Der Gefahr ins Gesicht lachen

Satire Mohammed-Karikaturen sind in muslimischen Ländern nicht denkbar, heftige Satire schon. Wie Komiker sich über ihre politischen Führer und Feinde lustig machen
Der Gefahr ins Gesicht lachen
Der ägyptische Komiker Bassem Youssef verkündet im Sommer 2014 das Ende seiner TV-Show, nachdem der Druck auf ihn zu groß geworden war

Foto: Khaled Desouki/AFP/Getty Images

Grob verallgemeinert, haben Araber und Muslime momentan wirklich wenig zu lachen: Chaos und Tod, Krieg und Repression, Diktatur und Terrorismus sind in der Region an der Tagesordnung. Dennoch sind Satire und ein oft ziemlich schwarzer Humor quicklebendig, von Irakern, die sich über den Islamischen Staat (IS) lustig machen, über saudische Standup-Comedians bis zu Palästinensern, die angesichts eines Lebens unter einer korrupten Regierung und der israelischen Besatzung gute Miene zum bösen Spiel machen.

Derbe Cartoons im Stil von Charlie Hebdo, die den Propheten porträtieren – was streng tabu ist –, gibt es nicht, aber eine Vielzahl an cleveren und in ihrer Kritik heftigen Bildern von korrupten und heuchlerischen politischen Führern – und Feinden.

Ägypten

„Im Fernsehen könnten sie mich abschalten. Deswegen bin ich im Internet“

In mancher Hinsicht lässt sich der Zustand der ägyptischen Satire in der Tatsache zusammenfassen, dass sich Ägyptens berühmtester Satiriker der Gegenwart nicht mehr sicher genug fühlt, seine Arbeit zu tun. Und dass er bei seiner Arbeit von jeder Regierung, die er verspottet hatte, unter Druck gesetzt wurde. In einem goldenen Zeitalter zwischen 2011 und 2013 war Bassem Youssef, im früheren Leben Herzchirurg, das Aushängeschild der ägyptischen Revolution. Seine politische Satireshow, die er zunächst von seinem Gästeschlafzimmer aus bei YouTube ausstrahlte und die im Fernsehen später bis zu 30 Millionen Zuschauer hatte, nahm Politiker aus dem ganzen Spektrum aufs Korn.

Aber seine Erfahrungen zunächst unter der Herrschaft von Mohammed Mursi, ein Islamist und der erste Präsident des nach-revolutionären Ägyptens, und dann unter dem Mann, der ihn verdrängte, Abd al-Fattah as-Sisi, lassen die Grenzen für Satiriker in Ägypten deutlich werden. Unter Mursi ließ die Staatsanwaltschaft Youssef festnehmen und verhören. Grund war eine Beschuldigung, er habe sowohl den Präsidenten, als auch den Islam im Allgemeinen beleidigt. Als gläubiger Muslim hatte Youssef den Islam nie kritisiert – aber er hatte sich über die Islamisten lustig gemacht, die seiner Meinung nach das Bild des Islam beschmutzen. Youssefs Show überlebte unter Mursi, aber mit Interimspräsident Adli Mansur und dann as-Sisi war es etwas anderes. Im September 2013, als gerade ein scharfes Vorgehen gegen alle Formen von Opposition einsetzte, erklärte Youssef seinen Zuschauern: „Wir fürchten, dass der Faschismus im Namen der Religion ersetzt wird durch einen Faschismus im Namen von Patriotismus und nationaler Sicherheit.“

Binnen Wochen hatte sein Sender die Show abgesetzt. Obwohl die Regierung andere Journalisten einsperren ließ, gab es in seinem Fall keine direkte Regierungsanweisung, seine Satire zu beenden. Youssef zufolge wurde er zum Opfer eines Umfelds, das die Regierung zu schaffen half und in dem die Medienmogule nur zu gerne die Arbeit der Behörden übernehmen.

In Ägyptens Mainstreammedien hat Youssefs Abgang eine Lücke hinterlassen. Aber sein satirischer Staffelstab wird von einer jüngeren Generation von Cartoonisten und Autoren weitergetragen. Sie überschreiten gesellschaftliche und (manchmal) politische Grenzen auf einigen wenigen kühnen Websites, in Magazinen – oder unter ihrer erheblichen Anhängerschaft auf Facebook. Zu diesen Autoren gehört der 23-jährige Wageeh Sabry, der im vergangenen Sommer mit satirischen Sketchen auf Facebook begann – ironischerweise zu der Zeit, als Youssef schließlich seine Show abwickelte. Zunächst sprach Sabry nur zu seinen Freunden und postete eigentümliche Geschichten oder Grübeleien, die sacht an gesellschaftliche Konventionen stupsen. Aber sein Schreiben erwies sich als Erfolg. Sechs Monate später hat er fast 100.000 Follower auf Facebook, und diesen Monat erscheint ein Buch mit seinen Arbeiten. Patrick Kingsley und Manu Abdo

