Der Geldspeicher

Apple ist Milliarden von Dollar schwer. Ausgeben will die Firma das Geld nicht, da sie sonst Steuern in den USA zahlen müsste. Lieber bleibt man auf dem Geld sitzen
Der Geldspeicher

Bild: Justin Sullivan / Getty

Es wird erwartet, dass der Launch des neuen Iphone 6 und der Apple Watch bei Apple zu neuen Rekordumsätzen führen wird und damit soviel Geld in die bereits prall gefüllen Kassen des Unternehmens gespühlt werden wie noch nie. Bei der letzten Zählung Ende Juni hatte Apple 164,5 Milliarden an liquiden Mitteln und börsengängigen Wertpapieren auf seinem Bilanzzettel – schlappe 18 Milliarden mehr als noch neun Monate zuvor. Der Großteil davon fällt mit 137, 7 Milliarden Dollar auf Apples ausländische Tochterunternehmen. Seit September 2013 ist das Barvermögen des Unternehmens in Übersee um 26 Milliarden angestiegen.

Im April rechnete die Privatbank US Trust aus, Apple habe (mit damals noch 159 Milliarden Dollar) mehr als das Doppelte der Finanzreserven des Vereinigten Königreichs (70 Milliarden Dollar) auf der hohen Kante – oder in etwa so viel, wie Großbritannien jährlich für Bildung und Wohnungsbau ausgibt.

Nur 8,3 Milliarden von Apples Notgroschen bestehen gegenwärtig aus Bargeld. Der Rest ist in staatlichen und privaten Anleihen angelegt oder anderweitig investiert. Den größten Teil machen mit 35, 5 Milliarden Dollar US-Staatsanleihen aus, 73 Milliarden stecken in privaten Anleihen. Apple hat aber auch in beträchtlichem Maße Anleihen anderer Staaten auf Basis von Wertpapieren und mit Hypotheken hinterlegten Wertpapieren, die alle von der unternehmenseigenen Vermögensverwaltung Braeburn verwaltet werden.

Dieses gigantische Portfolio ist größer als der weltgrößte Hedgefonds, Bridgewater, der ungefähr 150 Milliarden Dollar verwaltet. Braeburn Capital – benannt nach der Apfelsorte – wird nicht von der Wall Street aus geführt, sondern hat seinen Sitz in Reno, der Hauptstadt Nevadas, wo es weder Körperschaftssteuern noch Kapitalertragssteuern gibt.

Mittlerweile ist die Frage, was Apple mit seinem gigantischen Vermögen anfangen soll, in der amerikanischen Wirtschaft und Finanzwelt zum Gesprächsthema geworden. Der Aktivist und Investor Carl Icahn kaufte letztes Jahr Apple-Aktien auf und verlangte, das Unternehmen solle 50 Milliarden dafür aufwenden, um bis Ende dieses Monats seine Anteile zurückzukaufen. Er wirft Apple vor, „das am stärksten überkapitalisierte Unternehmen aller Zeiten“ zu sein. Im Februar lenkte er zwar ein, errang aber immerhin einen Teilerfolg, insofern Apple damit begann, seine eigenen Anteile zurückzukaufen.

Eine andere Möglichkeit für Apple besteht darin, das Geld für Akquisitionen zu verwenden. In diesem Jahr überraschte der Konzern Analysten damit, dass er für drei Milliarden Dollar den Kopfhörer-Hersteller und Streaming-Dienst Beats Electronics kaufte. Apple konnte den Deal mit dem freien Cashflow eines einzigen Monats abwickeln.

Apples großes Problem besteht darin, dass ein großer Teil seiner liquiden Anlagen sich im Ausland befindet und die Gewinne in Ländern mit niedrigen Steuersätzen wie etwa Irland verbucht werden. Wenn es das Geld in die USA transferieren würde, würde die US-amerikanische Steuerbehörde – der Internal Revenue Service – ein Drittel davon einfordern. Im April 2013 kam Apple um diese Unannehmlichkeit herum, indem es sich einfach 17 Milliarden bei der Bank lieh, um sein Versprechen einlösen zu können, bis zum Ende des kommenden Jahres 55 Milliarden an seine Anteilseigner auszuschütten. (Das Versprechen war ein Argument, Icahn umzustimmen.)

Mit all diesen liquiden Mitteln in Reserve bekam Apple das Geld zu extrem günstigen Zinsen. Wenn es sich dafür entschieden hätte, Geld in die USA zurückzuholen, um damit den Rückkauf zu finanzieren, wäre dies deutlich teurer zu stehen gekommen. Professor Edward Kleinbard von der University of Southern California behauptet, Apple habe aufgrund seiner Zinseinnahmen im Ausland so gut wie keine Nettokosten.

Doch die Auszahlung der Dividende an die Shareholder ändert nichts an dem Auslandsvermögen von 140 Milliarden Dollar. Amit Daryanani von RBC Capital Markets in San Francisco sieht eine Möglichkeit in Aufkäufen: „Der Beats-Deal war für eine ganze Zeit der teuerste Deal, den sie gemacht haben, also ist der Appetit auf größere Erwerbungen mittlerweile vielleicht wieder gestiegen. Ein dramatischer Schritt zur Reduzierung ihres Vermögens wäre allerdings ein Bruch mit der Unternehmensgeschichte. Am wahrscheinlichsten ist, dass sie weitermachen wie bisher, das Geld, das sie in den USA verdienen, an die Sharholder auszahlen und im Laufe der Zeit immer mal wieder hier und da einen Neuerwerb tätigen.“

Apple gehört zu einer ganzen Reihe von US-Unternehmen, die Rekordsummen an liquiden Mitteln in ihren Bilanzen führen, von denen sich ein immer größerer Teil im Ausland befindet. Die größten US-Unternehmen besitzen 1,95 Billionen außerhalb der USA, das ist Bloomberg zufolge ein Zuwachs von 206 Milliarden Dollar im Vergleich zu vor einem Jahr.

Die Unternehmen haben in den Vereinigten Staaten Werbung für eine „tax holiday“ – eine steuerfreie Zeit – gemacht, während der sie das Geld zurückbringen können. Selbst ihre Kritiker räumen ein, dass das US-amerikanische Steuersystem nicht funktioniert. Die Debatte wurde durch die jüngste Reihe von Steuer-„Inversion“-Deals erneut angeheizt, in denen US-Unternehmen ausländische Firmen aufkauften, um Zugang zu einer niedrigeren Steuerklasse zu erhalten.

Apple-Chef Tim Cook erklärte im vergangenen Jahr vor dem Kongress, sein Unternehme nutze keine „Steuertricks“ und unterstützte Reformen, die die Steuerverbindlichkeiten des Unternehmens erhöhen würden.

Kleinbard sagt, die Steuergesetze der USA müssten überarbeitet werden. Apples Barvermögen im Ausland stellt seiner Meinung nach aber kein Problem dar, sondern sei vielmehr direktes Resultat der eigenen Planung des Unternehmens. „Apple und andere sind Gefangene des eigenen Geschäftsmodells. Weil sie kaum Steuern zahlen, verfügen sie über gigantische Mengen an liquiden Mitteln, können diese aber nicht so nutzen, wie sie wollen. Man betrachtet das nicht als Problem, sondern als Ergebnis des Erfolges, mit dem US-Unternehmen staatenloses Einkommen generiert haben.“

16:14 10.09.2014
Geschrieben von

Sean Farrell | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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