Karneval in Brasilien als politischer Stimmungstest: Samba gegen Jair Bolsonaro

Brasilien Amtsinhaber Jair Bolsonaro kommt nicht gut weg bei den ersten Karnevalsumzügen seit Beginn der Corona-Pandemie in Rio de Janeiro – anders als Lula da Silva, die große Hoffnung vieler Brasilianer
Karneval gab es zuletzt 2019, da hat sich eine Menge Schminke angesammelt
Karneval gab es zuletzt 2019, da hat sich eine Menge Schminke angesammelt

Foto: Andre Coelho/EPA/dpa

Als über der atemberaubenden Granit- und Quarzlandschaft an der Peripherie von Rio de Janeiro die Sonne aufgeht, macht sich José Leonardo da Silva auf den Weg. Kostümiert ist er als 1,90 Meter große Schachtel Viagra. Sein Ziel sind die Straßenpartys am Strand, zu denen sich in dieser Zeit Hunderte von halb bekleideten Nachtschwärmern versammeln, um den ersten Karneval seit Covid zu feiern.

José Leonardo will mit seiner Maskerade die Botschaft verkünden: Der Kauf Zehntausender von Erektionstabletten durch das Verteidigungsministerium unter Präsident Jair Bolsonaro sei ein unerträglicher Skandal. „Karneval ist stets auch Politik“, meint der 43-jährige Psychologe, der seit Jahren für den nationalen Gesundheitsdienst arbeitet. Er werde diesen Tag auch damit verbringen, Bolsonaros „völlig faschistische Regierung“ anzuprangern. Deshalb habe er sich als Packung für 50-Milligramm-Potenzpillen verkleidet.

Spott für Bolsonaros Sohn

José Leonardo ist nicht der Einzige, den Politik beschäftigt, als „Bacchanalia“ zum ersten Mal seit Februar 2020 wieder Rios Straßen erobert. Da in wenigen Wochen ein aufregender, sicher auch zermürbender Wahlkampf um die Seele Brasiliens ansteht, bevor Anfang Oktober über den nächsten Staatschef abgestimmt wird, sehen viele den Karneval als Gelegenheit, ihrem Zorn über den derzeitigen rechtsextremen Präsidenten Ausdruck zu geben.

Freilich kann Jair Bolsonaro weiterhin auf eine äußerst loyale Unterstützerbasis zählen, auch wenn er nach Umfragen von mehr als der Hälfte der Bevölkerung abgelehnt wird. Laute Rufe wie „Bolsonaro raus!“ ertönen im Sambadrome von Rio, als die besten Sambaschulen der Stadt ihre ersten Prozessionen seit Beginn der Pandemie abhalten. Der Sohn des Präsidenten, Senator Flávio Bolsonaro, wird von aufgebrachten Nachtschwärmern verfolgt und verspottet, als er versucht, die Paraden zu beobachten. Ein Transparent, das die Demission seines Vaters fordert, wird an einer der Tribünen heruntergelassen. Zuschauer in einer der exklusiven Luxuslogen des Sambadrome skandieren daraufhin Beleidigungen, um Bolsonaros wichtigsten Präsidentschaftsrivalen, den linken Volkstribun Luiz Inácio Lula da Silva, zu schmähen. Auf der Straße jedoch und bei den als „Blocos“ umherziehenden Straßenfesten brandet die Sympathie für Lula unter den Samba-Liebhabern immer wieder auf.

Für sie waren zwei Jahre des Verzichts auf die größte Show der Welt eine Zeit der untypischen Abgeschiedenheit, des Verlusts und Schmerzes. Sie mussten hinnehmen, dass die Sambaschulen für Monate zu Impfzentren wurden. Kostümbildner, Tänzer, Schlagzeuger und Komponisten überlebten die Ansteckung mit dem Virus nicht. Viele verloren ihr Leben oder ihre Lieben. Es war eine Zäsur, dass Covid-19 Rios Karnevalsgemeinschaft derart dezimierte und 2020 die ausgelassenen jährlichen Paraden zum ersten Mal seit den 1930er Jahren abgesagt werden mussten.

„Es war schwierig. Unsere sozialen Netzwerke wurden zu einem einzigen großen Nachruf, der kein Ende nahm“, erzählt Marquinho Marino, der Karnevalsdirektor der Mocidade Independente de Padre Miguel, einer der besten Sambaschulen von Rio de Janeiro. Marino glaubt, dass kein Verein mehr Mitglieder an Covid verloren hat als der seine. „Ich habe bei 59 aufgehört zu zählen“, sagt der Samba-Chef, der beinahe selbst in die Liste der Toten hätte aufgenommen werden müssen.

Er wurde im Mai 2020 positiv getestet und schwer krank, als die Zahl der Todesopfer in Brasilien heftig in die Höhe schnellte. Marquinho Marino landete auf der Intensivstation, während seine schwangere Frau verzweifelt zu Hause auf Neuigkeiten wartete. „Es zerstört dich vor allem psychisch“, erinnert sich der 46-Jährige, wenn er an seinen Kampf gegen diese Krankheit denkt. „Du bist mit einer Infektion im Hospital, die niemand so recht versteht. Überall um dich herum sterben Menschen. Und alles, was du denken kannst, ist: ‚Ich bin der Nächste.‘ “

Marino überlebte und gut zwei Jahre später ist die Sambaschule Mocidade mit fünf spektakulären Festwagen zurück, um an der „Parade der Auferstehung“ teilzunehmen. Im Wettbewerb holt sie sich den dritten Platz mit einer Hommage an die verstorbene brasilianische Sängerin Elza Soares, die in der Favela Vila Vintém im Westen von Rio geboren wurde.

