Der Enthüllungskünstler

Porträt Julian Assange ist der Kopf der Enthüllungsplattform Wikileaks. Er glaubt, dass freie Informationen die Welt verändern. Und er legt sich besonders gern mit Mächtigen an

Alles an dieser Begegnung ist eigenartig. Zunächst einmal sieht Julian Assange – Mitbegründer, Frontmann und treibende Kraft hinter der Enthüllungsplattform Wikileaks – ein wenig eigenartig aus. Groß, bleich, zerfetzte Jeans, braunes Jackett, schwarze Krawatte. Jemand sagte mal, er sehe mit den früh weiß gewordenen Haaren wie Andy Warhol aus. Ich kann mich allerdings nicht mehr erinnern, wer das gesagt hat. Assange wird das sehr stören, denn Präzision bedeutet ihm alles. Er verabscheut alles Subjektive im Journalismus. Ich fürchte, ein Teil von ihm hasst sogar Journalisten an sich. Wikileaks, das er als „unzensierbares System für die massenhafte, nicht zurückverfolgbare Verbreitung von geheimen Dokumenten“ bezeichnet, soll im Grunde dazu dienen, subjektive Idioten wie mich auszuschalten.

Wäre Assange der Autor dieses Artikels, dann würde er seine 90-minütige Rede online stellen, die er gerade für einen Sommerkurs des Centre for Investigative Journalism an der Londoner City University gehalten hat. Dazu käme ein Skript unseres zehnminütigen Gesprächs, das wir auf dem Weg zum Restaurant geführt haben. Beinahe wäre ich schuld gewesen, dass er während des Gesprächs von einem zu schnell fahrenden BMW überrollt worden wäre, was vermutlich die Zukunft des investigativen Journalismus verändert hätte. Und Assange würde noch 20 Minuten unserer Unterhaltung im Restaurant dokumentieren, 20 Minuten, nach denen mir höflich nahegelegt wird, dass ich seine Zeit bereits über Gebühr in Anspruch genommen habe.

„Seien Sie extrem vorsichtig, wenn Sie mit Sekundärquellen, die meine Person betreffen, arbeiten“, sagt er auf dem Weg zum Restaurant. Selbst das riesige Porträt von ihm, das unlängst im New Yorker erschien und dessen Fakten garantiert genau überprüft wurden, nimmt er auseinander: Der Autor mache bezüglich einer Wikileaks-Unterstützerin eine Unterstellung, die allein darauf basiere, was für ein T-Shirt die Frau trage.

Die Wissenschaft als Vorbild

„Der Journalismus sollte sich die Wissenschaft zum Vorbild nehmen“, sagt er. „Fakten sollten so weit wie möglich verifizierbar sein. Wenn Journalisten für ihren Berufstand Glaubwürdigkeit beanspruchen wollen, müssen sie in diese Richtung gehen. Mehr Respekt gegenüber den Lesern!“ Ihm gefällt der Gedanke, dass ein 200-Wörter-Artikel von 25.000 Wörtern Quellenmaterial gestützt werden könnte. Es gebe keinen Grund, weshalb das im Internet nicht möglich sein sollte.

Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich jetzt gar nicht mehr sicher, ob es sich bei dem Auto gerade wirklich um einen BMW handelte, ja nicht einmal, ob es tatsächlich zu schnell fuhr.

Assange stellte wikileaks.org im Januar 2007 der Öffentlichkeit vor und für eine Organisation, die nur über eine Hand voll Mitarbeiter verfügt, hat sie erstaunliche Coups gelandet. Sie hat Beweise für Korruption in Kenias Regierung vorgelegt und die Standard-Dienstanweisungen von Guantánamo Bay veröffentlicht. Endgültig in das Bewusstsein der Massenmedien drang die Organisation im April mit dem Video eines US-Hubschrauberangriffs in Bagdad, bei dem irakische Zivilisten und zwei Angestellte der Nachrichtenagentur Reuters getötet wurden. Der neueste Scoop: Dem Guardian, der New York Times und dem Spiegel spielte Wikileaks über 70.000 geheime Dokumente über den Afghanistan-Krieg zu, die aus Datenbanken des US-Militärs stammen. Damit zeigte die Organisation, dass sie – trotz ihrer Skepsis – mit etablierten Medien zusammenarbeitet, wenn es der Sache dient.

