Stillstand als bessere Alternative

Globale Erwärmung Selbst nach Hurrikan Sandy sprach keiner der beiden US-Präsidentschaftskandidaten vom Klimawandel. Obamas Strategen haben das Wort mit einem Tabu belegt
Stillstand als bessere Alternative
Schaut man auf die US-Politiker, scheint der Ruf nach Aufmerksamkeit für die Folgen des Klimawandels vergeblich

Foto: Joe Raedle/AFP/Getty Images

War es nicht merkwürdig, dass nach dem Hurrikan Sandy keiner der beiden Präsidentschaftskandidaten mehr als einen dahingeworfenen Nebensatz zum Klimawandel verlor und ansonsten bei beiden Sprachlosigkeit herrschte?

Bei einer Wahlkampfveranstaltung Mitt Romneys am vergangenen Donnerstag in Virginia hielt ein Demonstrant ein Transparent in die Höhe und schrie: „Was ist mit dem Klima? Das hat diesen Monster-Sturm verursacht!“ Als die Menge den Zwischenrufer mit „USA! USA!“-Rufen übertönte, grinste der Kandidat und nickte zufrieden. Romney machte eine kurze Pause und fuhr dann mit seiner Rede fort, als wenn nichts geschehen wäre. Das Transparent, das der Mann in die Höhe gehalten hatte? Auf ihm stand: „Brecht das Schweigen über das Klima.“

Während andere Demokraten dringenden Handlungsbedarf anmahnen, zeigt auch ihr Präsident keine Reaktion. Einzig als ihn der New Yorker Bürgermeister für sein Katastrophenmanagement lobte, erwähnte Obama in Reaktion darauf den Klimawandel ein einziges Mal und bezeichnete ihn als „eine Bedrohung für die Zukunft unserer Kinder“. Das ist auch schon alles, was ich finden konnte – und ich habe viele Leute über Twitter um Unterstützung gebeten. Da ist etwas schrecklich schief gelaufen.

Der Zusammenbruch des Klimas, Monbiot hält die Bezeichnung Klimawandel für euphemistisch, kann die Auswirkungen von Hurrikan Sandy auf vielfache Weise verschlimmert haben: Wärmere Ozeane machen Hurrikane wahrscheinlicher und vergrößern deren Intensität. Eine wärmere Atmosphäre enthält mehr Feuchtigkeit und erhöht somit die Höchstregenmenge. Höhere Meeresspiegel sorgen für stärkere Sturmfluten. Vielleicht wäre Sandy überhaupt nicht auf die USA getroffen, wenn ein Zwischenhoch über Grönland den Sturm nicht in Richtung Westen abgelenkt hätte. Dieses Hoch – das für diese Jahreszeit selten ist – könnte auf die rekordhafte Einsschmelze zurückzuführen sein, die die Arktis in diesem Herbst verzeichnet.

Klimawandel auf roter Liste

Wer sich jetzt gerade denkt, hinterher sei man immer schlauer, der sei auf einen Artikel verwiesen, der im Februar im Magazin Nature Climate Change erschien und bereits davor warnte, dass die Erderwärmung die Gefahr von Sturmfluten für New York City erhöhe. In Anbetracht der größeren Intensität der Stürme und ansteigender Meeresspiegel würden Ereignisse, die früher als Jahrhundertereignisse galten, zwischen fünf und dreißig Mal wahrscheinlicher werden, so der Autor.

Vor vier Jahren hatte Obama versprochen, seine Präsidentschaft werde „ein neues Kapitel in Amerikas Führungsrolle beim Klimawandel markieren“. Er versprach die Einführung eines Emissionshandel-Systems auf Bundesebene und „ehrgeizige Jahresziele“ zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Doch wurde extremer Druck auf ihn ausgeübt und der Gesetzesentwurf 2010 im Senat gestoppt.

Als sie 2009 im Weißen Haus zusammenkamen, entschieden Obamas Strategen zudem, den Klimawandel auf die rote Liste der verbotenen Themen zu setzen: Das Thema sorgte einfach für zu viel Ärger. Seitdem spricht der Präsident zwar noch von grüner Energie, grünen Arbeitsplätzen und Verbesserungen beim Kraftstoffverbrauch, erklärt aber nur noch äußerst selten, warum das alles überhaupt notwendig ist. Das Problem dabei: Allein durch die Förderung CO2-freier Energie lässt sich der Ausstoß von Treibhausgasen nicht wirklich nachhaltig reduzieren. Man muss sich gleichzeitig auch aus der schmutzigen Energiegewinnung zurückziehen – und das erfordert staatsmännisches Geschick und Überzeugungsarbeit bei der Öffentlichkeit.