„Ich bin voller Hoffnung, dass wir das alles überstanden haben. Außerdem glaube ich, dass der jetzige Karneval zeigt, dass in unserem Land die Demokratie wieder die Oberhand über den Autoritarismus gewinnen kann. Dabei gibt es nur einen Kandidaten, mit dem sich das erreichen lässt – und das ist Lula“, sagt der 43-jährige Angelo Morse, der gegen 4.30 Uhr am Morgen aufgestanden ist, um sich als Alligator verkleidet einem „Bloco“ namens „Was für ein schönes Feuchtgebiet“ anzuschließen. Morse ist Lehrer und behauptet, entfernt mit dem nordamerikanischen Erfinder Samuel FB Morse verwandt zu sein.

Mit seinem Kostüm protestiere er gegen Bolsonaros katastrophalen und unwürdigen Umgang mit der Corona-Pandemie, der in Brasilien bis jetzt mehr als 660.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. „Präsident Bolsonaro ist ein Schwachkopf. Er hat tatsächlich gewarnt, es könne sich in einen Alligator verwandeln, wer sich impfen lasse“, erklärt Morse seinen Aufzug. Der Platz um ihn herum füllt sich zusehends mit betrunkenen Partygästen, die als Piraten, Teufel, Nonnen, Priester, Seeräuber, Superhelden, Meerestiere und in einem Fall als Flasche mit gelbem Heinz-Senf ausstaffiert sind. Einer trägt ein Porträt, auf dem zu sehen ist, wie Jair Bolsonaro in einen Fluss mit grünem Abwasser spuckt.

Auf einem Rasenstück in der Nähe spricht die Art-Direktorin Maria Estephania verzweifelt über den gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Niedergang, den sie seit Jair Bolsonaros schockierendem Wahlsieg Ende Oktober 2018 zu beobachten meint. „Mit der Entscheidung für Bolsonaro haben wir uns selbst ins Knie geschossen“, klagt die 34-Jährige mit einem Seufzer, während sie eine Pause vom Feiern bei einem „Bloco“ macht, dessen Motto „Flüssige Lieben“ vom britisch-polnischen Soziologen Zygmunt Bauman inspiriert sein soll.

Mit ihrem Outfit verweist Maria Estephania auf eine mögliche, auf jeden Fall alternative Zukunft. Sie trägt ein lilafarbenes Cape mit vielen Aufklebern, die Lula und Marcelo Freixo anpreisen, einen linken Verbündeten des einstigen Präsidenten, von dem sie hofft, dass er Rios nächster Gouverneur sein wird. „Wir befinden uns in einem Wahljahr und müssen unsere Werte bekräftigen. Die haben nichts mit denen der politischen Gruppe von Militärs und Ex-Militärs zu tun, die gerade an der Macht ist. Vor allem haben unsere Werte absolut nichts mit Bolsonaro zu tun.“

Penis-Pistole statt Politik

Doch bei Weitem nicht alle wollen bei den ersten Karnevalsfeiern seit zwei Jahren über Politik reden. Bei einer Straßenparty vor Rios Zukunftsmuseum Museu do Amanha trägt der korpulente Motorradkurier Eduardo Faria ein türkisfarbenes Tutu und ist damit beschäftigt, eine große Pistole in Penisform mit Wasser zu füllen. „Ich bin einfach nur hier, um Spaß zu haben! Keine Politik, bitte schön“, kichert der 39-Jährige. „Es ist doch Karneval!“ Er empfinde die Rückkehr zum entrückten Feiern als Wiederkehr eines normalen Lebens. Das müsse man auskosten, ob es von Dauer sei, wisse schließlich niemand so genau.

Weiter westlich in Rios Rotlichtviertel Vila Mimosa macht sich ein weiterer lärmender Zug, angeführt von Sexarbeiterinnen und Samba-Musikern, auf den Weg. Der am sittsamsten gekleidete Partygänger ist Everson Almeida, ein früherer Priesteranwärter, der seine schwarze Soutane aus einer Zeit trägt, in der er den Plan, Priester zu werden, noch nicht aufgegeben hatte. Unter dem klerikalen Kragen verlangt ein Aufkleber: „Hinweg mit Bolsonaro!“

„Dieser Mann ist eine Wunde unserer Gesellschaft, die geheilt werden muss“, sagt der 29-jährige Almeida entschlossen. Wenn sich Bolsonaro als gottesfürchtiger Christ inszeniere, könne er das nicht ertragen. „Christus kam, um eine Botschaft von Schutz, Fürsorge und Inklusion zu liefern. Er meinte nicht Spaltung, Egoismus und das Schüren von Konflikten.“ Während Trommlerinnen und Trommler sich aufwärmen, hat Almeida keine Zweifel, dass Lulas zuletzt deutlich gestiegenen Umfragewerte ein Indiz dafür seien, dass Bolsonaros Tage an der Macht spätestens zum Jahreswechsel gezählt sind. „So Gott will, ist er am Ende“, schwört der junge Mann und zeigt gen Himmel. „Und das muss sein, weil Er es so will.“

Tom Phillips ist Lateinamerika-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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