Meine These lautet, dass das aufsehenerregende Hubschrauber-Video für Wikileaks ein Wendepunkt war. Doch bevor ich Assange dazu befragen kann, prescht ein bärtiger Student vor, der bei der Vorlesung war. „Julian, Sie sind ein Held für mich“, sagt er. Assange und der Student schütteln die Hände. Die Ikone und der Gefolgsmann. Die Warhol-Parallele drängt sich auf: Asssange, der Impresario einer neuen Form des Nachrichtenjournalismus.

„Hat das Video im April alles verändert?“, frage ich dann. Eine rhetorische Frage, denn ich bin mir sicher, dass es so sein muss. „Nein“, sagt Assange. „Journalisten ist immer eine Ausrede willkommen, weshalb sie über etwas gerade jetzt sprechen, wenn sie nicht vor einer Woche schon darüber gesprochen haben. Sie behaupten dann gern, etwas sei neu.“ Immerhin stimmt er zu, dass sich die Reichweite von Wikileaks rapide vergrößert hat. „Wir haben im vergangenen halben Jahr vor allem Spenden gesammelt. Deshalb haben wir wenig veröffentlicht, jetzt haben sich eine Menge Einreichungen angestaut. Wir arbeiten diese nun ab.“

Probleme eines Start-Ups

Zu Wikileaks gehören nur fünf Vollzeit-Angestellte und etwa 400 Helfer, die „sehr häufig etwas tun“. Unterstützt werden sie noch durch 800 gelegentliche Helfer und etwa 10.000 Unterstützer und Geldgeber. Das Unternehmen, das Assange gern als „Bewegung“ versteht, ist im Moment an einem kritischen Punkt. „Wir sind mit allen Problemen konfrontiert, die man als wachsendes Start-Up hat“, sagt er. „Hinzu kommen ein extrem feindliches Umfeld und ein Staat, der uns ausspioniert.“

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Die Infiltrierung durch Geheimdienste ist eine akute Gefahr. „Das macht es schwer, schnell neue Talente zu finden“, sagt Assange. „Wir müssen jeden überprüfen. Und es macht die interne Kommunikation schwierig, da alles verschlüsselt werden muss und die Sicherheitsmaßnahmen ihre Zeit brauchen.“ Auf der Habenseite kann Wikileaks jedoch eine Million Dollar an Spendengeldern verbuchen.

Sieht er Wikileaks als das journalistische Modell der Zukunft? „Auf der ganzen Welt verschwinden die Grenzen zwischen dem, was innerhalb und außerhalb einer Organisation abläuft. Wenn das Militär Subunternehmer beschäftigt, dann verschwimmt die Grenze zwischen dem, was innerhalb und außerhalb des Militärs bedeutet. Was das Nachrichtengeschäft betrifft, lässt sich derselbe Trend beobachten – was ist eine Zeitung und was ist keine Zeitung? Wozu gehören Internet-Kommentare von Bürgern und Unterstützern?“ Ich dränge ihn, eine Prognose abzugeben, welche Form die Medien in einem Jahrzehnt haben werden. „Wirtschaftspresse und Fachzeitungen werden nicht viel anders aussehen – sie werden täglich über das informieren, was man wissen muss, um Geschäfte zu machen. Doch die politische und gesellschaftliche Analyse wird Sache der Bewegungen und der Netzwerke sein. Das können Sie bereits heute beobachten.“