Im April hatte Obama noch gesagt, die Erderwärmung werde „Gegenstand des Wahlkampfes“ werden, er werde „sehr deutlich“ machen, was er diesbezüglich zu tun gedenke. Doch es ist nicht passiert. Es gab da eine Reihe von unverbindlichen Absätzen in seiner Rede beim Nominierungsparteitag der Demokraten – die selbe Rede, in der er prahlte: „Wir haben in den vergangenen drei Jahren Millionen Morgen Land für die Erkundung von Öl- und Gasfeldern zugelassen, und wir werden noch mehr öffnen. Auch in der "Democratic platform" (dem Wahlprogramm der Demokraten) findet sich noch hier und da ein Satz. Ansonsten bleibt der Zusammenbruch des Klimas das Thema, das seinen Namen nicht nennen darf. Zum ersten Mal seit 1984 wurde er in keinem der Fernsehduelle der Kandidaten auch nur erwähnt.

Und das in einem Jahr voller Klimakatastrophen, in dem Dürren und Waldbrände weite Teile des amerikanischen Festlands zerstörten, das arktische Eis schmolz wie noch nie und schließlich der Supersturm durch die Karibik fegte, bevor er das finanzielle und spirituelle Herz der Nation verwüstete. Man fragt sich, was noch passieren muss.

Von Romney gibt es nur Hohn und Spott

Was Romney anbelangt, so erschöpfte sich sein Beitrag zum Thema in Hohn und Spott. Selbst nachdem Hurrikan Isaac dafür gesorgt hatte, dass der Nominierungsparteitag der Republikaner verschoben werden musste, spottete er zum Entzücken der Delegierten über Obama, dieser wolle den Meeresspiegel daran hindern, anzusteigen. Im Wahlprogramm der Republikaner kommt der „Klimawandel“ (in Anführungszeichen) genau einmal vor, und das auch nur, um Obama anzugreifen. Das Programm verpflichtet die Partei darauf, alle wirksamen Maßnahmen zu verhindern, die ihn verlangsamen könnten. Stattdessen setzt man auf Kohle (von der Romney nun sagt, er würde sie „lieben“), die gewaltige Keystone XL-Pipeline (die Teersand aus Kanada befördert) sowie Ölbohrungen im Golf von Mexiko oder dem Arctic National Wildlife Refuge in Alaska. Die Zerstörung des Planeten scheint für die Republikaner nicht länger mehr ein unglücklicher Nebeneffekt der Öl- und Gasförderung zu sein: Es hat beinahe den Anschein, als stelle sie für sie einen Wert an sich dar, eine Bewährungsprobe für Männlichkeit und Kraft der Industrie.

Umfragen haben immer wieder ergeben, dass eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels bei den Wahlen keine Stimmen kosten würde. Die Stimmen sind nicht das Problem. Das Problem sind Geld und Bodenhaftung. Jeder, der versucht, dieses Thema anzugehen, sieht sich einer Flut von Negativ-Anzeigen, fingierter Empörung und Obstruktion gegenüber.

Im Verlauf des entscheidenden Jahres 2009, in dem sich das Gesetz zur Reduzierung und dem Handel mit Emissionen durch den Kongress kämpfte und die Regierungen aller Länder sich auf den Gipfel in Kopenhagen vorbereiteten, richteten Umweltschutzgruppen ihre ganze Kraft auf den Klimawandel. Nach gewaltigen Anstrengungen schaffte es eine Koalition aus grünen Nichtregierungsorganisationen, 22 Millionen Dollar für Lobbyarbeit zusammenzubekommen. Aber Exxon allein übertraf sie dabei mit einem einzigen Griff ins Portemonnaie und machte mal schnell 27 Millionen für die Gegenkampagne locker – was für das Unternehmen lediglich die Gewinne eines halben Tages ausmacht. Die anderen Ölkonzerne legten dann noch einmal 150 Millionen drauf. Ohne tiefgreifende Reform sowohl des Lobbywesens als auch der Wahlkampffinanzierung wird immer das große Geld gewinnen. So lässt sich in einer Plutokratie der Planeten und die Menschen, die auf ihm leben, wohl nicht beschützen.

Die Republikaner im Kongress haben keine andere Wahl, als jeden Versuch zu verhindern oder zu verschleppen, die dringlichste globale Krise zu bekämpfen. Denn wenn sie ihre Position ändern, setzen sie die Finanzierung ihrer Partei aufs Spiel. Es gebe für Obama wenig Anreiz, über den Klimawandel zu sprechen, wenn er wisse, dass jedes Versprechen, das er macht, vereitelt wird, schreibt David Roberts auf der Webeite grist.org. Alles, was er tun könne, sei, „für den Stillstand zu kämpfen, weil Stillstand besser ist als die Alternative.“

Also schweigt auch Obama. Über die dringlichste Krise, die jüngst die Türen der mächtigsten Nation der Welt eingedrückt hat, kann nicht geredet werden.

10:59 08.11.2012
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

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