Türkei

„Erdogan klagte, aber zuletzt lachte die Satire, und der Premier verlor“

Das türkische Magazin für politische Satire Penguen (Pinguin) wurde 2002 von vier türkischen Cartoonisten gegründet: Metin Üstündag, Selçuk Erdem, Bahadır Baruter und Erdil Yaşaroğlu. Seitdem wurde es zu einem der meistgelesenen Cartoon-Magazine des Landes. Seine Popularität wuchs während der Gezi-Proteste 2013 rasant an, als der türkische Fernsehsender CNNTurk den Pinguin unwillentlich zum Maskottchen der Aktivisten machte; er hatte eine Dokumentation über Pinguine ausgestrahlt, statt über die Erhebung auf dem Taksim-Platz zu berichten.

Das Magazin hat nie die Kontroverse gescheut. Nachdem ein türkisches Gericht den Karikaturisten Musa Kart für die Darstellung des seinerzeitigen Premierministers Recep Tayyip Erdoğan als Katze, die in einem Wollknäuel verstrickt ist, anklagte, veröffentlichte Penguen eine Serie mit Tieren, die alle den KopfErdoğans trugen – ein türkischer Regierungschef, der für seinen fehlenden Sinn für Humor und für seine Vorliebe, widerspenstige Cartoonisten zu verklagen, bekannt ist. Prompt stand das Magazin einem Gerichtsverfahren wegen Verleumdung der Obrigkeit gegenüber. Diesmal lachte die Satire zuletzt, und Erdoğan verlor. Aber die Drohungen gegen politische Satire und Cartoonisten sind in der Türkei – einem Land, das auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen gegenwärtig Platz 154 von 175 einnimmt – nicht nur juristischer Natur.

2012 griffen Brandstifter das Büro von Penguen an, in dem zu diesem Zeitpunkt zwei Cartoonisten arbeiteten. Niemand wurde verletzt. Die Täter wurden nie gefunden. Anfang 2011zog sich Penguen die Wut konservativer Türken zu, nachdem es einen Cartoon veröffentlicht hatte, der die Inschrift „Es gibt keinen Gott, Religion ist Lüge“ auf der Mauer einer Moschee zeigte. Das Magazin entschuldigte sich später, unterstrich aber das Recht auf Meinungsfreiheit. Constanze Letsch

Syrien

„Ali Farzat wurde aus seinem Auto gezogen und bekam die Hände gebrochen“

Satire ist in Syrien eine populäre, und gefährliche, politische Waffe. Ihre Anwender wählen ihre Ziele auf eigene Gefahr. Vor der Erhebung, die das Land in den vergangenen drei Jahren verwüstet hat, galten politische Feinde des syrischen Regimes als Freiwild für Cartoonisten, Fernseh-Sketche und Kampagnen in den sozialen Medien. Obschon er nicht komplett verboten war, blieb jeder Spott über hochrangige Offizielle allerdings auf ein sanftes Necken begrenzt. Nach dem Aufstand sank die staatliche Toleranz für Dissens erheblich. Ali Farzat, ein international anerkannter Cartoonist, der sich zu besseren Zeiten über Baschar al-Assad lustig gemacht hatte, sah sich sehr stark in Ungnade gefallen, als er nach der Vertreibung des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi Mitte 2011 ein Bild des syrischen Anführers zeichnete, der schwitzte und einen Koffer trug. Farzat wurde in ein Auto gezogen, brutal zusammengeschlagen, und seine Hände wurden gebrochen. Er berichtete, seine Angreifer hätten ihm gesagt: „Das ist eine Warnung“. Jetzt lebt er im Exil. Etwa zur selben Zeit wurde ein Sänger von gegen das Regime gerichteten Liedern, Ibrahim Qashoush, tot aufgefunden. Seine Stimmbänder waren entfernt worden.

