Sean O’Hagan, The Observer
19.07.2009 | 10:20

Der Filmemacher auf der Couch

Lars von Trier Wie bannt man seine Dämonen? Im Gespräch über seinen aktuellen Film "Antichrist" entpuppt sich Lars von Trier als Mischung aus Provokateur und ungezogenem Schuljungen

Bei dem Interview mit Lars von Trier passiert nach zehn Minuten etwas Merkwürdiges. Ich sitze in einem Sessel in seinem Büro, einer geräumigen Kabine in seinem Zentropa-Studio-Komplex. Von Trier sitzt mir gegenüber auf einer Couch und spricht über seinen jüngsten Film Antichrist, an dem er zu arbeiten begann, als er gerade in eine Depression rutschte. „Dieser Film hat überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich zwang mich dazu, jeden Tag zehn Seiten des Drehbuches zu schreiben. Das war für mich die einzige Möglichkeit, jeden Tag auf`s Neue aus dem Bett zu kommen. Ich musste diese Entscheidung treffen und die Sache durchziehen. Als es ans Drehen ging, war ich mental nicht in der Lage, eine Kamera zu halten und zu filmen. Ich war hilflos wie ein alter Mann in einem Rollstuhl. Es war erniedrigend, so arbeiten zu müssen.“

Während er spricht, streift von Trier sich die Schuhe ab, legt sich auf die Couch und schließt die Augen. Ich sitze still und mache meine Notizen. Ich habe ein merkwürdiges Gefühl: Das Interview als Therapie-Sitzung. Von Trier hingegen scheint völlig entspannt zu sein. Erst als ich ihn nach dem sadistischen Schrecken frage, mit dem er sein Publikum in Antichrist konfrontiert – ein Blut spritzender Penis, drastische Bilder einer Frau, die ihre eigenen Genitalien verstümmelt – setzt er sich plötzlich auf und wirkt bedrückt. „Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Es gibt da einige Dinge, die man besser nicht erklären oder analysieren sollte. Davon abgesehen sind meine Erklärungen immer banal und einfältig.“

Das hört sich stark nach dem Rückzieher eines Mannes an, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Kino-Tabus zu brechen. Immerhin war von Trier der erste Filmemacher, der außerhalb des Hardcore-Porno-Genres in einer Liebesszene „echten“ Sex gezeigt hat. In Antichrist tut er dies wieder, dieses Mal in Zeitlupe und mit Close-ups. Es ist Teil einer poetischen Darstellung des ehelichen Geschlechtsverkehrs, mit dem der Film anhebt. Das einsame Liebesspiel wird von einer Szene unterbrochen, in der der kleine Sohn des Paares aus einem Fenster in den Tod stürzt. Das alles ist unterlegt von einer herzzerreißend traurigen Händel-Arie. Ich kann mir keinen anderen Gegenwarts-Regisseur vorstellen, der solch eine fulminante und verstörende Anfangsszene schaffen könnte.

Loch ins Bein

Aber selbst diese Szene bereitet einen nicht wirklich auf die an den Science-Fiction-Autor J. G. Ballard erinnernden Szenen sexueller Gewalt vor. Nachdem sie die Genitalien ihres Mannes mit einem Backstein zertrümmert hat, bohrt die von Charlotte Gainsbourg gespielte Frau, die lediglich mit „sie“ bezeichnet wird, ihm ein Loch ins Bein, führt eine Eisenstange in das Loch ein und bringt an dieser ein schweres Eisenrad an.

Ich erzähle von Trier, dass ich mir bei dem Film nicht um den Geisteszustand der von Gainsbourg verkörperten Figur, sondern um seinen Sorgen gemacht habe. Er findet das natürlich amüsant. „Da sorgen sie sich zurecht“, sagt er lachend. „Aber man sollte sich keine allzu großen Sorgen über Dinge machen, die man nicht ändern kann. Ehrlich, ich kann nur sagen, dass ich getrieben wurde, diesen Film zu machen, dass diese Bilder mich heimsuchten und ich sie nicht hinterfragte. Zu meiner Verteidigung kann ich lediglich sagen: Verzeihen Sie mir, denn ich weiß nicht, was ich tue.“ Er bekommt einen Lachanfall. „Wenn es darum geht, um was es in dem Film geht oder warum er so ist, wie er ist, bin ich wirklich der falsche“, sagt er schließlich. „Das ist ein bisschen so, als würde man das Huhn nach der Hühnersuppe fragen.“