Drohungen, die er ernst nimmt

Einige seiner Quellen mit Verbindungen zu Geheimdiensten haben Assange gewarnt, er sei in Gefahr und solle bloß nicht in die USA reisen. Der Organisator der Vorlesung erzählte mir, Assange übernachte nie zwei Nächte am selben Ort. Nimmt er die Drohungen also ernst? „Wenn einem gedroht wird, muss man das erstmal ernst nehmen. Einige hochrangige Persönlichkeiten haben mich gewarnt, dass es Probleme gibt, doch das hat sich geklärt. Die öffentlichen Äußerungen des US-Außenministeriums waren weitgehend vernünftig.“

Assange wurde 1971 im australischen Bundesstaat Queensland in eine Familie hineingeboren, die ausgesprochen unkonventionell gewesen sein soll. Hierbei verlasse ich mich nun auf jene Sekundärquellen, vor denen er mich gewarnt hat. Seine Eltern betrieben ein Wandertheater und er soll 37 verschiedene Schulen besucht haben. Die Eltern ließen sich scheiden, die Mutter heiratete wieder. Es gab Krach mit dem neuen Mann: Julian, seine Mutter und sein Halbbruder flüchteten und lebten zeitweise sogar unter falschem Namen. Das alles klingt zu Warhol-mäßig um wahr zu sein, aber ich denke, wir müssen es einfach glauben. Mir bleibt keine Zeit, um ihn über seine Biografie auszufragen. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass er sie mir erzählen möchte. Seine Antworten fallen allgemein knapp aus. Als ich ihn frage, ob es etwas gibt, das Wikileaks unter keinen Umständen veröffentlichen würde, sagt er: „Diese Frage ist nicht interessant.“ Dabei belässt er es. Er ist keiner, der Gesprächspausen nicht ertragen kann.

Als Teenager verfiel er dem Computer, er wurde ein geschickter Hacker und gründete eine Gruppe, die in die Computer des US-Verteidigungsministeriums eindrang. Er heiratete mit 18, bekam einen Sohn, doch die Ehe ging in die Brüche. Dann kämpfte er eine lange Schlacht um das Sorgerecht, die seine Abneigung gegenüber der Staatsgewalt vertieft haben soll. Es gibt Hinweise darauf, dass er das Gefühl hatte, einige Leute in der Regierung hätten gegen ihn konspiriert. Das ergibt ein stimmiges Bild: Computerexperte mit viel Hacker-Erfahrung, Abneigung gegenüber Autoritäten, Verschwörungstheoretiker. Dass er mit Mitte dreißig zum Kopf von Wikileaks wurde, erscheint ein unvermeidbarer Schritt.

„Ein Journalist sieht etwas und versucht, eine Begründung dafür zu finden“, sagt er. „Doch ich sehe etwas anderes. Es stimmt, dass ich das Glück habe, in einem westlichen Land mit Zugang zu finanziellen Mitteln und dem Internet zu leben. Es stimmt, dass es nur wenige Menschen gibt, die die gleichen Fähigkeiten haben wie ich. Es stimmt auch, dass ich mich seit jeher für Politik und in gewissem Maße auch für Geheimnisse interessiere.“ Das ist zwar keine richtige Antwort, aber mehr bekomme ich nicht.

In seinem Vortrag erklärte Assange zuvor, er stehe weder rechts noch links – seine Feinde versuchten ständig ihm ein Etikett anzuhängen. „Fakten zuerst. Dann kommen wir zu der Frage, wie genau wir damit umgehen wollen. Man kann nicht vernünftig handeln, solange man die Situation, in der man sich befindet, nicht genau kennt.“ Wikileaks verfüge aber über einen ethischen Kodex. „Wir vertreten bestimmte Werte. Wir glauben, dass Informationen, die vollständig und präzise sind, an sich etwas Gutes sind und Menschen die Möglichkeit geben, intelligente Entscheidungen zu treffen.“ Eine entscheidende Aufgabe sei es, Menschenrechtsverletzungen aufzuzeigen, egal wo sie stattfinden und wer sie verübt.