Nun beschränken sich syrische Satiriker eher auf weniger gefährliche Ziele. Die Terrorgruppe IS, die einen Teil Nord-Syriens und einen Großteil des Ostens kontrolliert, ist in den Fokus pointierter satirischer Attacken sowohl seitens der Opposition als auch seitens des Regimes gerückt. Das staatliche Fernsehen hat begonnen, die Gruppe regelmäßig mit humoristischen Sketchen und Cartoons zu verhöhnen. Martin Chulov

Iran

„Trotz Einschränkungen – und Auspeitschungen – ist die Satire im Alltagsleben präsent“

Iranische Satiriker und Cartoonisten stehen bei ihrer Arbeit strengen roten Linien gegenüber, darunter seit langem bestehende Banne, Geistliche darzustellen, Religionen lächerlich zu machen oder irgendetwas satirisch darzustellen, das mit dem obersten Führer, Ayatollah Ali Khamenei, zu tun hat. Viele trotzen diesen Bannen online und publizieren anonym, wenn sie innerhalb des Landes wohnen.

Die erste Gelegenheit für iranische Cartoonisten, einen iranischen Präsidenten frei darzustellen, ergab sich mit Ahmadinedschads Machtübernahme 2005. Er war kein Geistlicher, und seine acht bitteren Jahre boten eine Menge Material. Aber Einschränkungen waren weit verbreitet. 2012 sorgte der Fall des iranischen Cartoonisten Mahmoud Shokraye für internationale Verurteilung, als ein Gericht ihn zu 25 Peitschenhieben für die Beleidigung eines Parlamentsabgeordneten verurteilte. Cartoonisten aus dem Iran und aus der ganzen Welt traten zu seiner Unterstützung vor und zeichneten ihre eigene Version des Parlamentariers. Angesichts des Protestes zog der Abgeordnete Ahmad Lotfi Ashtiani seine Beschwerde letztlich zurück.

Eine Reihe von Satirikern und Cartoonisten war in den vergangenen Jahrzehnten gezwungen, aus dem Iran zu fliehen, darunter Mana Neyestani. Er wurde 2006 zum Opfer staatlicher Aggression und verbrachte zwei Monate im Gefängnis für einen Cartoon, der als Beleidigung der ethnischen Minderheit der Azeri erachtet wurde. Neyestani lebt jetzt in Paris.

Trotz der Einschränkungen ist die Satire im Alltagsleben des Iran präsent. Staatliche Zensur und strenge Regeln für satirische Publikationen oder Fernseh- und Radioprogramme machen Mobiltelefone zum wohl populärsten Medium zum Lesen von Witzen. Saeed Kamali Dehghan

Irak

„Jetzt, da das Land vom IS bedroht wird, ist die Satire giftig zurückgekehrt“

In den Jahren nach dem Sturz von Saddam Hussein lebte die politische Satire im Irak wieder auf. Neues Geld brachte neue Kanäle und Kabelfernsehen. Einer lange schlummernden Tradition, die Herrschenden mit Sketchen und Aufführungen zur Verantwortung zu ziehen, bot sich plötzlich eine Vielzahl an frischen Plattformen.

Die amerikanische Besatzung wurde gegeißelt. Ebenso erging es den kulturellen Haltungen von US-Soldaten und Diaspora-Irakern, die zurückgekehrt waren, um sich an was auch immer aus dem Irak werden würde zu beteiligen. Staatliche Zeitungen, die Sprachrohre für die Sichtweisen des Regimes gewesen waren, wurden zugunsten von lebendigen, frechen neuen Titeln verworfen, die den neuen irakischen Herrschern wenige Verlegenheiten ersparten.

Das hielt allerdings nicht lange vor. Das neue politische Establishment des Irak – insbesondere der frühere Premier Nuri al-Maliki – ertrug nur wenig Dissens. Wer sich über ihn lustig machte, wurde mit Gefängnis oder Gerichtsverfahren bedroht, und der beißende Ton der Cartoonisten und Kommentatoren wurde bald schwächer. Nun allerdings, da al-Maliki weg ist und der Irak seiner jüngsten Existenzkrise gegenüber steht – die Bedrohung durch den IS – ist die satirische Giftigkeit wieder da. Der IS wurde im staatlichen Fernsehen verhöhnt, das Berichten zufolge 750.000 US-Dollar für eine Spott-Serie über die Terror-Gruppe ausgegeben hat.

Kritik am Islam bleibt allerdings eine strikt verbotene Zone. Es gibt wenig Schutz für jene, die Propheten oder verehrte religiöse Figuren dem Spott unterwerfen und wenige – wenn überhaupt –, die es versuchen wollen. Die politischen Satiriker des Irak testen andere Grenzen aus – politische, gesellschaftliche und manchmal kulturelle. Fürs Erste haben sie mehr Bewegungsfreiheit als zu den meisten Zeitpunkten nach dem Sturz Saddams.

Übersetzung: Steffen Vogel

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 18.01.2015
Geschrieben von

Guardian-Autoren | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12141
The Guardian

Ausgabe 38/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 20

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar