Joanna Geary
24.04.2012 | 16:00 8

Der Feind in meinem Blog

Trolle Wenn uns im Netz jemand ärgert, stempeln wir ihn schnell als Troll ab. Aber wer sich mit seinem digitalen Widersacher trifft, lernt einiges dazu – und ihn womöglich schätzen

Als der britische Fernsehmoderator Noel Edmonds sich dazu entschloss, den Studenten zu treffen, der die Facebook-Gruppe „Könnte bitte jemand Noel Edmonds umbringen“ gegründet hat, tat er einen mutigen Schritt. Und trotz der Art und Weise, wie die Geschichte dargestellt wurde, kann man diesen Studenten nur schwer als Troll bezeichnen – das heißt als jemanden, der Dinge postet, nur um andere zu verärgern. Jemanden, der im Netz negative Dinge über einen verbreitet, zu treffen, mag vielen sinnlos erscheinen, ich aber lese Online-Kommentare mit anderen Augen und habe ein anderes Verständnis vom Trollen, seit ich meinen vermeintlichen Troll getroffen habe.

"Clifford", oder Clifford49, war irgendwann permanent auf der Internetseite der Birmingham Post, bei der ich arbeitete, präsent. Wenn wir eine Geschichte ins Netz stellten, standen die Chancen gut, dass Clifford den ersten Kommentar absetzen würde – und er hatte nie auch nur ein gutes Wort übrig. Die Sache begann zum Problem zu werden: Stammleser schickten mir E-Mails, in denen sie mir sagten, sie fühlten sich nicht mehr wohl dabei, auf unserer Seite zu kommentieren und hätten Angst, Clifford könnte sich auf ihre Worte stürzen und sie gegen sie verwenden. Wenn er nicht gerade dabei war, Leserinnen zu verscheuchen, listete er auf Twitter auf, was er an mir und meinen Kollegen zu kritisieren hatte. Als ich einmal seine Zeitleiste überflog, wurde mir immer unwohler, denn ich sah, dass sie fast ausschließlich Kritik an mir und meiner Zeitung beinhaltete. Ich fühlte mich ins Visier genommen und eingeschüchtert.

Schau ihm in die Augen

Eines Tages, kurz bevor ich meinen Arbeitsplatz bei der Post verließ, erschien Clifford auf einer anderen Seite und hinterließ auch dort einen negativen Kommentar zu meiner Arbeit. Da machte etwas klick. Ich hatte mir die anonyme Kritik dieses Mannes schon zu lange angehört. Es war an der Zeit, ihm in die Augen zu sehen und ihn zu fragen, wo das Problem liegt. Also postete ich: "Sie sind seit deren Launch auf den Seiten der Post unterwegs und auch wenn ich weiß, dass Sie nicht gerade zu unseren größten Fans gehören, so interessieren Sie sich doch auf jeden Fall für unsere Entwicklung. Ich werde nur noch kommende Woche bei der Post arbeiten und wollte Sie fragen, ob Sie nicht Lust hätten, bei uns in der Redaktion vorbeizukommen und sich unsere Arbeit einmal aus einer anderen Perspektive anzusehen? 

Ich hinterließ meine E-Mail-Adresse und erhielt innerhalb von Minuten die Antwort: „Ja, das würde ich liebend gerne.“

Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich einen potenziellen Axt-Mörder eingeladen hatte, der von einem tiefen Groll gegen unsere Zeitung besessen ist. Tagelang grübelte ich und stellte mir vor, wie er in der Reaktion ankommen würde, um aus purer Lust auf Journalistenblut meine Kollegen zu massakrieren. Aber natürlich geschah nichts dergleichen. Weit entfernt. Clifford war höflich, gebildet und sich völlig im Unklaren darüber, wie er online rüberkam. Er erklärte sich sogar zu einer Videoaufnahme bereit, in der er erläuterte, wie die Anonymität des Netzes dazu beiträgt, dass man vergisst, dass man es mit leibhaftigen Menschen zu tun hat, die mit dem rauen Ton scharfer Kommentare nicht immer so gut umgehen können.

Nur ein Missverständnis

Aber natürlich lag das Missverständnis nicht allein auf seiner Seite. Wenn ich mir seine Postings im Lichte dessen, was ich jetzt weiß, noch einmal ansehe, wird mir klar, dass einige Kommentare von dem Bedürfnis motiviert waren, unseren Journalismus zu verbessern. Das Wesen der Plattform und die Anonymität, die sie ihm gab, ließen das Ganze wie einen Angriff wirken.  

Diese Lektion habe ich als Journalistin mitgenommen. Wir vergessen oft, das soziale Medien immer noch relativ neu für uns sind und wir noch viel zu lernen haben: Wie übermittelt man beispielsweise die Nuancen eines persönlichen Gesprächs in 140 Zeichen? Wie macht man deutlich, dass sich hinter der virtuellen Figur oder dem Nickname ein vernunftbegabtes menschliches Wesen verbirgt? Wenn jemand daran scheitert, ist es nur allzu leicht, ihm das Label „Troll“ anzuhängen.

Edmonds sagte nach seinem Treffen mit dem Studenten, dieser habe sein Tun aufrichtig bereut, als ihm klar geworden sei, welche Konsequenzen sein Schabernack gehabt hatte. Das war kein Troll, sondern ein Junge, der etwas falsch verstanden hatte.

Das heißt nicht, es würde keine echten Trolle geben – absolut. Ich war schockiert, als ein ehemaliger Kollege mir gestand, er genieße es durchaus, anonyme Kommentare zu verfassen, die das einzige Ziel verfolgten, von den anderen negative Reaktionen zu erhalten. Sich daran zu vergnügen, andere zu ärgern, ist widerlich und feige. Als ich ihm wegen der Sache zusetzte, wurde klar, dass die Plattformen es ihm schlicht leicht machten, eine hässliche Seite seines Charakters auszuleben, sich dabei aber von seinen Opfern zu isolieren. Leute wie er werden erst dann aufhören, wenn die Gesellschaft ihr Verhalten in irgendeiner Weise sanktioniert. Das muss nicht notwenig eine Gefängnisstrafe sein wie im Fall des 21 Jahre alten Biologie-Studenten Liam Stacey, der nach dem Zusammenbruch des Boltoner Spielers Fabrice Muamba rassistische Tweeds absetzte und dafür zu 56 Tagen Haft verurteilt wurde.

Mein Treffen mit Clifford hat mich zur Optimistin gemacht – echte Trolle sind wirklich in der Minderheit. Die meisten von uns meinen es gut und können das online vielleicht nur nicht immer so gut rüberbringen. Das heißt nicht, dass wir uns mit Trollen auseinandersetzen müssen, wenn wir einem über den Weg laufen. Wenn es uns aber auf vernünftige und höfliche Weise gelänge, diese Menschen von ihren Fehlern zu überzeugen, würde das Netz zu einem besseren Ort werden. Das kann es aber nur, wenn wir aufhören, schlechtes Verhalten immer gleich als Trolling aufzufassen, ohne zu bedenken, dass hier vielleicht lediglich jemand versucht, sich auf unbeholfene Weise mitzuteilen.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (8)

Jörg Friedrich 24.04.2012 | 19:32

Ein sehr guter und - wie ich finde - wichtiger Artikel. Ich möchte ergänzen: Es gibt so wenige wirkliche Trolle dass man als Arbeitshypothese immer annehmen kann, dass der unangenehme Kommentator, auf den man trifft, ganz sicher kein Troll ist. Der Troll entsteht im Kopf des Kommentar-Lesers, es ist eine Zuschreibung, mit der man sich unverständliches Verhalten von Unbekannten im Netz auf einfache Weise verständlich machen kann.

Der Troll ist der "Wilde" des digitalen Zeitalters. Und kein "Wilder" den die Europäer so bezeichnet haben, war wirklich wild, sie waren alle Kulturmenschen - nur war die Kultur eben immer völlig fremd und unverständlich.

Knüppel 24.04.2012 | 19:41

Ob es hier evtl. schon an der Definition hapert?

bit.ly/46TMM6

Auszüge:
"(...) eine Person, die Kommunikation im Internet fortgesetzt und auf destruktive Weise dadurch behindert, dass sie Beiträge verfasst, die sich auf die Provokation anderer Gesprächsteilnehmer beschränken und keinen sachbezogenen und konstruktiven Beitrag zur Diskussion darstellen ..."

"(...) Als Troll wird bezeichnet, wer absichtlich Gespräche innerhalb einer Online-Community stört ..."

Jörg Friedrich 24.04.2012 | 20:00

Knüppel, eine "Definition" ist ja keine Vorschrift, wie ein Begriff zu verwenden sei (wer sollte dazu die Autorität besitzen) sondern der Versuch, den tatsächlichen Gebrauch zu beschreiben.Ob jemand in einer Online-Debatte als Troll bezeichnet wird oder nicht, wird nicht durch eine "Definition" bestimmt, die irgendwo nachlesbar ist, sondern von dem Verständnis der Teilnehmer.

In Ihrer Definition sind - wie das bei Definitionen so ist - Begriffe enthalten, die selbst definiert werden müssten und über deren Zutreffen im Allgemeinen gerade keine Einigkeit besteht: "Provokation", "sachbezogen" und "konstruktiv" z.B. Außerdem können wir über die "Absichten" von Diskussionsteilnehmern (nicht nur online) nur mutmaßen. Sie sehen, eine Definition hilft hier nicht.

ed2murrow 24.04.2012 | 20:13

Bei ähnlichen wie den beschriebenen Verhaltensweisen war auch schon das Wort "stalking" zu lesen und damit sogar die Kriminalisierung dessen, was einem Artikelverfasser oder Blogger einfach nicht in den Kram paßt oder was er als Antwort nicht versteht. Das ist vor allem Folge der Durchlässigkeit des Internet: (Berufliche, gesellschaftliche, Bildungs-)Kreise, die sich nie über den Weg laufen würden, erhalten unmittelbaren und ungefilterten Kontakt zueinander. Letztlich sind dann derartige Markierungen nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit mit einem ungewohnten oder sogar unbekannten Phänomen. Geary hat einen praktischen Weg gezeigt, wie diese Form der Abgrenzung überwunden werden kann.

anne mohnen 24.04.2012 | 22:56

"Das kann es aber nur, wenn wir aufhören, schlechtes Verhalten immer gleich als Trolling aufzufassen, ohne zu bedenken, dass hier vielleicht lediglich jemand versucht, sich auf unbeholfene Weise mitzuteilen."

Ich finde auch, die "Unbeholfenen und Beladenen, ausdrucksschwache Pöbler" brauchen unser aller Verständnis. Neben einer Redaktionsführung, besondere Aufmerksamkeit. So wird das Netz, dank laienhafter Sozialarbeiterattitüde und Pseudopsychologie, ein Hort wahrer Menschwerdung. Off-Line war gestern!

Halleluja!

miauxx 27.04.2012 | 01:27

Die persönlichen Erfahrungen der Autorin sind eine Sache und eben ihr spezielles persönliches Erlebnis. Sie hat eben den Menschen hinter dem Netztroll kennengelernt. Es ist nun aber auch vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, dass die wirkliche Person und ihre Netzidentität(en) nur bedingt zusammenfallen müssen. Was die eigentliche Absicht des Trolles der Autorin war, ist völlig egal, wenn man sieht, wie er sich eben vermittels des Netzes präsentiert hat. Und da war er halt ein Troll. Fertig.

Vorschlag für den Freitag: Trolle hier nicht mehr sperren oder rauswerfen! Mit allen Personen, die sich hier hinter Trollen zu verbergen scheinen, einen Netzkommunikations-Workshop durchführen. Lesson 1: Wie schreibe ich, was ich meine. Denn das können Trolle ja am wenigsten.
Die Birmingham Post macht das bestimmt schon ...

Avatar
Ehemaliger Nutzer 07.04.2013 | 13:57

Thema Manipulation. Ich hab mich damit viel und lange beschäftigt und ich bin mir sicher, dass 90% derjenigen die das "Troll, Troll" schreien, selbst gar nicht sicher sind, ob es sich wirklich auch um einen solchen handelt. Was auch immer das sein soll, ich habs auch bisher nie so ganz kapiert. Aber ich bin mir sicher, dass es in 90% der Fälle einfach eine Brunnenvergiftungstaktik ist, bei der die vermeintliche Objektivität des Takteurs gegenüber dem Thema auf den ersten Blick gewahrt bleibt und nochwas: Er behält auch deswegen scheinbar eine saubre Weste, weil er nicht beleidigend wirkt. Nein, er gibt sich den Anschein der Bewahrer von Recht und Moral zu sein und alle anderen vor einem große Betrug beschützen zu wollen. Aber es ist und bleibt ein Angriff auf die Glaubwürdigkeit der Person, die vermutlich völlig fassungslos auf irgendwo vor einem Bildschirm sitzt. Der Verdächtigte sitzt buchstäblich in der Falle. Wir wissen, dass auch nicht-verurteilte Verdächtige oft den Makel eines Einmal-Verdächigten nicht mehr loswerden. Alle anderen versuchen vielleicht neutral zu bleiben, aber es fällt nicht mehr so leicht wie zuvor. Der Verdacht ist ausgesprochen und wenn er sich nun dagegen wehrt macht er sich ebenso weiter verdächtig, wie wenn er es ignoriert. Beide Reaktionen kann der Manipulator nutzen um weiter die Integrität des Gegners in den Augen des geneigten Publikums in Frage zu stellen, in der Folge können alle Reaktionen des Beschuldigten so interpretiert werden, dass die Unterstellung des Hoax/Fake/Troll bewiesen scheint. Das ist ziemlich niedrig und perfide.