ist der Erfinder von Lsjbot, einem automatischen Schreibroboter. Mit seiner Hilfe durchbrach die schwedische Version der Seite als achte Nation die Eine-Millionen-Marke.

Drei Millionen Artikel und über zehn Millionen individuelle Änderungen hat der Lsjbot bis heute in verschiedenen Versionen der Seite erstellt. Sein Fachgebiet ist laut Johansson die Tier- und Pflanzenwelt. Die meisten der zehn Millionen Edits fallen auf die eine oder andere Weise in diese Kategorie.

Waren Roboter früher noch eine Seltenheit, so sind sie mittlerweile ein wachsender Bestandteil der Wikipedia-Maschinerie. Johannsons eigene Geschichte ist beispielhaft: 2007 fing er an, Wikipedia manuell zu editieren, „genau wie alle anderen auch“. Erst seit 2011 übernimmt das sein Roboter.

Natürlich gibt es Grenzen der Erstellung von Algorithmen: „Alles was wirkliche Kreativität oder Sprachverständnis erfordert, braucht einen menschlichen Geist direkt an der Tastatur“, erklärt der Schwede. Aber die Aufgaben, die automatisch bearbeitet werden könnten, würden zunehmend an Roboter übergeben werden.

„Sie erledigen viel Wartungsarbeit, finden und beheben Syntaxfehler oder andere Anomalien in Artikeln“, sagt Johannson. Auf der Englischen Wikipedia-Seite würden die Bots auch genutzt werden, um gezielt Vandalismus zu bekämpfen. „Sie updaten Sachen, archivieren alte Diskussionen, versehen manuelle Problemberichte mit Zeitstempeln. Sie ändern zum Beispiel auch die Kategorisierung des Artikels.“

Gefährlich wird es allerdings, wenn die pure Faszination an Automatisierung den objektiven Nutzen übersteigt: 2008 – für Wikipedia-Bots fast schon prähistorisch – „schrieb“ ein Algorithmus namens ClueBot II 15.000 Artikel über Asteroiden auf der Basis von öffentlichen Daten der NASA-Datenbanken.

Die Texte wurden von anderen Robotern angepasst – einer änderte die Tags, ein nächster verlinkte zur Japanischen Version, der dritte korrigierte einen Verstoß der Gestaltungslinien – bis ein vollkommen menschlicher Mitarbeiter feststellte, dass „eine überholte, fehlerhafte Kopie der NASA-Website“, nicht die beste Basis für eine Enzyklopädie ist. 2012 wurde der Versuch endgültig rückgängig gemacht. Seitdem findet sich Cluebots gesamte Arbeit in einer einzigen „List of minor planets“.

Auch Erik Möller, stellvertretender Geschäftsführer der Wikimedia-Foundation, hat Zweifel an Robotern wie Cluebot. „Es gibt umfassende Richtlinien, wie mit Bots umzugehen ist“, sagte er dem Guardian. „Typischerweise durchlaufen sie einen Genehmigungsprozess, in dem reale Menschen entscheiden, ob deren Tätigkeit sinnvoll ist. Roboter, die nur belanglosen Beschäftigungen nachgehen werden nicht genehmigt oder sofort abgeschaltet.“ Dennoch gesteht Möller, dass „besonders die strukturierten Daten Wikimedias immer häufiger automatisch verwaltet werden, um Inhalte up-to-date zu halten und Möglichkeiten menschlicher Fehler beim überarbeiten zu verringern“

Wikipedia ist allerdings nicht die einzige Seite, die zunehmend mit Nachrichtenrobotern abreitet. Sogar der Nachrichtendienst Associated Press teilte im Juni mit, dass ein Roboter künftig einen Großteil der Gewinnberichte von US-Unternehmen übernehmen würde.

AP-Redaktionsleiter Lou Ferrara sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen. Er versicherte den Lesern, die Technologie würde helfen, „mehr Zeit für Journalismus und weniger für Datenverarbeitung“ zu bieten. „Wir werden unsere Energie und Zeit für wichtigere Wege nutzen können."

Johansson selbst verteidigt die Idee, tausende Artikel automatisch zu generieren: „Immer mal wieder landet etwas wirklich obskures in den Nachrichten – sagen wir, ein Flugzeugunfall in einem kleinen Dorf von dem wir noch nie gehört haben… Solange wir nicht im voraus wissen, welches Dorf morgen in den Nachrichten ist, schreiben wir halt einen Eintrag zu jedem einzelnen.“

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Übersetzung: Simon Schaffhöfer
Geschrieben von

Alex Hern | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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