Den Aufbau einer sicheren Enthüllungsplattform sieht Assange als seine Berufung. Ist der Einfluss, den Wikileaks gewonnen hat, eine Kritik am konventionellen Journalismus? „Der Journalismus hat beim Schutz seiner Quellen versagt. Diese tragen das ganze Risiko. Ich war vor einigen Monaten auf einer Journalisten-Konferenz. Dort hingen Poster, auf denen stand, seit 1944 seien 1.000 Journalisten getötet worden. Das ist skandalös. Wieviele Polizisten wurden seit 1944 getötet?“

Zu wenige tote Journalisten

Ich verstehe ihn falsch und denke, er beklage den Tod so vieler Journalisten. Er meint aber nicht, wie viele getötet wurden, sondern wie wenige. „Nur 1.000!“, seine Stimme wird lauter, als ihm klar wird, dass ich es nicht kapiert habe. „Viel mehr Polizisten sterben. Sie nehmen ihren Job ernst.“ „Journalisten nehmen ihren Job auch ernst“, protestiere ich. „Nein, zu den tausend Journalisten, die seit 1944 gestorben sind, gehören fast nur freie Korrespondenten an Orten wie Irak. Nur wenige Journalisten aus dem Westen sind ums Leben gekommen. Ich halte es für eine Schande, dass so wenige Journalisten aus dem Westen im Dienst gestorben sind oder verhaftet wurden.“

Journalisten hätten den Mächtigen viel zu lange viel zu viel durchgehen lassen, sagt er. Ein Netzwerk aus Hackern und Informanten mit einem Gespür für komplexe Daten und der Mission, diese frei verfügbar zu machen, sei nun bereit, den Job besser zu erledigen. Es ist ein aufwieglerisches Argument, ich würde es gern anfechten. Aber Assange nippt an seinem Weißwein und will sein Essen bestellen. Zeit zu gehen.

Eines möchte ich trotzdem noch klarstellen. Die Zahl der getöteten Journalisten geht eher in Richtung 2.000. Schließlich sind Genauigkeit und Faktentreue in der mutigen neuen Medienwelt alles.

Stephen Moss schreibt für den Guardian über Gesellschaftsthemen und ist außerdem Herausgeber einer Cricket-Anthologie.

Wie kann man brisante Geheimdokumente der Öffentlichkeit zugänglich machen, ohne selbst als Quelle enttarnt zu werden? In einem Video auf der Webseite des Londoner Center for Investigative Journalism (CIJ) richtet Julian Assange sich an Menschen, die darüber nachdenken, sensible Informationen weiterzugeben. Seine Tipps:

1. Achte nicht nur auf die Risiken, sondern denke auch an die Chancen. Es ist wichtig zu fragen: Was könnte schlimmstenfalls geschehen? Aber auch: Was könnte bestenfalls daraus entstehen?

2. Finde jemanden, der die Informationen veröffentlicht und dem man trauen kann. Neben Wikileaks könnte ein Journalist mit Erfahrung beim Informantenschutz ein solcher Partner sein.

3. Wie kann ich sicher Kontakt aufnehmen? Von einer Telefonzelle anrufen, einen Brief ohne Absender schicken oder eine Mail von einem öffentlichen Computer (Bibliothek, Internet-Café) schreiben nur auf Überwachungskameras achten!

4. Verändere dein Verhalten nicht! Viele Informanten machen sich verdächtig, weil sie anfangen, sich seltsam zu benehmen sich etwa auf der Straße oft umschauen.

5. Rede mit niemandem aus deinem privaten Umfeld über dein Vorhaben! Daniel Ellsberg, der 1971 die Pentagon Papers an Zeitungen weitergab und damit die Irreführung der US-Öffentlichkeit in Bezug auf den Vietnamkrieg aufdeckte, wurde nicht von FBI-Agenten enttarnt, sondern von seiner Schwiegermutter.

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:20 27.07.2010
Geschrieben von

Stephen Moss | The Guardian

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