Der Hohn weicht der Angst

Großbritannien Im Bestechungsskandal brechen Murdochs Boulevardblatt "Sun" die Unterstützer weg: Der Londoner Polizei und dem US-Mutterkonzern geht es um Schadensbegrenzung in eigener Sache

Kurz vor Weihnachten schrieb Sun-Redakteur Richard Caseby dem Guardian eine höhnische E-Mail. Es waren gerade die ersten Polizeibeamten verhaftet worden, denen man vorwarf, sie hätten illegal Informationen nach draußen gegeben. „Wie ich höre, ist heute Amelia Hills Quelle aufgeflogen ….“, schrieb Caseby an den Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, und fügte hinzu: „Sie muss furchtbar erschüttert sein.“

So typisch wie die Aggression und der Mangel an Mitgefühl, die aus diesen Zeilen sprachen, war auch die Art und Weise, wie hier mit Tatsachen umgegangen wurde: Die Verhaftungen hatten weder etwas mit der Guardian-Reporterin Hill zu tun, die dazu beigetragen hatte, den Abhörskandal im Hause Murdoch aufzudecken, noch mit irgend einem anderen Mitarbeiter unserer Zeitung.

Nun ist die "Sun" Mittelpunkt der Ermittlungen

Am vergangenen Wochenende nun verging Caseby das Spotten. Mittlerweile ist nach draußen gedrungen, dass in Wahrheit die Sun und Casebys eigene Leute im Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen wegen Korruptionsvorwürfen stehen. Am Sun-Standort London-Wapping scheint der Hohn der Angst gewichen zu sein, Rupert Murdoch könnte sich entschließen, die Zeitung einzustellen, wie er es mit dem ehemaligen Schwesterblatt, der News of the World getan hat: Ging es bei dieser um das illegale Abhören von Mailboxen, so geht es bei der Sun nun um Korruptionsvorwürfe. Für die "Journos", wie Murdoch sie nennen würde, sind die umfangreichen Verhaftungen eine „Hexenjagd“. Doch auch seitens des Mutterkonzerns News Corporation droht der Zeitung Ungemach.

Die Taskforce der Metropolitan Police muss bald öffentlich vor dem Leveson-Untersuchungsausschuss erscheinen und Auskunft über das Verhältnis zwischen Scotland Yard und der britischen Presse geben. Ehemalige Führungspersönlichkeiten wie der frühere Assistant Commissioner John Yates bereiten sich schon lange auf Zeugenaussagen vor, in denen sie versuchen sollen zu erklären, warum sie Murdochs Blättern in der Vergangenheit nie ernsthaft auf den Zahn gefühlt haben.

In der vergangenen Woche musste die Polizei bereits eine spektakuläre Erniedrigung hinnehmen. Um weiteren Klagen von Abhöropfern vorzubeugen – zu denen auch die Ex-Minister John Prescott und Chris Bryant sowie der frühere Senior Officer der Metropolitan Police, Brian Paddick, gehören – sah sie keine anderen Ausweg, als im Gerichtssaal offiziell einzuräumen, in der Vergangenheit versagt zu haben. Die Met erklärte, sie „akzeptiere, dass die Polizei in Hinblick auf diejenigen, die als Abhöropfer identifiziert wurden und jene, die es möglicherweise noch werden, mehr hätte tun sollen.“

Bloß nicht zu wenig tun, denkt die Polizei

Das Letzte, was der neue Met-Commissioner Bernard Hogan-Howe jetzt gebrauchen kann, sind weitere Anschuldigungen seitens des Ausschusses, die Polizei tue zu wenig. Mit den Klage der Boulevardblätter, die Polizei tue momentan zu viel, dürfte er im Augenblick hingegen ganz gut leben können.

Am vergangenen Sonnabend fanden bei fünf leitenden Sun-Mitarbeitern vom stellvertretenden Chefredakteur abwärts Hausdurchsuchungen statt, nachdem Murdochs eigener Verwaltungsausschuss in New York der britischen Polizei Hinweise gegeben hatte. Ein Kollege beklagte sich gestern, dass selbst die Schublade mit der Unterwäsche seiner Kinder durchsucht worden sei. Sie selbst wurden mit zur Polizei genommen, verhört und dann gegen Kaution freigelassen. Mindestens zehn Journalisten der Sun sind nun bereits wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet worden, während ein elfter Chefreporter ins Ausland gegangen ist und zur Befragung gesucht wird.

Sun-Redakteur Trevor Kavanagh beklagte sich gestern in einer Kolumne, die Journalisten der Zeitung würden wie eine „kriminelle Bande“ behandelt werden . Die Einstellung der Sun wäre seiner Meinung nach „eine Katastrophe für die britische Medienlandschaft“. Was Kavanagh in seiner langen Kolumne den Leserinnen der Sun allerdings verschwieg, war der mutmaßliche Grund für die Untersuchungen der Polizei: die Bestechung von Polizeibeamten. Das Verhalten seines eigenen Führungspersonals, das bewusst alle relevanten E-Mails und anderen Unterlagen gesammelt und der Polizei übergeben hatte, erwähnte er nur mit großer Vorsicht und sprach von einer „sensiblen inneren Angelegenheit innerhalb der News International Familie“.

Werden Mitarbeiter der Sun geopfert?

Der von dem New Yorker Anwalt Joel Klein geführte Verwaltungs- und Qualitätssicherungsrat (MSC) der News Corp. hat neben der Polizei auch ein Team des Anwaltsbüros Linklaters mit Untersuchungen beauftragt und es im gleichen Gebäude einquartiert wie die Redaktion der Sun. Einer Quelle zufolge ist unter den Mitarbeitern davon die Rede, „den Sumpf trocken zu legen“. In einem Interview auf Radio 4 nannte Kavanagh dies hanebüchen. Es sorge bei seinen Kollegen für Verbitterung und tiefe Ablehnung. Er könne zwar verstehen, dass Murdoch das Ansehen seines Unternehmens in den USA beschützen müsse, schrieb er in seiner Kolumne, aber „einige der größten Legenden der Londoner Fleet Street“ seien nach allem, was man bislang wisse, allein deswegen festgehalten worden, „weil sie im Auftrag ihres Unternehmens ihren Job gemacht haben“.

Kavanagh räumte ein, dass Murdoch kaum eine andere Wahl habe, als Mitarbeiter seiner britischen Tochterunternehmen, die sich eines Fehlverhaltens schuldig gemacht haben, zu opfern, wenn er das amerikanische Mutterunternehmen schützen will. Auch im jüngsten Gerichtsurteil finden sich Hinweise darauf, dass die oberste Führungsebe von Murdochs Unternehmen an der Vertuschung und Vernichtung von Beweisen beteiligt gewesen sein könnte.

Im Rahmen der Beilegung von 37 Klagen im Zusammenhang mit Abhörvorwürfen, gab News International aus Gründen der Schadensbegrenzung zu, dass leitende Angestellte und Direktoren der News Group – der Verlag, der Sun und News of the World herausbrachte – die Polizei angelogen und Beweise zerstört hatten, unter anderem auch E-Mails und Computer von Journalisten.

Wenn das Justizministerium in Washington eine Untersuchung wegen Korruption gegen News Corp einleiten sollte, besteht die effektivste Taktik des Unternehmens darin, externe Anwälte mit ins Boot zu holen, deutlich und nachweislich mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und darauf zu hoffen, dass man den Schaden in einem beherrschbaren Rahmen halten kann. Das ist der Rat, den das MSC von Klein und seinen New Yorker Kollegen bekommen haben dürften.

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15:55 14.02.2012
Geschrieben von

David Leigh | The Guardian

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