Lars von Trier kichert für sein Leben gern. Das ist eines der Dinge, die mich an ihm überraschen. Ich war nach Kopenhagen gekommen, um einen grüblerischen, depressiven, frauenfeindlichen Nonkonformisten des zeitgenössischen Kinos zu interviewen. Aber während des Gespräches verwandelt der sich immer mehr in einen ungezogenen Schuljungen. Seine plötzlichen Heiterkeitsanfälle haben etwas Ansteckendes. Wenn man das erlebt, kann man verstehen, warum seine Leute, die auf dem Zentropa-Gelände umherwandern und die Hütten seines alten Militärlagers bevölkern, ihn einerseits verehren, gleichzeitig aber auch beschützen. Trotz seiner Reputation als Rabauke, wirkt er auf seltsame Art und Weise kindlich und verletzlich.

Wie David Lynch, dessen cineastische Gegenwart in den gruseligen Anfangsszenen und den seltsamen Geräusche aus dem Off von Antichrist zu spüren ist, besitzt auch Lars von Trier die seltene Gabe, Schauspieler zu Dingen zu bewegen, die sie sonst für keinen anderen machen würden. So verbrachte beispielsweise Nicole Kidman, Hollywoods bekannteste Eisprinzessin, eine gefühlte Ewigkeit damit, das ihr ans Bein gekettete Gewicht in der Brechtischen Szenerie von Dogville mit sich herumzuschleifen.

Mit einer rostigen Rasierklinge

In Antichrist gibt es lediglich zwei Figuren: Charlotte Gainsbourghs „Sie“, die durch den Schmerz über den Tod ihres Kindes den Verstand verliert und gewalttätig wird und den von Willem Dafoe gespielten „Er“, ihren Ehemann – ein Psychoanalytiker, der einen mit seiner Vernünftigkeit in den Wahnsinn treiben kann. Beide strahlen diese befremdliche, leicht entrückte Intensität aus, bei der man sich fragt, ob die beiden wohl einfach schlechte Schauspieler sind oder ob ihre Hölzernheit Teil von von Triers Masterplan ist. Denn seltsamerweise kommt sie diesem auf verstörende Art und Weise bescheuerten Film zugute. Seien Sie aber dennoch gewarnt: Die Gewaltszenen sind unbarmherzig und abstoßend.

Nachdem sie ihren Mann gefoltert hat, wendet die verrückt Gewordene sich selbst zu und schneidet sich in der Szene, die die Kritiker in Cannes in Rage versetzt hat, mit ein paar rostigen Rasierklingen die Klitoris ab, was dem Zuschauer in aller Ausführlichkeit vor Augen geführt wird. Antichrist wird daher auch kaum von Triers Ruf als Frauenfeind gefährden, auch wenn Gainsbourgh diese Lesart für zu vereinfachend hält.

Von Trier räumt fröhlich ein, dass er Sklave seiner Ängste und zahlreichen Neurosen ist. Er hat Flugangst und ist bekannt dafür, dass er mit dem Wohnmobil von Kopenhagen nach Cannes fährt. Als er einmal den Ärmelkanal überqueren musste, um in England Werbung für einen Film zu machen, musste er in einem katatonischen Zustand, mit Krämpfen und schizophrenen Wahnideen von Bord getragen werden. Er versucht, seine Dämonen mit Hilfe seiner Filme zu exorzieren, wobei ihm Antichrist interessanter Weise weder Frieden noch Läuterung brachte. „Es war“, sagt er, „eine Art von Hölle.“

In einer Presse-Mitteilung bezeichnet er den Film mit einer von seinem Idol, dem dänischen Dramatiker und Frauenfeind entlehnten Ausdruck als seine „Inferno-Krise“. Er beharrt auch darauf, dass es sich bei Antichrist um den wichtigsten Film seiner gesamten Karriere handle, eine Sicht, die seine Kritiker in Cannes nicht uneingeschränkt teilten, von denen viele pfeifend und buhend die Vorführung beim Festival verließen.

Ich bin Däne


Von Triers Talent zur Provokation scheint so mühelos wie extrem zu sein. Mit dem ernsten und emotional zermürbenden Breaking the Waves von 1996 machte er sich einen Namen. Der Film war der erste Teil dessen, was er „Goldene Herzen“-Trilogie nannte, in der „gute Frauen von einer schlechten Welt überwältigt werden“. Für viele seiner Kritiker bestand das grundsätzliche Problem der Trilogie allerdings darin, dass die Schauspielerinnen emotional wie physisch von Triers grausamer Regiearbeit überwältigt wurden.

Ich erinnere mich, von Trier ein einzigartiges Talent zur Provokation zugeschrieben zu haben, als ich 1998 an einer Pressevorführung von Idioten teilnahm, bei der ein Journalistenkollege während der letzten Credits stampfend aufstampfte und mehrmals „So eine Scheiße!“ schrie. Der Film folgte den sogenannten „Reinheitsregeln“seiner Dogma-95-Bewegung – nur Handkameras, und natürliches Licht, keine nachträgliche Bearbeitung von Ton und Bild – und hatte eine Gruppe junger Dänen zum Gegenstand, die so tun, als seien sie geistig zurückgeblieben, um die Mehrheitsgesellschaft zu schockieren und aus ihrer angeblich herablassenden Selbstgefälligkeit zu reißen. Trotz seines fragwürdigen Geschmacks, einer düster-realistischen Orgie und einer kurz zu sehenden Hardcore-Penetration, hat der Film es seitdem bis in den Kanon der besten dänischen Filme des dänischen Kulturministeriums gebracht. Von Trier reagierte darauf mit dem Satz, die Geste sei „wie etwas, das die Nazis getan hätten“. Ist er je zufrieden?

„Ich bin Däne!“, antwortet er lachend. „In Dänemark gibt es eine große Tradition der Provokation. In den sechziger Jahren nannten sich einige Leute „Provos“ – Provokateure. Man könnte sagen, ich stehe in dieser Tradition, dann aber auch wieder nicht. Es ist nicht unwichtig, es genügt aber auch nicht, wenn jemand nur provozieren will. Das ist fast schon zu einfach, schon allein deshalb kann es nichts für mich sein.“


Als Dogville herauskam, war von Triers Frauenfeindlichkeit angesichts der Welle der Empörung über seine antiamerikanische Haltung schon beinahe in Vergessenheit geraten. Wie schon Idioten, ist es schwer, sich diesen Film am Stück anzusehen. Die guten Menschen von Dogville nehmen die auf der Flucht vor ihrem Gangster-Vater befindliche, von Nicole Kidman gespielte Grace zunächst auf, beuten sie dann aber aus, zunächst als unbezahlte Kopfarbeiterin, dann als Sexsklavin. Man legt ihr ein Halsband aus Eisen mit einer Glocke an und kettet sie an ein Gewicht.

Dogville ist zäh und sperrig, hat aber, wie alle Filme von Triers, seine Augenblicke. „Eine meiner Verfahrensweisen besteht darin, eine fremde Idee oder Sichtweise zu verteidigen. Ich könnte einen Film über die menschliche Seite Hitlers machen. So etwas würde mich sehr interessieren.“ Ich sage ihm, dass ich es kaum erwarten könne. Er nickt. Entweder ignoriert er meinen Sarkasmus oder er bemerkt ihn überhaupt nicht. „Ich meine, Hitlers Taten zu verteidigen“, sagt er aufgeregt, „das würde selbst mir nicht leicht fallen.“ Als sein Kichern abgeklungen ist, frage ich ihn, ob er hinter all der Provokation ein politischer Filmemacher ist. „Vielleicht. Wissen Sie, ich habe in der Tat gewisse Wertvorstellungen. Mir liegt in der Tat etwas an den Menschen und ich habe auch einen politischen Standpunkt.“

Die Kraft des Schmwerzes

Kann er den definieren? „Nun, mein Vater pflegte zu sagen, dass man den moralischen Zustand eines Landes daran bemessen kann, wie es mit seinen Gästen umgeht. In diesem Augenblick befindet sich dieses Land in einem schrecklichen Zustand. Es ist so dermaßen rechts und minderheitenfeindlich. Sie haben sicher von diesen Cartoons gehört?“, fragt er in Bezug auf die Kontroverse über die Mohammed-Karikaturen. „Das ist eine rechtsextreme Zeitung, die vorgibt, ihr ginge es um die Redefreiheit. Dabei wollte sie lediglich einer sehr kleinen Minderheit in diesem Land schaden. Ich würde so etwas nie tun. Wenn man provozieren will, sollte man sich einen Stärkeren aussuchen, andernfalls missbraucht man seine Macht.“

Nichtsdestotrotz gibt es oft eine große Diskrepanz zwischen den Intentionen Lars von Triers und seinen fertigen Filmen, das gilt für keinen von ihnen mehr als für Antichrist. Der Film beginnt als eine gruselige, an David Lynch gemahnende Meditation über die destabilisierende Kraft des Schmerzes, flirtet mit den Tropen des nordischen Märchens, der okkulten Mysterien und des Horrorfilms, rührt eine Portion recht simpler Kritik an der Psychoanalyse unter und begibt sich dann plötzlich, für den Zuschauer verwirrend und viel zu direkt in die Fußstapfen des unerbittlichen und abstumpfenden Folter-Pornos nach Art von Genre-Filmen wie Saw and Hotel, die er, nebenbei bemerkt, nicht gesehen haben will.

Als ich später im Sonnenschein am Swimmingpool des Zentropa-Geländes sitze und versuche, einen nackten Mann zu ignorieren, der gerade aus dem Wasser aufgetaucht ist und der auf diese ganz und gar nordische Art mit seiner Nacktheit im Reinen herumspaziert, kommt mir in den Sinn, dass alles, was Lars von Trier tut, wenn er es mit der Presse zu tun hat, Teil einer einzigen langen Performance sein könnte, zum Teil Selbstschutz, zum Teil Provokation. Gleichzeitig hat er aber auch etwas Ehrliches und Offenes an sich. Als ich ihn frage, wer, außer Tarkovsky seine wichtigsten Einflüsse sind, antwortet er „Mama und Papa“. Kichernd fügt er hinzu: „Gott sei Dank sind sie tot.“

Es ist schockierend, lustig und traurig zugleich – wie auch, wenn er erzählt, dass er am Totenbett seiner Mutter erfahren habe, dass der Mann, der ihn aufgezogen hat, nicht sein leiblicher Vater war. „Das“, sagt er ruhig, „ist eine Bombe, die zu detonieren noch nicht aufgehört hat.“ Ich sitze da und ertrage tapfer die Stille, ganz der Therapeut, zu dem ich auf surreale Weise geworden bin. „Wirklich unbefriedigend war, dass ich mit dem Kerl, der nicht mein leiblicher Vater war, mit dem ich aber meine gesamte Kindheit verbracht habe, nicht mehr reden konnte, weil er schon tot war“, fährt er kopfschüttelnd fort. „Und dann bin ich natürlich sehr aufgeregt, mit meiner biologischen Familie in Kontakt zu treten. Aber wenn ich das tue, sind die ja wie Fremde für mich. Man kommt sich nicht wirklich näher“, sagt er und seufzt. „Alles ist irgendwie auf eine ungute Art unfertig.“

Es ist nicht schwer zu erkennen, wo Lars von Triers Verirrungen – seine Wut, sein Schmerz und sein uneingeschränktes Bedürfnis zu provozieren – herrühren. Mit seinen verrückten und oftmals brillanten, schlechten Filmen versucht er seine Wunden auszustellen und seine tiefsten Ängste zu exorzieren. Als ich gehe, sagt er: „Es gibt da diese sehr lustige Zeile in einem Meryl-Streep-Film, in der eine der Freundinnen sagt: 'Meine Mutter ist gestorben.' Und sie antwortet: 'Hey, das ist hart, aber später wirst du um so viel glücklicher sein.' Ein wenig fühle ich mich immer so.“ Fühlt er sich denn dann manchmal auch glücklich? „Soweit würde ich nicht gehen“, sagt er kichernd.

Übersetzung: Holger Hutt